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X-Men: Erste Entscheidung [2011]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 25. Mai 2011
Genre: Fantasy / Action / Thriller

Originaltitel: X-Men: First Class
Laufzeit: 132 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2011
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Matthew Vaughn
Musik: Henry Jackman
Darsteller: James McAvoy, Michael Fassbender, Kevin Bacon, Rose Byrne, Jennifer Lawrence, Nicholas Hoult, Caleb Landry Jones, Lucas Till, Oliver Platt, Álex González, Jason Flemyng, Zoë Kravitz, January Jones, Edi Gathegi, Demetri Goritsas, Glenn Morshower, Matt Craven


Kurzinhalt:
Angetrieben, den Mann zu finden, der ihn in seinen eigenen Augen zwanzig Jahre zuvor zu einem Monster gemacht hat, reist Erik Lensherr (Michael Fassbender) um die Welt. Je näher er seinem Ziel kommt, umso größer wird sein Hass, und umso größer seine Macht über das Metall. Unterdessen wird Charles Xavier (James McAvoy), der jüngst seinen Professortitel verliehen bekam, von der CIA-Agentin Moira MacTaggert (Rose Byrne) angesprochen sie benötige Hilfe bei einem Thema, mit dem sich Telepath Xavier bestens auskennt: Mutation.
MacTaggert selbst hat Menschen gesehen, die übernatürliche Kräfte besitzen und ein ebenso unvorstellbares Aussehen. Sie ist der Meinung, dass der dubiose Sebastian Shaw (Kevin Bacon) Wesen mit diesen Mutationen um sich schart, um etwas Furchtbares zu tun. Als Xavier zusammen mit der Verwandlungskünstlerin Raven (Jennifer Lawrence), MacTaggert und einem CIA-Trupp Shaw und dessen Gehilfin Emma Frost (January Jones) eingegrenzt hat, trifft Charles auf Erik. Nur gemeinsam, das wird ihnen klar, können sie Shaw besiegen und rekrutieren hierfür andere Mutanten. Doch Shaw wartet mit einem eingespielten Team auf und hat sich ein Ziel gesetzt, bei dem unschuldige Opfer unumgänglich sind. Kann Xavier dabei dem von Hass getriebenen Erik wirklich vertrauen? Immerhin unterscheiden sich seine und Shaws Meinung nicht allzu sehr ...


Kritik:
Es ist ein gewagter Schritt des Studios, nach drei überaus erfolgreichen Filmen in einem Franchise, einen weiteren mit denselben Figuren, aber gänzlich anderen Darstellern zu wagen. Erklären lässt sich das damit, dass X-Men: Erste Entscheidung die Ursprünge der bekannten Charaktere erforscht, die damals verständlicherweise bedeutend jünger waren. Die Frage ist nur, ob das Publikum diese Verwandlung akzeptiert? Kenner der übrigen X-Men-Filme können es nur hoffen, denn nach dem enttäuschenden Spin-off X-Men Origins: Wolverine [2009] besinnt sich X-Men: First Class, wie der Film im Original heißt, auf bekannte Tugenden und geht dennoch neue Wege. Mit Figuren wie Charles Xavier und Erik Lensherr, besser bekannt als Professor X und Magneto, kann man nicht viel falsch machen.

Nach drei Filmen um die Comic-Mutanten dachte man womöglich, man hätte zwischen den Zeilen herauslesen können, wie sich zwischen ihnen eine Freundschaft entwickelte, die sich später in eine Rivalität um die Zukunft der Mutanten unter den Menschen wandelte. Doch die Drehbuchautoren, darunter auch der Regisseur der ersten beiden Filme, Bryan Singer, waren hier wohl anderer Meinung. Was X-Men: Erste Entscheidung ausgesprochen gut gelingt ist, den Kern der Figuren einzufangen, womit sich Regisseur Matthew Vaughn jedoch übernimmt, ist der Versuch, alle Beziehungen und Storyenden soweit auf einen Nenner zu bringen, dass eine mühelose Überleitung zu X-Men möglich wäre. Wozu die Eile?

Die Geschichte der Gegner durch ihr Schicksal beginnt mit einem jungen Erik Lensherr, der in einem Konzentrationslager von einem sadistischen Wissenschaftler dazu gebracht wird, seine Begabung, das Beherrschen von Metallen, zu perfektionieren. Wie und wann er diesem Martyrium entkommt, lässt der Film offen. Was Kennern in den ersten Minuten von Erste Entscheidung auffallen wird, sind die bekannten Klänge, die das Geschehen unterstreichen. Die Musik von Michael Kamen aus X-Men [2000] wurde hierfür extra lizenziert, und wenn wenig später Henry Jackmans Score einsetzt, wird man trotz dessen Bemühungen merken, wie sehr man Kamen vermisst. Jahrzehnte später ist Erik, mit einer inneren Unrast von Michael Fassbender gespielt, als würde er versuchen, eine Eruption des Hasses seiner Figur im Zaum halten zu wollen, auf der Suche nach jenem Schergen, der sein Leben auf so grausame Weise geprägt hat. Dieses Unterfangen führt ihn rund um die Welt und erinnert in seinen Ausführungen samt der Kostüme ein wenig an James Bond. Überhaupt gelingt es Regisseur Vaughn überraschend gut, die 1960er Jahre aufleben zu lassen, ohne sich in Klischees zu verfangen. Während Eriks Vendetta neue Richtungen bekommt, wird der promovierte Charles Xavier – James McAvoy tritt gelungen in die Fußstapfen von Patrick Stewart – von der CIA angesprochen, er möge bei dem Thema Mutationen helfen. Denn die Agentin Moira MacTaggert hat mit eigenen Augen gesehen, wie Sebastian Shaw mithilfe einer Verwandlungskünstlerin einen Militäroffizier bedrängte, dass sich dieser zu einer strategischen Entscheidung durchringt, welche später die Kubakrise auslösen wird.

Die etwas mehr als zwei Stunden Laufzeit füllt X-Men: Erste Entscheidung nicht nur mit Vorstellung der bekannten Figuren, darunter auch Mystique, Beast, Banshee, Darwin und der Bösewichte Azazel, Riptide, Emma Frost oder Angel, sondern auch damit, die Beziehung der Figuren untereinander zu beleuchten. Insbesondere bei Mystique und Beast ist das gut gelungen, wenn auch nicht so charismatisch wie bei Charles und Erik – doch neue Aussagen abgesehen vom bekannten, "man sollte sich nicht verstecken müssen, weil man anders ist" gibt es nicht. Diese Botschaft ist nach wie vor richtig und wichtig und gewinnt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges eine ganz andere Bedeutung, die vor allem Kennern der Comics seit der ersten Stunde vertraut ist, doch für eine filmische Neuauswertung hätte man sich etwas mehr gewünscht.
Erstaunlich viele Passagen sind im Original mit Untertiteln gehalten, ein Zeichen dafür, dass die Macher auf ein Publikum setzen, das trotz der Action bereit ist, mitzudenken. Die bombastischen Momente überzeugen insbesondere dann, wenn die "erste Klasse" der jungen X-Men nicht beteiligt ist. Magneto, Professor X, Emma Frost und Sebastian Shaw in Aktion zu sehen verblüfft und reißt mit. Doch wenn die Jugendlichen kämpfen, zweifelt man an deren Durchsetzungskraft. Daran ändern auch die meist sehr guten Spezialeffekte nichts, die uns erstaunlicherweise die außergewöhnlichen Fähigkeiten glaubhaft machen.
Doch sollten Interessenten sich auch auf einen merklich brutaleren Film als beispielsweise den ersten X-Men einstellen. Wer die übrigen Filme kennt, wird auch zwei Gastauftritte bemerken, die den neuen Darstellern beinahe die Show stehlen.


Fazit:
Die X-Men-Comics bieten ein überaus interessantes Universum, in dem aber manche Charaktere merklich mehr fesseln als andere. Von allen vorgestellten sind es Charles Xavier und Erik Lensherr, welche die Geschichte tragen. Dank zweier charismatischer und geforderter Darsteller funktioniert das auch überraschend gut. Aber bei all dem gelungenen Flair, der authentischen Atmosphäre und der Verbindung von Mutanten-Action mit politischen Themen des Kalten Krieges und Geheimdienstspannung, gilt es festzuhalten, dass X-Men: Erste Entscheidung nicht wirklich neue Aussagen setzt, sondern bekannte vor einem neuen Hintergrund präsentiert.
Es werden viele Figuren vorgestellt, deren Schicksal auch interessiert, die Formierung der X-Men wie auch das Misstrauen der Militärs und Magnetos innerste Überzeugung begründet. Doch sind am Ende alle Allianzen geschlossen, alle Figuren kämpfen auf den Seiten, auf denen sie am Ende stehen sollen und man fragt sich, weswegen diese Ursprungsgeschichte so darum bemüht ist, den Bogen zu den bekannten Filmen zu schlagen, anstatt sich noch etwas offen zu lassen. Es lassen sich hier viele interessante Anspielungen entdecken und nicht nur angesichts dessen, was aus dem gewagten Unterfangen hätte werden können, ist das überaus erfreulich, überraschend – und bietet nicht nur Genrekennern gelungene Unterhaltung.
Lediglich die fehlende politische Brisanz lässt den Film etwas hinter den bisherigen der Reihe zurückfallen.


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