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Roderick Thorp: "Hartnäckig" [1966]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 08. September 2009
Autor: Roderick Mayne Thorp, Jr.

Genre: Krimi / Drama

Originaltitel: The Detective
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Gebundene Ausgabe
Länge: 598 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 1966
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1968
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 66-11630 (Library of Congress Catalog Card Number)


Kurzinhalt:
Der ehemalige Polizist Joe Leland, der sich als Privatdetektiv selbstständig gemacht hat, wird von der hoch schwangeren, jungen Witwe Norma MacIver angesprochen, den Tod ihres Mannes Colin zu untersuchen. Der beging laut Polizeibericht vor einigen Monaten Selbstmord, wohl wissend, dass er Vater werden würde und mit genügend Geld auf dem Bankkonto, um Norma und ihrem Kind ein gutes Leben zu ermöglichen.
Leland und Colin hatten während des Zweiten Weltkrieges kurz zusammen bei der Luftwaffe gedient, auch wenn sich Joe nicht an ihn erinnern kann. Insbesondere die Finanzgeschäfte von Normas Ehemann entwickeln schnell eine Komplexität, die Joe nichts Gutes erahnen lässt. Außerdem wird er bei den Ermittlungen mit Orten und Personen konfrontiert, die ihn an seine Vergangenheit bei der Polizei erinnern, wo er als junger Cop den grausamen Mord an Theodore Leikman aufklärte. Auch an Lelands Ehefrau Karen, deren Verhältnis untereinander gespannt ist, und die in Norma eine Konkurrenz wittert, gehen Joes Untersuchungen und seine daraus folgende Zurückgezogenheit nicht spurlos vorbei. Selbst Steffie, ihre gemeinsame Tochter, spürt, dass etwas nicht stimmt.
Gleichzeitig scheint der Nachbar und Therapeut Normas, Dr. Wendell Roberts, etwas verbergen zu wollen. Als Joe dahinter kommt, was es mit MacIver auf sich hat, steht er vor der Entscheidung, ob er alles in Frage stellen soll, was er bislang erreicht hat – oder lieber wegsehen und keine schlafenden Hunde wecken ...


Kritik:
Mitunter besitzt man ein ganz genaues Bild einer bestimmten Epoche. Und das auch, wenn man sie gar nicht selbst miterlebt hat. Amerika in den 1940er, 50er und 60er Jahren beispielsweise stellt man sich bevorzugt in schwarzweiß vor, mit großen, verchromten Autos, Männern, die Hüte tragen, Frauen, die zu Hause den Haushalt organisieren und die Kinder groß ziehen. Man stellt sich nie enden wollende Sommer an den Küsten vor, eine Mode, die nicht von ausgemergelten, überschminkten Kindern präsentiert wird, Rock'n'Roll, der den Namen auch verdient hat und einer Zukunftseuphorie, die geradezu ansteckend wirkt. Ein solches Bild wird einem vermittelt, wenn man sich die populären Beiträge zum Thema ansieht. Erst später mischen sich die Rassenfeindlichkeiten dazu, die Diskriminierung der Frau, die Auswirkungen des Kalten Krieges auf das Privatleben der Menschen und das Trauma, das der Zweite Weltkrieg selbst bei den Siegermächten hinterlassen hat. Vom damals 30jährigen Autor Roderick Thorp geschrieben, demontiert Hartnäckig, so der wenig passende Titel, jenes oben geschilderte Klischee und das dabei vermutlich nicht einmal absichtlich. Wenn man sich den Klappentext ansieht, wird auch hier nichts davon erwähnt. Stattdessen wird der Roman als richtige Detektivgeschichte gelobt. All das unterstreicht schließlich die Erkenntnis, dass Thorp nicht daran gelegen war, das zeitgenössische Bild zu entmystifizieren, vielmehr schilderte er die Welt so, wie sie für ihn war. Dann muss man sich allerdings irgendwann die Frage stellen, wie authentisch denn die Weltbilder längst vergangener Tage sind, die einem von zahlreichen Medien vorgelebt werden.
Hartnäckig präsentiert dem Leser den eigenwilligen Privatdetektiv Joe Leland, der nach seinem Einsatz als Pilot im Zweiten Weltkrieg zuerst als Polizist arbeitete, ehe er die Marke abgab und sich selbstständig machte. Bereits nach den ersten Kapiteln wird dabei klar, mit welchem Detailgrad der Autor seine Figuren dabei zum Leben erweckt, und wie er sie seiner Leserschaft präsentiert. So wird man quasi mitten ins Geschehen geworfen, wenn Leland morgens im Büro alle möglichen Telefonate führt, verschiedene Operationen leitet und sich gleichzeitig noch um seine neue Klientin kümmert. Verwirrend ist dabei, dass man zu den anderen Fällen nicht viel gesagt bekommt. Vielmehr bekommt man ein Bruchstück von Joe Lelands Arbeitsalltag vorgestellt, ohne dabei aber viele andere Puzzleteile zu sehen zu bekommen. Auch wenn sich die Figuren, sei es nun Leland selbst, die Witwe Norma oder die übrigen Personen erinnern, geschieht dies nicht unbedingt in einer chronologischen Reihenfolge, sondern mitunter springen die Erinnerungen vor und zurück. Immerhin erinnert man sich nicht in der Reihenfolge, wie etwas passiert ist, sondern knüpft Erinnerungen an bestimmte Ereignisse. Sich in diesen Erzählstil einzufinden ist zugegebenermaßen sehr schwierig, oder aber es ist eine Kunst, die heute, fast 45 Jahre nach Erstveröffentlichung des Romans, bei den Autoren leider verloren gegangen ist. Denn mit welchem Detailreichtum Thorp den Charakteren Leben einhaucht, ist in der Tat beeindruckend. Dies umso mehr, da ihm dies bei beinahe allen Figuren auf dieselbe tief gehende Weise gelingt.

Allerdings verkommt Hartnäckig so mehr zu einer Ansammlungen von Charakterstudien, als zu einem handfesten Krimi. Denn während die parallel erzählten Ermittlungen der Polizei gelöst werden, ohne dass Leland selbst daran beteiligt ist, gibt es bei seinen aktuellen Untersuchungen des augenscheinlichen Selbstmordes von Colin MacIver ebenfalls keinen rechten Antagonisten. Je mehr sich das Bild des Gestorbenen vor Lelands geistigem Auge zusammenfügt, umso unwahrscheinlicher wird es, dass er Opfer eines Komplotts wurde. Gleichzeitig mangelt es der Erzählung aber auch an Bösewichten und selbst Dr. Roberts vermag diese Lücke nicht so recht zu füllen.
Dabei stellt sich insbesondere in den ersten zwei Dritteln des Buches die Frage, inwiefern die Erzählungen aus der Vergangenheit Lelands mit dem aktuellen Fall in Verbindung stehen und ob überhaupt. Wenn dies dann allerdings geklärt wird, erfolgt die Auflösung so rasch, dass man als Leser die wichtigsten Momente verpasst zu haben scheint. Dabei verlangt der Autor seinen Lesern auch ab, dass man sich nach sage und schreibe 500 Seiten an einen Namen erinnern kann und eine Person zuzuordnen in der Lage ist, die nur ein Mal erwähnt wird, und deren Zusammenhänge mit der Geschichte später nicht erneut erläutert werden. Ob auch das ein Stilmittel jener Zeit gewesen ist, sei dahingestellt, es macht Hartnäckig aber zu einem stellenweise holprig zu lesenden Buch, bei dem man häufig zurückblättern muss, wenn man der Geschichte ganz folgen möchte. Wer sich jedoch darauf einlässt, bekommt eine Vielzahl interessanter und faszinierender Charaktere vorgestellt, die zusammen ein ungewöhnliches und lebendiges Portrait einer Zeit bilden, die sich im Roman als Normalität sieht und nicht, wie wenn es aus heutiger Sicht beschrieben wird, als jenes "goldene" Aufbruchszeitalter. Roderick Thorp gelingt wohl eher unbeabsichtigt ein Zeitzeugnis, das mit manchen, prüden Vorurteilen aufräumt und eine Welt aufzeigt, deren Ängste und Traumata sich von den heutigen nicht so sehr unterscheiden.


Fazit:
Man wird, ohne es wirklich zu wissen, das Gefühl nicht los, als ob diese Besessenheit der heutigen Unterhaltungsmedien mit Sex, Macht und Betrug, ein Phänomen der heutigen Zeit ist. Immerhin schildern einem die Medien aus früheren Jahrzehnten kaum solche Vorfälle und Zusammenhänge. Roderick Thorp zeigt in seinem Roman auf, wie sehr die Beziehungen der Menschen von Sex dominiert werden und widmet sich dabei dem (damaligen) Tabuthema der Homosexualität. Aus heutiger Sicht entsprechen manche Figuren gängigen Genreklischees, allerdings wurden diese Klischees erst viel später durch ihre Wiederholung begründet.
In Hartnäckig finden sich viele kantige Figuren, darunter auch ein Frauenbild, bei dem sich die Ehefrau nicht Zuhause einsperren lässt, sondern ihrer Arbeit nachgehen muss, damit ihr die Decke nicht auf den Kopf fällt. Die tatsächlichen Verstrickungen des Immobilienkomplotts sind dabei zwar sehr komplex, werden aber nicht wirklich von Leland aufgedeckt, sondern im Lauf der Erzählung als aufgedeckt präsentiert. Auch die Auflösung des Todes von MacIver kommt zu plötzlich und die Erkenntnis zu überraschend. Für einen klassischen Krimi fehlen dem Roman zudem schlicht die Bösewichte. Als Zeitdokument und als Untermauerung einer facetten- und detailreichen Erzählkunst eignet sich der Roman nach wie vor, doch sollte man ihn auch unter dem Aspekt angehen, um keine falschen Erwartungen zu hegen.


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