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Fernando Fernandez: "Bram Stoker's »Dracula«" [1982]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 18. April 2009
Autor: Fernando Fernandez

Genre: Horror / Fantasy

Originaltitel: Dracula
Originalsprache:
Spanisch
Gelesen in:
Englisch
Ausgabe: Comicband
Länge: 96 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Spanien
Erstveröffentlichungsjahr: 1982 (1984 in Buchform)
Erstveröffentlichung in Deutschland: 1985
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): keine bekannt


Kurzinhalt:
Zu Besuch beim Grafen Dracula in Transsylvanien, soll der Anwalt Jonathan Harker dem Schlossbesitzer an sich Unterlagen zu dessen Grundstückserwerb in London überbringen. Doch schon die Reise ins Schloss offenbart Schauderliches und auch der Graf selbst ist Harker nicht geheuer. Bald schon muss der Anwalt erkennen, dass der Graf nichts Gutes im Schilde führt und dass er ihn vor allem nicht gehen lassen will.
Harkers Verlobte Mina, die in London auf ihn wartet, versucht währenddessen ihrer Freundin Lucy beizustehen, die nach einer Schiffhavarie im Hafen unter einer unbekannten Krankheit zu leiden scheint. Erst als der aus den Niederlanden angereiste Professor Van Helsing die junge Lucy untersucht und weitere Nachforschungen anstellt, scheint sich zumindest für den Professor das Rätsel im ihre Erkrankung zu lüften.
Ihr aller Schicksal ist mit dem des Grafen verwoben, in dessen Vergangenheit ein gefährliches Geheimnis schlummert ...


Kritik:
Kaum eine Fantasy-Figur wurde bislang so oft erneut zum Leben erweckt, wie der transsilvanische Graf Dracula. 1897 im Genre prägenden Dracula von Autor Bram Stoker einem Massenpublikum zugänglich gemacht, versuchten sich viele Autoren an dem Vampirstoff und waren stets darum bemüht, der Legende um den blutrünstigen Grafen und seinen Vampirjüngern neue Facetten zu verleihen.
Der spanische Comiczeichner Fernando Fernandez geht hingegen einen anderen Weg. Er erweitert die Blutsaugersaga nicht, er kleidet den von Stoker knapp 100 Jahre zuvor verfassten Kultroman in entsprechend düstere, aussagekräftige Bilder. Weniger wie ein Autor, viel mehr wie ein Künstler, malt er Szenen aus dem Horrorroman, der seither schon mehrere Generationen fasziniert hat und erweckt sie so zum Leben. Herausgekommen ist ein in der Tat beeindruckendes Werk, das in gemäldeähnlichen Bildern erzählt, was sich bislang nur im Kopf des Lesers abgespielt hat.

Unzählige Male verfilmt, setzt sich dabei sicherlich auch im Vorstellungsvermögen des geduldigsten Lesers ein bestimmtes Bild fest, wie man sich denn die Burg des Grafen, seine Erscheinung oder auch die drei Vampirfrauen vorstellen sollte, von denen im Roman die Rede ist.
Doch was man diesbezüglich in Fernandez Comicversion des Romans zu sehen bekommt, übertrifft nicht nur auf die Details bezogen alle Erwartungen. Mit ausgesuchten, oft sehr ungewöhnlichen Farben, interessanten, unvorhergesehenen Blickwinkeln und mit einer detailverliebten Präzision malt der Zeichner ein Bild des Romans, das der Geschichte urplötzlich auf beängstigende Weise eine Plastizität verleiht.
Dabei wirkt er weit weniger opulent wie manche Filmumsetzung des Stoffes, erschafft jedoch eine authentische Atmosphäre, die trotz der inhaltlichen Kürzungen in der Geschichte vom ersten bis zum letzten Bild bestehen bleibt.

Wer sich die verschiedenen Bilder dabei genauer ansieht, wird bemerken, wie sich auch der Stil des Zeichners vom Beginn in den Karpaten, bis hin zum Hafen Londons und der Rückkehr in die Heimat des Grafen wandelt. Verwischen die Konturen beim Auftakt wie bei einem Ölgemälde, werden die Abgrenzungen deutlicher, wenn sich Fernandez der britischen Hauptstadt und ihren Bewohnern widmet. Erst, wenn der Einfluss des Grafen wieder Überhand über die Geschichte gewinnt, ändert sich auch der Stil wieder in Richtung der Ausgangslage.
Diese Änderungen sind dabei allerdings sehr subtil und fallen erst dann stärker auf, wenn man nach dem Abschluss des Erwachsenencomic vom Anfang in die Mitte vorblättert und dann zum Schluss springt. Überhaupt empfiehlt es sich, nach dem Lesen nochmals auf allen Seiten in den Bildern zu schwelgen. Man wird manche Feinheit erst bei mehrmaligem Hinsehen entdecken.
Beim Finale, das in der Romanvorlage sehr kurz ausfällt, wartet der Zeichner zudem mit mehrseitig komponierten Panels und Bildern auf, bei denen schon allein die Anordnung und die verschiedenen Ebenen, in denen sich die Erzählung urplötzlich abspielt, wie ein Kunstwerk wirken.

Wenn die Figuren am Schluss, auf der letzten Seite wie ein Ensemble dem Leser präsentiert werden, hat man in der Tat das Gefühl, man habe sich gerade von einer persönlichen Darbietung verabschiedet. Wie bei einem Theaterstück wirkt auch der dramaturgische Aufbau, der sich stets darum bemüht, jeder Szene größtmögliche Bedeutung beizumessen und sie mit so vielen Details wie möglich auszuschmücken. Die wichtigen Lokalitäten werden mehrmals besucht und auch die Entwicklung der Figuren ist erkennbar.
Zeichner Fernando Fernandez komprimiert den Roman Bram Stokers gekonnt auf weniger als 100 Comicseiten und schafft es dennoch, die gesamte Geschichte in demselben Rahmen zu erzählen. In malerischen Bildern wird der Leser eingeladen, sich auf eine Reise zu begeben, die auf Grund ihrer eindrucksvollen Optik beinahe davon ablenkt, dass der Zeichner den Kern des ursprünglichen Dracula-Romans auf den Punkt bringt. Was man sich an dieser Stelle und angesichts der zahlreichen Verfilmungen nur wünschen kann, ist eine werkgetreue Verfilmung des Comics. Denn beunruhigender und stilsicherer kann die Geschichte um den Grafen kaum erzählt werden.


Fazit:
Eine Geschichte als Comic zu erzählen bietet ganz andere Möglichkeiten und Herausforderungen, als sie beispielsweise ein Roman vorgibt. Umso spannender ist es zuzusehen, wie sich ein etablierter Künstler an das Thema heranwagt. Fernando Fernandez erweitert das Thema um ein optisches Verständnis, das gerade in der heutigen Welt, in der mehr als zwei Drittel aller Informationen über das Auge aufgenommen werden, Dracula eine Tiefe verleiht, die manche Leser dem Stoff vielleicht nicht zugetraut hätten.
Die Figuren und die Geschichte werden entsprechend wiedergegeben, wenn auch dem Comichintergrund gemäß angepasst. Dramaturgisch beinhaltet das Comic alle Höhepunkte, belohnt den Leser allerdings mit Bildern, die man ohne weiteres auf eine Leinwand hätte malen und ausstellen können. Jedes Panel versetzt in Staunen durch Ölgemälde im Stile des 19. Jahrhunderts, beinahe jede Seite entspricht einem Meisterwerk. Das zu genießen war für mich ein Privileg und ein Erlebnis und es wundert nicht, dass sich Fernandez seit den 1990er Jahren auf die Malerei konzentriert.
Fans der Thematik sollten sich diese Comicumsetzung nicht entgehen lassen. Eindrucksvoller, zeitloser und künstlerisch überzeugender kann ein Comic kaum sein. Und zu diesem Thema schon zweimal nicht.


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