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Morton Rhue: "Die Welle" [1981]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 02. Februar 2008
Autor: Todd Strasser

Genre: Drama / Dokumentation

Originaltitel: The Wave
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 138 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1981
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1985
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-440-99371-7


Kurzinhalt:
Auch wenn sie im Begleitfilm zur Unterrichtsstunde über den Zweiten Weltkrieg sehen, zu welchen Greultaten die Nazis fähig waren, die Schüler des Geschichtslehrers Ben Ross begreifen nicht, wie sich eine solch faschistische Gesinnung durchsetzen konnte und die deutsche Bevölkerung tatenlos zusah, während solche Verbrechen geschahen.
Dass sie das nicht verstehen können, kann Ross ihnen nicht zum Vorwurf machen – und wagt deshalb ein Experiment. Er führt in der nächsten Unterrichtsstunde einige Parolen ein, die die Klasse als Einheit, als Kern einer neuen, gleich gesinnten und darum starken Bewegung festigt. "Die Welle" ist geboren. Doch während viele Schüler sich bereitwillig in "Die Welle" integrieren lassen, der Disziplin, den speziellen Grußformen und der vermeintlichen "Gleichheit der Mitglieder" Folge leisten, gibt es einige wenige, die die Gefahr der "Welle" erkennen. Darunter die Schülerin Laurie Saunders, deren Freund David allerdings das Potential der "Welle" auch auf die ständig verlierende Football-Mannschaft übertragen möchte.
Doch innerhalb weniger Tage entwickelt "Die Welle" eine Eigendynamik, die auch Ross nicht mehr so recht zu kontrollieren vermag – und sie zu beenden könnte den Lerneffekt des Experiments nicht nur zunichte machen, sondern seinen Schülern auch mehr schaden als nutzen ...


Kritik:
Nachdem das deutsche Nazi-Regime 1945 abgelöst und sich langsam aber sicher ein Bewusstsein dessen bei der Bevölkerung breit machte, welche Verbrechen unter der Schreckensherrschaft tatsächlich begangen wurden, beschlossen die neuen Staatsführer (und ihre Amtskollegen weltweit), dass sich so etwas nie wiederholen sollte. Inzwischen, nur zwei Generationen später, befinden sich eben solche Ideologien wieder im Aufwind, hierzulande, wie auch überall sonst auf der Welt. Es scheint beinahe so, als ob vom Grundgedanken des Faschismus etwas Magisches ausgehen würde. Eine Magnetwirkung, die man sich eben nach so langer Zeit kaum mehr erklären kann.
Dass es insbesondere jungen Menschen schwer fällt, sich in die Rolle derjenigen hinein zu versetzen, die sich von jenen Anführern haben blenden lassen, ist verständlich. Diese Erkenntnis braucht, wenn sie überhaupt kommt, einen gewissen Reifungsprozess. Um seinen Schülern begreiflich zu machen, wie die deutsche Bevölkerung sich einem solch blinden Gehorsam während der 12 Jahre Regierungszeit Adolf Hitlers hat anschließen können, wagt Ron Jones im April 1967 an der kalifornischen Schule ein Experiment. Er etabliert ein faschistisches System bei seinen Schülern, die in der Gruppe ein Gefühl der Macht, der Zugehörigkeit und der Überlegenheit entwickeln, wie sie es zuvor nie kannten.

Der Verlauf dieses Experiments, das innerhalb von nur vier Tagen seine Mitgliederzahl von anfangs 30 Schülern versiebenfachte (!) wurde erst Jahre später durch Jones eigene Beschreibungen bekannt. Schüler wie Lehrer schwiegen damals. Beinahe 15 Jahre später machte sich der Autor Todd Strasser unter dem Pseudonym Morton Rhue auf, das Experiment (damals genannt "The Third Wave" - "Die Dritte Welle") in dem Roman Die Welle zu chronologisieren. Sicherlich mit der ein oder anderen Dramatisierung, jedoch ohne reißerische Momente und mit einem Sinn für Authentizität, dass es einem als Leser mitunter eiskalt den Rücken hinunter läuft.
Auf Grund der geringen Seitenzahl lässt sich schon vermuten, dass Strasser ohne Umschweife zum Kern des Geschehens kommt, und in der Tat wirkt die Novelle eher wie eine sehr ausführliche Berichterstattung, als wie ein Roman. Nach einer kurzen Einführung wird man schnell mit dem Dilemma des Lehrers Ben Ross konfrontiert, der das Experiment nicht nur als Möglichkeit sieht, seinen Schülern eine Lektion zu erteilen, sondern auch sich selbst. Hält man sich vor Augen, dass die Zeitspanne, die Strasser in seinem Buch vorgibt nicht erfunden ist, sondern der Wahrheit entspricht, gewinnt die scheinbar übertriebene Schilderung der Bewegung "Die Welle" eine ganz andere Bedeutung.
Mit Staunen verfolgt man mit, in welcher Geschwindigkeit die Schüler die Vorgaben ihres Lehrers akzeptieren, seinen Worten blind Folge leisten und sich in der Tat gerne führen lassen. Ebenso packend ist auch, dass die Bewegung wie ein Lauffeuer um sich greift, immer mehr Schüler rekrutiert, und ohne Ross' Angaben auch Wege und Mittel findet, diejenigen Mitglieder, die nicht mehr Teil der "Welle" sein wollen, zu bestrafen oder unter Druck zu setzen. Die Eigendynamik ist in der Tat faszinierend und dabei doch erschreckend zugleich.

Insofern erfüllt Strassers Erzählung seinen Zweck, auch wenn die Figuren nur mehr oder weniger oberflächlich geschildert werden. Zwar bekommen viele Charaktere wie beispielsweise Hauptfigur Laurie Saunders einige persönliche Szenen zugeschrieben und sogar ihre Eltern werden mit vorgestellt, doch haben die übrigen Figuren weit weniger zu tun. Laurie selbst erkennt sehr früh, in welche Richtung "Die Welle" sich entwickeln kann, auch wenn sie den Zusammenhang mit Ross' letzter Unterrichtsstunde nicht erkennt. So auch David Collins, der die Rolle des geläuterten Mitgliedes übernimmt.
Zwei Figuren stehen allerdings heraus, an denen der Autor die Wirkung einer solchen Bewegung veranschaulicht; der Lehrer Ben Ross unterschätzt nicht nur selbst die Macht, die Eigendynamik, die seine Gruppe inzwischen entwickelt hat, sondern auch, welche Anziehungskraft die Führerrolle auf ihn gewonnen hat. Wie sehr Macht korrumpiert muss er am eigenen Leib erfahren.
Eine ebenso interessante Figur ist der ehemalige "Verlierer" der Klasse Robert Billings, der in der "Welle" auflebt, sich öffnet und Freunde findet – und gleichzeitig an dem gewonnenen Machtgewinn berauscht, bis er ihn eher für seine Zwecke, als für die der Bewegung einsetzt.
Die verschiedenen Charakterporträts in Die Welle sind sicherlich stellvertretend für ganze Gesellschaftsgruppen, deswegen aber nicht weniger gelungen, pointiert und schon aus gesellschaftspolitischer Hinsicht überaus faszinierend.

Was das Finale etwas vermissen lässt sind ausführlichere Reaktionen der betroffenen Schüler, und auch, wie sie sich in den darauf folgenden Tagen und Wochen verhalten haben. Um dem Geschehen einen gewissen Langzeitaspekt zu verleihen, wären solche Beschreibungen interessant gewesen.
Sprachlich gibt sich Todd Strasser Mühe, den Roman in so einfache und verständliche Worte wie möglich zu fassen, weswegen sich das Buch auch ideal als Lektüre für Schüler eignet.
Leser, die bislang kaum oder noch nie Englische Literatur gelesen haben, werden bei The Wave, so der Originaltitel, sprachlich einen leichten Einstieg finden.
Und eine Empfehlung kann man bezüglich der Welle auf jeden Fall aussprechen, auch wenn die Novelle weniger als Unterhaltungsroman zu sehen ist, wie als sehr ausführlicher und dramatisierter Essay. Als solches, als Geschichtsstunde in der Geschichtsstunde, ist er auch sehr gelungen und vor allem inhaltlich eine Pflichtlektüre. Vielleicht muss sich die Geschichte doch regelmäßig im Kleinen wiederholen, damit sie es im Großen eben nicht tut.
Und eben das macht Die Welle lesenswert und darum auch lehrreich und wertvoll.


Fazit:
Wer würde schon zugeben, dass er oder sie zur Zeit des Dritten Reiches den Propagandaparolen gefolgt wäre? Dies kategorisch abzulehnen ist an sich genau die falsche Antwort. Wenn überhaupt, könnte man ein "Vielleicht" erwidern. Gruppendynamik ist ein Phänomen, das sich kaum beschreiben, viel weniger aber noch erklären oder aufhalten lässt. Dass solche gesellschaftlichen Experimente nicht nur schnell ein Eigenleben entwickeln, sondern auch meist schneller aus dem Ruder laufen, als ursprünglich vermutet, scheint in der Natur des Menschen zu liegen.
Die einzige Möglichkeit, sich davor zu Schützen, Teil einer solchen Gruppe zu werden ist, sich regelmäßig vor Augen zu führen, worauf es letztlich hinauslaufen wird, oder auch nur hinauslaufen könnte. Seine Schüler hierfür zu sensibilisieren war das Anliegen von Ron Jones und auch von Autor Todd Strasser, dem dies mehr als gelungen ist. Man könnte beinahe sagen, Die Welle sollte Pflichtlektüre eines jeden wahlberechtigten Erdenbürgers sein. Oder aber eines jeden, der in einer Gesellschaft lebt, die Parolen propagiert wie "Stärke durch Disziplin" oder "Stärke durch Einheit". Wie schnell aus "Stärke" Überlegenheit werden kann, mussten die kalifornischen Schüler vor 40 Jahren am eigenen Leib erfahren.
Was man als Leser aus dem Essay-artigen, aber nicht wirklich anspruchsvollen The Wave mitnehmen sollte ist die Erkenntnis, dass man die Geschichte verstehen sollte, um sie nicht zu wiederholen. Sie nicht zu vergessen reicht da allein nicht aus.


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