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Mary Shelley: "Frankenstein" [1818]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 9. Juli 2017
Autorin: Mary Wollstonecraft Shelley

Genre: Fantasy / Drama / Horror

Originalsprache: Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: E-Book
Länge: 246 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Großbritannien
Erstveröffentlichungsjahr: 1818
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1912
ISBN (gelesene Ausgaben): 978-1-542-04615-2


Kurzinhalt:
Auf Entdeckungsreise einer Passage zum Nordpol nimmt Robert Walton einen schwerkranken und ausgezehrten Mann an Bord, der im ewigen Eis unterwegs war. Wieder bei Kräften, stellt er sich als Victor Frankenstein vor, der Walton seine Geschichte erzählt. Frankenstein war ein Wissenschaftler, der es sich vorgenommen hatte, einen Menschen zu erschaffen. Nach langem Studium gelingt ihm sein Werk, doch als er seine Schöpfung erblickt, wendet er sich angewidert ab. Das Wesen, dem er Leben eingehaucht hat, flieht. Als Frankenstein in seine Heimat zurückkehrt, hört er von einem tragischen Zwischenfall in seiner Familie. Für ihn besteht kein Zweifel, dass das Monster, das er erschaffen hat, darauf aus ist, ihn zu zerstören, indem es Victor all jene nimmt, die ihm etwas bedeuten ...


Kritik:
Denkt man an klassische Horrorgeschichten mit Monstern, die die Welt buchstäblich über Jahrhunderte prägen sollten, dann fallen einem unweigerlich zwei ein: Dracula und Frankenstein. Wobei Frankenstein an sich der Wissenschaftler ist, der das namenlose Monster erschafft. Inhaltlich war Autorin Mary Shelley ihrer Zeit mit dem Roman Frankenstein weit voraus und präsentiert modernere und fortschrittlichere Ideen als Bram Stoker in Dracula [1897]. Aber so prägend ihr Werk ist, es ist nicht im gleichen Maße gut gealtert.

Auch bekannt geworden unter dem Titel Frankenstein oder Der moderne Prometheus, wird die Geschichte im Grunde in Briefform erzählt. Der Entdecker Robert Walton ist auf dem Weg, eine Passage zum Nordpol zu entdecken. Eingeschlossen vom arktischen Eis, berichtet er seiner Schwester, wie er zuerst eine hünenhafte Gestalt auf einem Hundeschlitten erspäht und am nächsten Tag einen Mann an Bord nimmt, der dem ersten hinterhergejagt war. Letzterer ist Victor Frankenstein, der Walton seine Geschichte erzählt.
Demnach war dieser vor wenigen Jahren noch ein wissbegieriger und aufstrebender Wissenschaftler, dem es gelang, einen Menschen zu erschaffen. Doch nachdem er die Augen der Kreatur erblickte und ihre Hässlichkeit erkannte, wandte er sich ab. Das Monster entkam und schwor später Rache an seinem Schöpfer.

Die Idee der von Menschen geschaffenen Schöpfung, die sich gegen sie wendet, ist unzählige Male in unterschiedlichster Art und Weise aufgegriffen worden. Selten bleibt sie in einem Maße in Erinnerung wie bei Frankenstein und seinem Monster, das, nachdem es ein Bewusstsein entwickelt hat, sich nichts mehr wünscht, als Teil einer Gesellschaft zu sein. Erst, nachdem es wiederholt abgelehnt wurde, wendet es sich gegen seinen Erschaffer und bringt ihm das Leid, das ihm selbst widerfährt.
So ist das Monster nicht unbedingt ein Bösewicht und Frankenstein selbst ein Mahnmal für eine Wissenschaft ohne Gewissen. Geblendet von seinen Fähigkeiten entschied er, ein Wesen zu erschaffen, ohne zu bedenken, was er damit für eine Verantwortung übernehmen würde. Als er sich dieser Verantwortung schließlich entzieht, wendet sich das Wesen gegen ihn.

Das klingt von der Idee her nicht kompliziert und ist es auch nicht, nur wird es von Autorin Mary Shelley – zweifellos der Prosa der Entstehungszeit entsprechend – kompliziert erzählt. So stellt die Rahmenhandlung von Walton bereits einen Rückblick dar. Er erzählt in den Briefen aus seiner eigenen Sicht, was er erlebt hat. Beginnt Victor Frankenstein seine Erzählung, geschieht dies ebenfalls aus der Ich-Perspektive und stellt damit eine weitere Ebene dar. Schließlich kommt es, nachdem das Monster aus Rache die erste Person in Frankensteins nächstem Umfeld ermordet hat, zu einer Konfrontation zwischen den beiden, im Zuge derer das Monster seine eigene Geschichte erzählt. Erneut aus seiner eigenen Sicht und damit als dritte Ebene.

Darüber hinaus macht es ein einfacher Umstand überaus schwer, mit den Geschehnissen in Frankenstein mitzufiebern: Keine der zentralen Figuren ist tatsächlich sympathisch. Für das Monster kann man nur solange Mitgefühl empfinden, bis es die erste Person (und dabei die unschuldigste überhaupt) sinnlos, wenn auch unbeabsichtigt, ermordet. Frankenstein selbst verhält sich in allen entscheidenden Momenten entweder rücksichts- oder kopflos. Seine Schöpfung unbeaufsichtigt zu lassen ist dabei bereits verantwortungslos genug, nach dem ersten Mord niemanden zu warnen, ist schlichtweg töricht. Wirklich nachvollziehbar sind seine Entscheidungen nie, sein Lamentieren, welch ein schreckliches Schicksal er erleidet, schon deshalb schwer erträglich, da ihm nicht aufgeht, dass er es selbst über sich gebracht hat. Nebenfiguren wie Henry Clerval oder Victors Jugendliebe Elizabeth Lavenza spielen zu lange nur eine untergeordnete Rolle, als dass ihr Schicksal in dem Maße interessieren könnte.

Sprachlich erscheint der Roman aus heutiger Sicht an manchen Stellen recht holprig, an anderen hingegen fließt die Sprache in lyrischer Weise dahin. Was unabhängig der verschiedenen, verschachtelten Sätze jedoch auffällt ist die Tatsache, dass Mary Shelley nicht nur die grundsätzlichen Aussagen der einzelnen Figuren mehrmals wiederholt, sondern manche Wörter ständig wiederzufinden sind. Gelegenheitsleser der englischen Sprache werden sich daher merklich schwertun mit den altertümlichen Formulierungen und der mitunter im Vergleich zu heute umgestellten Syntax. So kommen einem die nicht einmal 250 Seiten merklich länger vor, als sie tatsächlich sind. Doch das macht das Werk nicht weniger einflussreich.


Fazit:
Es ist unbestritten, dass Mary Shelleys Frankenstein ein Klassiker der fantastischen Literaturgeschichte ist. Die Ideen der gerade einmal 21jährigen Autorin sind in einem Maße fortschrittlich und greifen in vielerlei Hinsicht anderen Werken voraus, dass man sich nicht vorstellen mag, der Roman werde kommendes Jahr 200 Jahre alt. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Wissenschaft ohne Moral ist ebenso allgemeingültig wie die Warnung, dass sich die Schöpfung stets gegen ihre Schöpfer wendet. Dabei ist es überaus interessant, dass das Monster hier nicht von Grund auf böse geschildert wird, wie es durchaus in anderen Adaptionen des Stoffes der Fall ist. Streng genommen ist es das Opfer seines Erschaffers. So gelungen dies in der Idee ist, der Aufbau des Romans ist mit den zahlreichen Wiederholungen der einzelnen Botschaften und ständig gebrauchten, gleichen Begriffe mehr als zäh. Die verschachtelte Struktur der Erzählung in der Erzählung in der Erzählung lässt den Roman zusätzlich langsam erscheinen. Für mich am schwersten wiegt jedoch, dass die Entscheidungen von Viktor Frankenstein selten nachvollziehbar sind. Mit einer Figur, der ich nicht in ihren Entschlüssen und Verhaltensweisen folgen kann, kann ich auch nicht mitfiebern. Das macht Frankenstein als literarisches Werk nicht weniger prägend oder wichtig, aber zumindest aus heutiger Sicht bedeutend schwerer zugänglich.
 
Denkt man an klassische Horrorgeschichten mit Monstern, die die Welt buchstäblich über Jahrhunderte prägen sollten, dann fallen einem unweigerlich zwei ein: Dracula und Frankenstein. Wobei Frankenstein an sich der Wissenschaftler ist, der das namenlose Monster erschafft. Inhaltlich war Autorin Mary Shelley ihrer Zeit mit dem Roman Frankenstein weit voraus und präsentiert moderne und fortschrittliche Ideen. Aber so prägend ihr Werk ist, es ist nicht im gleichen Maße gut gealtert.
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