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Howard Swindle: "Jitter Joint" [1999]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 17. Juni 2007
Autor: Clinton Howard Swindle

Genre: Thriller

Originaltitel: Jitter Joint
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Gebundene Ausgabe
Länge: 241 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1999
Erstveröffentlichung in Deutschland: noch nicht erschienen
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-312-20066-8


Kurzinhalt:
Das Ultimatum trifft den Polizisten Jeb Quinlin aus Dallas unvermittelt: Seine Frau Sarah und sein Captain haben sich gegen ihn verschworen und stellen ihn vor die Wahl, sich entweder für 28 Tage in eine Entzugsklinik für Alkoholabhängige zu geben, oder aber Scheidung und Jobverlust hinzunehmen. Nicht, dass er glauben würde, seine Ehe sei noch zu retten, doch um seiner Arbeit willen, begibt sich Quinlin mit einem letzten Sixpack auf Entzug.
In der Anstalt im Herzen von Dallas findet er in dem einschüchternden Pfleger, den er selbst Coal Tar nennt, einen unerwarteten Freund, und in der Tat scheint das radikale Programm zu helfen, auch wenn ihm der sehr intime Seelen-Striptease in den Sitzungen zu schaffen macht.
Doch urplötzlich verstirbt einer der Insassen, und wenig später tauchen weitere Leichen auf – jeweils mit einem Leitspruch der Anonymen Alkoholiker versehen. Da ein Mord auch außerhalb der Mauern der Anstalt stattfand, wird Quinlin nach knapp einer Woche draußen auf die Jagd nach dem Serientäter geschickt. Doch während er mit seinem Partner Paul McCarren noch im Dunkeln tappt, werden die Todesfälle immer persönlicher. Und auch Madeline, ebenfalls wieder entlassene, trockene Alkoholikerin, zu der sich Quinlin hingezogen fühlt, könnte auf der Liste des Täters stehen ...


Kritik:
1945 in Houston, Texas geboren, wurde Howard Swindle zu einem der meistgelesenen Journalisten seiner Zeit und erhielt insgesamt drei Mal den begehrten Pulitzer Preis für die "The Dallas Morning News".
Auch für seine ausgiebig recherchierten Sachbücher wurde er mehrfach ausgezeichnet, ebenso wie für seine zwei Romane Jitter Joint und den nur ein Jahr später erschienenen Doin' Dirty [2000]. Danach wurde es ruhig um Howard Swindle, der seinen ersten Vornamen, den er von seinem Vater geerbt hatte, absichtlich wegfallen ließ. Nach einer erschütternden Krebsdiagnose 1998 und mehreren Therapien, wurde im Dezember 2003 erneut Lungenkrebs bei dem bis dahin äußerst geschwächten Familienvater festgestellt. Inoperabel zog sich Swindle zurück und verbrachte seine letzten Monate mit seiner Familie und verstarb im Juni 2004.

Für den drastischen und sehr lebendig wirkenden Hintergrund der Alkoholsucht seiner Figuren in Jitter Joint konnte der als Kind mehrfach misshandelte Autor gar auf autobiografische Erfahrungen zurückgreifen. Erlebnisse, die ihn tief prägten, und mit denen er seine Charaktere in dem düsteren und authentischen Thriller konfrontiert.
So verwundert es rückblickend wenig, wie detailliert Swindle den gesamten Hintergrund der Alkoholsucht, ihre Auswirkungen und ihre Therapiemöglichkeiten beschreibt – tatsächlich muten manche Passagen, die Gedanken Quinlins, seine Höhen und Tiefen, seine Entscheidungen und sein stetiges Verlangen nach dem nächsten Schluck (nicht als Befriedigung seiner Sucht, sondern vielmehr, um der fordernden Situation ruhig entgegen treten zu können) wie ein Erfahrungsbericht an.
Dabei ist auch die Thrillerstory selbst dank der bizarren Morde, des unklaren Motivs und vor allem des fehlenden Verdächtigen überaus spannend geraten und wartet mit zahlreichen Details auf, die viele andere Romane trotz einer höheren Seitenzahl vermissen lassen.
Swindle gewährt einen ungeschönten, persönlichen und auch sehr eigenen Einblick in den Berufsalltag eines Polizisten, der trotz seiner persönlichen Abhängigkeiten und Probleme dennoch gute Arbeit leistet – und sich dabei seiner Unzulänglichkeiten durchaus bewusst ist. Die Tatsache, dass Quinlin sich mit seinem Zustand arrangiert hat, ihn akzeptiert, anstatt ihn zu bekämpfen, macht seine Figur nur noch tragischer.
So entfaltet sich die Hauptgeschichte, gespickt durch einige Nebenhandlungen, die aber durchweg sehr passend eingebracht sind, durch lebendige Beschreibungen, einem konstanten Spannungsbogen und einem Hauch von Originalität, mit dem sich der Autor erfrischend vom Genre absetzt.

Dreh- und Angelpunkt sind dabei sowohl die verschiedenen Todesfälle, deren Motiv ebenso unklar bleibt, wie die Tötungsart an sich, wie auch die lebensnahen Charaktere, die erstaunlicherweise nicht aus jeweils ihrer eigenen sicht erzählt werden, sondern meistens aus Quinlins Perspektive heraus beschrieben werden.
So bekommt man als Leser auch nur das über die jeweilige Figur vermittelt, was der Detective über diesen Charakter weiß; einzig diejenigen Ansichten, die Ansichten anderer Figuren über Quinlin werden aus ihren Blickwinkeln geschildert.
Was an Jitter Joint diesbezüglich fasziniert, ist sowohl der Detailreichtum, mit dem der Autor seinen Figuren begegnet, wie auch die unzähligen Ecken und Kanten, mit denen er die Personen versieht. Selbst beim Bösewicht an sich, dessen Hintergrund ausführlich beschrieben wird, oder aber bei Jeb Quinlin selbst, verzichtet Swindle auf Klischees, zeichnet seinen Protagonisten als gebrochenen, aber nicht leidenschaftslosen Mann, dessen Leben aus bestimmtem Grund in eben jenen Bahnen verlaufen ist, in denen es jetzt läuft, und der seine eigenen Existenz mitunter kaum ertragen kann.
Menschlich, stellenweise abgründig und mit viel Bedacht auf scheinbare Nebensächlichkeiten, erzeugt der Autor in seinem ersten Thrillerroman ein kantiges, raues Bild seiner Charaktere, die sich glücklicherweise in keine Schubladen stecken lassen.
Dabei zu beobachten, an welche anderen Personen sie sich klammern, um sich aus ihrem jetzigen Dasein befreien zu lassen, ist ebenso aufschlussreich wie ermutigend.

Nicht nur durch das ungewohnte, weil auch unbekannte Ambiente in der Entzugsklinik im Herzen von Dallas, bei dem man das Gefühl bekommt, als würde man von einer Seitenstraße in eine ganz andere Welt übertreten, sondern auch durch die immer öffentlicher und immer grausamer werdenden Morde an den Patienten und ihren Verwandten, gewinnt Jitter Joint schnell an Fahrt und kann das durchaus rasche Erzähltempo trotz der vielen Einschübe mit Erinnerungen, Erklärungen einiger Figuren und Hintergrunderläuterungen halten.
Dabei nutzt Howard Swindle gekonnt bekannte Taktiken, um die Spannungsschraube anzuziehen. So bleibt zwar der Ausgangspunkt eines jeden Morde die ermordete Person selbst, allerdings werden die Beschreibungen zum Mord immer ausführlicher. Abgesehen davon trifft es zunehmend Personen, die den Protagonisten nahe stehen.
Auch das Finale kann problemlos überzeugen, gleichwohl es actionreicher ausfällt, als es hätte sein müssen. Nichtsdestotrotz sind die Rätsel und Ermittlungsmethoden treffend geschildert, dabei immer fundiert und mit einigen neuen Aspekten gespickt, um selbst Fans des Genres noch überraschen zu können.

Sprachlich richtet sich Swindles erster Thrillerroman eindeutig an ein erwachsenes Publikum; seien es nun die Schilderungen der verschiedenen Vorgehensweisen der Behörden, die anatomischen Besonderheiten der Morde, oder aber die ausgefeilten wie lebensnahen Dialoge.
Der Autor bewegt sich dabei erfreulicherweise vom üblichen Sprachgebrauch der Popliteratur weg, und bezieht immer wieder örtliche Formulierungen, Abkürzungen und Redensarten ein, die mitunter ein wenig schwerer zu verstehen sind.
Etwas unverständlich ist, weswegen sich insbesondere im letzten Drittel des Romans die Schreibfehler häufen. Dies trübt zwar nicht den Lesefluss, hätte aber vermieden werden können. Dennoch gestaltet sich Howard Swindles Jitter Joint auch sprachlich als authentische Perle in einem wahren Meer aus ähnlich gelagerten Werken.

An sich würde sich der Stoff des durchaus realistischen Thrillers problemlos für eine filmische Umsetzung eignen – schon deshalb ist es unverständlich, weswegen es Hollywood trotz namhafter Besetzung wie Sylvester Stallone in dem alternativ umbenannten D-Tox - Im Auge der Angst [2002] nicht gelungen ist, auch nur den Hauch jenes Flairs auf die Leinwand zu retten. Bis auf einige Auszüge der Geschichte hat die Filmversion rein gar nichts mit der Romanvorlage gemein, hier von einer "Verfilmung" zu sprechen, ist eigentlich schon lachhaft.

So tut man als Leser besser daran, Jitter Joint als allein stehendes Werk zu betrachten, das gleichzeitig den Grundstein für eine der eindrucksvollsten, weil menschlichsten Titelfiguren legt – mit Jeb Quinlin schuf Howard Swindle einen ebenso zerbrechlichen wie verständlichen Charakter, der sich hier durch ein sehr gutes, spannendes Katz-und-Maus-Spiel finden muss, bei dem es grundsätzlich nur wenige Gewinner geben wird.


Fazit:
Sich Swindles Polizisten-Thriller als Film vorzustellen fällt nicht schwer – hauptsächlich dank den detaillierten, gelungenen Beschreibungen des Autors, der erfreulich viel Zeit auf Kleinigkeiten verwendet, um dem durchaus schwierigen Thema der Alkoholsucht das nötige Maß an Authentizität zu verleihen.
Aber auch der Krimianteil braucht sich dahinter nicht zu verstecken, und es ergeht dem Leser ähnlich wie Protagonist Jeb Quinlin, wenn er nach einer Woche der Rehabilitation wieder in die "normale" Welt entlassen wird, und sich kaum an deren Geschwindigkeit und Reizüberflutung gewöhnen kann. Statt diesen Schauplatzwechsel einfach einzubinden, nutzt Howard Swindle dies als Gelegenheit, das Erzähltempo zusätzlich anzuziehen.
Erstklassig ausgebaute Figuren, eine interessante Grundgeschichte und ein greifbar realistisches Flair machen Jitter Joint für mich zu einem der eindringlichsten und positiv überraschendsten Thriller der jüngsten Zeit. Umso tragischer, dass nur ein weiter aus Swindles Feder folgen wird.


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