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Mark Billingham: "Die Blumen des Todes" [2003]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 27. Dezember 2007
Autor: Mark Billingham

Genre: Thriller

Originaltitel: Lazybones
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 406 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Großbritannien
Erstveröffentlichungsjahr: 2003
Erstveröffentlichung in Deutschland: 2004
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 0-06-056086-X


Kurzinhalt:
So grotesk der Tatort ist, zu dem Detective Inspector Tom Thorne in einem schäbigen Hotel gerufen wird, mit dem gefesselten, männlichen Opfer hat der Polizist kein großes Mitleid. Der jüngst entlassene Häftling saß wegen Vergewaltigung – und genau dieses wurde ihm (ob vor oder nach seinem Tod lässt sich nicht feststellen) unter anderem angetan. Der Täter hat bei einem Floristen einen Kranz für sein Opfer bestellt, und es wird nicht der Letzte sein.
Insofern hat Thorne Mühe, seine Kollegen zu animieren, den Täter überhaupt fassen zu wollen, der "der Gesellschaft ja einen Gefallen erweist", wie einige kommentieren. Doch der Killer schlägt schneller zu und scheint auch sein Schema abzuwandeln. Unterdessen kommt Thorne Eve Bloom, der Floristin, näher – doch der Fall zieht viel engere Kreise, als der Ermittler zunächst ahnt ...


Kritik:
Zu Beginn einer Reihe, die eine zentrale Figur besitzt, ist es schwierig, abzuschätzen, wie gut die Vorarbeit des Autors tatsächlich ist. Oftmals verpulvern viele Erfinder die Eigenheiten, Charaktereigenschaften und Hintergründe bereits im ersten Band, um diese in den kommenden Romanen dann lediglich aufzuwärmen, selten aber zu ergänzen. Oder aber dem Autor gelingt ein ähnliches Kunststück, wie es Mark Billingham wenige Jahre zuvor in Der Kuss des Sandmanns [2001] gelungen ist, in dem Tom Thorne zum ersten Mal auftrat. Bereits hier waren die Grundbausteine für seine Figur gelegt, die Kanten grob abgesteckt und seine familiären Verhältnisse ebenso erklärt, wie sein privater Werdegang. In Die Tränen des Mörders [2002] erweiterte Billingham dies um die persönlichen Ansichten des Polizisten, der mit beiden Beinen im Leben steht. In Die Blumen des Todes scheint sich zum ersten Mal in Thornes Liebesleben etwas zu bewegen – wobei der Autor aber gleichzeitig weiter an der Charakterisierung seines Protagonisten feilt. Und dafür auch den weit zurück reichenden und verzwickten Fall als Ursache hernimmt.

Vom Aufbau gibt sich Die Blumen des Todes dabei sehr ähnlich den bisherigen Büchern, entfaltet sich sowohl in der Erzählung der aktuellen Fälle, wie auch in Rückblicken in die Vergangenheit des Täters – die Verknüpfungen beider Handlungsstränge erfolgt erst dann, wenn der Leser alle notwendigen Informationen in der Hand hält, den Finger selbst auf die Verdächtigen zu richten. Und eben hier liegt das Problem im dritten Roman der "Tom Thorne"-Reihe, die bereits zwei sehr gute Romane hervor gebracht hat.
Zum ersten Mal wird der dem Privatleben von Thorne immens viel Platz eingeräumt, Figuren eingeführt, die ausschweifend erklärt und mit einem reihhaltigen Hintergrund versehen werden. Kenner des Thrillergenres wird es also nicht überraschen, dass sowohl Thornes privates Abenteuer, als auch die Ermittlungen mit einander verknüpft werden – auf welche Weise, lässt sich allerdings erst ab der Hälfte des Romans abschätzen.
Bis dahin verlangt der Autor der Leserschaft viel ab, greift mit Vergewaltigung und ihrer Auswirkungen auf die Psyche der Opfer, sowie ihr soziales Umfeld ein Thema auf, das gerade in der heutigen Zeit immer wieder verschwiegen wird – und das bei über 8.500 bekannten Vergewaltigungen in Deutschland 2004. Beinahe doppelt so viele Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern waren in jenem Jahr bekannt; die Dunkelziffer, insbesondere bei ersterem, wird sehr hoch (bis zu 1:20) geschätzt. Es ist ein schwieriges Thema, das in Bezug auf die Vergewaltiger kein Verständnis aufkommen lässt. Und doch scheint sich Billingham aus der Verantwortung ziehen zu wollen, wenn es darum geht, Position zu beziehen, ob verurteilte Sexualstraftäter eben jenes Unrecht, das sie jemandem angetan hatten, ebenfalls angetan werden darf. Er nennt lediglich beide Aspekte der Diskussion, ohne aber seinen eigenen Standpunkt deutlich machen zu wollen. Dies umgeht er auch in letzter Instanz dadurch, dass das letzte Opfer kein Vergewaltiger ist und die Bestrafung der Täter somit auch nach einem anderen Maßstab erfolgt.

So sehr die Aussage der Story also nach etwa der Hälfte des Buches auf der Stelle tritt – auch die genreüblichen, wenn auch nicht von der Hand zu weisenden Motivationserklärungen tragen ihren Teil hierzu bei – die Charaktere sind es, die Lazybones, so der Originaltitel, lesenswert machen.
Auch wenn Thornes bester Freund Phil Hendricks nur sehr wenig zu tun bekommt, das Team um Thorne wird dafür stärker in den Mittelpunkt gerückt. Sei es der bald Vater werdende Dave Holland oder aber Andy Stone oder Yvonne Kitson. Sie alle bekommen neue Hintegrundinformationen eingebrannt und dürfen sich mitunter gar nicht sympathisch weiter entwickeln. In der Tat fällt einem als Leser an sich keine einzige Figur ein, die nicht irgendeinen Makel aufweisen würde, die sich zumindest suspekt, mitunter aber schlicht unfreundlich erscheinen ließe.
Die Charakterentwicklungen vollziehen sich dabei wie gewohnt langsam, offenbaren von einem Moment auf den anderen neue Aspekte und ziehen den Leser somit in den Bann der Figuren. Auch die neu vorgestellten Personen Eve, Denise und Ben kommen diesbezüglich nicht zu kurz. Es ist faszinierend, wie viele Informationen Billingham selbst bei Nebenfiguren unterbringt, um sie dem Leser verständlich zu machen. Auch wenn der Roman gerade deshalb länger geworden ist, als er an sich hätte sein müssen. So kann man sich in den lebensnahen, kantigen Figuren verlieren, die auch über manche Schwäche in der Story selbst hinwegtäuschen.

An spannenden Momenten mangelt es dem Autor dabei grundsätzlich nicht, doch die durchgehende Dramaturgie von Die Blumen des Todes ist es, die ein wenig ruckartig geraten scheint. Nicht nur, dass manche "Szenen-Collagen" etwas übertrieben künstlerisch geraten sind und verkrampft einen filmischen Stil imitieren, es scheint fast so, als würde die Ermittlung immer wieder anlaufen, sobald eine neue Leiche entdeckt wurde, dann wird das Tempo immer weiter zurück gefahren, ehe eine weitere Leiche es wieder entfacht. Wirklich spannend ist dahingegen lediglich das Finale ausgefallen, das zum einen sehr plastisch beschrieben ist, andererseits aber auch absehbar eingefädelt wird. Der Verlauf, beziehungsweise der Ausgang ist hingegen kaum abzuschätzen und dementsprechend schnell fliegen die Seiten am Leser auch vorbei.

Sprachlich gibt sich der Roman, wie sollte es beim Thema anders sein, sehr erwachsen und richtet sich auch an eine entsprechende Leserschaft. Die unzähligen Vulgaritäten mögen insbesondere nicht englischsprachigen Lesern etwas übertrieben vorkommen, doch sie unterstützen zusammen mit den natürlichen Dialogen den Sprachfluss und die Authentizität der Gespräche. Ohne Vorkenntnisse was die Fachbegriffe angeht, wird man sich als Neueinsteiger im Englischen Original allerdings etwas schwerer tun. Für alle anderen dürften die Satzkonstruktionen kein Hindernis darstellen.

Es ist bei der BBC in der Tat geplant, eine Filmumsetzung der Tom Thorne-Romane in Angriff zu nehmen; ob und wie sich die doch sehr brutalen Geschichten überhaupt umsetzen lassen, wird sich weisen. Bis dahin darf man sich als Leser und Kenner der Reihe aber darüber freuen, dass Autor Mark Billingham mit dem dritten Teil der Reihe neue Grundlagen für weitere Entwicklungen legte.
Einziger Haken ist die Geschichte selbst, die den Leser zwar zum weiterlesen animiert, aber letztlich nicht so schweißtreibend spannend geraten ist, was vielleicht auch daran liegen kann, dass man mit den Opfern keine Sympathien hegt. Wäre das Tatmuster früher schon variiert worden, wäre Lazybones womöglich spannender geraten.
Lesenswert ist es für Fans der Reihe dennoch, und mit Sicherheit ein wirklich guter Thriller. Nach den ersten beiden Büchern verlagert sich hier allerdings das Gewicht der Erzählung auf die Charaktere, anstatt beides gleichzeitig zu bewerkstelligen.


Fazit:
Mit schillernden TV-Serien-Figuren haben weder das Ermittlerteam, noch der charismatische Tom Thorne selbst etwas gemein; Autor Mark Billingham zerpflückt das Klischee des sauberen und unerschütterlich menschlichen Polizeiinspektors mit der gnadenlosesten aller Waffen: der Realität. In vielen kleinen Momenten, wie wenn Thorne das Autofenster herunterkurbelt, um nach dem Lesen unter der Fahrt die leichte Übelkeit zu vertreiben, oder Beschreibungen von Thornes weniger rühmlichen Nachtaktivitäten demontiert der Roman die Fassade einer Ikone und ersetzt sie durch einen natürlichen Menschen, zu dem man schnell Zugang findet.
Auch die anderen Figuren, insbesondere das Ermittlerteam, erfahren einen so reichhaltigen und vielschichtigen Hintergrund – inklusive des Täters. Doch hier verheddern sich die Erklärungen in klischeehaften Schilderungen, und auch Thorne selbst ins Visier des Täters geraten zu lassen ist ein Schachzug, der im Genre leider üblich ist, und somit die Auflösung des Romans in gewissem Sinne vorweg nimmt. Nichtsdestotrotz verbirgt sich hinter Die Blumen des Todes ein wirklich guter, sehr stimmungsvoller und authentisch erscheinender Roman, dessen Realitätsbezug ihn in meinen Augen ein wenig den Lesespaß kostet. Die Polizeiarbeit ist meist eben nicht so spannend. Nur muss man das dem Leser nicht ständig auf die Nase binden.


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