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Robert Crais: "Hostage - Entführt" [2001]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 01. Dezember 2004
Autor: Robert Crais

Genre: Thriller / Drama

Originaltitel: Hostage
Originalsprache: Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 371 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 2001
Erstveröffentlichung in Deutschland: 2005
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-345-43449-8


Kurzinhalt:
Als Verhandlungsführer bei Geiselnahmen für das SWAT-Einsatzteam ist Jeff Talley an dramatische Momente gewöhnt, doch als ein kleiner Junge bei einem gescheiterten Einsatz stirbt, verfolgen Talley die Bilder – gebrochen gibt er seine Arbeit auf und wird Chief in einem ruhigen Vorort von Los Angeles.
Eines Tages endet allerdings ein von den drei Jugendlichen Mars, Kevin und Dennis geplanter Überfall in einem Fiasko: Der Kassierer stirbt, und die drei flüchten sich über Umwege in das Haus einer noblen Vorstadtsiedlung. Die bewaffneten Verbrecher nehmen Familienvater Smith und seine beiden Kinder als Geisel.
Als Talley als Polizeichef am Haus der Smiths ankommt, möchte er eigentlich nur die Zeit überbrücken, bis die Staatspolizei eintrifft. Wie es scheint, ist Smith jedoch nicht der unbescholtene Bürger, wie zunächst angenommen – zwielichtige Geschäftspartner von ihm wollen unbedingt an Daten herankommen, die sich im Haus befinden, da sie eine Ermittlung durch die Polizei befürchten, wenn die Geiselnahme beendet und das Haus von den Behörden gesichert ist. Auf der Suche nach Möglichkeiten nehmen sie Talleys Frau und Tochter als Geisel und erpressen den Polizisten.
So muss Talley nun an zwei Fronten verhandeln und kann sich nicht auf seine Kollegen verlassen – ja er darf sie nicht einmal informieren. Als er in der Vergangenheit von Smith forscht, erahnt er langsam, wer die Hintermänner sein müssen. Und während die Spannungen im Haus und unter den Geiselnehmern immer größer werden, läuft Talley die Zeit davon ...


Kritik:
Manchen Lesern könnte Robert Crais als Autor der Roman-Reihe um Privatdetektiv 'Elvis Cole' bekannt vorkommen, doch Crais ist auch in Hollywood kein Unbekannter. Er lieferte unter anderem Drehbücher für Serien wie Polizeirevier Hill Street [1981-1987] und Miami Vice [1984-1989]. Bereits seit den späten 1980ern als Autor aktiv und bekannt, verfasste er bis Hostage lediglich neun Romane – in der Branche recht wenig.
Was ihm vor drei Jahren allerdings mit dem Thriller um Verhandlungsführer Jeff Talley gelang, kann man nur mit dem Wort "meisterhaft" zusammenfassen. Selten war ein Roman so spannend und doch schweißtreibend flott erzählt – trotz eines überraschend defensiven Hauptcharakters. Je mehr sich die Lage im Haus und davor zuspitzt, umso schneller fliegen die Seiten am Leser vorbei. Dabei ist die Ausgangsidee auf den ersten Blick arg konstruiert, wird aber so detailreich und letztendlich logisch präsentiert, dass man den überzeugenden Figuren in diesen nicht einmal vierundzwanzig Stunden ohne Wenn und Aber durch alle Höhen und Tiefen der Verhandlung folgt.

Beim Lesen der Inhaltsbeschreibung drängt sich einem unwillkürlich der Verdacht auf, dass Crais vom Leser viele Zufälle und Gegebenheiten abverlangt, die den Spaß am Buch mindern mögen. Doch Hostage nimmt diese komplexe und vertrackte Ausgangslage und webt daraus ein Netz aus Intrigen, Machenschaften und Korruption, das immer neue Facetten offenbart und die Hauptfigur Talley ebenso wie den Leser tiefer mit hineinzieht.
Sobald die drei Jugendlichen im Haus angekommen sind, das erste Chaos überwunden scheint, nimmt sich Robert Crais viel Zeit für die Charaktere, offenbart persönliche Schicksale der Figuren – auch der Geiselnehmer – und vermittelt dem Leser aufgrund der außergewöhnlichen Erzählweise ein lebhaftes, plastisches Bild von den Charakteren und ihrem Hintergrund. Die wenigen Rückblicke werden geschickt mit dem aktuellen Handlungsverlauf verwoben, und als Talleys Familie auf dem Spiel steht, und der ehemalige SWAT-Polizist seine eigenen Dämonen herausfordern muss, erreicht der Roman erneut eine Ebene, in der sofort klar wird, wie hoch Talleys Preis sein wird, sollte er an diesem Tag nicht die richtigen Entscheidungen fällen.
Auf diese Weise zieht der Autor die Spannungsschraube unentwegt an, erhöht das Erzähltempo und fasst weniger wichtige Abschnitte gekonnt zusammen, ohne dabei mit seinem etablierten Stil zu brechen, oder die Figuren aus den Augen zu verlieren. Die Geschichte beinhaltet viele Figuren, die alle zum Zug kommen, beleuchtet werden und so vielschichtig aufgebaut sind, dass sie in jeder Zeile überzeugend und glaubhaft wirken.

Angeführt wird das "Ensemble" von dem resignierten und sympathischen Talley, mit dem man bereits im Prolog mitfiebert, dessen Reaktionen immer verständlich und menschlich bleiben, und den man sich ohne Weiteres in neuen Büchern als Charakter wünschen würde.
Dass seine Frau Jane und Tochter Amanda im Hintergrund bleiben, ergibt sich aus der Geschichte, aber auch sie bekommen eine wichtige und aufschlussreiche Szene zugeschrieben – dass der Autor ihre Sicht der Dinge vorenthält, sobald sie in Gefangenschaft geraten, steigert die Spannung nur noch weiter.
Was in Bezug auf die drei jugendlichen Kidnappern am meisten verwundert, ist die Tatsache, dass Crais sie nicht durchweg böse schildert, sondern gerade Kevin Rooney als eine gebrochene, tragische, ja sogar schon sympathische Figur beschreibt. Dennis Rooney ist letzten Endes ebenfalls der Gefangene seiner eigenen Wertvorstellungen und Ziele; der Vergleich, den Crais aus Kevins Sicht mit den afrikanischen Affen zieht, die so sehr an der Frucht in der zur Falle umfunktionierten Kokosnuss festhalten, dass sie aus ihrer Situation nicht entfliehen können, trifft die Figur hervorragend. Sogar Mars bekommt einen angemessenen Hintergrund, der sein Verhalten zwar nicht entschuldigt, aber in gewisser Weise erklärt – der Autor macht es sich nicht einfach, ihre Handlungen als bösartig abzustempeln, sondern verleiht ihnen eine Motivation, eine Geschichte.
Als dritte, wichtige Partei wird Talleys Widersacher Glen Howell etabliert, dessen Auftraggeber der Autor genauer beleuchtet und authentisch charakterisiert.
Sämtliche Figuren sind sorgfältig ausgewählt, verhalten sich entsprechend und entwickeln sich angesichts der eskalierenden Situation nachvollziehbar weiter – besonders Talleys Verwandlung ist sehr gut herausgearbeitet und wird nicht zu schnell dargebracht.

Dramaturgisch nutzt Crais die ansich beschränkten örtlichen Möglichkeiten gekonnt aus und erzeugt innerhalb des Hauses eine ebenso klaustrophobische Spannung wie Außerhalb, wo Talley stets mit neuen Gefahren zu kämpfen hat, um seine Familie und die Smiths am Leben zu erhalten. So spickt Crais die Verhandlungen selbst immer wieder mit kleinen Höhepunkten, streut hier und da eine Action-Szene ein, die aus der Situation heraus erwächst und im Rückblick viele Momente noch in ein ganz anderes Licht taucht.
Die Spannung ist von der ersten Seite an spürbar, als sich die Tragödie anzubahnen droht, und bleibt bis zur letzten erhalten, nachdem sich der Autor mit einem herausragenden Höhepunkt im Haus – während dem das Chaos buchstäblich über die Köpfe der Beteiligten hereinbricht – und einem richtigen, kleineren, aber nicht minder spannenden Finale aller Figuren angenommen hat.
Dramaturgisch macht Hostage einen reifen, ausgefeilten Eindruck, der auch dadurch entsteht, dass Crais die Abschnitte immer aus der Sicht einer bestimmten Person erzählt. Beispielsweise trägt ein Abschnitt "Talley" als Überschrift und wird fortan komplett aus seiner Sicht (einschließlich wie die anderen Beteiligten auf ihn reagieren) geschrieben.
Im letzten Drittel geht der Autor bei Perspektivenwechseln mitunter ein paar Minuten im Geschehen zurück, beleuchtet Gespräche zwischen Rooney und Talley aus der Sicht des jeweils anderen und verleiht den Szenen dadurch nur noch mehr Tiefe und Profil. Mitzuerleben wie verschiedene Personen ein Gespräch unterschiedlich auffassen, welche Schlüsse sie jeweils daraus ziehen und welche Fehler sie anschließend begehen, ist faszinierend und spannend zugleich. Vor allem verlagert es den Schwerpunkt der Erzählung auf die jeweilige Person, deren Gefühlswelt dem Leser in den wenigen Seiten immens näher gebracht wird.
Dass Crais diese Abschnitte auch im Vokabular und stilistisch an die betreffende Person angleicht, spricht für sein Talent als Autor.

Allgemein überzeugt Hostage mit einem flüssigen, bisweilen umgangssprachlichen, aber nie aufgesetzt wirkenden Erzählstil, der in den geeigneten Passagen das Tempo anzieht und in anderen die Figuren mehr zu Wort kommen lässt. So liest sich Robert Crais' Roman sehr schnell und wartet immer wieder mit sehr guten Vergleichen und anschaulichen Beschreibungen auf. Als sehr gutes Beispiel hierfür sei ein kleiner Abschnitt angeführt, der Talleys Reaktion erklärt, und in dem es heißt:

"Talley ... hatte die 'Zone' betreten. Es war ein Ort voll Weißem Rauschen, wo Emotionen regierten und Vernunft kaum vorhanden war. Wut und Zorn waren Dauerfahrkarten; Panik war der Expresszug. Den ganzen Tag hatte er darauf hingearbeitet und hier war er: Die Jungs bei SWAT hatten darüber geredet. Man betrat die 'Zone' und man verlor die Nerven. Man würde seine Karriere verlieren, sein Leben, oder noch schlimmer, das Leben von jemand anderem."

Mit solch anschaulichen Vergleichen führt der Autor die Innenwelt der verschiedenen Figuren geschickt vor die Augen der Leser, zeichnet ein passendes und doch nicht übertriebenes Bild der Beteiligten und macht ihre Handlungen nachvollziehbar.
Crais' Stil ist dem Thema angemessen, rutscht nie in das eine oder andere Extrem und richtet sich sowohl an Gelegenheits-, als auch Vielleser. Die Seiten schmelzen dahin, während die Temperatur vor Spannung im Haus und davor immer weiter steigt.

In der Tat scheint es beim Lesen oft so, als würde man die Orte und Personen direkt vor sich sehen; Robert Crais entwirft seine Geschichte und die Szenen filmreif. Dass Hollywood auf den sehr erfolgreichen Roman aufmerksam geworden ist, verwundert deshalb nicht weiter. Die Dreharbeiten mit Bruce Willis in der Rolle des Jeff Talley sind bereits abgeschlossen, und im Frühjahr 2005 soll Hostage in den Kinos anlaufen. Ob es der deutsche Buchhandel bis dahin auf die Reihe bekommt, Robert Crais Thriller überhaupt zu veröffentlichen, bleibt abzuwarten.
Angesichts der Masse an mittelmäßigen Büchern, die alljährlich in den Regalen landen, ist es unverständlich, dass ein von Kritikern und Lesern so hochgelobter Roman wie dieser bislang keinen deutschen Verlag gefunden hat. Interessenten sei deshalb die englischsprachige Ausgabe ans Herz gelegt, die ebenfalls sehr leicht zu lesen und bereits als sehr günstiges Taschenbuch erhältlich ist.

Klappt man den Roman nach den rasanten 370 Seiten wieder zu, muss man erst einmal tief durchatmen. Dem Autor gelang ein außerordentlich spannender, in jeder Hinsicht ausgenutzter und intelligenter Thriller-Roman, dessen Charakterzeichnungen vollkommen überzeugen können.
Die vielschichtige Story breitet sich schnell aus, entfaltet aber immer wieder neue Aspekte und bleibt so bis zur letzten Seite interessant. Wenn Crais die Ereignisse im Haus sich überschlagen lässt, und die Polizei außerhalb ebenso gefangen ist, wie die Smiths im Innern, kommt eine klaustrophobische Stimmung auf, die kaum ein Buch so hervorragend eingefangen hat. Wer immer sich eine erstklassige Vorlage zu einem Thriller-Film vorgestellt hat, wird kaum ein besseres Beispiel als dieses finden.
Um mit den Worten eines "Washington Times"-Kritikers abzuschließen: "Man sollte sich Hostage für einen freien Tag aufbewahren, denn es ist gut möglich, dass man das Buch nicht wieder aus den Händen legen will."


Fazit:
Auch wenn Robert Crais' Roman inhaltlich nichts mit den Dan-Brown-Werken Sakrileg [2003] oder Illuminati [2000] gemein hat – stilistisch ähneln sie sich in gewisser Weise doch. Schweißtreibend spannend, mit einer Vielzahl an Überraschungen innerhalb der Geschichte und ausgeklügelten und intelligenten Dialogen präsentiert sich Hostage als eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe.
Wenn Jeff Talley um seine Familie bangt, an mehreren Fronten gleichzeitig verhandeln und trotzdem auf die Hilfe all derjenigen Menschen verzichten muss, denen er die letzten Jahre vertraut hat, dann fiebert man mit ihm, leidet mit ihm und ist dennoch wie paralysiert, wenn sich das Chaos im Haus der Smiths unaufhaltsam anbahnt. Durch die verschiedenen Parteien treibt Crais die Spannung immer weiter in die Höhe, stellt dabei interessante und vielschichtige Charaktere vor und verblüfft mit ein paar herausragenden Ideen. Seine innovative Erzähltechnik ist dabei nicht nur Mittel zum Zweck, sondern wird auch so brillant eingesetzt, dass man sich in den vierzehn Stunden der Handlung wie an Talleys Seite fühlt.
Mehr kann man von einem Roman nicht erwarten – bei Hostage wird der Leser zur Geisel des Autors, der einen nicht loslässt, bis man am Ende der letzten Seite angekommen ist.


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