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Vor ihren Augen [2015]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 21. Mai 2016
Genre: Drama / Krimi

Originaltitel: Secret in Their Eyes
Laufzeit: 111 min.
Produktionsland: USA / Großbritannien / Spanien / Südkorea
Produktionsjahr: 2015
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Billy Ray
Musik: Emilio Kauderer
Darsteller: Chiwetel Ejiofor, Nicole Kidman, Julia Roberts, Dean Norris, Alfred Molina, Joe Cole, Michael Kelly, Zoe Graham, Patrick Davis


Kurzinhalt:

Ray Kasten (Chiwetel Ejiofor) und Jessica Cobb (Julia Roberts) sind Ermittler einer Spezialeinheit, die direkt Staatsanwalt Morales (Alfred Molina) in Los Angeles unterstellt ist. Im Jahr 2002 sollen sie mögliche Anschläge durch Terroristen verhindern. Dann wird Jessicas Tochter Carolyn (Zoe Graham) ermordet aufgefunden. Ohne Zuständigkeit ermittelt Ray selbst, zusammen mit seinem Kollegen Bumpy (Dean Norris). Eine Spur deutet auf Marzin (Joe Cole), der jedoch ein Informant hinsichtlich der geplanten Anschläge ist. Morales erklärt ihn für unantastbar, ehe Marzin verschwindet. 13 Jahre später kehrt Ray zurück, überzeugt, Marzin gefunden zu haben. Doch nur Claire Sloane (Nicole Kidman), die inzwischen zur Staatsanwältin aufgestiegen ist, kann den Fall neu aufrollen ...


Kritik:
Mit Vor ihren Augen stellt Regisseur und Autor Billy Ray das amerikanische Remake des argentinischen Oscargewinners In ihren Augen [2009] vor. Ob der Film, wie oft dargebracht, dem Original nicht das Wasser reichen kann, müssen diejenigen beurteilen, die ersteren gesehen haben. Interessierte Zuseher finden in Vor ihren Augen ein atmosphärisch dichtes Crimedrama mit einer Julia Roberts, die alle ihre Co-Stars in den Schatten stellt. So ergreifend wie ihre Darstellung ist der Film selbst jedoch nicht.

Angesiedelt in Los Angeles, erzählt die Geschichte von Ray Kasten und Jessica Cobb, die beide Teil einer Ermittlungsgruppe sind, die im Jahr 2002 direkt dem Staatsanwalt unterstellt ist. Ihre Aufgabe ist es, in den Nachwehen des 11. September Moscheen zu überwachen, um möglichen Schläferzellen auf die Schliche zu kommen, die in L.A. Anschläge verüben werden. Als in der Nähe der von ihnen überwachten Moschee eine junge Frau vergewaltigt und ermordet aufgefunden wird, bricht ihre Welt zusammen: Das Opfer ist Jessicas Tochter Carolyn. 13 Jahre später kehrt Ray zurück – er glaubt, den Mörder endlich gefunden zu haben.

Erzählt wird die Story dabei auf mehreren Ebenen. Die eigentliche Geschichte spielt im Jahr 2015, springt jedoch in weitreichenden Rückblenden ins Jahr 2002 zurück. Auch in diesen Rückblenden gibt es erneut Rückblicke in eine Zeit, in der Carolyn noch am Leben war. Das klingt konfus und man muss als Zuseher in der Tat aufpassen, um nicht mit den verschiedenen Zeitebenen durcheinander zu kommen. Allein die optische Veränderung der Figuren macht einem das jedoch bereits leichter.
Im Kern handelt Vor ihren Augen davon, wie dieses Verbrechen alle Hinterbliebenen zu Opfern macht. Jessica ist angesichts des Verlustes nur noch ein Schatten ihrer selbst und wird von Julia Roberts derart packend gespielt, dass es beinahe beängstigend ist. Ray ist von der Aufklärung der Tat besessen und hat darüber bereits seine Ehe verloren. Die inzwischen zur Staatsanwältin aufgestiegene Claire ist seitdem ebenfalls nie mehr glücklich gewesen, dafür wenigstens erfolgreich.

Die häufigen Wechsel von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück machen zwar deutlich, was all diese Figuren verloren haben, doch es beraubt sie gewissermaßen einer Entwicklung. Die Geschichte, die sich über mehr als ein Jahrzehnt erstreckt, die Zeit zwischen der ursprünglichen Ermittlung und Rays Rückkehr im Film aber vollkommen ausblendet, bietet sich im Grunde am besten für eine Miniserie an, die auch die übersprungenen Jahre abdeckt. Im jetzigen Zustand passen manche Rückblenden zwar sehr gut zu den aktuellen Ereignissen und verdeutlichen, worauf sich beispielsweise ein Dialog bezieht, andere scheinen jedoch ausschließlich so platziert, um das Erzähltempo anzupassen.

So beim Wiedersehen zwischen Ray und Bumpy: Man würde erwarten, dass wenn Ray die Verletzung seines Kollegen anspricht, der Rückblick hierzu auch etwas aussagt, doch das würde die Erzählreihenfolge der Rückblicke durcheinanderbringen. Das mutet Vor ihren Augen seinem Publikum glücklicherweise nicht zu, auch wenn es eine mutigere Entscheidung gewesen wäre. Stattdessen läuft die Zeitlinie der Szenen in der Gegenwart und in der Vergangenheit linear ab.
Obwohl Regisseur Billy Ray, der mit Lüge und Wahrheit - Shattered Glass [2003] sowie Enttarnt - Verrat auf höchster Ebene [2007] bereits ein Gespür für Schauspielführung bewiesen hat, das Thema handwerklich tadellos umsetzt, sein Film ist nicht so packend, wie die Darstellerleistungen, die er hier vereint.


Fazit:
Ruhig und betont auf die Mimik seiner Akteure fokussiert, fesseln die Darbietungen, allen voran von Julia Roberts. Chiwetel Ejiofor, dessen Ray in seiner eigenen Besessenheit, den Fall zu lösen, gefangen ist, glänzt ebenso. Gegen sie scheint Nicole Kidman beinahe unterfordert, auch wenn ihre Szene im Verhörraum toll gespielt ist und man das leise Verlangen ihrer Figur durchweg spürt. Sie alle erwecken eine Geschichte zum Leben, die teilweise zu politisch angehaucht ist, als dass es dem menschlichen Drama dahinter gerecht wird.
Vor ihren Augen entwickelt eine bedrückende Atmosphäre, in der die Machtlosigkeit angesichts des Verbrechens und des Unvermögens der Strafverfolgungsbehörden, den Schuldigen dingfest zu machen, einen verzweifeln lassen. Die gebrochenen Figuren werden in einer unerwarteten und packenden Auflösung zusammengeführt, die dafür, dass man zuvor immer mitdenken musste, aber zu sehr erklärt wird. Das ist letztlich nicht so mutig, wie man es den Beteiligten wünschen würde und bis es soweit ist, entwickeln nur einzelne Szenen, nicht aber der Film selbst, die Zugkraft, die er an sich verdient. Für ein besonnenes, anspruchsvolles Publikum bleibt es jedoch durchaus sehenswert.    


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