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Widows - Tödliche Witwen [2018]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 8. Juli 2019
Genre: Drama / Krimi / Thriller

Originaltitel: Widows
Laufzeit: 129 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA
Produktionsjahr: 2018
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Steve McQueen
Musik: Hans Zimmer
Darsteller: Viola Davis, Michelle Rodriguez, Elizabeth Debicki, Cynthia Erivo, Colin Farrell, Brian Tyree Henry, Daniel Kaluuya, Garret Dillahunt, Carrie Coon, Jacki Weaver, Robert Duvall, Liam Neeson, Manuel Garcia-Rulfo, Jon Bernthal


Kurzinhalt:

Obwohl sie um die kriminellen Machenschaften ihres Mannes Harry (Liam Neeson) weiß, trifft Veronica (Viola Davis) die Nachricht von seinem Tod vollkommen unvorbereitet. Die Polizei hat ihn und drei weitere Männer nach einem Raub gestellt. Alle sind im Kugelhagel umgekommen. Statt sich auf die Trauer konzentrieren zu können, wird Veronica von dem Gangster Jamal Manning (Brian Tyree Henry) aufgesucht, den Harry zuletzt bestohlen hatte. Er will sein Geld zurück und gibt Veronica einen Monat Zeit. Von dem einflussreichen Jack Mulligan (Colin Farrell), der sich als Freund ihres Mannes ausgibt und gegen Jamal in der Wahl zum Stadtrat antritt, kann sie keine Hilfe erwarten. Als sie in den Besitz von Harrys Notizbuch gelangt, in dem auch der nächste Coup detailliert beschrieben ist, wendet sich Veronica an die übrigen Witwen, von denen Linda (Michelle Rodriguez) und Alice (Elizabeth Debicki) angesichts der Gefahr, in der sie alle schweben, zusagen, den Überfall mit durchzuführen. Mit Cynthia (Cynthia Erivo) komplettieren sie die Truppe und ahnen nicht, dass jeder ihrer Schritte von Jamals gewalttätigem und skrupellosen Bruder Jatemme (Daniel Kaluuya) überwacht wird …


Kritik:
Widows - Tödliche Witwen ist ein fabelhaft gespieltes Drama, das trotz der Laufzeit und des inhaltlichen Umfangs viele Aspekte seiner Geschichte nicht oder nur unzureichend anspricht. Basierend auf der britischen Mini-Serie Widows [1983-1985] von Lynda La Plante könnte dies auch ein kompromissloser Thriller sein. Doch von der tadellosen handwerklichen Umsetzung abgesehen, bleiben erzählerisch verpasste Chancen am meisten in Erinnerung. Trotz der Beteiligten.

Dabei ist offensichtlich, dass Regisseur Steve McQueen, der zusammen mit Gone Girl - Das perfekte Opfer [2014]-Autorin Gillian Flynn das Drehbuch schrieb, durchaus darum bemüht ist, gesellschaftliche Themen einzuweben. Nicht nur, dass er Figuren vorstellt, die allesamt mit Trauer und Verlust konfrontiert werden, durch Stadtratskandidat Jack Mulligan – Colin Farrell mit einer sehenswerten Darbietung – und dessen Gegenkandidat in einem von Armut und Kriminalität geprägten Chicagoer Bezirk spiegelt er die Situation in vielen US-amerikanischen Großstädten wider.
Obwohl unerwartet eng damit verbunden, steht im Mittelpunkt der Handlung Veronica Rawlings, die wie Linda, Alice und Amanda Witwe geworden ist. Ihre Männer waren Gangster und bei ihrem letzten gemeinsamen Auftrag von der Polizei erschossen worden. Bei eben diesem Raub hatten sie niemand geringeren als die Manning-Brüder bestohlen, von denen Jamal Manning gegen Mulligan für den Stadtrat kandidiert. Um die geraubten zwei Millionen Dollar zurück zu zahlen, gibt Jamal Veronica einen Monat Zeit und lässt keinen Zweifel daran, was ihr geschehen wird, wenn sie es nicht tut.

Mit Informationen über den nächsten Coup aus einem Notizbuch ihres Mannes ruft sie Linda und Alice zusammen, um mit ihnen den Raub selbst durchzuführen. Das klingt nach einem spannenden Thriller und als eben solcher wird Widows - Tödliche Witwen in der Filmvorschau auch beworben. Nur widmet sich Filmemacher Steve McQueen anderen Aspekten der Vorlage. Dass er Zeit damit verbringt, die drei Damen vorzustellen, zu zeigen, wie sie ihren Alltag nach dem Verlust bewältigen, ist nicht nur nachvollziehbar, sondern trägt zur Charakterbildung bei. Doch tatsächlich erfährt man kaum etwas über ihren tatsächlichen Werdegang. Was für eine Frau Veronica ist, oder war, ehe ein tragischer Verlust vor Jahren ihr Leben zum ersten Mal erschütterte, wie hier in Rückblenden zu sehen, wird nie deutlich. Auch nicht, was sie über ihren Mann tatsächlich wusste. Viola Davis ist in der Rolle fantastisch besetzt und bringt sowohl ihre Verletzlichkeit wie auch ihre Stärke hervorragend zum Ausdruck. Nur wie entschließt sie sich überhaupt, in die Offensive zu gehen? Alice und Linda bekommen zwar weniger zu tun, sind aber ebenso toll verkörpert.

Was die Erzählung von Widows - Tödliche Witwen merklich verlangsamt sind die vielen Nebenschauplätze, die zwar für eine komplexere Handlung sorgen, für sich genommen jedoch zu kurz kommen und in einem anderen Format der Geschichte besser aufgehoben gewesen wären. So hat Jack Mulligan nicht nur mit seiner Kandidatur zu kämpfen, sondern muss sich gleichzeitig mit seinem übermächtig einflussreichen Vater, der derzeit im Stadtrat sitzt, auseinandersetzen. Gleichzeitig hängen ihm Vorwürfe an, Bestechungsgelder einkassiert zu haben und in einem sehenswert eingefangenen Dialog während einer Autofahrt, bei dem die Figuren gar nicht zu sehen sind, offenbart sich seine existenzielle Sinnkrise. Mit Jatemme Manning wird ein derart skrupellos Widersacher vorgestellt, dass anscheinend alle Figuren, denen er im Film begegnet, nur deshalb zu sehen sind, dass er seine Bösartigkeit unter Beweis stellen kann.

Die große Wendung der Story verrät das Skript unglücklicherweise nach dem zweiten Drittel, anstatt sie sich bis zum Finale aufzusparen und für ein Publikum, das nicht in der Lage ist, mitzudenken, werden Zusammenhänge, die sich den tragenden Figuren nur erschließen müssen, zusätzlich in Rückblenden in aller Ausführlichkeit gezeigt. Dass es der Filmemacher trotzdem versäumt, manche Verstrickungen zu erklären, unterstreicht, dass Widows - Tödliche Witwen sich selbst für schlauer hält, als das Drehbuch tatsächlich ist. Das heißt nicht, dass hierin keine packende Geschichte schlummert. Ganz im Gegenteil. Nur statt eine solche zu erzählen, beschäftigt sich Regisseur McQueen eher mit der Präsentation. Die überzeugt mehr als der Rest.


Fazit:
Selbst wenn am Ende gezeigt wird, dass sich Figuren für eine bestimmte Handlung entschieden haben, es wird nie klar, warum dem so ist. Mag sein, dass die komplexen Verstrickungen in einer längeren Erzählung, beispielsweise als Mini-Serie, die sich auch mit den politischen Hintergründen des Story-Aspekts beschäftigt, verständlicher werden. So sind die inhaltlichen Lücken nicht zu übersehen. Der hervorragenden Besetzung, angeführt von einer erstklassigen Viola Davis, tut dies keinen Abbruch und selbst die Nebenrollen glänzen mit tollen Darbietungen. Der Gewaltgrad scheint mitunter künstlich eingewoben, zumal er überwiegend von einer Person ausgeht. An der handwerklichen Umsetzung gibt es nichts zu bemängeln und wenn die Szenen Spannung aufkommen lassen, unter anderem, wenn der Raub endlich stattfindet, gelingen Regisseur Steve McQueen auch packende Momente. Doch für einen Thriller ist sein Gangsterfilm nicht mitreißend genug und weiß aus der vielversprechenden Ausgangslage nicht viel zu machen. Für ein Drama ergründet er zu wenig, weshalb die Figuren so geworden sind. Insofern ist Widows - Tödliche Witwen vor allem eine verpasste Möglichkeit. Zwar eine fantastisch präsentierte, ohne Frage. Aber eine ebenso unentschlossene.
 


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