skip to content

Alice Hoffman: "Märzkinder" [2003]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 13. September 2006
Autorin: Alice Hoffman

Genre: Liebesroman / Drama / Fantasy

Originaltitel: The Probable Future
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 373 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 2003
Erstveröffentlichung in Deutschland: 2005
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-345-47071-0


Kurzinhalt:
Seit dreizehn Generationen kamen die Mädchen der Sparrow-Familie im März zur Welt – und sie alle erhielten an ihrem dreizehnten Geburtstag eine Gabe. Großmutter Elinor kann es spüren, ja förmlich riechen, wenn Menschen lügen. Ihre Tochter Jenny träumt die Träume ihrer Mitmenschen mit, wohingegen die jüngste, Stella, an ihrem dreizehnten Geburtstag die Fähigkeit entwickelt, zu sehen wie und wann manche Menschen sterben.
Als sie ihrem Vater, dem inzwischen von Jenny geschiedenen Will Avery, in einer Bar erzählt, dass eine junge Frau in kürze erstochen werden wird, und sich ihr Vater bei der Polizei meldet, beginnt eine der größten Veränderungen für alle Beteiligten. Will wird wenig später fälschlicherweise unter Mordverdacht inhaftiert, da ihm bei seiner Aussage bei der Polizei vor dem Mord niemand Glauben schenkte. Doch da der wahre Täter nach wie vor auf freiem Fuß ist, flieht Jenny mit Stella in ihr Heimatdorf Unity und dem "Cake House", in dem die Sparrows seit Generationen Leben.
Doch hier werden alte Wunden aufgerissen, auf Grund derer sich Jenny und Elinor so fremd geworden sind, und während Stella durch Elinor, ihren Onkel Matt Avery und den übrigen Dorfbewohnern immer tiefer in die Vergangenheit ihrer mütterlichen Linie eindringt und immer mehr Informationen über ihre Ahnen erhält, zeichnet sich ab, dass nun die Zeit gekommen sein könnte, jene schmerzvollen Kapitel im Leben der Sparrows zu schließen, um neu anzufangen – doch dies ist kaum möglich, ohne neue Opfer zu erbringen ...


Kritik:
Die schier unerschöpfliche Welt der Magie prägt seit jeher das Schaffen der inzwischen 54jährigen, amerikanischen Autorin Alice Hoffman, die bislang über ein Dutzend Werke veröffentlichte, darunter auch einige Kinderbücher. Am bekanntesten ist dabei sicherlich das 1995 erschienene Im Hexenhaus, das unter dem Titel Zauberhafte Schwestern [1998] auch verfilmt wurde – mit wenig Erfolg.
Auch das Kinderbuch Aquamarine [2001] wurde inzwischen von Hollywood adaptiert, ein Schicksal, das Märzkinder angeblich ebenfalls blühen soll, auch wenn der Produktionsstart immer wieder verschoben wurde. Ob sicher Ausflug in jenes magische Universum aber anbietet, ist schwer zu sagen, denn auch wenn die von Alice Hoffman bilderreich beschriebene Szenerie etwas derart Malerisches besitzt, dass es einen schon in Worten sprichwörtlich gefangen nimmt, und man sich in einem solchen Bild stundenlang verlieren könnte, fehlt dem Roman abgesehen von der beschriebenen Familienchronik der Sparrow-Frauen eigentlich eine vernünftige Story, die diesen ausgeschmückten Hintergrund auch rechtfertigen würde.

So entwickelt sich die Geschichte des Romans bereits nach den ersten Seiten in eine gänzlich andere Richtung, als man erwarten würde; die Erzählung der Vergangenheit der Sparrow-Familie nimmt von Grund auf viel Zeit in Anspruch und wird mitunter fließend in die heute angesiedelte Story mit eingearbeitet. Hier ergibt sich auch bereits ein Problem des Buches, das Alice Hoffman vermutlich gar nicht als solches ansieht; wird in einem Abschnitt, der über eine halbe Seite dauert von der jetzigen Erzählung ohne Umschweife, ohne erkennbaren Übergang zur Beschreibung einer vergangenen Zeitebene gewechselt, oder aber die Perspektive von einer Hauptfigur zur anderen gewechselt, stolpert man als Leser bisweilen urplötzlich auf ungewohnte Namen und muss sich dann rückwärts am Text orientieren, um den eigentlichen Perspektivenwechsel herauszulesen.
Hier hätte sich eine deutlichere Gliederung angeboten, ebenso wie ein erweiterter Ausbau der Kriminalstory, die urplötzlich komplett aus der Geschichte gestrichen wird und im letzten Drittel ebenso unvermittelt wieder mit einfließt. Wer also mit einem Mix aus Krimi und Zauber-Geschichte rechnet, wird zweifelsohne negativ überrascht werden, denn statt den Krimi als dramaturgisches Element zu nutzen, versucht Hoffman, die Dynamik aus den immer weiter enthüllten Familiengeheimnissen zu ziehen, was allerdings nur bedingt gelingt. So bleibt The Probable Future, so der ebenfalls nur wenig passende Originaltitel des Romans, zwar immer unterhaltsam, wird aber nie wirklich spannend.
Dabei ist die Hintergrundgeschichte der Sparrows wirklich interessant ausgeschmückt und wartet mit zahllosen Details auf, mit denen man so nicht rechnen würde, auch wenn gerade die Auflösung mit den Verwebungen der Sparrows und dem Schauplatz, dem Ort Unity, doch etwas dick aufgetragen wirken. Rechnet man also als Leser in der Tat mit einer Familienchronik, ist man ohne Zweifel besser auf das vorbereitet, was kommt – wobei dem magischen Element sicherlich ebenso viel Gewicht beigemessen wird.

Unter jener Verlagerung des Erzählschwerpunkts leidet allerdings ganz erheblich die Dramaturgie des Romans, die in gewissem Sinne kaum vorhanden scheint. So spitzt sich weder die Lage der Familie in Unity langsam zu, noch vollziehen sich bestimmte Charakterentwicklungen schleichend. Beides kommt urplötzlich und dann in vollem Umfang, so dass von einer Entwicklung kaum zu sprechen ist.
Auch das Finale ist dementsprechend nicht ausgenutzt, überrumpelt den Leser ohne Vorwarnung und ist nach einigen Seiten ebenso schnell wieder vorbei, ehe sich Hoffman durch den Epilog vom Leser verabschiedet. Hier hätte man sicherlich mehr erwartet und auch mehr erhofft.

Dafür überzeugen die Figuren mit einem Detailreichtum und einem derart lebendig ausgeschmückten Hintergrund, dass einem als Leser beinahe schwindelig wird angesichts dieser Informationsflut. So werden nicht nur die Hauptfiguren aus den Familien Sparrow und Avery samt Werdegang geschildert, wobei die Sparrow-Frauen allein ganze Generationen weit durchleuchtet werden, auch die übrigen Dorfbewohner, werden eingeführt und so lebensnah erzählt, dass man die ineinander verschlungenen Familiengeschichten beinahe miterleben kann.
Größtes Problem hierbei ist allerdings, dass man sich als Leser in kurzer Zeit und meist nur in Nebensätzen erwähnt zahllose Namen merken muss, die im restlichen Roman immer wieder auftauchen, ohne dass meist erklärt wird, wer nun Mutter, Tochter, Bruder oder Onkel ist – auch wenn jedes Mal derselbe Nachname dabei steht.
Die realistischen Figuren nehmen einen als Leser allerdings gefangen, bieten so viel Raum für Spekulationen und sind dabei doch so eindringlich beschrieben, dass man sie förmlich vor sich sehen kann. Dass ihre Entwicklung meist in wenigen großen Schritten vonstatten geht, anstatt langsam aber beständig erzählt zu werden, ist bedauerlich, scheint aber in der Natur des Romans zu liegen. Mit den vielen, miteinander verwobenen Charakteren ist Autorin Alice Hoffman, insbesondere auf Kürze von Märzkinder bezogen, ein kleines Wunderwerk gelungen, das interessierte Leser dementsprechend fordern wird.

Das eigentliche Highlight des Buches ist allerdings die Sprache, mit der Hoffman ihre Leserschaft verwöhnt. Nicht nur, dass in beinahe jeder Zeile, auf jeder Seite und auch trotz der verschiedenen Zeitebenen die magische Stimmung erhalten bleibt und gefördert wird, das ganz eigentümliche Leuchten des Abendrots, die Geräusche der Wälder und des Sees beim Cake House, all jene Einzelheiten und besonderen Merkmale jener verzauberten Umgebung werden spürbar und schlagen sich auch in der malerischen Sprache nieder.
Alice Hoffman spart nicht an vermeintlich kitschigen Beschreibungen, bildhaften Vergleichen und fantastischen Metaphern, um die Bilder im Kopf des Lesers entstehen zu lassen und wer sich auch durch die wenig packenden Passagen des Buches geschlagen hat, wird sich auch nach dem Lesen an einige Höhepunkte erinnern können – so die Beschreibung der Erinnerung von Arzt Brock Stewart, der sich an ein Erlebnis mit Liza Hull erinnert, deren Baby wenige Monate nach der Geburt verstorben ist.
Jener Abschnitt gelang der Autorin ebenso bewegend, wie der lange Abschied im eigentlichen Epilog des Romans, der vielmehr als eine künstliche Magie einfängt, sondern vielmehr den Zauber des Lebens und die Magie der wichtigsten Entscheidungen der Menschen, die des Festhaltens aneinander, und die des Loslassens. Hiermit macht A Probable Future all jene Kritikpunkte wieder wett, die man angesichts der nicht ausgenutzten Geschichte haben könnten – auch wenn man sich kaum vorstellen kann, wie diese lyrische Schreibweise vom Englischen ins Deutsche gerettet werden könnte.

Mag sein, dass sich Märzkinder an Leser mit einer romantischen, vielleicht auch verträumten Ader richtet, wer sich allerdings darauf einlässt, ohne zuviel Spannung oder einen gleichzeitig erzählten Kriminalfall zu erwarten, wird einen meisterlich geschriebenen Roman wiederfinden, der zwar nie in dem Sinne mitreißt, den Leser aber in eine Welt der Magie entführt, in der man sich gern verliert.
Auf Englisch ist dies in der Tat ein Genuss, wenn auch auf Grund der Perspektivenwechsel nicht immer leicht verständlich oder einfach zu lesen; dafür auf jeden Fall lohnenswert.


Fazit:
Dass sich dieser Alice Hoffman-Roman an eine bestimmte Leserschaft richtet und in dem Sinne nicht Bestandteile für jeden Geschmack enthält, ist nicht zu leugnen. Ganz im Gegenteil, wer auf Grund der Story, der Inhaltsbeschreibung sicherlich auch des Potentials damit rechnet, dass sich der Roman im gleichen Maße als Krimi, wie als Chronik entpuppt, wird überrascht werden.
Märzkinder widmet sich dem Hintergrund der Familie Sparrow und den Leben der drei Frauen aus jener Blutlinie. Ihre Vergangenheit ist das zentrale Thema, das ebenso detailliert wie komplex verwoben erzählt wird; dabei fehlt dem Fantasy-Buch meiner Meinung nach allerdings ein dramaturgisch wichtiges Element: die Spannung, die sich aus den Erzählungen jener Sparrow-Generationen nie wirklich ergibt. Insofern war ich im ersten Moment merklich enttäuscht, dass sich Hoffmans Werk in eine andere Richtung entwickelte, als erwartet, bis sich die größten Perlen jener Geschichte offenbaren. Wem ein Besuch in jener zauberhaften Welt samt bewegenden Szenen, einer beinahe schon verschwenderisch schönen Sprache und in sich verschlungenen Charakterhintergründen genügt, der wird die Lektüre von A Probable Future nicht bereuen.


Treffpunkt: Kritik empfiehlt TEUFEL LAUTSPRECHER GmbH – für den perfekten Heimkino-Sound!
Ok. Treffpunkt: Kritik verwendet Cookies, um den Internetauftritt bestmöglich an die Besucher anpassen zu können.
Sofern Sie auf dieser Seite bleiben, stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen finden Sie in der Datenschutzerklärung.