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Die Wannseekonferenz [2001]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. Mai 2004
Genre: Drama / Dokumentation

Originaltitel: Conspiracy
Laufzeit: 96 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA
Produktionsjahr: 2001
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Frank Pierson
Musik: -
Darsteller: Kenneth Branagh, Stanley Tucci, Colin Firth, Ben Daniels, David Threlfall, Jonathan Coy, Brendan Coyle, Ian McNeice, Owen Teale, Nicholas Woodeson, Kevin McNally, Peter Sullivan, Ewan Stewart, Brian Pettifer, Barnaby Kay


Kurzinhalt:
Am 20. Januar 1942 treffen sich am Wannsee in Berlin 15 hochrangige Nazifunktionäre auf Grund einer Einladung von SS-Obergruppenführer und Vorsitzender des Reichssicherheitshauptamtes General Reinhard Heydrich (Kenneth Branagh), der zusammen mit seinem Stellvertreter SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann (Stanley Tucci) die geheime Konferenz vorbereitete.
In weniger als zwei Stunden lassen sie sich von den dreizehn weiteren Männern, darunter Staatssekretär Dr. Wilhelm Stuckart (Colin Firth), Sturmbannführer Rudolph Lange (Barnaby Kay), Dr. Joseph Bühler (Ben Daniels), Erich Neumann (Jonathan Coy), dem Oberhaupt der Gestapo Heinrich Müller (Brendan Coyle), SS-Oberführer Gerhard Klopfer (Ian McNeice), Roland Freisler (Owen Teale) vom Reichsjustizministerium, der SS-Gruppenführer vom Rasse- und Siedlungshauptamt Otto Hofmann (Nicholas Woodeson), Martin Luther (Kevin McNally), Eberhard Schöngarth (Peter Sullivan), Dr. Georg Leibbrandt (Ewan Stewart), Alfred Meyer (Brian Pettifer) und dem Ministerialdirektor der Reichskanzlei, Wilhelm Kritzinger (David Threlfall), das legitimieren, was in Berlin ohnehin beschlossene Sache war: Die Ermordung aller Juden in Europa.


Kritik:
Es ist nicht einfach, Die Wannseekonferenz zu besprechen, ohne den Inhalt des dokumentarischen Films zum Gegenstand der Besprechung zu machen. Andererseits, kann man angesichts des Inhalts einen Bezug darauf guten Gewissens verweigern?

Macht sich Hollywood auf, die Verbrechen, die im Nazideutschland begangen wurden, aufzuarbeiten, dann endet das nicht selten in einem einseitigen Bild, das die Deutschen als seelenlose Monster darstellt, deren Grausamkeit keine Grenzen kannte. Sieht man sich an, in was für einer kaltblütigen, menschenverachtenden Art und Weise 15 Menschen über einen Nachmittag hinweg die Ermordung von mehr als 10 Millionen Menschen beschließen, dann kann man sich des Eindrucks der "Monster" nicht erwehren.
Der Holocaust kostete 6 Millionen Juden das Leben, vermutlich noch viele mehr, die gar nicht dokumentiert wurden. Und auch wenn diese "Endlösung" in Berlin bereits beschlossen war, die in der Wannseekonferenz vorgestellten 15 Menschen haben sie gutgeheißen, legitimiert und auf den Weg gebracht.
Was dieses Drama, das die Ereignisse der Wannseekonferenz anhand eines 1947 gefundenen Protokolls nacherzählt, so sehenswert macht ist die Tatsache, dass die unbegreifliche Leichtigkeit, mit der den Männern hier der Tötungsbefehl über die Lippen kommt, in einer erschreckenden Weise offenbar wird. Durch die wirklich ausgezeichneten Darsteller, einem erstklassigen und auch gegenüber den anderen Kriegsmächten kritischen Drehbuch und nicht zuletzt dank der fast schon klaustrophobischen Inszenierung ist Die Wannseekonferenz eine notwendige und unabdingbare Ergänzung zu den Pflichtfilmen aus dem Bereich des zweiten Weltkrieges.

Was das preisgekrönte Drehbuch von Loring Mandel herausarbeitet ist die unvorstellbare Art und Weise, mit der sich die Männer in diesem Raum zuerst über das "unlösbare Problem" der Juden in Rage bringen, um anschließend, nach kleinem Widerstand ihre Ermordung zu beschließen. Dabei vermeiden sie zu jeder Zeit, das Töten in den Mund zu nehmen, sie berauschen sich mit Worten an dem Gutheißen der Exekutionen, am Errichten der Konzentrationslager und der Gaskammern. Aus einer fiktiven Panikmache erwirken sie für sich die Rechtfertigung für einen Akt der Grausamkeit, der bis dahin in der Weltgeschichte seines Gleichen suchte. Es mag sein, dass manche von ihnen sich tatsächlich selbst belogen, so ein Vorhaben wäre nicht realisierbar, bis ihnen Adolf Eichmann, der als einer der Architekten des Holocaust gilt, in Worten und Zahlen vorführte, wie man die Juden aus Europa herausbringen werde.
Doch so erschütternd die Erkenntnis über die grenzenlose Arroganz und die barbarischen Verbrechen des Nazi-Regimes auch sein mögen, es werden zwei weitere Dinge im Laufe des Films dank der Drehbuchvorlage sehr deutlich. Zum einen wird Kritik angeführt, dass die Aussiedlung der Juden auch deshalb erschwert wurde, weil die Nachbarstaaten ihre Grenzen geschlossen hielten – Flüchtlinge hatten es dabei ebenso schwer, wie von der SS umgesiedelte Juden. Und auch das Zögern der US-Regierung wird kritisch angesprochen, ebenso wie das der restlichen Welt, waren doch schon 1935 in den Nürnberger Gesetzen die unvorstellbaren Definitionen von Reinheit des deutschen Blutes festgesetzt worden, das unter Androhung von Gefängnis die Eheschließung zwischen Juden und Deutschen verbot, wodurch der Grundstein für die Judenverfolgung überhaupt erst gelegt wurde.
Die zweite Erkenntnis, die man im Laufe dieser 96 Minuten gewinnt ist ebenso erschreckend wie bezeichnend, denn sie besagt nur, was ohnehin bekannt war: die größte Gefährlichkeit der Nationalsozialisten bestand in ihrer Redegewandtheit. Die Art und Weise, wie Reinhard Heydrich seine Kameraden mit seinen Worten einwickelt, wie er sie mit seinen Kommentaren und Verweisen genau dazu bringt, dass sie letztendlich selbst die einzige Antwort der "Endlösung" finden werden, ist furchteinflößend. Als geschultem Rhetoriker gelingt ihm die Manipulation der Anwesenden in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit. Und das war schließlich das Mittel, mit dem die SS der NSDAP ihre eigentliche Macht nahm, ohne dass die Partei lange Zeit davon etwas gewusst hätte.
So gibt sich bereits das Drehbuch als ein erstklassiges, durch seine Authentizität erschreckendes und unumstößliches Beispiel aus einer Zeit, die nicht vergessen werden darf, da sie sonst Gefahr läuft, sich zu wiederholen.

Diese Grausamkeiten in Worte zu fassen und diese unmenschlichen Gestalten festzuhalten war Aufgabe der Darstellerriege, die zwar mit wenigen Ausnahmen keine großen Namen vorweisen kann, die aber auf Grund ihres Theater-Hintergrunds wie geschaffen ist für dieses Kammerspiel.
Allen voran Kenneth Branagh und Stanley Tucci, die in einer derart überzeugenden Manier die Nazis Heydrich und Eichmann mimen, dass man Angst vor ihnen bekommt. Nie zuvor waren sie so verstörend, dass sie dafür mit Preisen ausgezeichnet wurden, ist nur verständlich.
An ihrer Seite brilliert Colin Firth als Stuckart in einer zweifelsohne sehr schwierigen Rolle, den man anfangs womöglich noch sympathisch finden mag, der sich in seinem Streitgespräch mit Klopfer aber unmissverständlich als ein menschenverachtender Judenhasser äußert. Schauspielerisch eine exzellente Leistung.
Eine Figur, mit der man wenigstens zu einem Teil noch mitfühlen kann, ist der Ministerialdirektor Kritzinger, herausragend gespielt von David Threlfall, der als einziger der Meinung ist, dass eine Tötung der Juden der falsche Weg sei – und doch stimmt er der Endlösung zu, unter Druck gesetzt von Heydrich.
Die übrige Besetzung, von denen wirklich jeder gefordert ist, ist exzellent ausgesucht, auch wenn an Branaghs und Tuccis Leistung jedoch kaum einer vorbei kommt.

Inszenatorisch gelingt Regisseur Frank Pierson, der immerhin schon 76 Jahre alt war, als die Fernsehproduktion gedreht wurde, und der von 2001 bis 2005 auch der "Academy of Motion Picture Arts and Sciences" vorsaß (die Organisation, welche alljährlich die Oscars verleiht), eine beinahe klaustrophobische Stimmung, die dank der sehr guten und fast schon intimen Kameraführung mit zahlreichen Großaufnahmen und sehr pointierten Schnittwechseln die Atmosphäre dieses stickigen Konferenzzimmers gekonnt einfängt.
Dabei verzichtet er vollkommen auf eine musikalische Untermalung (abgesehen von einer kurzen Einspielung von Franz Schuberts Streichquintett in C-Dur), sondern zieht seine Spannung aus den Dialogen und der darstellerischen Leistung, die gerade bei den stillen Passagen, in welchen den Beteiligten das Wort im Halse stecken bleibt, ihre Höhepunkte erreicht.
Handwerklich gesehen ist Die Wannseekonferenz ein Paradebeispiel für ein gelungenes Kammerspiel, das von seinen Darstellern und dem Drehbuch lebt.

Dabei wurde ein Aufwand betrieben, wie man ihn nur von einer Kinoproduktion her kennt; gedreht wurde in 16:9 (obgleich im Deutschen Fernsehen leider nur die Vollbild-Version zu sehen war), und die Darsteller blieben den gesamten Drehtag über in ihren Kostümen, auch während der Pausen. Das Set bestand aus einem vollständigen Zimmer, in dem die Wände oder die Decke nicht entfernt werden konnten, so dass eine kleinere Kamera von Nöten war, um in dem engen Set manövrieren zu können. Die einzelnen Szenenaufnahmen waren zudem extrem lang und umfassten bisweilen 20 Seiten des Drehbuchs (was für Theaterdarsteller wie Branagh kein Hindernis bedeutet), gedreht wurde zum Teil übrigens auch am Wannsee in Berlin.

Und doch sollte man sich angesichts des Inhalts nicht in technischen Details verlieren, denn was Die Wannseekonferenz bietet ist ein dokumentarisches Hollywood-Kino, das erschütternder nicht sein kann. Welche Überwindung es die Darsteller gekostet haben muss, diese Dialoge vorzutragen, kann man erahnen. Hört man Heydrich und seine Mit-Verbrecher in dieser Konferenz über die "Unterlegenheit der jüdischen Rasse" sinnieren, fällt es einem schwer, sich nicht abzuwenden.
Mit einer überheblichen Süffisanz wird hier zwischen Mittag- und Abendessen der Tod von Millionen Menschen diskutiert – von einer solchen Unmenschlichkeit kann man nicht unberührt bleiben.


Fazit:
Es war für die Beteiligten sicher kein einfacher Dreh, und auch wenn es völlig absurd klingt, sie haben dennoch eine hervorragende Arbeit geleistet, da sie die Grausamkeit und die menschenverachtende Arroganz jener 15 Männer und damit auch die eigentliche Essenz des Nazi-Regimes in einer so schockierenden Klarheit eingefangen haben, dass man als Zuschauer am liebsten abschalten möchte.
Kenneth Branagh und Stanley Tucci übertreffen sich hier als zwei Architekten des größten Genozids der Menschheitsgeschichte, als Initiatoren einer Maschinerie, die in ihrer Folge über 6 Millionen Menschenleben kostete. Und wenn Heydrich und seine Mitverschwörer (grundsätzlich ja auf Befehl des Führers hin) während der Wannseekonferenz mit fast schon spielerischer Leichtigkeit die Ermordung aller Juden in Europa in die Wege leiten, und sich dabei sogar soweit hineinsteigern, dass sie sich im Recht sehen, dann ist das aufwühlend und erschütternd zugleich.
Es zeigt aber auch, weshalb man nicht still daneben sitzen darf, wenn diese Gedanken irgendwo wieder aufkommen, nämlich damit sich ein solch unaussprechliches Verbrechen, über das hier in weniger als zwei Stunden fast schon nebensächlich entschieden wurde, nicht wiederholt.


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