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Wunder [2017]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 1. Dezember 2017
Genre: Drama

Originaltitel: Wonder
Laufzeit: 113 min.
Produktionsland: USA / Hongkong
Produktionsjahr: 2017
FSK-Freigabe: ohne Altersbeschränkung

Regie: Stephen Chbosky
Musik: Marcelo Zarvos
Darsteller: Jacob Tremblay, Julia Roberts, Owen Wilson, Izabela Vidovic, Noah Jupe, Danielle Rose Russell, Bryce Gheisar, Elle McKinnon, Daveed Diggs, Mandy Patinkin


Kurzinhalt:

Auf Grund eines Gendefekts musste Auggie (Jacob Tremblay) in den zehn Jahren seit seiner Geburt bereits mehr als zwei Dutzend Operationen an seinem Kopf und in seinem Gesicht über sich ergehen lassen. Sie alle haben Spuren hinterlassen, derentwegen er sich nur mit einem Astronautenhelm unter andere Kinder wagt. Doch seine Mutter Isabel (Julia Roberts), die ihn bislang zuhause unterrichtet hat, besteht entgegen der Bedenken seines Vaters Nate (Owen Wilson) darauf, dass Auggie eine normale Schule besucht. Dort freundet er sich auch mit Jack (Noah Jupe) an, während der verzogene Julian (Bryce Gheisar) und dessen Freunde Auggie ständig wegen seines Aussehens hänseln. Obwohl es auch für Auggies Schwester Via (Izabela Vidovic) ein schwerer Start in ein neues Schuljahr ist, wie gewohnt steht ihr kleiner Bruder im Mittelpunkt der Familie. Und je weiter er sich auf andere einlässt, umso größer die Gefahr, dass Auggies Vertrauen in seine neuen Freunde enttäuscht wird …


Kritik:
Stephen Chboskys erstaunlich leichtfüßiges Drama Wunder, basierend auf dem Roman von R. J. Palacio, handelt von dem 10jährigen Augustus "Auggie" Pullman, der bereits in seiner frühesten Kindheit ganze 27 Operationen an seinem Gesicht über sich ergehen lassen musste. Der Filmemacher beschreibt das erste Jahr, das Auggie in der Schule verbringt, nachdem ihn seine Mutter bislang zuhause unterrichtet hatte. Doch da die Operationen ihre Spuren hinterlassen haben, wird er oft gehänselt und ist ein Außenseiter. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie diese Geschichte in Banalitäten hätte abrutschen, wie die dahinter liegende Botschaft unter klischeehaft kitschigen Aussagen hätte verschüttet gehen können. Aber nicht nur, das all dies nicht der Fall ist, Auggies Geschichte ist einer der besten Filme des Kinojahres 2017 – und sogar noch mehr als das.

Ähnlich aufgeteilt wie die Kapitel in einem Buch, erzählt Wunder die Geschehnisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Eingangs ist dies Auggies Sicht der Dinge, der zur fünften Klasse zum ersten Mal eine normale Schule besucht. Obwohl er sein Gesicht am liebsten unter einem Astronautenhelm versteckt, er ist im Kern ein ganz normaler Junge. Astronaut werden ist sein Traum, Star Wars seine Leidenschaft, er spielt Videospiele, ist klug und besitzt einen überraschend trockenen Humor. Jedoch nicht auf dem Niveau eines Erwachsenen, Auggie ist und bleibt ein Kind, er spricht und verhält sich auch so. Die Armbänder all seiner Krankhausaufenthalte hat er an einer Pinnwand gesammelt und immer wieder zieht er sich in seine Vorstellungskraft zurück, wenn die Welt um ihn herum für ihn kaum zu ertragen ist, und in den rechten Momenten wartet er mit einer geradezu entwaffnenden Ehrlichkeit auf.

Die Einleitung, die er aus dem Off erzählt, macht ihn von Anfang an sympathisch, so dass es einen umso mehr betroffen macht, wenn er den Helm abnimmt – nicht auf Grund seines Aussehens, sondern auf Grund dessen, wie er sein Aussehen selbst empfindet. Nicht nur, dass ihn dies belastet und er an dieses Gefühl erinnert wird, wenn er in den Spiegel sieht, er wird daran erinnert, sobald er die Reaktion der Menschen (und auch der Kinder) um ihn herum in ihren Gesichtern abliest. Wunder ist für den Jungdarsteller Jacob Tremblay nicht der erste Leinwandauftritt, aber es ist eine Darbietung, die unter die Haut geht und sprachlos macht. Er bringt Auggies Facetten, von seiner Enttäuschung und Traurigkeit angesichts der Hänseleien der übrigen Kinder, die nicht lange auf sich warten lassen, bis hin zu seiner Lebensfreude, auf eine so fantastische Art und Weise zum Ausdruck, dass es einem den Atem raubt.

In Auggies Mitschüler Julian findet Stephen Chbosky den offensichtlichsten Bully, von denen der Zehnjährige gemobbt wird. Doch eine so einfache Unterteilung in Schwarz und Weiß unternimmt Wunder zum Glück nicht. Stattdessen weckt das Skript Erwartungen mit den ersten Momenten, in denen viele Charaktere vorgestellt werden, um diese dann auf den Kopf zu stellen, wenn später ihr Hintergrund beleuchtet wird und man sie näher kennenlernt.
Selbst vermeintliche Nebenfiguren wie die ehemals beste Freundin von Auggies Schwester Via, Miranda, oder sein bester Freund Jack bekommen einen richtigen Hintergrund zugeschrieben, der ihr Verhalten erklärt. Bis in die kleinsten Rollen ist Wunder hervorragend besetzt.

Vor allem bewahrt sich der Filmemacher die Umsicht zu beleuchten, wie das Leben mit Auggie sie alle prägt. Angefangen bei seiner Mutter Isabel – Julia Roberts' Blick, wenn sie ihren Sohn in die Schule bringt, wohl wissend, was ihn dort erwarten kann, trifft unbeschreiblich unvermittelt –, die nach der Geburt ihre Karriere aufgegeben und eine Doktorarbeit nie fertiggestellt hatte, um sich um ihn zu kümmern. Aber auch seine Schwester Via, die seit Auggies Geburt an zweiter Stelle kommt, und stark ist, weil sie es von klein auf sein musste, wird in den Mittelpunkt gerückt. Einzig der von Owen Wilson bemerkenswert gespielte Vater Nate wird leider nicht näher beleuchtet, hat aber einige tolle Szenen, in denen der Darsteller glänzt.

Dabei sind manche Momente wie das Abendessen der Eltern, die nach einer gefühlten Ewigkeit wieder einmal für sich sind, oder das Gespräch des Schulleiters Tushman mit den Eltern des Bullys, nicht notwendig und wären in einem anderen Film vermutlich der Schere zum Opfer gefallen. Aber sie runden die Story und die Figuren auf lebendige Art und Weise ab. Ebenso wie die heiteren Momente der Familie untereinander, in der auch gestritten wird, oder das Verhalten der Geschwister untereinander, das aus dem Leben gegriffen scheint. Bereits früh bildet sich hier zum ersten Mal ein Kloß im Hals und es wird nicht das letzte Mal sein. Wunder berührt, ohne rührselig zu sein, bei einem Thema, das wichtiger kaum sein könnte. Er gibt am Ende mehr als nur ein gutes Gefühl, er gibt Hoffnung.


Fazit:
Regisseur Stephen Chbosky nähert sich seinen Themen, die Mobbing ebenso beinhalten wie Toleranz, auf eine Weise, die keine Klischees bedient und dennoch aus dem Leben gegriffen ist. Mit einer hervorragenden und preiswürdigen Besetzung, in der die Erwachsenen nicht einmal die Hauptrollen einnehmen, fantastischen Bildern und einer Erzählung, die alle Höhen und Tiefen abdeckt, ist Wunder einer der berührendsten und sehenswertesten Filme des Jahres. Das Ende von Auggie Pullmans erstem Jahr in der Schule ist (ob nun vorhersehbar oder nicht) dabei auf eine so emotionale Weise inspirierend, dass man den Film an sich zum Pflichtprogramm erklären sollte. Er könnte manche die Welt mit anderen Augen sehen und vielleicht sogar die Menschen aufgeschlossener werden lassen.
Ein wundervoller und wertvoller Film!
 


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