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The Shield – Gesetz der Gewalt: "Zwei Tage des Blutes" / "Korruption" [2002]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 04. November 2004
Genre: Thriller / Drama

Originaltitel: The Shield: "Two Days Of Blood (1)" / "Circles (2)"
Laufzeit: 83 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2002
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Guy Ferland / Scott Brazil
Musik: Matthias Weber
Darsteller: Michael Chiklis, Catherine Dent, Walton Goggins, Michael Jace, Kenny Johnson, Jay Karnes, Benito Martinez, CCH Pounder, John Diehl, Lana Parrilla


Kurzinhalt:
Vic Mackeys (Michael Chiklis) ehemaliger Mentor und Vertrauter Assistant Chief Ben Gilroy (John Diehl) hat in einer heruntergekommenen Gegend einen Jugendlichen überfahren – und Fahrerflucht begangen. Trotz der Kluft zwischen den beiden, bittet er Mackey um Hilfe. Dieser hat mit seiner anfänglichen Einschüchterungstaktik auch Erfolg, bis Gilroy einen weiteren Jugendlichen vorsätzlich tötet und Mackey zum Hauptverdächtigen macht.
Unterdessen untersuchen Detective Wyms (CCH Pounder) und Politik-Anwärter Captain Aceveda (Benito Martinez) einen Doppelmord, der durch ein viel zu spätes Eintreffen von Polizisten mitverschuldet wurde. Der Zorn der Anwohner in Farmington, Los Angeles, führt zu heftigen Ausschreitungen mit der Polizei, bis Mackey durch Detective Wagenbach (Jay Karnes) – der die Fahrerflucht untersucht, ohne zu wissen, wer verantwortlich ist – auf ein viel größeres Komplott hinter der Angelegenheit stößt: Der Doppelmord scheint sogar indirekt eine Konsequenz daraus zu sein.
Während Mackey von Gilroy in die Schusslinie gebracht wird, muss er sich mit seinem vermeintlichen Erzfeind Aceveda zusammenschließen, um die aufgebrachten Bürger zu beruhigen, Gilroy auszuspielen und seinen eigenen Hals zu retten.


Kritik:
The Shield gehört zu den umstrittensten Cop-Serien in den USA – und das zurecht. Die Verhaltensweisen der Charaktere sind bisweilen mehr als zweifelhaft, der gezeigte Brutalitätsgrad, den die Polizei gegenüber Verhafteten an den Tag legt, schreckt dabei all diejenigen ab, die die Polizei als das sehen, was sie eigentlich sein soll: Eine Einheit zum Schutze der Menschen.
Als die Serie vor einigen Wochen in Deutschland anlief, waren die Erwartungen des Senders hoch; das Format war renommiert, preisgekrönt und auf einen beständigen Sendeplatz gelegt, der die Episoden auch ungekürzt zeigen konnte. Doch die erhofften Zuschauerzahlen blieben aus. Als Nischenserie hatte sich The Shield zwar etabliert, konnte aber nie über die geringen Einschaltquoten hinauswachsen. So kommt es, dass ProSieben die Serie nach nur einer Staffel (bestehend aus 13 Episoden) wieder aus dem Programm nimmt. In den USA sind die Staffeln zwei und drei bereits ausgestrahlt worden, die vierte startet im Frühjahr 2005. Und obwohl dafür als neue Darstellerin sogar Glenn Close gewonnen werden konnte, wird es vermutlich das letzte Jahr um das Polizeipräsidium in Farmington sein. Nicht nur, dass die zwei in Deutschland bislang nicht ausgestrahlten Staffeln noch schonungslosere Themen ansprechen, auch die Charakterentwicklungen haben vielen Zuschauern und Kritikern in den Vereinigten Staaten nicht besonders gefallen. Und genau davon hat die erste Season gelebt, wovon sich treue Zuschauer überzeugen konnten.
Nach einem relativ schwachen und unverständlichen Auftakt hat sich The Shield immer mehr zur knallharten Charakterserie gemausert; interessante und gelungene Handlungsfäden, wie diejenige um die drogenabhängige Prostituierte Connie Reisler (exzellent gespielt von Jamie Brown), Mackeys autistischen Sohn, oder aber um einen Serienkiller, den Detective Wagenbach überführt, haben gezeigt, dass die Autoren durchaus fortlaufende Stories schreiben können, und die meisten Charaktere auszubauen wissen.
Ein Paradebeispiel hierfür ist das zweiteilige Staffelfinale "Zwei Tage des Blutes" und "Korruption", das mit einer erschreckend realistischen und sehr gut ausgeführten Geschichte aufwartet, und gleichzeitig die Charaktere (allen voran Hauptfigur Mackey) überzeugend voranbringt.

Geschrieben von Kurt Sutter, Scott Rosenbaum und Serienerfinder Shawn Ryan bringt der Zweiteiler in den ersten Minuten eine Story ins Rollen, die in ihrem Verlauf nicht nur stetig komplexer wird, sondern gleichzeitig weitreichende Folgen für den Bezirk und die Figuren hat. Was gerade in vorangegangenen Episoden nicht richtig deutlich wurde – nämlich dass die Verhaltensweisen der Charaktere tatsächlich Konsequenzen haben (immerhin konnte Mackey seinen Kopf immer relativ einfach aus der Schlinge ziehen) –, kommt hier sehr gut zum Ausdruck. Das Drehbuch nimmt sich genügend Zeit, die begonnenen Elemente in der Staffel wie Juliens Homosexualität oder Dutchs Erfolge bei den Ermittlungen vom Schreibtisch aus, zumindest weiterzuführen, wenn auch nicht zu einem Abschluss zu bringen, und gleichzeitig den äußerst zwielichtigen Assistant Chief Ben Gilroy mit einem facettenreichen und gar nicht abwegigen Hintergrund auszustatten.
Letztendlich ist es das erschreckende Szenario, das das Skript aber in besonderem Maße auszeichnet. Zu sehen, wie in weniger als einem Tag die Stimmung der Bürger umschlägt, die zu Waffen gegen die Polizisten greifen und die Polizei selbst auf dem Rückzug immer wieder mit Anschlägen rechnen muss, ist wahrlich eine Horror-Vorstellung. Und das Schlimmste daran ist, dass es so abwegig gar nicht scheint – insbesondere im Schmelztiegel Los Angeles.
Die beiden Drehbücher sind sehr gut geraten; sie lassen alle Charaktere vor der Staffelpause nochmals zum Zug kommen, führen die beiden Ungleichen Aceveda und Mackey in einer Allianz zusammen, die man zu Beginn des Jahres beim Strike-Team nicht für möglich gehalten hätte, und finden mit Mackey in seiner leeren Wohnung einen passenden Abschluss.

Die Darsteller danken das mit einem engagierten Schauspiel, allen voran Michael Chiklis, der sich im Laufe der Staffel sichtlich gemacht hat – nicht zuletzt, da die Handlungen seiner Figur nie wieder so unverständlich waren, wie im Pilotfilm. Er agiert gerade in den letzten Minuten hervorragend, und hat für seine Rolle zu Recht einen Emmy erhalten.
Kurz hinter ihm reiht sich Jay Karnes als Dutch Wagenbach ein, dem die Macher in der Staffel ein paar ausgezeichnete Episoden mit tollen Charaktermomenten zugestanden haben; in dieser Episode hat er zwar nicht so viel zu tun, macht seine Sache aber ebenfalls gut.
CCH Pounder ist innerhalb der Serie eher ein wenig unterfordert, mimt allerdings wie gewohnt routiniert.
Überzeugend spielen Catherine Dent und Michael Jace, der zuvor ein paar gelungene Episoden zugeschrieben bekam und auch im Finale eine der tragischsten Figuren mimen darf.
Kenny Johnson fällt wie Walton Goggins kaum auf, beide sind erneut solide – wobei Goggins in der ersten Staffel einige erstklassige Momente hatte, die seine Figur jedoch alles andere als sympathischer gemacht haben.
Seit in der Serie klar wurde, dass Detective Aceveda für den Stadtrat kandidiert, kam mit ihm sein Darsteller Benito Martinez in Fahrt und er verkörpert den karriereorientierten Polizeichef mit einem Charisma, dass man ihm die Rolle ohne Weiteres abnimmt. Er hat in dem Zweiteiler mehrere denkwürdige Auftritte und ist seiner Aufgabe jederzeit gewachsen.
Nur als Nebendarsteller, aber auch darin sehr gut besetzt, ist Miami Vice [1984-1989]-Veteran John Diehl als Gilroy zu sehen; er verleiht seiner Figur genau die Zweideutigkeit, die sie benötigt und Diehl kann dem Zweiteiler genauso punkten wie in früheren Folgen.
Leider nur sehr Bildschirmzeit wurde Cathy Cahlin Ryan als Vic Mackeys Ehefrau Corrine zugestanden, sie hätte sicherlich einen größeren Auftritt problemlos gemeistert.

Die visuelle Umsetzung von The Shield spaltet dagegen zweifelsohne nach wie vor die Zuschauer; wer mit dem halbdokumentarischen Handkamera-Stil nichts anfangen kann, wird mit der Inszenierung vermutlich nicht glücklich werden, alle anderen bekommen ein realistisches Gefühl für den Alltag der Polizei in Farmington, das intensiver kaum eingefangen werden könnte. Bei den schnellen Schnitten geht bisweilen zwar die Übersicht verloren, dafür überzeugen sowohl Regisseur Guy Ferland, als auch besonders Scott Brazil mit ungewöhnlichen Kameraeinstellungen und einfallsreichen Schnittfolgen, die die Spannungsschraube merklich anziehen.
Der Stil wirkt hier zudem bei weitem nicht mehr so improvisiert, wie noch im Pilotfilm, sondern ist sichtlich gereift und besonnener eingesetzt. Die pointierten Zooms bei Vics Erkenntnis über Gilroys Plan kommen dezent zur Geltung und unterstützen die beklemmende Atmosphäre der Situation – einzig die Handkamera bei den Dialogen macht immer noch einen störenden Eindruck. Dafür wartet die Serie mit dem 16:9-Kinoformat auf, das ihr einen angenehm cineastischen Touch verleiht.

Was allerdings spürbar fehlt, ist ein instrumentaler Score; obwohl immer wieder auf szenenbezogene Musik zurückgegriffen wird, hätte man sich gerade bei den Gesprächen oder bestimmten Momenten man sich instrumentale Musik gewünscht, die die Spannung noch verstärkt hätte.
Das würde vielleicht dem dokumentarischen Stil widersprechen, gleichzeitig aber zur bedrückenden Atmosphäre beitragen.

Als Hauptcharakter der Serie eine zweispältige Figur wie Vic Mackey aufzubauen, war zweifellos eine brilliante Idee – selbst im Rückblick dagegen vollkommen unverständlich bleibt jedoch, wieso Mackey in der ersten Episode einen unschuldigen Polizisten kaltblütig erschießen musste. Nicht nur, dass ihn das per se als Bösewicht abgestempelt hat, es passt auch nicht zu seinem sonstigen Verhalten, bei dem er die Menschen zwar einschüchtert, um sein Ziel zu erreichen, bisweilen sogar Gewalt anwendet, aber nie einen unschuldigen Menschen bewusst verletzen oder gar töten würde. So hat die Serie schon am Anfang einen Grundfehler begangen, den sie in den letzten elf Episoden mit sich herumgeschleppt hat, und der den eigentlichen Hauptcharakter durchaus notwendige Sympathien der Zuschauer gekostet hat.
Seither hat sich The Shield aber sichtlich gemacht, die Stories wurden immer komplexer, mitreißender und vor allem intensiver dargebracht; die Figuren haben allesamt einiges zu tun bekommen, und die Darsteller sind den Anforderungen ohne Schwierigkeiten gerecht geworden. Dabei erweist sich "Zwei Tage des Blutes" / "Korruption" nicht als Ausnahme, sondern stellt eine der besten Episoden (wenn man das Staffelfinale denn als eine einzige Folge in Spielfilmlänge betrachten möchte) dar, die das erste Jahr zu bieten hatte.
Schade nur, dass man gerade jetzt in Deutschland auf dem Trockenen sitzt, denn ProSieben wird die Serie nicht weiter ausstrahlen und ein anderer Sender scheint für solch ein Format ebenfalls nicht geeignet – oder wenigstens interessiert. Auch wenn die kommenden Staffeln nicht mehr dieses Niveau erreichen sollen (wie die Kritiker jenseits des großen Teiches behaupten), ist es äußerst bedauerlich, dass man hierzulande auf eine Fortsetzung (zumindest vorerst) verzichten muss.


Fazit:
Wer als Zuschauer seit Beginn bei The Shield dabei war, ist Einiges gewohnt, und doch gewöhnt man sich an manche Sachen trotzdem nie richtig. Was den Zweiteiler zum Ende der ersten Staffel auszeichnet, ist eine wirklich erstklassige Hintergrundgeschichte, die in Komplexität und Tiefgang, aber auch hinsichtlich der aufgezeigten Konsequenzen kaum realistischer hätte werden können.
Dank der erstklassigen Darsteller, die hier alle nochmals zum Zug kommen, zählt "Zwei Tage des Blutes" / "Korruption" zu den besten Folgen der Staffel, handwerklich und schauspielerisch. Vic Mackey ist in den letzten Episoden merkbar sympathischer geworden, die Charaktere besitzen Tiefe und Potential – nicht zuletzt aufgrund der kontroversen Stories, die sie erleben mussten.
Als Zuschauer wurde man dafür mit einer Episode auf Kino-Niveau belohnt, die einzig durch den eigenwilligen Inszenierungsstil noch abschrecken könnte. Aber Fans von The Shield sehen das ebenso als Markenzeichen, wie die schonungslose Darstellung des Polizeialltags in Farmington.


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