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Kim Stanley Robinson: "Roter Mars" [1993]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 20. Oktober 2008
Autor: Kim Stanley Robinson

Genre: Science Fiction

Originaltitel: Red Mars
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 572 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1993
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1997
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-553-56073-5


Kurzinhalt:
John Boone war der erste Mensch, der den Mars betreten hat. Nun, als lebende Legende, ist er Teil der wissenschaftlichen Expedition, die den Mars kolonisieren soll. Jahrelang wurde Ausrüstung, Verpflegung und Baumaterialien, Roboter und Geräte auf den roten Planeten geschossen, die den 100 Kolonisten einen erfolgreichen Start verschaffen sollen.
Zusammengesetzt aus Amerikanern und Russen, die jeweils von Frank Chalmers und Maya Toitovna angeführt werden, landet die Expedition auf dem unwirtlichen Planeten. Stürme aus mikroskopisch feinem Sand, Oberflächentemperaturen von -120° bis -5° Celsius, eine giftige, nicht atembare Atmosphäre und eine große Verzögerung in der Funkverbindung zur Erde machen den Kolonisten das Leben schwer. Umso stärker regt sich der Wunsch mancher, das Terraforming voranzutreiben, also mittels menschengemachter Veränderungen am Planeten diesen wohnbarer zu machen. Doch andere sind strikt gegen die Veränderungen eines fremden Himmelskörpers.
Je mehr Zeit die Kolonisten auf dem roten Planeten verbringen, umso größer werden die Spannungen zwischen den Fraktionen – dann kommt die Nachricht von der Erde, dass weitere Kolonien gegründet werden sollen, und die Zahl der Menschen auf dem Mars mit unterschiedlichen Interessen wächst. Als dann noch eine Behandlungsmethode gefunden wird, durch die Zellschäden repariert und so das Leben verlängert werden kann, spitzt sich die Lage nicht nur auf dem Mars dramatisch zu ...


Kritik:
Seit ihrer Entdeckung haben die übrigen Planeten im Sonnensystem die Menschen fasziniert. Der Mars zählt dabei sicherlich zu den prominentesten Vertretern und beflügelte die Phantasie verschiedenster Wissenschaftler und Autoren seither. Während sich die bildenden Künste und die Literatur meist damit beschäftigten, verschollene Zivilisationen auf dem roten Erdnachbarn auszumachen, erkundete die Wissenschaft die Möglichkeit, den Menschen ein Leben auf dem Mars zu ermöglichen. Auch wenn die Reise dorthin mit konventionellen Methoden immerhin mehr als ein Jahr dauern wird, wird der Planet in Zukunft eine immer bedeutendere Rolle spielen. Auf Grund der Überbevölkerung und durch Raubbauwirtschaft knapper werdende Rohstoffe machen Ressourcen jenseits unseres Planeten immer interessanter. Um jedoch auf einem fremden Himmelskörper sesshaft zu werden, müssen erst die richtigen Einrichtungen und Bedingungen geschaffen werden, die den Wissenschaftlern und Arbeitern ein entsprechendes Leben ermöglichen.
Dieser sehr realistischen Darstellung widmet sich Autor Kim Stanley Robinson in seiner preisgekrönten Marstrilogie, die mit Roter Mars einen faszinierenden und facettenreichen Einstand feiert.

Der inzwischen 56jährige Autor setzt die Geschichte seines monumentalen Werkes dabei in einer nicht allzu fernen Zukunft an, in der die Erde von denselben Problemen und Schwierigkeiten geplagt wird, wie heute. Eine Bevölkerungsexplosion insbesondere in den weniger weit entwickelten Ländern, knapper werdende Ressourcen und die Tatsache, dass eine optimale Versorgung nur denjenigen zur Verfügung gestellt wird, die sie sich auch leisten können.
Die ersten einhundert Kolonisten, die auf dem Mars landen – allesamt Wissenschaftler – machen es sich zum Ziel, eben jene Fehler nicht mehr zu begehen, sondern der Menschheit auf dem Millionen Kilometer entfernten und an sich unwirtlichen, kalten Planeten einen Neuanfang zu ermöglichen. Doch schon als die ersten Möglichkeiten besprochen werden, den Planeten mittels Terraforming bewohnbarer zu machen, entstehen Spannung zwischen Gruppen, die für einen raschen Wandel der Marsoberfläche sind, und denjenigen, die sich für die Erhaltung des Mars in der ursprünglichen Form einsetzen. Zusammen mit der explosiven Forderung der Gesellschaften, die mit ihren Gerätschaften und Geldmitteln die Mission erst ermöglicht haben, steuern die Konflikte auf Jahrzehnte gesehen, unweigerlich einer Katastrophe entgegen.
Dass sich diese nicht in kürzester Zeit entwickeln würden, ist in dem Sinne zwar nachvollziehbar und realistisch, doch verblüfft an Roter Mars bereits die schiere Zeitspanne, die Autor Robinson abdeckt. Während die gesamte Trilogie circa 200 Jahre umspannt, sind es hier immerhin knapp 50 Jahre. Der Beginn gestaltet sich dabei überaus effektiv und wirft den Leser unvermittelt ins Geschehen. Man bekommt somit schon ganz am Anfang einen Eindruck dessen, wohin sich die Geschichte entwickeln wird. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg und angesichts der sehr ausführlichen Beschreibungen der Marsentwicklung und der einzelnen Charaktere ziehen sich gewisse Abschnitte merklich dahin und die langen Passagen, in denen Kim Stanley Robinson die soziologischen und politischen Verstrickungen beschreibt, erinnern vom Aufbau her stellenweise frappierend an James Clavells Klassiker Noble House [1981]. Dadurch erreicht er zwar ein sehr episches und durch die unterschiedlichen Perspektiven der jeweiligen Kapitel sehr differenziertes Gesamtbild, auf das man sich als Leser aber auch einlassen muss, um es vollends genießen zu können.

Der Vielzahl an Charaktere wird der Autor dadurch gerecht, dass jedes der sehr langen Kapitel im Buch aus der Perspektive eines anderen Besatzungsmitglieds der "ersten Hundert" Kolonisten erzählt wird. Dass der als Held stets erwähnte John Boone selbst aber erst sehr spät im Roman aus seiner Sicht erzählen darf, verwundert etwas, verleiht dem Roman aber auch eine merklich erwachsene Atmosphäre. Immerhin wird er mit seinem Handeln und seinen Entscheidungen als unnahbarer und charismatischer Anführer lange aufgebaut, um sich dann jedoch bei näherer Betrachtung als Mensch mit menschlichen Schwächen zu entpuppen. Ebenso wie Frank Chalmers von Grund auf eher arrogant und machtbesessen erscheint, sich im Laufe der knapp 600 Seiten aber wandelt und zumindest seine Motivation erkennbar wird. Dass niemand der großen Protagonisten durchweg sympathisch beschrieben wird, zeugt von der Reife des Romans, der sich auf Grund seiner Komplexität eher weniger an ein jugendliches bis erwachsenes Publikum richtet.
Nicht einmal die weibliche Hauptfigur, Maya Toitnova, die eingangs als instabil und cholerisch geschildert wird, darf ihrem Klischee gerecht werden, sondern beweist als Einzige am Schluss Durchhaltevermögen und Weitblick.
Das wahre Sammelsurium an unterschiedlichsten Charakteren macht den Roman auch dann spannend, wenn die Geschichte um die Kolonisierung des Planeten ins Stocken zu geraten scheint. Immerhin wurde auch Rom nicht an einem Tag erschaffen, und so gibt es innerhalb von Roter Mars viele zeitliche Sprünge, in denen man etwas den Bezug zu verlieren droht, jedoch dadurch interessiert gehalten wird, dass sich in der Zwischenzeit auch Nebenfiguren wie Nadia, Arkady, Sax, Ann oder Hiroko und ihr Gefolge weiter entwickelt haben.
So bleiben einem zumindest im ersten Roman noch die Hintergründe vieler Figuren vorenthalten, doch die Tatsache, wie kompromisslos Robinson mit seinen Protagonisten verfährt, lässt vermuten, dass er dies in den nächsten Romanen ausweiten wird.

Ein marsianisches Jahr dauert in Erdzeit gerechnet ein Jahr, 320 Tage und etwas mehr als 18 Stunden. Mit den Jahreszahlen, den Ortsangaben, unterschiedlichsten Lokalitäten, verschiedenen Figuren und ihren Beschäftigungen auf dem Laufenden zu bleiben, ist in der Tat nicht ganz einfach. Der Roman ist allein schon durch den technischen und wissenschaftlich fundierten Hintergrund anspruchsvoll geraten, sodass er sich auch als klassischer Science Fiction-Roman auszeichnet. Dies ist zwar kein Kritikpunkt, doch sollte man als Leser darauf eingestellt sein.
Kim Stanley Robinson verbringt mitunter seitenlange Beschreibungen mit der Zusammensetzung der Marsoberfläche, den geologischen Gegebenheiten oder den technischen Hintergründen eines Habitats, das aus Materialien besteht, die es so noch gar nicht gibt. Faszinierend ist dies sicherlich und erinnert, wie schon erwähnt, in den Ausführungen etwas an James Clavell, doch bleibt die Vermutung, dass man manche Abschnitte und auch manche Charakterentwicklungen hätte zusammenfassen können. Sicherlich hätte dies Red Mars etwas von seinem epischen Ambiente genommen, doch wäre der Roman so vielleicht etwas leichter lesbar geworden.

Die sehr langen Sätze, die bisweilen über ein halbes Dutzend Zeilen reichen, angereichert mit den vielen Fachbegriffen und der ungewohnten Erzählweise, mit welcher der Autor die Geschichte vorträgt, gestalten den Roman als bedeutend weniger leicht zugänglich, als man vermuten würde. Auch für diejenigen, die an der Originalausgabe interessiert sind, sei gesagt, dass die englische Fassung nur mit einem wissenschaftlichen Wörterbuch zur Hand vollständig verstanden werden kann.
Wer sich dieser Herausforderung stellt, dem wird ein Science Fiction-Spektakel geboten, wie man es – insbesondere im letzten Drittel – in der Ausführung und in der realistischen Beschreibung so noch nicht gelesen hat. Das schiere Ausmaß der Erzählung, von den Charakteren bis hin zur Zeitspanne, die der Roman abdeckt, ist beeindruckend und stellenweise sogar beängstigend.
Allenfalls entmutigend ist die das Grundthema des Buches, laut dem die Menschen überall hin mitnehmen, was sie selbst sind. All ihre Stärken und all ihre Schwächen. Selbst auf einen anderen Planeten.


Fazit:
Es gibt nur wenige Worte, die treffend beschreiben können, was man am Ende von Roter Mars als Leser empfindet. Der Zugang zu dem epischen Werk ist aufgrund der von Fachwörtern durchzogenen Erzählung, der verschachtelten, langen Sätze und der ausführlichen Beschreibungen der technischen und geologischen Hintergründe alles andere als einfach. Doch wer bis zum Ende durchgehalten hat, wird nicht umhin können, den immerhin knapp 600 Seiten starken Trilogieauftakt mit einem ehrfürchtigen Seufzen zuzuklappen.
Die monumentale Geschichte bringt einem nicht nur den Planeten Mars näher und macht seine Vergangenheit und seine im Buch beschriebene Zukunft für den Menschen deutlich, sondern sie führt einem auch eindrucksvoll vor Augen, dass die Menschen ihre Probleme und Sorgen überall hin mit sich nehmen werden. Ohne Frage fand ich einige Passagen im Buch schwierig zu lesen, da sie mitunter eine Lethargie bei den Charakteren vermuten ließen, die sich mit dem Abenteuergeist nicht in Einklang bringen lässt. Doch bedenkt man, welche Zeitspanne Red Mars umfasst, wird deutlich, dass selbst ewige Entdeckung dem Menschen nicht genügend Anreiz wird bieten können.
Die politischen und sozialen Fragen, die Autor Kim Stanley Robinson aufwirft, sind auch 15 Jahre nach der Entstehung des Romans gültig und heute vielleicht aktueller denn je. Die Kompromisslosigkeit, mit der er den Roman und seine vielfältig verflochtenen Geschichten stemmt, die Tour de Force, der er sich hier furchtlos stellt, haben mich mit am meisten beeindruckt. So mag man das Buch erst vollständig verstehen, wenn man die beiden Fortsetzungen gelesen hat, doch eindrucksvoller hätte der Beginn kaum ausfallen können.


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