Dream Scenario [2023]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 24. Januar 2024
Genre: Komödie / Drama / Fantasy

Originaltitel: Dream Scenario
Laufzeit: 102 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2023
FSK-Freigabe: noch nicht bekannt

Regie: Kristoffer Borgli
Musik: Owen Pallett
Besetzung: Nicolas Cage, Julianne Nicholson, Michael Cera, Tim Meadows, Dylan Gelula, Dylan Baker, Kate Berlant, Lily Bird, Jessica Clement, David Klein, Cara Volchoff, Noah Centineo, Nicholas Braun, Amber Midthunder, Lily Gao


Kurzinhalt:

Universitätsprofessor Paul Matthews (Nicolas Cage) führt ein ereignisloses Leben. Auch seine Ehe mit Janet (Julianne Nicholson) und ihren beiden Töchtern ist frei von Höhen und Tiefen. Doch dann melden sich vermehrt Menschen, beginnend bei seiner eigenen Tochter, die von ihm träumen. Dies betrifft gleichermaßen fremde Menschen, die Paul noch nie gesehen haben. Eine alte Freundin schreibt über Paul in einem Onlinebeitrag und über Nacht wird er beinahe weltberühmt. In den Träumen vieler tausender Menschen ist er ein passiver Beobachter. Für Paul, der sich seit langem wünscht, gesehen und wahrgenommen zu werden, ist es ein Segen und er hofft, dadurch einen Verleger für ein Buch zu finden, das er noch gar nicht geschrieben hat. Doch der plötzliche Ruhm bringt auch Schattenseiten mit sich. Als sich Pauls Auftritte in den Träumen der Menschen zu gewalttätigen Horrorvisionen wandeln, sieht sich der schüchterne Professor einer Welle des Hasses und der Ausgrenzung gegenüber, die alle Bereiche seines Lebens überrollt …


Kritik:
Was in Kristoffer Borglis Dream Scenario als amüsante Kuriosität beginnt, wird für die von Nicolas Cage preiswürdig gespielte Hauptfigur, die aus unerfindlichen Gründen in den Träumen wildfremder Menschen auftaucht, zunehmend zu einem persönlichen Alptraum. An dem unscheinbaren Leben eines Universitätsprofessors, der buchstäblich über Nacht berühmt wird, veranschaulicht die Komödie die zwei unterschiedlichen Seiten des Ruhms, die sich im Social Media-Zeitalter nur noch schneller abwechseln.

Zu Beginn führt Paul Matthews ein ganz normales, geradezu außergewöhnlich ereignisloses Leben. Seine Kollegen und Bekannten selbst bezeichnen ihn als „bemerkenswerten Niemand“, an den man sich kaum erinnert. Die Vorlesungen des Evolutionsbiologen, in denen er die Studierenden unter anderem darüber aufklärt, dass ein Beutetier wie das Zebra erst dann zur Zielscheibe wird, wenn es den Kopf aus der Herde heraushebt und wahrgenommen wird, ist spärlich besucht. Doch dann bemerkt Paul, dass nicht nur seine Tochter schon mehrmals von ihm geträumt hat, auch Studierenden ergeht es so. In den Träumen, in denen überwiegend schlimme Dinge geschehen, ist Paul selber nur ein unbeteiligter Beobachter des Geschehens. Er selbst tut nichts. Als die kuriose Traumerscheinung publik wird, befeuert von einem Onlineartikel einer ehemaligen Liebschaft Pauls, die er seit Jahrzehnten nicht gesehen hat, wird Paul berühmt. Es ist eine Aufmerksamkeit, die er nicht nur genießt, sondern von der er glaubt, sie verdient zu haben.

Gerade in einer Zeit, in der viele junge Menschen Influencer als Traumberuf ausloben, erscheint Pauls unerwarteter Ruhm ihm wie ein Segen. Umso mehr, da er weder hierfür, noch in den Träumen der Menschen etwas tun muss. Trifft er sich zu Beginn mit einer Studienkollegin von vor 30 Jahren, die eine Forschungsarbeit über ein Thema publizieren möchte, über das Paul damals gesprochen hat, fühlt er sich gekränkt. Immerhin sei es seine Theorie und auf die Frage, ob er dazu je etwas verfasst habe, antwortet er voller Überzeugung, dass er ein Buch zum Thema veröffentlichen werde – er muss es nur noch schreiben. Berät er sich nach seinem Bekanntwerden rund um die Welt bei einer Agentur, sieht diese Pauls Potential als Werbeträger. Er selbst möchte seine Berühmtheit nutzen, um bei Verlegern einen Fuß in die Tür zu bekommen, so dass ihm endlich die Anerkennung zuteil wird, die ihm seiner Meinung nach bislang vorenthalten wurde. Bedenken, die mit der Aufmerksamkeit, die ihm widerfährt einhergehen, wischt er weg. Allein die Möglichkeit, eine Fantasie ausleben zu können, die er vermutlich nicht einmal sich selbst eingesteht, bringt den zweifachen Familienvater in Erregung. Doch dann tritt er urplötzlich in wiederkehrenden Alpträumen der Menschen auf, die verstörend und gewalttätig sind. Die Welle der Ablehnung, der Ausgrenzung und des Hasses, die Paul entgegenschlägt, ist vernichtend. Es ist eine Wendung, die nicht nur Paul selbst, sondern auch seine Familie bedroht.

Nicolas Cage erweckt den alltäglichen Paul, der seit Jahrzehnten darüber spricht, was er einmal tun möchte, es aber nie in Angriff nimmt, als einen beinahe schüchternen Mann, der zwar behauptet, seine Anonymität zu schätzen, aber gleichzeitig in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit badet, wenn sie sich ihm bietet. Allein, dass seine Frau in Erwägung zieht, seine Studienfreundin könnte an ihm interessiert sein, schmeichelt ihm. Doch so sehr er sich daran stört, dass er in den Träumen der anderen nur passiver Beobachter bleibt, selbst als jemand in sein Zuhause eindringt, wird Paul nicht aktiv. Doch so einfach ihm der Ruhm zufällt, so schnell wandelt sich, wie er wahrgenommen wird. Dies reicht von verbalen Angriffen über Ausgrenzung bis dahin, dass er aus dem Leben der anderen förmlich ausradiert werden soll. Diese emotionale Achterbahnfahrt mitzuerleben, macht Dream Scenario durchaus packend, selbst wenn die Erzählung nur selten genügend Zynismus oder eine satirische Bissigkeit entwickelt, um wirklich hervorzustehen.

Was bleibt, ist eine durch und durch skurrile Dramödie, die ein wenig zu lange Pauls Höhenflug auskostet und bei seinem unweigerlichen Absturz zu viele Stationen überspringt. Handwerklich ist das tadellos dargebracht, wobei der Kontrast zwischen dem gediegenen Vorstadtleben des Professors und den mitunter grafischen Alpträumen, in denen er auftaucht, kaum größer sein könnte. Nur ist die Aussage, auf welche die Geschichte hinarbeitet, lange absehbar. Es macht sie aber nicht weniger richtig oder wichtig. Auf Grund der ungewöhnlichen Herangehensweise eignet sich das zwar nicht für ein breites Publikum, wer sich darauf einlässt, erwartet aber nicht nur eine bittersüße Botschaft ganz am Ende, sondern auch ein geradezu surrealer Weg dorthin.


Fazit:
Obwohl Paul Matthews auf den ersten Blick wie ein Mann scheint, der alles hat, was man in einem normalen Leben erwarten kann, er grübelt viel darüber und scheint nicht damit zufrieden. Wie auch, wenn einem jeden Tag Ideale vorgelebt werden, was alles noch besser und schöner, wie erfolgreich man sonst sein könnte. So nimmt er die Ereignisse als Geschenk, steckt, wie in seiner Lesung vorgestellt, den Kopf aus der Herde und macht sich damit zu einem weithin sichtbaren Ziel. Anfangs genießt er die Aufmerksamkeit, doch dann betritt er die Schattenseiten des Ruhms, an denen er wie sein Leben zu zerbrechen droht. Filmemacher Kristoffer Borgli bringt diese Zweischneidigkeit ebenso gut zur Geltung wie die unrealistische Erwartungshaltung, wenn eine junge Frau in Paul dem Mann gegenübersitzt, von dem sie jede Nacht träumt. Die eigene Projektion in die Chancen der Berühmtheit ist so fatal wie die Projektion der eigenen Vorstellung auf andere Menschen, von denen man nur eine Rolle kennt, nicht aber sie selbst. Dream Scenario ist ein toll umgesetzter und skurril seltsamer Film, dessen Dreh- und Angelpunkt Nicolas Cages fantastische Darbietung bietet, die vielleicht die beste seiner Karriere ist. Selbst wenn Pauls Schicksal nicht in dem Maße mitnimmt, wie man erwarten würde, ihm zuzusehen, ihn in seinen menschlichsten und verletzlichsten Momenten zu begleiten, ist fesselnd. Als Affirmation eines beschaulichen, normalen Lebens, könnte die Geschichte auch kaum einen besseren Schlusspunkt finden. Selbst wenn die letzte Etappe dorthin ein wenig aufgesetzt erscheint.