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James Clavell: "Tai-Pan" [1966]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 18. Februar 2005
Autor: James Clavell

Genre: Unterhaltung / Drama

Originaltitel: Tai-Pan
Originalsprache: Englisch
Gelesen in: Deutsch
Ausgabe: Gebundene Ausgabe
Länge: 816 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1966
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1970
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 3-89897-116-3


Kurzinhalt:
Es ist der Traum des 'Tai-Pan', des obersten Führers, wie ihn die Chinesen nennen, Dirk Struan, China als vollwertiges Land in den Völkerbund einzubringen. Das verschlossene und doch bevölkerungsreichste Land der Welt ist zu Beginn des Jahres 1841 für die westliche Welt Tabu, niemand darf einreisen. Als sich die britische Krone die karge Felsinsel Hongkong auf Grund Struans Vorschlag sichern kann, fühlen sich die Händler und die Regierung vor den Kopf gestoßen – Hongkong scheint für die erbrachten Opfer im ertragreichen Opiumhandel und im vorangegangenen Krieg nur eine schlechte Trophäe.
Doch Struan, Besitzer und Anführer des einflussreichsten Handelshauses jener Zeit, des Noble House, ist davon überzeugt, in Hongkong ein Sprungbrett nach China gefunden zu haben. Doch während sich das Leben an Land langsam zu entfalten beginnt, werden alte Intrigen weiter gesponnen. Struans Erzfeind, Tyler Brock, der ebenso sehr darauf aus ist, Struan zu stürzen und das Noble House zu vernichten, wie anders herum, scheint seinem Ziel näher denn je. Denn aus Struans Heimat, Großbritannien, dringen schlechte Nachrichten zum neu besiedelten Juwel in Englands Krone – und während Struan zusammen mit seinem Bruder Robb und seinem Sohn Culum versucht, das Noble House vor dem Ruin zu bewahren, machen sich auf Hongkong auch die flüchtigen Chinesen, darunter Aufständische und Verbrecher, ein Quartier. Für Struan beginnt ein Kampf ums Überleben und ein Kampf um seine Vision.


Kritik:
Bei dem Namen James Clavell werden viele Menschen hellhörig; der bekannte Romanautor erlangte mit seinen epischen Werken – das bekannteste davon ist zweifelsohne Shogun [1975] – weltweiten Ruhm, gehörte in den 1970ern und 80ern zu den meist gelesenen Autoren und ist auch 10 Jahre nach seinem Tod 1994 an Krebs in der Schweiz am meisten für seine monumentale Asien-Saga bekannt. Diese begann er mit seinem Erstlingswerk Rattenkönig [1962], das im Jahr 1945 angesiedelt war, und in dem er Erfahrungen des Kriegsgefangenenlagers einarbeitete, in das er als britischer Artillerist während des Zweiten Weltkriegs geriet. Tai-Pan war sein zweiter Roman, in dem er sich der Gründung Hongkongs als britische Kronkolonie widmete. Wenig später folgte Gai-Jin [1973] und dann das berühmte Shogun [1975], dessen Verfilmung fünf Jahre später ebenfalls weltweit erfolgreich war. Noble House [1981] griff die Familien aus Tai-Pan erneut auf, jedoch 120 Jahre nach den Ereignissen. Mit Wirbelsturm [1986] beendete Clavell seine Saga. Dass darin die Kolonialpolitik der Britischen Inseln nicht als Eroberungstaktik verteufelt wird, rührt vor allem daher, dass Clavell den Freien Handel als ein legitimes Mittel sah, die Völker der Erde näher zueinander zu bringen. Vor seinen Romanarbeiten war James Clavell zuerst der Royal Army beigetreten und schrieb, beziehungsweise produzierte selbst ab 1954 Filme – für den Klassiker Die Fliege [1958] lieferte er das Skript, bei Gesprengte Ketten [1963] war er Produzent.

Was jedoch viele von James Clavells Epen ausmachen ist die Tatsache, dass die zahlreichen Figuren und Charaktere, die vielfach ineinander verstrickten Beziehungen und Handlungen lediglich das Beiwerk bei seiner eigentlichen schriftstellerischen Meisterleistung sind, nämlich die Epochen, die Kulturen, Städte und Menschen zum Leben zu erwecken. So zeichnet der Autor in Tai-Pan ein erstklassiges und hervorragendes Porträt Hongkongs, Chinas und Großbritanniens – zwei Nationen, die trotz ihrer oberflächlichen Unterschiede viel mehr miteinander teilen und gemein haben, als man denkt.
Doch während Leser dieser chronikähnlichen Erzählung womöglich genau dies erwarten mögen, verblüfft trotz allem, dass viele Figuren mehr oder weniger blass bleiben, dass die meisten Handlungsstränge am ohnehin kurzen Schluss in der Luft hängen und auch der Abgang vieler Charaktere alles andere als angemessen erscheint. Inhaltlich mag es zwar in der Natur der Geschichte liegen, dass diese ohne einen allumfassenden Handlungsbogen auskommt, wer jedoch einen klassischen Abenteuerroman vor der atemberaubenden und exotischen Kulisse des entstehenden Hongkongs erwartet, dürfte enttäuscht werden. Stattdessen entfaltet der Autor mit seinen zahlreichen Intrigen, zig Handlungssträngen und den bisweilen hintersinnigen und pointierten Dialogen eine interessante Geschichte, die aber trotz allem zu lang geraten scheint und bisweilen an mitreißender Unterhaltungskost zu wünschen übrig lässt.

Von den Figuren stehen verständlicherweise sowohl Dirk Struan, als auch Tyler Brock und Struans Sohn Culum im Vordergrund, die auch allesamt einen sehr natürlichen Charakter zugeschrieben bekommen; und doch scheint keine der drei Figuren, mit Ausnahme des jungen Culum, wirklich sympathisch. Das Verhandlungsgeschick Struans muss man zweifelsohne bewundern und seine Fähigkeiten, auf so vielen Ebenen die Kontrolle zu behalten verleihen ihm ein mystisches, fast unnahbares Wesen – und doch gibt es einige Charaktereigenschaften, seine hintergründige Art, die Menschen für seine Ziele auszunutzen, die ihn dem Leser ein Stück entfremden. Dagegen scheint Tyler Brock im Gegensatz zu seinem Sohn Gorth ansich nicht wirklich unsympathisch, immerhin ist er im selben Maße Seemann und Händler wie Struan. Doch wenn Brock aus heiterem Himmel und auf Grund eines irrigen Ehrgefühls heraus einen wehrlosen Mann bei vollem Bewusstsein erst foltert und ihn dann auf grausame Weise tötet, ohne dafür irgendeine Reue zu empfinden, wirkt er in einem Maße abstoßend, dass sich das kaum in Worte fassen lässt.
Auch die übrigen Figuren besitzen Ecken und Kanten, versuchen ihrerseits, den Tai-Pan für sich zu nutzen, haben mit Geheimnissen und Intrigen zu kämpfen, die einen als Leser trotz allem ziemlich kalt lassen.
So sind es ansich nur vier Figuren, mit denen man wirklich mitfiebert: Einerseits Struan und dessen Sohn, andererseits May-May und Tess Brock, die aber nur eine kleine Rolle spielt.
Eine mangelnde Charakterentwicklung kann man Clavell hier aber eigentlich nicht vorwerfen, alle Figuren bekommen etwas zu tun und müssen sich im Laufe des Buches ihren persönlichen Dämonen stellen, ja ihre Ansichten bisweilen vollständig überdenken oder verwerfen.
Und doch scheinen die heimlichen zwei Protagonisten bedeutend mehr Details zu besitzen und mit mehr Bedacht geschrieben zu sein, als die "offensichtlichen" Charaktere. Was man als Leser über die Menschen und die Kultur Chinas erfährt, die Ansichten der Politiker, die Bräuche und Traditionen, ist schlichtweg atemberaubend. Wer sich auch nur entfernt für die asiatische Kultur interessiert, wird hieran seine Freude haben. Seien es nun die facettenreichen Landschaftsbeschreibungen oder die ausschweifenden Erklärungen bezüglich des geschichtlichen Hintergrunds einiger Romanelemente, auch die Ansichten der Chinesen, ihre Standpunkte und Auffassungen werden entsprechend vertreten. Zu Recht gilt Clavell als einer der wenigen westlichen Autoren, die die asiatische Kultur so zeigen, wie sich die Asiaten selbst sehen, anstatt sie aus einer westlichen Perspektive zu betrachten.
So kommt es auch, dass viele Bräuche, die in Tai-Pan beschrieben werden und auf westliche Menschen unverständlich wirken mögen, vom Autor mit einer Selbstverständlichkeit vorgestellt werden, dass man im ersten Moment stutzt.
Interessant ist dabei, wie der Autor auf sehr subtile Weise die Gemeinsamkeiten der beiden Nationen China und Großbritannien herausstellt; sei es nun die jeweilige Ansicht, man sei das einzig kultivierte Volk auf Erden, dazu bestimmt, die anderen zu beherrschen, oder aber die Fraktionen, die versuchen, die jeweilige Regierung zu stürzen. Gerade in Bereichen des täglichen Lebens hält Clavell den beiden Weltmächten den kulturellen Spiegel vor und genießt es sichtlich, eine gelungene Symbiose der beiden in Dirk Struan eindrucksvoll vorzuführen.
Der zweite "heimliche" Hauptcharakter des Romans ist zweifelsohne die Seefahrt selbst; vom realistischen, tagtäglichen Leben an Bord eines der edlen Segelschiffe, über die Erfahrungen und Tätigkeiten beim Segeln selbst bis hin zur offensichtlichen Verachtung der zwar kraftvollen, aber schlichtweg hässlichen Dampffahrtschiffe deckt Clavell alles ab, was man sich als Fan der großen Seefahrt jener Epoche nur wünschen kann.

Die sprachliche Leistung eines Autors anhand einer übersetzten Fassung zu beurteilen ist ansich nicht möglich. Wenn man sich zudem die übrigen Werke von James Clavell ansieht, muss die bisweilen wirklich unterdurchschnittliche deutsche Präsentation des Buches auf die Übersetzung von Werner von Grünau zurück zu führen sein, der auf zwei Seiten einen Ausdruck bis zu fünf Mal wiederholt und vor allem durch seine umständliche Satzkonstruktion in Erinnerung bleibt. So erinnern ganze Passagen (vor allem zu Beginn) mit der "denn"-Konstruktion an eine Bibelübersetzung, zudem scheinen manche Ausdrücke (auch wenn die große Mehrheit eher dem damaligen Sprachgebrauch angemessen scheint) schlichtweg zu modern und wollen nicht so recht ins Bild passen. Dass sich Vater und Sohn außerdem in der gehobenen, wenn auch nicht adeligen Schicht Englands, in der Öffentlichkeit duzen, adelige Gäste nicht mit "Ihr" anreden würden, scheint nicht zeitgemäß. Auch haben sich einige veramerikanisierte Ausdrücke eingefunden, die den Lesespaß zudem trüben. So kann man nicht umhin, dem Übersetzer in sprachlicher Hinsicht eine unsaubere Arbeit vorzuwerfen, was noch verschlimmert wird, da sich in der vorliegenden Ausgabe zahlreiche Schreibfehler eingeschlichen haben. Da wird aus einem Mr. Grosse urplötzlich ein Mr. Crosse, nur um später wieder zum richtigen Namen zu wechseln. Außerdem fehlen bei zahlreichen Dialogzeilen die endenden Anführungszeichen, bisweilen auch die einleitenden – auch das trübt den Lesespaß und den Lesefluss, ebenso wie wenn nach den kursiv gedruckten Schiffsnamen auch mal das ein oder andere Wort zusätzlich kursiv formatiert wurde; vor allem aber lassen solche Patzer auf eine unsaubere Vorbereitung beim Druck schließen.

Legt man Tai-Pan nach knapp 800 Seiten schließlich bei Seite, muss man doch feststellen, dass die Zeit schneller vergangen ist, als gedacht; wenn sich der wirklich sehr lange Anfang gelegt hat, die verschiedenen Ebenen in Hongkong zum Finale zusammen laufen, dann nimmt der Roman sichtlich an Fahrt zu. An der nicht übermäßig gut geratenen Übersetzung ändert das jedoch nichts, der holprige Stil wird bis zum Schluss beibehalten. Und auch wenn man Dirk Struans Verhandlungen mit Jin'kwa um die Silberbarren drei Mal liest, das konfuse Gefasel in der Mischsprache wird auch dann nicht verständlich. Dafür darf man sich als Leser aber auf eine erstklassige Charakterisierung des entstehenden Hongkongs freuen, das von James Clavell wirklich außergewöhnlich in Worte gefasst wurde. Zart besaitet sollte man angesichts der realistischen Beschreibung der tagtäglichen Geschäfte und Verbrechen dennoch nicht sein.
Dass viele Figuren am Ende in der Luft hängen gelassen werden, nur wenige Stories zum Abschluss kommen, mag in der Natur des Epos liegen, enttäuscht aber dennoch. Denn für das wirklich feuergefährliche und bombastische Finale werden ansich zu wenig Figuren davon betroffen.
Fans der asiatischen Geschichte werden an Tai-Pan ihre Freunde haben, für Clavell-Kenner ist dies ohnehin ein Pflichtkauf; angesichts der vielen Vorschusslorbeeren sollte man allerdings bedenken, dass sich hinter dem wirklich schweren Wälzer vor allem ein Epos verbirgt, das mehr auf Grund seines Inhalts, als seiner Figuren oder der Dramaturgie zu überzeugen weiß.


Fazit:
Es mag sein, dass ich nach den durchweg positiven Meinungen zu diesem Buch etwas anderes erwartet hatte, Tai-Pan hielt für mich jedenfalls einen sehr schweren Einstieg bereit. Das mag an den wirklich unzähligen auf den ersten 80 Seiten eingeführten Charakteren liegen, zwischen denen die Perspektive in einem Tempo hin und her springt, dass man kaum mitkommt, mehr jedoch an der sehr umständlichen und auch unpassend wirkenden sprachlichen Umsetzung, was aber vor allem auf die unzureichende Übersetzung zurück zu führen ist. Dem jedoch beizuwohnen, wie sich viele Figuren gegenseitig auszuspielen versuchen, ist hingegen äußerst amüsant und auch unterhaltsam, wenngleich die meisten Pläne auf Grund des abrupten Finales gar nicht umgesetzt werden können. Ab der Mitte des Buches entfaltete James Clavell zudem ein wirklich mitreißendes Netz aus Lügen, Intrigen und Macht, in dem man sich gern verfängt.
Und doch bleiben die meisten Figuren bedeutend blasser als der bunt beschriebene und lebensecht wirkende Hintergrund, eine berauschende und eindrucksvolle Kulisse Hongkongs und Macaos, die der Autor mit seiner detailreichen Beschreibung zum Leben erweckt.
Als Exkurs in eine fremdartig wirkende und doch sehr ähnliche Kultur mit ihren eigenen Werten und Ansichten, ist Tai-Pan mehr als nur ein Erfolg. Es ist ein monumentales Werk, das konkurrenzlos um interessierte Leser buhlt. Es mag sein, dass ich mir unter Clavells zweitem Roman etwas anderes vorgestellt hatte, denn trotz der interessanten Figuren und der verstrickten Handlung hatte ich ein packenderes Abenteuer erwartet. Empfehlen würde ich den Roman sicherlich denen, die an der Asien-Saga interessiert sind, und die ein Epos im klassischen Sinne erwarten.


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