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John Irving: "Gottes Werk und Teufels Beitrag" [1985]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 04. März 2008
Autor: John Irving

Genre: Drama

Originaltitel: The Cider House Rules
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 579 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1985
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1988
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-345-38765-1


Kurzinhalt:
Damals, im Jahre 192_ ist Dr. Wilbur Larch Leiter eines Waisenhauses, in dem auch Homer Wells zur Welt kommt. Der Junge ist anders, als die anderen Kinder, und egal, zu welcher Pflegefamilie er vermittelt wird, irgendwie kommt er wieder zurück ins Waisenhaus. So nimmt ihn der immerhin nicht mehr ganz junge Arzt unter seine Fittiche und bildet Homer – der aus dem Jungendalter herauswächst – zu seinem Assistenten aus. Durch die Lektüre von Medizinbüchern wird Homer ohne Doktortitel zu einem ebenso geübten Arzt, wie sein Mentor.
Doch seine Welt steht Kopf, als die gleichaltrige Candy mit ihrem Freund Wally im Waisenhaus eintreffen. Denn abgesehen von Geburten führt Larch noch etwas anderes durch, um seine Patientinnen zu "erleichtern". Abtreibungen sind laut Gesetz illegal, doch aus Erfahrung weiß Larch, was Scharlatane den Frauen antun, wenn sie für viel Geld einen solchen "Metzger" aufsuchen.
Vom ersten Moment an ist Homer verliebt und begleitet Wally und Candy zu Wallys Eltern, denen eine erfolgreiche Apfelplantage gehört. Auch Candy nähert sich Homer – doch in 194_ reißt der Zweite Weltkrieg ihre Leben auseinander. Wally meldet sich freiwillig, Homer bleibt auf der Farm zurück. Doch St. Clouds bleibt immer ein Bestandteil seines Lebens, so wie alles, was er dort gelernt hat.


Kritik:
Mit dem bürgerlichen Namen John Wallace Blunt, Jr. am 2. März 1942 geboren, zählt John Winslow Irving zu den bekanntesten und erfolgreichsten Autoren weltweit. Seinen ersten Roman veröffentlichte er bereits im Alter von 24 – Lasst die Bären los [1968] wurde erst 1985 ins Deutsche übersetzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Autor bereits seinen internationalen Durchbruch veröffentlicht. Garp und wie er die Welt sah [1978] zementierte Irvings Ruf, den er mit seinem Epos Gottes Werk und Teufels Beitrag [1985] erneut untermauern konnte. Sein letzter Roman Bis ich Dich finde [2005] handelt einmal mehr von Irvings Lieblingsthema Sex, konnte bei Presse und Lesern allerdings keine so einstimmigen Meinungen mehr verbuchen, wie seine früheren Werke.
Bei Gottes Werk und Teufels Beitrag verfasste Irving die oscarprämierte Drehbuchvorlage selbst, wenn auch mehr als zehn Jahre später, und nachdem bereits erfolgreich Geschichten seines Schaffens in Filme umgewandelt wurden. Herausgekommen ist mit der 1999 entstandenen Verfilmung einer der besten Filme seines Jahres – wenn man nur selbes auch vom Roman behaupten könnte.

An der Geschichte selbst mangelt es freilich nicht, denn kaum zuvor konnte man sich durch die Beschreibungen eines Autors so treffend, so fließend und übergangslos in einer fremden Welt zurecht finden. Die Landschaftsbeschreibungen, angefangen von den Farben, den Gerüchen und den Geräuschen, bis hin zu den komplexen Zusammenhängen und der Entstehung der Umgebung; Autor John Irving hat seine Hausaufgaben gemacht und verwöhnt den Leser mit einem solchen Detailreichtum, dass er beinahe schon erdrückend ist.
So scheint Gottes Werk und Teufels Beitrag beinahe schon wie eine Chronik und weniger wie eine fiktive Geschichte. Wenn sich die Umgebung im Laufe der Zeit wandelt, der technische Fortschritt Einzug hält und doch im Waisenhaus St. Cloud's alles so bleibt, wie es immer war, seit Dr. Wilbur Larch dort arbeitet, fühlt man sich beinahe wie ein Teil der Geschichte. Und dies ist insbesondere in den ersten 150 Seiten berauschend.
Doch wenn sich die Geschichte dann vom Waisenhaus wegbewegt, Homer Wells seinen Weg alleine geht (und doch nirgendwo ankommt), verliert die Erzählung jenes Heimatgefühl, das einen jeden überkommt, wenn er zum ersten Mal – auf Dauer – die Obhut der eigenen Eltern verlässt. Doch statt Homer Außerhalb der gefängnisartigen Mauern des Waisenhauses feststellen zu lassen, dass seine Bestimmung dort liegt, wo er am meisten gebraucht wird, mäandriert die Geschichte sehr sehr lange, genauer gesagt 15 Jahre lang, ehe man als Leser doch nicht mehr überrascht wird. Was sich dazwischen abspielt ist ebenfalls gut beschrieben. Doch bei weitem nicht so packend oder gar mit dem Augenzwinkern verpasst, das Irving dem Auftakt des Buches zuteil werden ließ.

Was die Charaktere angeht enttäuscht der Roman ebenfalls nicht, in einem rasenden Tempo packt der Autor insbesondere bei den Hauptfiguren so viele Informationen in wenige Abschnitte, füllt ganze Seiten mit Erinnerungen und Fragmenten aus ihrem Leben, dass man früher oder später die Herkunft oder die Familienverhältnisse von irgendjemandem durcheinander bringt.
Doch genau hier liegt das Problem in den Charakterisierungen bei Gottes Werk und Teufels Beitrag. Auch wenn der Autor die Informationen zu Larch und Homer zu Beginn dosiert, auch zu ihnen ist im ersten Drittel des Romans alles gesagt. Bei den Nebenfiguren erfährt man als Leser alles, was es zu wissen gibt bereits beim ersten Erscheinen des jeweiligen Charakters. Fortan werden die Charakterzüge nur noch unterstrichen, die vorigen Erkenntnisse ständig wiederholt, ohne dass sich wirklich etwas Neues ergeben würde. So sind die Hintergründe zwar detailliert, die Details aber derart oft wiederholt und plattgewalzt, dass sie kaum mehr interessieren. Vor allem scheint sich kaum jemand wirklich zu entwickeln. Candy ist von ihrem ersten Auftritt an unentschlossen – und ist es bis zum Schluss. Homer weiß vom ersten Moment an, wo er sein wird – und ist es auch am Schluss. Wirkliche Charakterentwicklungen gibt es nicht, nicht einmal Wally, der durch den Krieg zweifellos verändert wurde, gibt sich hinterher anders als zuvor. Die einzigen Momente, in denen so etwas hätte offensichtlich werden können, werden vom Autor mit einem 15jährigen Zeitsprung ausgelassen.
Schon angesichts der Seitenzahl hätte man vermuten wollen, dass Irving mehr zu bieten hat. So nutzen sich die Charakterzeichnungen trotz ihres Profils leider allzu schnell ab.

Während das erste Drittel des Buches wie im Flug vergeht, scheint die Erzählung im zweiten zu Stocken. Zu wenig Neues wird berichtet, zu viel wiederholt – ehe man angesichts der irrwitzigen Verhaltensweisen der Figuren im letzten Drittel richtiggehend wütend werden könnte. Mit einer solchen Hauptfigur möchte man sich nicht identifizieren, und die Bereitwilligkeit von Homer Wells, das Glück anderer Menschen zu zerstören, um selbst glücklich zu werden, dann aber nicht einmal den Mut zu besitzen, zu Ende zu bringen, was er begonnen hat, sondern dann klein bei zu geben, scheint schlichtweg absurd. Und macht es auch schwer, mit ihm mitfühlen zu können oder zu wollen.
Ein richtiges Finale, eine Aussprache am Schluss gibt es nicht – auch hier umschifft der Autor sämtliche Szenen, die den Leser den Figuren wenigstens zum Ende hin hätten näher bringen können. Stattdessen endet Gottes Werk und Teufels Beitrag so abrupt, ohne Ausblick, ohne Rekapitulation, dass man das Buch auch weglegen kann, ohne weiters darüber nachdenken zu müssen.

Schon auf Grund der Zeit, in der Irving seine Geschichte angesiedelt hat, verlangt der Autor seiner Leserschaft viele Vorkenntnisse bei medizinischen Ausdrücken und altertümlicher Sprache ab. Wer mit diesem Buch in die Englische Literatur einsteigen möchte, sollte sich also auf einiges gefasst machen.
Herausgekommen ist eine sehr interessante Ausgangslage, von der aus John Irving seine Figuren ihre Reise antreten lässt. Das Thema Abtreibung und Selbstbestimmung der Frau ist nicht nur wichtig, Irving beleuchtet beide Seiten der Debatte, gleichwohl er recht geradlinig Stellung bezieht. Auch die Figuren und Landschaftsbeschreibungen faszinieren und zeichnen ein facettenreiches, lebendiges Bild jener Zeit. Doch die anfängliche Begeisterung hält nicht über den ganzen Roman an, wenn Irving (als wäre er selbst fasziniert davon) vulgäre Ausdrücke immer wieder wiederholt – und sei es zu den unpassendsten Momenten – hat man das Gefühl, als wäre die Erzählung stellenweise so sprunghaft wie Wilbur Larch in seiner Ethertrance. Auch die Zeitsprünge vor und zurück ermüden auf Dauer und täuschen letztlich doch nicht darüber hinweg, dass Gottes Werk und Teufels Beitrag merklich zu lang geraten ist. Und die Hauptfigur, die immerhin 185 Seiten benötigt, ehe sie ihre erste eigenständige Entscheidung getroffen hat, bei weitem nicht so sympathisch ist, wie sie anfänglich erscheint.


Fazit:
Nachdem ich die erstklassige Verfilmung vor Jahren gesehen hatte, wollte ich das Buch an sich nicht mehr lesen – doch das Schicksal wollte es, dass es mir dennoch in die Hände fiel. Dementsprechend überrascht war ich von der leichtfüßigen Erzählung Irvings, den facettenreichen, vielschichtigen Figuren und der authentischen Beschreibung jenes Waisenhauses in Maine in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Doch alsbald wandelte sich die Überraschung in Enttäuschung, denn nachdem die Figuren ausgemalt sind, pocht der Autor weitere drei Hundert Seiten auf denselben Eigenschaften herum. Der Mittelteil scheint nur zäh und wie eine unendliche Wiederholung, wohingegen das letzte Drittel mit einer Hauptfigur aufwartet, die sich so unnormal verhält, dass man ihr am liebsten eine Ohrfeige verpassen wollte.
Da mag das Dreiergespann noch so sehr behaupten, sie würden sie alle so sehr lieben, wenn sie sich gegenseitig doch nur betrügen und verletzen – das Ganze letztlich doch auf ein absehbares Ende hinauslaufen zu lassen hebt Gottes Werk und Teufels Beitrag nicht wirklich über Genrekollegen hinweg. Dafür ist der Roman schlicht zu lang und ab der Hälfte die vermeintlichen Helden grundsätzlich unsympathisch. Dass nicht einmal Reue von den Charakteren gezeigt wird, stellt außerdem die moralische Aussage des Buches in Frage. Hier mag es sich zwar um die wichtige Frage der legalen (oder überhaupt vertretbaren) Abtreibung drehen, doch auch diesen Punkt unterstreicht John Irving so oft, dass man seinen erhobenen Zeigefinger alsbald schlichtweg leid ist.
Die Figuren sind zwar so detailliert wie bei kaum einem Autor ausgefallen, doch dauert ihre Entwicklung viel zu lang und überrascht dennoch nicht. Die Landschaftsbeschreibungen und die geschilderte Historie beeindrucken – ob sie jedoch den Rest entschuldigen, muss jeder für sich selbst entscheiden.


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