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The Gift - Die dunkle Gabe [2000]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. März 2008
Genre: Thriller / Fantasy / Horror

Originaltitel: The Gift
Laufzeit: 112 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2000
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Sam Raimi
Musik: Christopher Young
Darsteller: Cate Blanchett, Giovanni Ribisi, Keanu Reeves, Katie Holmes, Greg Kinnear, Hilary Swank, Michael Jeter, Kim Dickens, Gary Cole, Rosemary Harris, J.K. Simmons, Chelcie Ross


Kurzinhalt:
Mit ihrer Witwenrente allein kann die dreifache Mutter Annie Wilson (Cate Blanchett) ihre Kinder nicht ernähren – und freie Stellen gibt es in der eingeschworenen Südstaatengemeinde nicht. So nutzt Annie ihre seherischen Fähigkeiten und legte ihren Mitmenschen die Karten. Darunter ist auch die uneinsichtige Valerie (Hilary Swank), die von ihrem Ehemann Donnie (Keanu Reeves) regelmäßig verprügelt wird. Und auch der verstörte Mechaniker Buddy Cole (Giovanni Ribisi).
Als der angesehene Lehrer Wayne Collins (Greg Kinnear) seine Verlobte Jessica (Katie Holmes) Annie vorstellt, vermag Annie ihre Vorahnung noch nicht zu deuten. Wenig später wird Jessica vermisst und als die Polizei auf Annies Hilfe zurückgreift, gerät Donnie durch Annies Eingebungen unter Verdacht – doch selbst als alles geklärt scheint, plagen Annie Visionen. Ehe sie die Wahrheit nicht zutage gebracht hat, wird sie keine Ruhe finden. Und ist auch nicht sicher vor demjenigen, der Jessica etwas angetan hat ...


Kritik:
Nach drei Kurzfilmen Ende der 1970er Jahre veröffentlichte Sam Raimi mit Tanz der Teufel [1981] seinen ersten abendfüllenden Spielfilm – und landete im Horrorgenre dabei einen Kulthit, der auch mehr als 25 Jahre später bei Kennern selbigen Status genießt. Doch während sich Raimi seither als Regisseur eher zurückhielt (er veröffentlichte weniger als ein Dutzend Filme seither), war er als Produzent und Autor umso aktiver. Durch die kommerziell orientierteren, wenngleich zu Beginn tiefgehenderen Spider-Man-Filme konnte sich Raimi auch einen Namen als Kassenmagnet machen. Dass er zwischen seinen Projekten auch die Zeit findet, Thriller wie Ein einfacher Plan [1998] oder The Gift zu realisieren, spricht für ihn – verlagert er bei jenen Filmen den Fokus doch weder auf blutrünstigen Horror, noch auf groß angelegte Action. Stattdessen stehen die Figuren und ihre Handlungen im Zentrum.
Unter anderem verfasst von Billy Bob Thornton (der die Geschichte auf den Fähigkeiten seiner Mutter basieren ließ), überrascht The Gift einerseits durch eine unaufgeregte, atmosphärische Story, die auch beim zweiten Mal ansehen genügend Überraschungsmomente bietet.

Die Vorlage etabliert dabei ein ganzes Sammelsurium an Charakteren, von denen nur wenige näher beleuchtet werden, die jedoch – wie in kleinen Dörfern nicht unüblich – allesamt Abgründe offenbaren, die man hinter der bürgerlichen Fassade kaum erwartet hätte.
Während man als Zuschauer ebenso im Dunkeln über den wahren Täter tappt, wie die charismatische und sympathische Hauptfigur Annie selbst, bekommt man immer wieder neue Verdächtige präsentiert, deren Charakter während der knapp zwei Stunden immer weiter ausgebaut wird; die neuen Erkenntnisse erhärten dabei den Verdacht meist eher, als dass sie ihn aus dem Weg räumen.
Die letztliche Auflösung ist dabei zwar für Genrekenner früh absehbar, doch der Weg, den die Geschichte bis dahin nimmt, bleibt packend und dank Nebenfiguren wie Giovanni Ribisis Buddy Cole immer unvorhersehbar. Die Dialoge wirken der Südstaatenumgebung angemessen und sind vor allen Dingen auf die Schichten der jeweiligen Person zugeschnitten, ohne abgehoben oder überheblich zu klingen. Erstaunlich ist, mit welcher Geschwindigkeit sich die Story entwickelt, denn während man früh den Täter zu kennen (und auch bestätigt) glaubt, entfaltet sich insbesondere in der zweiten Filmhälfte ein Mysterythriller, wie man ihn schon lange nicht gesehen hat.

Veredelt wird dies durch ein Staraufgebot, wie es prominenter in einem nur 10 Millionen Dollar teuren Film (so wird geschätzt) kaum sein könnte, auch wenn Raimi-Fans auf einen Auftritt seines Stammschauspielers Bruce Campbell vergeblich warten. Dafür ist selbst Komponist Danny Elfman, der The Gift allerdings nicht vertonte, in einem Miniauftritt zu sehen.
Angeführt wird der Cast durch eine ebenso engagierte wie zerbrechlich wirkende Cate Blanchett, der einerseits den Beschützerinstinkt beim Publikum auslöst, sich gleichzeitig allerdings als starke Frau heraushebt. Ihre Unsicherheit und stellenweise auch ihre Verzweiflung werden schon spürbar. Das Alter der damals 31jährigen lässt sich übrigens kaum schätzen – so scheint sie ebenso als Seelsorgerin, wie als Mutter und als junge Frau aufzublühen.
An ihrer Seite spielt unter anderem Giovanni Ribisi, dessen gebrochene Filmfigur sogar im Spiel seiner Augen sichtbar wird. Dabei wirken seine sprunghaften, undurchschaubaren Auftritte zu Beginn weniger beunruhigend, als seine ruhigen Szenen zum Schluss. Er glänzt durch eine ebenso emotionales wie subtiles Spiel und hat die mehrfachen Nominierungen für diese Rolle durchaus verdient.
Als prügelnder Ehemann und rassistischer Betrüger überzeugt Keanu Reeves ebenso, wie in seinen "gewohnteren" Rollen. Ihn hier in einer völlig anderen Figur spielen zu sehen, ist ebenso faszinierend wie verstörend – zumal auch Katie Holmes, mit der er einige Szenen teilt, ihr gewohntes Image umkehrt und sich gänzlich anders gibt, als man von ihr erwarten würde.
Einzig Greg Kinnear, der erst spät im Film aktiv werden darf, scheint die Rolle auf den Leib geschrieben, auch wenn er erst später zu ihr zu finden scheint. Nichtsdestotrotz macht er seine Sache gut, ebenso wie Hilary Swank, die eher durch starke Frauenrollen bekannt wurde, sich hier jedoch verletzlich gibt und damit einen Typ Frau verkörpert, der leider immer noch verbreitet ist.
Auf kleine Rollen beschränken sich bekannte Darsteller und Darstellerinnen wie der leider verstorbene Michael Jeter, Gary Cole oder Chelcie Ross. Rosemary Harris und J.K. Simmons durften beide in den drei Spider-Man-Filmen auftreten. Ihre Rollen spielen sie ihr ebenso gut und runden damit eine Besetzung ab, die namhafter und stimmiger kaum sein könnte. Vor allem haben alle Akteure etwas zu tun, wenn mitunter manche auch nur wenig.

Handwerklich gibt sich Regisseur und Produzent Sam Raimi routiniert und ungewohnt lethargisch, präsentiert dem Zuschauer langsame, lange Einstellungen, die einerseits das Klima in den Südstaaten verdeutlichen, andererseits auch den Lebensrhythmus der Figuren. Erst, als die Geschichte in Fahrt kommt, schneller mehr passiert, wechselt auch der Erzählstil.
Warme, aber nicht unbedingt natürliche Farben wechseln sich mit kühlen Tönen ab, eine unwirtlich und unwirklich scheinende Landschaft, die bei Nacht ganz anders wirkt, wie bei Tage dient als Kulisse für den übersinnlichen Thriller und nicht zuletzt die wohl aufgebauten, zwar nicht innovativ eingesetzten, aber nichtsdestoweniger effektiven Schockmomente heben The Gift über den Genredurchschnitt. Es scheint somit weniger, als wolle Raimi seinem Film einen künstlerischen Anspruch verleihen, als dass sich die Geschichte gar nicht anders hätte entfalten können.
Durch die unheimliche, fremde Atmosphäre zieht der Filmemacher sein Publikum in seinen Bann, auch wenn die Szenen und die Wendungen so ungewohnt und neuartig gar nicht sein. An der Stimmung gibt es jedoch von der ersten Minute an nichts auszusetzen.

Dazu trägt auch Komponist Christopher Young bei, der dem Mystery-Thriller einen eingängigen, aber unaufdringlichen Score spendiert. Mit Klängen, die dem Setting entsprechen, ruhigen Melodien, die durch die Instrumentierung ebenso verfremdet klingen, wie die Wahrnehmung der Umgebung der Hauptfigur, schafft Young die Rahmenbedingungen für den handwerklich tadellos umgesetzten, exzellent gespielten und auch beim wiederholten Ansehen spannenden Thriller, der zwar das Genre nicht neu erfindet, dafür aber auch in keiner Hinsicht enttäuscht.
Vielleicht hätten dem Film mehr unheimliche Szenen gut getan, doch wäre damit die überhaupt nicht hektische Umsetzung verloren gegangen. So funktioniert The Gift ebenso als ruhiger und nicht leicht zu durchschauender Krimi, wie als Milieustudie mit übersinnlichen Elementen.


Fazit:
Nach seinem düsteren Moral-Thriller Ein einfacher Plan nimmt sich Regisseur Sam Raimi erneut die Abgründe der menschlichen Seele vor und zeigt dabei auch, wie selbige entstehen können. Keine seiner Figuren trägt nicht eine Maske, die im Laufe der knapp zwei Stunden gelüftet wird. Es sind die Charaktere, die den übersinnlichen Mystery-Thriller ausmachen, auch wenn der Gruselfaktor hätte höher sein können.
Mit verpackt ist bei The Gift außerdem eine unterschwellige Milieustudie über jene kleinen Gemeinden im Süden, in denen durch fehlende Arbeitsplätze und ausgeprägte Glaubensgemeinschaften die Zeit vor vielen Jahren stehen geblieben ist. Dank der sehr guten Darsteller, die sich ausnahmslos zu Bestleistungen anspornen, und der durchweg gelungenen Inszenierung bleibt Die dunkle Gabe als einer der gelungensten Filme seines Genres in Erinnerung. Und zählt auch ohne Weiteres zu Sam Raimis besten.


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