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Philip K. Dick: "Träumen Roboter von elektrischen Schafen?" [1968]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 18. August 2009
Autor: Philip Kindred Dick

Genre: Science Fiction / Drama

Originaltitel: Do Androids Dream of Electric Sheep?
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 224 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1968
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1969
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 1-85798-813-2


Kurzinhalt:
In einer nicht allzu fernen Zukunft. Vom Atomkrieg wurde die Welt verwüstet. Diejenigen, die geblieben sind, statt in die Kolonien auf anderen Planeten zu fliehen, sehen einer trostlosen Zeit gegenüber. Die Tierwelt ist großteils ausgerottet, der Verfall allgegenwärtig und auch an den Menschen sind die Spuren der radioaktiven Strahlung sichtbar. Rick Deckard arbeitet für die Polizei in San Francisco und jagt Androiden, die sich illegal auf der Erde aufhalten. Diese werden allen Kolonisten zur Seite gestellt, um unliebsame Arbeiten zu verrichten. Manchmal reißen die Androiden aus und mitunter reisen sei auf die Erde.
Eine Gruppe aus acht Androiden soll Deckard nun ausschalten, doch gehören sie der neuesten Generation an. Sie sind schneller, schlauer und von den Menschen kaum zu unterscheiden. Als sich Deckard jedoch dabei ertappt, wie er Mitgefühl für die Androiden entwickelt, stellt das seine Überzeugungen in Frage. Die Androiden selbst kennen jedoch kein Mitgefühl und haben bereits für ihre Freiheit getötet. So stößt der desillusionierte Deckard bei diesem Auftrag an seine Grenzen ...


Kritik:
Würde Autor Philip K. Dick heute noch leben, was würde er angesichts der Welt um ihn herum wohl sagen? Ob er wohl froh wäre, dass es doch (noch) nicht so schlimm gekommen ist, wie er es sich vorgestellt hatte? Oder ob er wohl bemängeln würde, dass sich die Menschen jene Fragen, die er in seinen Science Fiction-Werken entwarf, immer noch nicht beantwortet haben? Ein paar Monate, ehe die Verfilmung seines Romans Träumen Roboter von elektrischen Schafen? unter dem Titel Blade Runner [1982] in die Kinos kam, verstarb der Genre prägende Schriftsteller. Hoffnung auf eine friedvolle und erfolgreiche Zukunft der Menschheit macht er jedoch auch hier nicht.
Die Erde ist nach einem verheerenden Atomkrieg ein Ödland. Der radioaktive Staub setzt sich überall nieder, die Luft, das Wasser und die Erde sind verpestet, Flora und Fauna großteils zerstört. Unzählige Tierarten sind ausgerottet, die wenigen Exemplare werden wie Heiligtümer zu Schwindel erregenden Preisen verkauft und diejenigen Menschen, die sich ein echtes Tier leisten können, hüten, schützen und pflegen es, als würde ihr Überleben davon abhängen. Diejenigen, die sich keines leisten können, kaufen sich ein täuschend echtes Imitat oder träumen selbst davon. In jener grauen Zukunft, sind die Menschen in Kolonien auf anderen Planeten im Sonnensystem geflohen. Für die lebensgefährlichen Arbeiten, oder diejenigen Arbeiten, die keiner machen möchte, gibt es Androiden, die aussehen wie Menschen, diese mitunter sogar imitieren können, aber doch keine sind. Rick Deckard ist ein Kopfgeldjäger auf der Erde, der diejenigen Androiden einfängt und zerstört, die sich von den Menschen, denen sei zugeteilt wurden, losgerissen haben und illegal auf der Erde sind. So soll er eine Gruppe Androiden stellen, die vom Mars geflohen sind und dabei sogar Menschen getötet haben. Sie gehören der neuesten Generation an, die noch schwerer zu erkennen ist und die mitunter auch davon überzeugt ist, menschlich zu sein.

Die Tage der Menschen, so hat es den Anschein, sind wenn schon nicht gezählt, dann zumindest absehbar. Diejenigen, die auf der Erde geblieben sind, werden vom radioaktiven Niederschlag früher oder später krank gemacht und wie man in der Geschichte von den Kolonien erfährt, sieht es dort nicht viel besser aus. Dass sich die Menschheit also einerseits mit Gefühls verändernden Drogen berieseln lässt, um überhaupt den Mut zu fassen, den Tag über sich ergehen zu lassen, und gleichzeitig einer Religion verfallen ist, die sie ihr unausweichliches Schicksal ertragen lässt, ist nicht verwunderlich. Selbst der TV-Moderator Buster Friendly, der 23 Stunden am Tag sendet, sorgt eigentlich nur dafür, dass die Zuschauer lieber in die Kiste, statt aus dem Fenster zu den zerstörten Landschaften schauen. Die permanente Selbsttäuschung, die schließlich in den elektrischen Haustieren mündet, macht eines der Kernelemente von Träumen Roboter von elektrischen Schafen? aus und deprimiert an sich schon von der ersten Seite weg. Es dauert eine ganze Weile, ehe Dick Deckard damit konfrontiert, dass er die von ihm zu zerstörenden Androiden nicht mehr als reine Maschinen sieht und er sich die Frage stellt, wann ein Leben auch als solches zu würdigen ist. Immerhin gibt es Androiden, die Kunst ausüben, singen oder vielleicht sogar welche, die Malen? Nur wenn Deckard ihnen eine Persönlichkeit zuschreibt, zulässt, dass er sich als mehr sieht, als nur als Roboter, wie kann er dann rechtfertigen was er tut? Und wenn es Androiden gibt, die gar nicht wissen, dass sie welche sind, wie sicher kann er sich sein, keiner zu sein?
Es ist ein wiederkehrendes Thema bei Philip K. Dick, dass die Figuren irgendwann Einbildung und Realität nicht mehr auseinander halten können, oder das bisher als Realität Wahrgenommene sich schließlich als Täuschung entpuppt. Das gelingt ihm sogar so gut, dass man mitten im Roman die Ahnung nicht abzuschütteln vermag, Deckard selbst wäre ein Androide. Oder aber, er wäre der letzte Mensch in einer Welt voller Roboter. Das moralische Dilemma, in das er seine Figur stürzt, wird für die Wissenschaft und die Theologie gleichermaßen in Zukunft interessant, wenn es denn irgendwann gelingen sollte, künstliche Intelligenzen zu erschaffen und diesen ein menschenähnliches Gesicht zu verleihen. Viel naheliegender und akuter wäre noch die Frage, ob denn Klone eine Seele besitzen und wenn ja, ob dieselbe wie das geklonte Wesen?

Die Androiden sind in Träumen Roboter von elektrischen Schafen? dem menschlichen Abbild nachempfunden und insbesondere angesichts der Auswirkungen der radioaktiven Strahlung den Menschen in Bezug auf die Resistenz gegen Krankheiten oder die schiere Intelligenz sogar überlegen. Wenn sie sich wehren, um ihre eigene Existenz zu erhalten, also einen Überlebensinstinkt entwickeln, von den Kolonien fliehen, um sich ein besseres Leben in Eigenverantwortung zu ermöglichen und Kunst zu würdigen wissen, was trennt sie dann noch vom Menschsein? Autor Dick verpackt diese und viele andere Fragen in eine postapokalyptische Erzählung, bei der zum Schluss beinahe jeder Hoffnungsschimmer erdrückt wird.
Er stellt damit Anregungen in den Raum, die auch als Allegorie zu verstehen sind und die weit über das Feld der reinen Science Fiction hinausreichen. Durch diesen philosophischen und interpretationsfreudigen Ansatz unterscheidet er sich von vielen heutigen Autoren. Auch wenn es bis heute keine Antworten auf viele seiner Fragen gibt, heißt das nicht, dass man müde werden sollte, die Fragen zu stellen. Nur weil man sich mit der Thematik nicht beschäftigt, ist sie noch lange nicht aus der Welt.


Fazit:
Manche Abschnitte machen einem das Lesen nicht nur durch die Satzkonstruktionen schwierig, sondern allein auf Grund des Inhalts. Wenn der Autor beschreibt, wie sich die Menschen in der spirituellen Vereinigung ihrer Religion verbinden und alle möglichen Gefühle auf einmal durchleben, kommt man sich auch als Leser vor wie in Trance. Doch ist es sowohl hierbei, wie auch bei der beschriebenen Technik mit den fliegenden Autos, den Laserpistolen oder den Androiden (Mensch wie Tier) nicht von Interesse, wie es funktioniert, sondern lediglich, wie es im Kontext verwendet wird.
Statt auf technische Spielereien konzentriert sich Philip K. Dick auf die Auswirkungen, die die Technik auf die Menschheit und deren Umgang untereinander hatte. Stellenweise auch, wie die Technik als Ersatz für die Realität herangezogen wird. Träumen Roboter von elektrischen Schafen? wirft viele interessante Fragen auf uns charakterisiert eine Gesellschaft, die dem Leser sowohl als Mahnung gelten sollte, wie auch zu Diskussionen anregen. So bleibt das Buch anspruchsvolle Kost und ich müsste lügen, würde ich sagen, es ist ein schöner Roman. Aber es ist ein wichtiger, Weg weisender Beitrag in einem Genre, das sich seit vielen Jahren zu sehr mit dem "wie" statt mit dem "warum" und dem "wohin führt es" beschäftigt.


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