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Robert Harris: "Angst" [2011]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 27. Mai 2018
Fear-Index-Cover
Urheberrecht des Covers liegt bei
Heyne | Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN: 978-3-453-43713-5 (Broschur); Preis € (D) 9,99
.
Verwendet mit freundlicher Genehmigung.
Autor: Robert Harris

Genre: Thriller

Originaltitel: The Fear Index
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in:
Englisch
Ausgabe:
E-Book
Länge:
386 Seiten
Erstveröffentlichungsland:
Großbritannien
Erstveröffentlichungsjahr:
2011
Erstveröffentlichung in Deutschland:
2011
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe):
978-1-4090-3912-9


Kurzinhalt:

Ein kostbares Buch, das ihm aus heiterem Himmel zugesandt wird, ein nächtlicher Überfall, bei dem er nur knapp mit dem Leben entkommt – das Leben von Wissenschaftler und Hedgefonds-Begründer Dr. Alexander Hoffmann gerät immer weiter aus den Fugen. Während sich sein Geschäftspartner Hugo Quarry Sorgen um die Öffnung des Fonds macht, wodurch die Investoren bedeutend größere Summen als bislang bereitstellen können, glaubt Hoffmann, auf dessen Algorithmus der Fonds an den Finanzmärkten operiert und eine viel höhere Rendite als die Konkurrenz abwirft, das Opfer einer groß angelegten Verschwörung zu sein. Der erfahrene Polizist Leclerc entdeckt, dass Hoffmann während seiner Arbeit bei CERN am großen Teilchenbeschleuniger bereits einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Selbst Alex stellt sich die Frage, ob er dabei ist, den Verstand zu verlieren – oder ob jemand bewusst seine steigende Angst nutzt, um ihn zu manipulieren …


Kritik:
Für nicht wenige Menschen sind Aktien und der Handel mit Wertpapieren, Fonds etc. ein Buch mit sieben Siegeln. Dass der britische Autor Robert Harris seinen nach wie vor hochaktuellen Techno-Thriller Angst in eben jenem Metier ansiedelt, würde die Möglichkeit bieten, sich mit den Zusammenhängen und der Dynamik des Finanzmarktes, an dem inzwischen in Bruchteilen von Sekunden gehandelt wird, zu beschäftigen. Das ist von Seiten der Leserschaft mitunter sogar erforderlich, da sich die temporeiche Erzählung überaus technisch gestaltet und nur innerhalb der eigenen Story die notwendigen Zusammenhänge darstellt. Aber wer nicht zumindest ein grundlegendes Verständnis für die Materie mitbringt, dem werden viele brisante wie gelungene Punkte entgehen.

Angesiedelt unmittelbar vor dem realen „Flash Crash“, bei dem am Nachmittag des 6. Mai 2010 kurzzeitig mehr als eine Billion Dollar an den US-amerikanischen Aktienmärkten verloren schienen, als der Dow Jones kurzzeitig um beinahe 1.000 Punkte absackte, um sich im Anschluss zumindest zum Teil wieder zu erholen, präsentiert Robert Harris eine packende Story, die so weit hergeholt gar nicht erscheint.
Im Zentrum steht der in Genf lebende Wissenschaftler Dr. Alexander Hoffmann, Gründer des nach ihm benannten, fiktiven Hedgefonds „Hoffmann Investment Technologies“. So erfolgreich sein Fonds dabei ist, er selbst ist jemand, der nur selten in der Öffentlichkeit zu sehen ist. Diese Aufgabe übernimmt CEO Hugo Quarry, mit dem Alex seit Jahren bekannt ist. Eines Abends, kurz bevor der Fonds plant, weitere Milliarden seiner Investoren aufzunehmen, um damit erfolgreich an den Aktienmärkten ungeheure Summen zu erwirtschaften, erhält Hoffmann eine überaus wertvolle Ausgabe von Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren [1872] des Evolutionswissenschaftlers Charles Darwin. Als würden ihn die darin dargelegten Thesen über Angst nicht bereits genug verwundern, wird Alex in der Nacht von einem Einbrecher überfallen und verletzt. Es beginnt ein Tag, der seltsamer nicht verlaufen könnte und an dem Hoffmann zunehmend seinen Verstand zu verlieren glaubt.

Angst ist gleichermaßen Psycho- wie Techno-Thriller, wobei ein Schwerpunkt kaum auszumachen ist. Überwiegend aus der Sicht von Alexander Hoffmann erzählt, bringt der Autor die steigende Panik in ihm überaus greifbar zur Geltung, wobei einem angesichts dessen, was ihm widerfährt zugegebenermaßen angst und bange werden kann. Die übrigen Perspektiven aus Sicht von Hugo, Hoffmanns Ehefrau Gabrielle oder auch Polizist Leclerc dienen meist dazu, die finanztechnischen Aspekte der Geschehnisse zu erklären. Aber während sich Autor Harris durchaus die Zeit nimmt, die Funktionsweise des dem Hedgefonds zugrundeliegenden Algorithmus VIXAL-4 und seiner Ursprünge zu erläutern, scheint er die Geflechte am Finanzmarkt selbst als bekannt vorauszusetzen.
So kommt es insbesondere im letzten Drittel, dass man als Laie den Schilderungen dessen, was am Aktienmarkt vorgeht, nur schwer folgen kann. Das schadet zwar dem Erzähltempo nicht, da sich der Roman zu der Zeit bereits auf den technologischen Aspekt der Story verlagert hat, aber es macht die Auswirkungen des Geschehens kaum greifbar.

Dafür gelingt es erstaunlich gut, in Alex Hoffmann einen Protagonisten vorzustellen, der zwar nach außen verschlossen auftritt, aber von der Leserschaft nicht isoliert wird. So zurückgezogen wie auf seinem Gebiet brillant, gibt es bei ihm – nicht nur auf Grund der in Genf angesiedelten Geschichte – Parallelen zu Frankenstein, ohne dass ihm jedoch der moralische Kompass abhandenkommt. Vielmehr verhalten sich die Figuren in Angst durchweg nachvollziehbar und natürlich. Sie alle stellen die richtigen Fragen und ziehen Schlüsse aus den Ereignissen, wie man sie selbst ebenfalls zuvor gezogen hatte. Dass es keinen greifbaren Bösewicht gibt, bedeutet nicht, dass nicht früh absehbar wäre, wer im Hintergrund die Fäden zieht. Doch das macht Hoffmanns Weg zur Auflösung nicht weniger unterhaltsam und lesenswert.

Sprachlich offenbart Harris einen Stil, der die im Grunde sehr langen Kapitel, in denen mitunter mehrere Perspektivenwechsel stattfinden, merklich kürzer erscheinen lässt. Trotz der Fachbegriffe eignet sich das mühelos für Gelegenheitsleser. Ungeachtet der beinahe 400 Seiten, gerät Angst dadurch bedeutend kurzweiliger, als man vermuten würde. Dabei haben beide Aspekte der Story in den vergangenen Jahren an Bedeutung deutlich hinzugewonnen, statt verloren. Aktueller könnte der Roman damit nur schwer sein.


Fazit:
Allein die Vorstellung, dass Algorithmen bestimmen, welche Papiere an den Aktienmärkten gehandelt werden, besitzt etwas Erschreckendes. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass an den bloßen Zahlen schließlich Existenzen und am Ende Menschenleben hängen. Die Überlegung, die Autor Robert Harris hier aufwirft, hat eine weitaus beunruhigendere Konsequenz . Doch verteufelt er den dahinterstehenden Mechanismus, der inzwischen in greifbare Nähe gerückt ist, nicht, sondern bewundert ihn gewissermaßen nüchtern durch die Augen seines Protagonisten Alex Hoffmann. Das ist im Grunde die einzig richtige Entscheidung, aber sie beraubt Angst auch gewissermaßen eines Antagonisten. Es überrascht, wie wenig dieser Umstand am Ende stört, wenn die Geschichte zu einer Auflösung kommt, die die meisten Leser und Leserinnen bereits vermuten werden. Der Aspekt des Techno-Thrillers ist daher gelungener als der des Psychothrillers. Zwar lässt der Roman im letzten Drittel leider überraschende Ideen vermissen, doch das heißt nicht, dass die Story und ihre Entwicklung nicht mitreißen würden, ganz im Gegenteil. The Fear Index, so der passend mehrdeutige Originaltitel des Buches, ist eines der kurzweiligsten Bücher, die ich zuletzt gelesen habe. Ohne im Stile von Dan Brown den Aspekt, dass die Ereignisse in knapp 24 Stunden stattfinden, ständig zu betonen, gelingt Harris ein enorm hohes, aber immer angenehmes Erzähltempo, bei dem die Beschreibungen nie sperrig oder langatmig werden. Einzig, dass er kaum die Dynamik und die Zusammenhänge am Finanzmarkt selbst beleuchtet, macht es schwer, sich hier hineinzuversetzen. Aber womöglich liest sich Angst gerade deshalb so schnell, weil er diesbezüglich nicht zu sehr ins Details geht.
 


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