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Jules Verne: "20.000 Meilen unter den Meeren" [1870]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 16. Juni 2008
Autor: Jules Verne

Genre: Unterhaltung / Science Fiction

Originaltitel: Vingt mille lieues sous les mers
Originalsprache:
Französisch
Gelesen in: Deutsch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 222 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Frankreich
Erstveröffentlichungsjahr: 1870
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1874
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 3-596-10006-2


Kurzinhalt:
Seit Monaten schon berichten Schifffahrer von einem sagenumwobenen Wesen, das Meere unsicher macht. Riesig soll es sein, pfeilschnell und unberechenbar; manche Schiffe, die mit dem Ungetüm zusammenstießen, trugen große Schäden davon. Professor Pierre Aronnax, der die Meere studierte, begleitet von seinem Diener Conseil, schließt sich der Fregatte Abraham Lincoln an, um dem Ungeheuer Einhalt zu gebieten.
Monatelang jagen sie ihm hinterher, doch ohne Erfolg. Als sie aufgeben wollen, bekommen sie es endlich zu sehen, doch bei der Kollision gehen Aronnax, Conseil und der Harpunier Ned Land über Bord. Sie finden sich nicht auf einem gigantischen Wal wieder, wie vermutet, sondern auf einem Unterseeboot. Von dessen Kapitän Nemo gastfreundlich empfangen, werden sie zu seinen Gefangenen und dürfen die Nautilus, wie das Schiff getauft wurde, nicht mehr verlassen. Sie begleiten ihn auf seiner Reise unter den Meeren, zu den größten Wundern der Welt – doch ohne Nemos Plan zu kennen, der sich nicht ohne Grund als "Rächer" bezeichnet ...


Kritik:
Bereits seit dem Mittelalter waren die Prinzipien bekannt, die den Menschen die Erkundung der Meere in Unterseeboten ermöglichen sollten. Es dauerte aber bis ins 19. Jahrhundert hinein, ehe der Mensch tatsächlich in der Lage war, sich unterhalb der Wasseroberfläche zu bewegen, ohne dabei nasse Füße zu bekommen.
Der französische Autor Jules Verne hat die Erfindung des U-Bootes damit nicht vorweg genommen, aber er war (wie so oft) auf der Höhe der Zeit, interessierte sich für jene moderne Technik und hat den Gedanken gleich weiter gesponnen. Welche Entwicklung das Unterwasserschiff nehmen würde, welche militärischen Einsatzwecke sich eröffnen würden, schildert er in seinem Abenteuerroman 20.000 Meilen unter den Meeren, in dem er einmal mehr als Ich-Erzähler einen Reisebericht liefert, wie er fantastischer kaum sein könnte. Und auch wenn manche Erkenntnis, die Verne hier präsentiert, inzwischen wieder überholt wurde, und sein Roman unter den üblichen Beschränkungen jener Zeit leidet, er liest sich beinahe 140 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung genauso schnell und faszinierend, wie damals, als er in zwei Bänden erschienen war.

Was einmal mehr an dem Roman verwundert ist die Tatsache, dass die größten Abenteuer der Figuren erst nach etwa einem Drittel des Romans beginnen; bis dahin wiegt der Autor die Leser zuerst in Unsicherheit, worum es sich denn bei dem unbekannten Objekt handelt und verblüfft sie im Anschluss mit der Technik, die erstaunlich detailliert präsentiert wird.
Auch wenn stellenweise eine nähere Erklärung fehlt, wirkt das Design der Nautilus erstaunlich durchdacht und auch die dahinter stehenden Gesetzmäßigkeiten klingen plausibel, wenngleich in Bezug auf Luft- und Wasserdruck etwas naiv. Das Abenteuer, das fortan beginnt, soll dem Leser die Augen öffnen für das größte, unerforschte Gebiet der Welt: die Meere. In sagenhaften Tiefen, den entlegensten Winkeln der Erde sieht sich die unfreiwillige Besatzung Wundern, Lebewesen und Naturschauspielen gegenüber, die man sich kaum vorstellen kann. Darunter sind die für die Thematik unabdingbaren Riesenkraken und Haie ebenso wie der Südpol (dass unter dem Südpol die Landmasse Antarktikas liegt, war damals nicht bekannt) oder gefährliche Strömungen.
Eine Grundaussage wiederholt sich jedoch dabei; so siegt Kapitän Nemo grundsätzlich durch die Überlegenheit der Technik. Es gelingt ihm, die Natur zu seinen Vorteilen zu nutzen, beziehungsweise sie zu schlagen. Dass diese Technologie jedoch auch eine Verantwortung mit sich bringt, wird erst später im Roman angesprochen. Insofern greift Jules Verne ein ihm vertrautes Motiv wieder auf und schildert dessen Seiten in 20.000 Meilen unter den Meeren gekonnt, ohne die Leser mit der Nase darauf stoßen zu wollen.
Aber so packend die Abenteuer, so faszinierend die Unterwasserlandschaften beschrieben sind, was dem Roman fehlt, ist eine durchgehende Story, die dem Ganzen einen Zusammenhalt gibt. So führt Nemo seine Gäste zwar zwei Mal rings um den Erdball unter Wasser (woher übrigens auch der Titel rührt, denn die 20.000 französischen Meilen beschreiben die Distanz, die die Nautilus zurücklegt), doch zu welchem Zweck? Und zu welchem Ziel? Es scheint nicht, als wolle der Rächer der Meere seine Gäste für sein Vorhaben gewinnen wollen, noch, als ob er ein größeres Ziel am Ende vor Augen hätte. Zwar fällt dies angesichts des hohen Erzähltempos nicht so stark ins Gewicht, doch bleibt nach den 220 Seiten ein etwas schales Gefühl zurück, als hätte man sich zwar unterhalten lassen, doch als wisse man gar nicht, was der Autor damit hatte aussagen wollen.

Insofern ist Nemo, so faszinierend die Figur grundsätzlich geraten ist, auch einer der größten Schwachpunkte des Buches. Denn seine abweisende, kühle Art und sein beherrschtes Auftreten in Kombination mit seinem undurchsichtigen Vorhaben, fesseln nur solange, wie man merkt, dass eine Erklärung gar nie folgen wird. Ob er nun Abgeschiedenheit von den Menschen sucht, oder Rache nehmen möchte, bleibt ebenso im Dunkeln, wie seine Beweggründe, die manchesmal lediglich angedeutet werden. Das Wortspiel, dass "Nemo" aus dem Lateinischen übersetzt "Niemand" bedeutet, ist dem Autor gut gelungen.
Ebenso wie die übrigen Figuren, sei es Hauptcharakter Professor Pierre Aronnax, der ständig hin und her gerissen scheint, wem seine Loyalität gilt, ehe ihm durch manche Vorkommnisse die Augen geöffnet werden. Oder sein Diener Conseil, dessen eher schlichtes Gemüt im Laufe der Erzählung vielleicht die größte Verwandlung durchmacht, wenn auch nur immer nebenbei bemerkt.
Dahingehend scheint der Kanadier Ned Land am offensichtlichsten unter den Beschränkungen des Unterseebootes zu leiden. An den drei Figuren exerziert Verne, welchen Einfluss jene Abgeschiedenheit auf die Persönlichkeit haben könnte – und diese Demonstration gelingt ihm ausgezeichnet. Gerade im Gegensatz zu den Figuren aus Reise zum Mittelpunkt der Erde [1864] bleiben die Charaktere hier immer nachvollziehbar, so dass man als Leser auch mit ihnen mitfiebert.
Schon allein durch den Schauplatz und die vielen Beschreibungen, ist die Nautilus selbst beinahe eine eigenständige Figur. Dass ihr Name dem 1801 entworfenen U-Boot des Amerikaners Robert Fulton entliehen ist, ist wohl kein Zufall. Nach einiger Zeit an Bord kann man sich die ausgeschmückten Räume, die prächtigen Salons und die unbändige Kraft des Unterseebootes bildlich vorstellen.

An der spannungsreichen Erzählung gibt es grundsätzlich nichts auszusetzen, die Highlights und Ausflüge der Expedition sind wohl platziert und sorgen immer wieder für ein schnelleres Erzähltempo, wenn man sich fragt, wohin der Autor den Leser denn führen möchte.
Einzig das Finale scheint nicht so recht überzeugen zu können. Dafür wirken die Protagonisten beim Aufeinandertreffen der Nautilus mit dem Kriegsschiff zu passiv – zumal der Epilog ebenso spärlich ausgefallen ist (was jedoch für die Zeit, in der der Roman entstand, alles andere als überrascht). Hier hätte man sich ein endgültigeres Ende vorgestellt, das vielleicht auch in den letzten Zügen etwas über Nemos Motivation verrät.

Sprachlich gibt es nichts zu bemängeln, Übersetzer Joachim Fischer gibt sich merklich Mühe, den Wortwitz und die Abenteuerlust von Jules Verne ins Deutsche zu übertragen, auch wenn die ein oder andere Formulierung etwas zu modern klingen mag. Nichtsdestotrotz liest sich 20.000 Meilen unter den Meeren getreu der Zeit, in der er entstand und verblüfft heute wie damals durch einen Einfallsreichtum, der seinesgleichen sucht. Die Kritikpunkte sollte man angesichts der Zeit, in der das Buch entstand, relativieren. Und allein die Tatsache, dass es seither keinem Autor gelungen ist, jenes Thema ähnlich packend und mit so frischen Ideen einzufangen, sagt mehr über das Buch und Autor Jules Verne aus, als vielen heutigen Autoren lieb sein dürfte.


Fazit:
Zusammen mit Kapitän Nemo die Schätze der vergangenen Epochen auf dem Meeresgrund zu beobachten, oder längst vergessene Kulturen entdecken, mit ihm um die Welt zu reisen, in die abgeschiedensten Plätze der Erde – das hat durchaus seinen Reiz. Auch heute noch.
Zwar enttäuscht gerade der vermeintliche Bösewicht Nemo durch zu wenig Hintergrund, der so sehr im Unklaren bleibt, bis man irgendwann das Interesse daran verliert, doch durch das Dreigespann Aronnax, Conseil und Ned Land hat man als Leser immer einen Bezugspunkt im Roman und Figuren, deren Schicksal einen mitzureißen vermag. Herausgekommen ist ein Abenteuerbuch, das auf unserem Planeten in völlig neue Welten eintaucht, und mich dabei trotz seines Alters von beinahe eineinhalb Jahrhunderten ebenso faszinierte, wie die Technik, die Jules Verne in der Nautilus unterbringt. Dabei darf man sich an manchen Ungereimtheiten nicht stören, und wissenschaftlich wie technisch ist manches seither überholt. Doch ist es die Abenteuerlust, die der Autor bei mir weckte, dich mich am meisten beeindruckte.
So schnell wie sich 20.000 Meilen unter den Meeren liest, sollte man sich den Klassiker nicht entgehen lassen. Vielmehr fragt man sich, wieso viele Autoren seither wenn überhaupt auf dieselben, nicht aber auf neue Ideen kommen.


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