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Todesschlaf [1997]

Wertung: 2.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. November 2002
Genre: Thriller

Originaltitel: Insomnia
Laufzeit: 97 min.
Produktionsland: Norwegen
Produktionsjahr: 1997
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Erik Skjoldbjærg
Musik: Geir Jenssen
Darsteller: Stellan Skarsgård, Sverre Anker Ousdal, Kristian Figenschow, Bjørn Floberg


Kurzinhalt:
Im Norden Norwegens ist ein Mord geschehen, den die berühmten schwedischen Kommissare Jonas Engström (Stellan Skarsgård) und Erik Vik (Sverre Anker Ousdal) aufklären sollen.
Doch zu dieser Jahreszeit scheint die Sonne dort 24 Stunden am Tag und bringt Engström um seinen Schlaf. Als die Polizei dem Mörder der Schülerin eine Falle stellt, ereignet sich ein Schusswechsel, bei dem Engström aus Versehen seinen Kollegen Erik erschießt. In Windeseile fälscht er den Tatort und schiebt die Tat dem Mörder des Mädchens, Jon Holt (Bjørn Floberg), in die Schuhe. Doch der hat ihn gesehen und spielt fortan mit dem Polizist Katz und Maus. Als wäre das nicht genug, kommen bei der Einsatzleitung Zweifel am Tathergang um Viks Tod auf.


Kritik:
Buchstäblich vor wenigen Wochen habe ich erst Insomnia [2002] von Regisseur Christopher Nolan gesehen, mit Al Pacino und Robin Williams in den Hauptrollen – ein beklemmender Thriller, der durch psychologische Tricks und grandios fotografierte Bilder überzeugen kann, von der subtilen Spannung und der umwerfenden Inszenierung ganz abgesehen.
Insomnia ist das amerikanische Remake von Todesschlaf und hatte es somit nicht leicht, denn im Ernst: Wann ist ein Remake schon besser, als das Original?

Todesschlaf habe ich erst nach dem Remake gesehen, und noch immer bin ich überrascht, was die US-Filmemacher aus dem interessanten Stoff herausgeholt haben. Zumal die hochgelobten (und für meinen Geschmack überschätzten) Thriller aus Skandinavien, wie in dem Fall Todesschlaf eine deutliche Erwartungshaltung provozierten. Doch wenn man sich Erik Skjoldbjærgs Film ansieht, war es nicht so schwer, einen viel besseren Thriller daraus zu machen. Man musste nur die guten Ideen übernehmen und die Ungereimtheiten der Inszenierung und Charakterzeichnungen herausnehmen.

Die Story vom Cop auf Abwegen, der in einem Land der Erde ermittelt, in dem die Sonne nie richtig untergeht, hat ansich einen ganz besonderen Reiz. Allerdings ist bis auf die Ausgangsidee bei Todesschlaf so ziemlich alles falsch gemacht worden, was man nur falsch machen kann.
So einzigartig die Grundidee, so hanbüchen sind die Wendungen der Story, die in keiner Weise vorbereitet werden und dem Zuschauer nicht ersichtlich sind. Wieso gesteht der Star-Ermittler Engström seinen Fehler nicht einfach? Wieso diese komplizierte Taktik mit Verschleiern, Belügen und Betrügen?

Im Remake gibt es dafür immerhin einen triftigen Grund. Doch bereits bei den Charakteren scheiden sich an Todesschlaf schon die Geister: Der eigentlich routinierte und gute Hauptdarsteller Stellan Skarsgård wirkt wie die Karikatur eines Polizisten, mit einem Feingefühl, das einem Vorschlaghammer gleichkommt, psychologischer Raffinesse ähnlich der eines Sandkorns und einer Kälte und Lustlosigkeit, als ob dem Darsteller die Dreharbeiten keinen Spaß gemacht hätten. Gesichtsregungen sucht man wie die Nadel im Heuhaufen. Die Motivation Engströms ist völlig unbegreiflich, die Art und Weise, mit der er sich auszudrücken versucht erinnert an die eines Terminators und obwohl es anfangs ein paar Andeutungen gibt, dass er womöglich in der Gegend aufgewachsen ist, in der er ermitteln soll, wird sein Hintergrund völlig außer Acht gelassen.
Da Engström von Anfang an unsympathisch ist, gönnt man es ihm eigentlich, wenn sein verschleierter Unfall aufgedeckt und er enttarnt wird.

Auch die anderen Darsteller können nicht überzeugen, sie wirken schablonenhaft, am Reissbrett entstanden und ebenfalls lustlos.

Weitaus schlimmer als die Darsteller ist allerdings die Inszenierung, die grobschlächtig zusammengeschnitten erscheint. Szenen hören urplötzlich auf, Szenenwechsel (Hauptdarsteller am Flughafen – Hauptdarsteller im Leichenschauhaus) gibt es zu hauf; als hätten immer wieder wichtige Überleitungen schlicht gefehlt. Manchmal sind die Schauplatzwechsel auch völlig unzusammenhängend, ein Zeitgefühl, wann was geschieht, wird dem Zuschauer nicht vermittelt. Da warten die Polizisten im Nebel, als sich einer von ihnen bewegt und den Deckel einer Kaffeekanne umwirft – man sieht wie er aufsteht, hört (während der Nebel gezeigt wird) den Deckel umfallen und sieht anschließend den Kaffee, wie er heraussickert ... wer auf solche Schnittfolgen kam, besitzt eindeutig kein Gespür für Szenenaufbau oder Dramaturgie.

Doch damit nicht genug, wurde der Film auch noch derart langatmig in Szene gesetzt, dass einem die 100 Minuten wie eine Ewigkeit vorkommen.

Norwegen ist das Land mit der höchsten Selbstmordrate – im Sommer ist die Nacht nicht viel mehr, als der Übergang zwischen Abend- und Morgenröte; im Winter dagegen müssen die Menschen gegen die Depression der nicht enden wollenden Nacht ankämpfen. Doch von diesem Gefühl bekommt man als Zuschauer bei Todesschlaf nichts vermittelt. Vielmehr fragt man sich, wie solche Thrillerdramen überhaupt Kultstatus erreichen können, enttäuschen sie doch auf ganzer Linie.
Dass es wirklich gute Thriller aus dem Norden gibt, hat der dänische Film Nachtwache [1994] von Ole Bornedal bewiesen, der nur vier Jahre später als völlig überflüssiges US-Remake vom selben Regisseur unter dem Titel Freeze - Alptraum Nachtwache [1998] erneut in die Kinos gebracht wurde.

Aus der interessanten Grundidee ist bei Todesschlaf leider nicht viel geworden. Dabei wäre es nicht schwer gewesen, wenigstens einen unterhaltsamen Thriller zu machen; aber wenn dem Zuschauer die Motivation der Figuren schon nicht bewusst ist, ihre Hintergründe unangetastet bleiben und letztendlich nicht einmal die Inszenierung überzeugen kann, dann muss man zugestehen, dass dem unkonventionellen Filmemacher Nolan das gelang, was Skjoldbjærg nicht vermochte: schweißtreibender Thrill, der den Zuschauer mitnimmt.


Fazit:
Was man aus der wirklich interessanten und hervorragenden Grundidee machen kann, hat Christopher Nolans Insomnia eindrucksvoll gezeigt. Es gibt nicht viele Beispiele, bei denen ein Remake besser ist, als das Original, und auch wenn die deutsche Synchronisation viel vom Eindruck des Todesschlaf nimmt, die unausgegorene Story und die zusammenhangslosen Szenenwechsel disqualifizieren den Film zusammen mit dem völligen Fehler jeglicher Dramaturgie oder Spannung.
Enttäuschend.


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