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The Mule [2018]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 25. Januar 2019
Genre: Krimi / Drama / Thriller

Originaltitel: The Mule
Laufzeit: 116 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2018
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Clint Eastwood
Musik: Arturo Sandoval
Darsteller: Clint Eastwood, Bradley Cooper, Laurence Fishburne, Michael Peña, Dianne Wiest, Andy García, Alison Eastwood, Taissa Farmiga, Ignacio Serricchio


Kurzinhalt:

Nachdem sein Gewerbe um die einst preisgekrönte Blumenzucht bankrott gegangen ist, ist dem 90-jährigen Earl Stone (Clint Eastwood) nichts geblieben. Sein Haus unterliegt der Zwangsvollstreckung und da er die Arbeit immer vor die Familie gestellt hat, wollen weder seine Ex-Frau Mary (Dianne Wiest), noch seine Tochter Iris (Alison Eastwood) überhaupt mit ihm sprechen. Eher zufällig wird er als Fahrer für das Drogenkartell um den Baron Laton (Andy García) angeworben. Als Kurier ist es lediglich seine Aufgabe, eine Tasche von A nach B zu transportieren. Es fällt ihm erstaunlich leicht und sorgt dafür, dass Earls Geldsorgen verschwinden, doch es verbessert nicht seine Beziehung zu seiner Familie. Auch ahnt er nicht, dass ein Team der Drogenfahndung gegen das Kartell ermittelt. Die Agenten Bates (Bradley Cooper) und Treviño (Michael Peña) sind bereits auf einen Kurierfahrer aufmerksam geworden, der immer größere Mengen transportiert. Davon, dass das Kartell keine Fehler toleriert, kann sich Earl alsbald selbst überzeugen …


Kritik:
Für The Mule kehrt Hollywood-Urgestein Clint Eastwood aus seinem 2012 selbst auferlegten Schauspielruhestand zurück, um im Alter von 88 Jahren einen 90-jährigen Drogenkurier eines mexikanischen Kartells zu verkörpern. Man kann sich vermutlich vorstellen, wie groß die Spannung beim interessierten Publikum insofern bereits im Vorfeld ist, zu sehen, was den Filmemacher an der Rolle derart gereizt hat. Doch statt die zumindest in Ansätzen auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte als Thriller zu erzählen oder als gesellschaftskritischen Kommentar in Anbetracht der Altersarmut, entscheidet sich das Drehbuch zu einer entwaffnenden Charakterstudie, die mehr ist als nur ein passender Schwanengesang für den Hauptdarsteller. Sieht man dessen bewegtes Privatleben der vergangenen Jahrzehnte, über das er lange Zeit mit seinen zur Verfügung stehenden Mitteln den Mantel des Schweigens gebreitet hat, könnte sich hier sogar ein gewisses Eingeständnis verbergen.

Welcher Typ Mensch der von Eastwood verkörperte Earl Stone im Grunde ist, zeigen bereits die ersten Minuten. Es ist das Jahr 2005, in dem Stone für seine Lilienzucht einen Preis gewinnt und dafür wissentlich die Hochzeit seiner Tochter verpasst. Er präsentiert sich als Charmeur und wird gefeiert. Zwölf Jahre später ist sein Gewerbe mit den Blumen ruiniert. Er muss sein Haus verlassen, die Zwangsvollstreckung hat bereits begonnen. Nach weit mehr als einem halben Jahrhundert in Arbeit steht der inzwischen 90 Jahre alte Stone vor dem Nichts. Obwohl weder seine Ex-Frau, noch seine Tochter mit ihm sprechen wollen, will Earl etwas zur Hochzeit seiner Enkelin beisteuern und wird als Drogenkurier angeworben. So ausdrücklich wird dies im „Bewerbungsgespräch“ zwar nicht gesagt, aber die Anforderungen erfüllt er in seinem Alter allemal: Lange Fahrten zwischen den Bundesstaaten ist er gewöhnt und ein unauffälliger Fahrer ist er ebenfalls.

Seine Beteiligung soll zwar nur eine einmalige Sache sein, doch immer wieder ergeben sich für ihn neue, unvorhergesehene Engpässe. Anfangs ist es die Hochzeit seiner Enkelin Ginny, dann benötigt Earl das Geld, um sein Haus von der Bank zurückzukaufen und als der Veteranentreff nach einem Brand Unterstützung für den Wiederaufbau benötigt, willigt Earl in die nächste Fahrt ein. Die Ladungen, die er transportieren soll, werden immer größer und erst bei der dritten Fahrt verschafft sich Earl einen Eindruck davon, was er tatsächlich befördert. Dass er sich damit strafbar macht, er dazu beiträgt, dass junge Menschen drogenabhängig werden, kümmert ihn jedoch nicht. Es ist eine Frage, die The Mule nie stellt und mit der die Hauptfigur nie konfrontiert wird. Was diesbezüglich in Earl vorgeht, erfährt das Publikum nicht. Stattdessen lenkt der Film den Blick auf Ermittlungen der Drogenfahndung, die den Transportwegen des Kartells auf der Spur sind und mittels eines Informanten auch zumindest von dem Codenamen, den Earl erhalten hat, gehört haben.

Man könnte erwarten, dass The Mule ab diesem Moment zu einem anderen Film wird, der Krimi eher im Vordergrund steht und die Ermittlungen der Fahnder ins Zentrum rücken, doch dem ist nicht so. Sie erhalten erstaunlich wenig Zeit und werden bis auf einige kurze Dialoge auch nicht weiter vertieft. Stattdessen zeigt Filmemacher Clint Eastwood, wie Earl Stone die Aufmerksamkeit und die Anerkennung, die er sich nicht zuletzt mit dem Geld leisten und verschaffen kann, genießt. Wie er sich mit Damenbesuch vergnügt, als besäße er die Kontrolle und hätte Einfluss auf alles, was geschieht. So lange, bis die Stimmung kippt, nachdem das Kartell unter neuer Führung steht und auch für Earl sichtbar Menschen zu Schaden kommen. Inhaltlich fällt das mit einer Situation zusammen, die den Neunzigjährigen aus der Welt, wie er sie sich vorgestellt hat, herausreißt.

Entschließt sich Earl zum ersten Mal dazu, das Richtige zu tun und zu seiner schwerkranken Ex-Frau zu fahren, anstatt die Ladung wie vorgeschrieben abzuliefern, entblättert sich die Figur auf gelungene Weise selbst. Eastwood, aber auch Dianne Wiest hierbei zuzusehen, ist atemberaubend. Diese stärksten Momente des Dramas destillieren in wenigen Minuten den Kern des Charakters und machen The Mule sehenswert, auch wenn sich manche Abschnitte im Mittelteil wiederholen und die spärliche Musik zum schwachen Spannungsbogen beiträgt.
Die Perspektiven sind gelungen und die Darsteller über alle Zweifel erhaben. Erwartet man bei Clint Eastwoods inzwischen 40. Regiearbeit keinen Crime-Thriller, sondern die Art Drama, die der Filmemacher erzählen will, wird man auch nicht enttäuscht.


Fazit:
Ungeachtet des namhaften Ensembles erzählt Filmemacher Clint Eastwood eine Geschichte, die sich einzig um den von ihm gespielten Earl Stone dreht. Das entspricht dem Selbstverständnis der Figur und erlaubt ihm, dem 90-jährigen, der sich als Kurier eines Drogenkartells einspannen lässt, viele Facetten abzuringen, die man in einer solch unverblümten Ehrlichkeit vermutlich nicht erwartet hätte. Das ist mit einer einmaligen Stimmung und gleichermaßen faszinierend dargebracht, wird für diejenigen, die allerdings einen Thriller oder einen Krimi erwartet haben, zu langsam erzählt sein. Unbestritten kommt die Geschichte zwischen Earls einzelnen Fahrten nicht immer gut voran und dass die anderen Figuren kaum beleuchtet werden, ist mehr als bedauerlich; hier schlummert viel ungenutztes Potential. Ebenso bei der Gesellschaftskritik, die sich auf einen tollen Moment bei einer Verkehrskontrolle am Ende beschränkt. Als Charakterdrama ist The Mule jedoch nicht nur von allen Beteiligten, allen voran dem Altmeister selbst, hervorragend gespielt, sondern auch entsprechend und eindrucksvoll eingefangen. Würde sich der Regisseur hiermit (erneut) von seinen Rollen vor der Kamera verabschieden wollen, es wäre ein fantastischer Abgang.
 


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