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Schnappt Shorty [1995]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 02. April 2005
Genre: Komödie

Originaltitel: Get Shorty
Laufzeit: 105 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1995
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Barry Sonnenfeld
Musik: John Lurie, Mark Sandman
Darsteller: John Travolta, Gene Hackman, Rene Russo, Danny DeVito, Dennis Farina, Delroy Lindo, James Gandolfini, Renee Props, David Paymer, Miguel Sandoval


Kurzinhalt:
Chili Palmer (John Travolta) ist ein erfolgreicher Mafiosi und Geldeintreiber in Miami. Doch als Ray Barboni (Dennis Farina) die Kontrolle über die Stadt übernimmt, soll Chili urplötzlich Geld von einer Witwe eintreiben, deren Mann Leo (David Paymer) vor kurzem bei einem Flugzeug-Absturz ums Leben kam, Barboni allerdings noch Geld schuldete.
Chili forscht nach und findet heraus, dass Leo gar nicht verblichen ist, sondern vor dem Start aus dem Flugzeug stieg – wobei die vermeintliche Witwe nun allerdings eine Abfindung von der Fluggesellschaft kassierte. Chili reist Leo nach Las Vegas nach, wo ihn ein befreundeter Casino-Besitzer weiter nach Los Angeles schickt: Schundfilm-Produzent Harry Zimm (Gene Hackman) hat in Vegas viele Schuldscheine unerfüllt gelassen.
Als Chili Harry und die Schauspielerin Karen (Rene Russo) trifft, ahnt er noch nicht, dass er bald schon in Zimms neues Projekt investieren wird. Aber Zimm hat sich auch Geld vom ansässigen Kredit-Hai Bo Catlett (Delroy Lindo) geliehen, der wiederum mit einem verpfuschten Drogendeal zu kämpfen hat.
Haarig wird das alles erst, als Chili Harry von einer Film-Idee betreffend Leo erzählt, an der wenig später selbst Filmstar Martin Weir (Danny DeVito), Karens Exfreund, interessiert ist – und Harry im Unverstand Ray Barboni in Miami informiert, dass Chili ihm Leos Geld vorenthalte, in der Hoffnung noch mehr Schecks an Land zu ziehen ...


Kritik:
Roman-Autor Elmore Leonard gehört zu den Renommiertesten seiner Zunft. 40 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten verfasste Leonard, von denen einige sehr erfolgreich ihren Weg auf die große Leinwand fanden. Angefangen hat all das mit Western-Romanen, wandelte sich erst in den 1960er Jahren zu Krimis und wenig später schrieb Elmore Leonard sogar Drehbücher für Film und Fernsehen. Einen regelrechten Sturm auf seine meistgelesenen Bücher gab es allerdings erst in den 90er Jahren, als Hollywood erkannte, dass sich aus Out of Sight [1998], Jackie Brown [1997] oder auch Schnappt Shorty wirklich erfolgreiche Filme machen ließen.
Dabei ist es aber bekanntlich eine Sache, einen Roman-Hit zu verfassen, und etwas vollkommen Anderes, diesen künstlerisch wie finanziell ansprechend zu einem Film zu adaptieren. Drehbuchautor Scott Frank – Oscar-nominiert für sein späteres Skripts zu Out of Sight – gelang dies bei Schnappt Shorty dermaßen gut, dass der Film nicht nur knapp das Vierfache seiner Produktionskosten wieder einspielte, sondern fast zehn Jahre später die Fortsetzung Be Cool – Jeder ist auf der Suche nach dem nächsten großen Hit [2005] in Angriff genommen wurde, zu der Leonard erneut die Romanvorlage lieferte.

Die Drehbuch-Vorlage von Schnappt Shorty wartet mit einer Vielzahl von Handlungssträngen und Figuren auf, deren Zusammenspiel innerhalb der Story zu bewundern, zu sehen, wie die verschiedenen Zahnräder der Geschichten ineinander greifen, den eigentlichen Reiz des Films ausmachen. Wenn Chili Palmer nach Los Angeles kommt, Kontakte zu Harry Zimm knüpft, und sich gleichzeitig Bo Catlett mit einem gescheiterten Drogendeal abmühen muss, dann fragt man sich im ersten Moment unweigerlich, wie all das denn zusammenhängen mag – ehe einen die sich fortwährend entwickelnde Story genau zu dem Punkt führt, an dem die verschiedenen Linien miteinander verknüpft werden.
Ein wenig schade ist nur, dass manche Handlungsstränge nicht zu Ende gebracht werden. Was zum Beispiel aus dem Drogenbaron Escobar wird, bleibt ungeklärt, und auch wie sich Ray Barboni mit seinem Schicksal abfindet, wird nicht näher beleuchtet.
Zwar sind viele Dialoge und gerade die Figuren selbst wirklich witzig. Wenn man allerdings einen genauen Blick auf die Charaktere wirft, erkennt man meist nicht viel mehr, als den schemenhaften Umriss einer richtigen Person. Einzig Chili Palmer wird dem Zuschauer näher gebracht, die anderen bekommen lediglich einen kleinen Hintergrund zugeschrieben, und der wird meist in einem Satz abgehandelt und spielt im Verlauf des Films keine weitere Rolle mehr. Dass darunter insbesondere die Bösewichte Catlett und Barboni leiden, ist bedauerlich, denn für sie hätte man sich gern mehr Tiefgang gewünscht.
Dreh- und Angelpunkt ist jedoch die Story, die bei Get Shorty mit einigen interessanten Ideen und vielen skurrilen Situationen aufwarten kann, im Großen und Ganzen aber ansich recht spannungsarm bleibt. Dies ist möglicherweise schon ein grundlegendes Problem der Leonard-Romanvorlagen, oder aber eines sämtlicher Verfilmungen, denn weder Schnappt Shorty, noch Out of Sight oder Jackie Brown vermögen richtiggehend mitzureißen. Stattdessen dürfen sich interessierte Zuschauer in den vielseitigen Figuren verlieren, und von der gemächlichen Entwicklung der Geschichte begeistern lassen – wer dagegen auf eine spannend-temporeiche Krimi-Komödie hofft, wird vermutlich enttäuscht.

Das Highlight von Barry Sonnenfelds Film bilden zweifelsohne die Darsteller, die erlesener kaum sein könnten. Nicht nur, dass Größen wie Harvey Keitel oder Bette Midler in Mini-Auftritten zu sehen sind (die beiden werden nicht einmal im Abspann gelistet), selbst der Main-Cast liest sich so bunt, wie exklusiv.
Ein wahrer Glücksgriff ist sicherlich John Travolta als Chili Palmer (der zur Annahme des Angebots erst von Quentin Tarantino überredet werden musste, dem ursprünglich die Regie angetragen worden, sie allerdings abgelehnt hatte). Er mimt den versierten, charmanten Mafiosi mit einer Süffisanz, wie man sie selten zuvor gesehen hat: Lässig und entspannt, dabei immer wachsam und stets mit einem Augenzwinkern. Mehr kann man sich nicht wünschen.
Gene Hackman steht dem in nichts nach. Als verunsicherter, rückgratloser Film-Produzent ist er wunderbar gegen den Strich besetzt und liefert eine witzige und dennoch in gewissem Sinne tragische Darbietung.
Daneben behauptet sich Rene Russo solide und darf in einem kurzen Dialog mit Travolta sogar ihre Zusammenarbeit mit Mel Gibson (Lethal Weapon 3 – Die Profis sind zurück [1992]) andeuten.
Ansich war Danny DeVito die Wunsch-Besetzung des Regisseurs für Chili Palmer gewesen, musste jedoch wegen Termin-Schwierigkeiten absagen und konnte nur einen kleinen Part übernehmen. Gelungen ist sein Auftritt trotzdem, wobei am ehesten sein "Napoleon"-Plakat in Erinnerung bleibt.
David Paymer mimt den Underdog routiniert, und Dennis Farina fährt als schmierig-rücksichtsloser Mafiosi zu Höchstform auf. Dass der talentierte Mime in seiner immerhin 25-jährigen Karriere nur eine einzige Auszeichnung erhielt – und die für Schnappt Shorty – ist unverständlich. Neben zahlreichen Auftritten in Fernseh-Serien wie Miami Vice [1984-1989] spielte Farina unter anderem in Michael Manns Blutmond – Roter Drache [1986], der ansich ersten Hannibal Lecter-Verfilmung, Midnight Run – 5 Tage bis Mitternacht [1988], Die Abservierer [1993] oder Der Soldat James Ryan [1998], sowie Reindeer Games – Wild Christmas [2000] mit.
Delroy Lindo macht seine Sache ebenfalls überaus gut, und verleiht seiner ansich recht blassen Figur erfreulich viele Facetten.
Für James Gandolfini, der erst einige Jahre später mit Die Sopranos [1999-2006] weltweit berühmt werden sollte, ist Schnappt Shorty zwar nicht sein erfolgreichster Film, aber auch er hinterlässt einen bleibenden Eindruck, wie Miguel Sandoval in seinem Kurz-Auftritt als Drogenbaron Escobar – nur ein Jahr zuvor mimte er eine ähnliche Figur in Das Kartell [1994].
Dass eine hochkarätige Besetzung nicht immer einen guten Film garantieren muss, hat die Erfahrung leider gezeigt – wie es gelingen kann, beweist Schnappt Shorty eindrucksvoll: Die Beteiligten scheinen alle ihren Spaß gehabt zu haben, was sich in ihren natürlichen Darbietungen niederschlägt, und über die Schwächen des Skripts, in der Story und bei den Figuren hinweg hilft.

Regisseur Barry Sonnenfeld, der für diesen Film für den Goldenen Bären nominiert war und ein paar Jahre später für Wild Wild West [1999] die weniger schmeichelhafte Goldene Himbeere tatsächlich bekam, feierte mit Men in Black [1997] und dessen Fortsetzung seine größten Erfolge – dabei war er vor seiner Regiekarriere als Kamera-Mann, beispielsweise in Harry und Sally [1989] oder Misery [1990], ebenso erfolgreich.
Get Shorty kleidet Sonnenfeld in passende Bilder, die aber bis auf wenige Einstellungen nicht im Gedächtnis haften. So enttäuscht vor allem, dass die Umgebung von Hollywood nicht wirklich bemerkenswert eingefangen wird. Statt das Stadtbild und dessen Wahrzeichen in die Erzählung einzustreuen, bewegen sich die Figuren überwiegend durch die Straßen, als würde es sich um eine x-beliebige Stadt handeln, und von dem fieberartigen Flair, das Chili Palmer beschreibt, ist somit nichts zu spüren. Die Atmosphäre beim kurzen Trip nach Las Vegas wird hingegen stimmig eingefangen und kurzen Szenen in Miami besitzen ebenfalls den typischen Charme, den man von der Stadt gewohnt ist.
Das lässt die Inszenierung zwar nicht schlecht erscheinen, allerdings hätten Kamera und Schnitt die Geschichte durchaus besser porträtieren können. So vermittelt der Regisseur einen routinierten, wenngleich überraschungsarmen Eindruck.

Im Gegensatz dazu gibt sich die Musik von John Lurie Mühe, die Szenen zu unterstützen und mit einigen interessanten Themen aufzuwarten.
Richtig gut gelungen ist zudem die Auswahl der gesungenen Lieder und lizenzierten Stücke, die an zahlreichen Stellen eingespielt werden.
Hier bleiben keine Wünsche offen und der Soundtrack dürfte für Genre-Fans sicher interessant sein.

Obwohl Autor Elmore Leonard die Figur des Martin Weir eigener Aussage zufolge an Dustin Hoffman angelehnt hat, ist der Darsteller leider nicht in einem Gastauftritt vertreten; dennoch ist es die Besetzung, die Schnappt Shorty wirklich sehenswert macht. Einen derart vielseitigen Stab voll talentierter Schauspieler zu beobachten, macht schon von sich aus Spaß, aber zu sehen, wie sich die verschiedenen Story-Stränge letztlich zusammenfügen, Eins zum Anderen kommt, und Chili Palmer sich gegen die unüberschaubare Vielzahl der neuen Gesichter behaupten muss, zählt zu den Höhepunkten des Films.
Schon deshalb überraschen einige übermäßig brutale Szenen, die in dem Film so ansich nicht notwendig waren und im Vergleich zum Rest auch etwas negativ auffallen.
Wer sich lediglich unterhalten lassen und amüsieren will, ist bei Schnappt Shorty gut aufgehoben – wer aber von einer Komödie den gewohnten Aufbau mit einigen spannenden Momenten erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht sein.


Fazit:
Es mag daran liegen, dass kaum ein anderer Darsteller das Kunstwerk vollbringt, in einer Szene wortlos, und doch über alle Maßen lässig bei Dennis Farina an die Tür zu klopfen, und nach einer einzigen unvermittelten Aktion seine Lederjacke wieder mitzunehmen – aber mit seiner differenzierten, charmanten und schlichtweg coolen Darbietung gelingt John Travolta hier die Geburt einer neuen Generation Gangster. Er trägt den Film und tröstet erfolgreich darüber hinweg, dass viele Figuren bei genauerem Hinsehen gar nicht so vielschichtig sind, wie einem das manche Dialoge gar verkaufen wollen.
Regisseur Barry Sonnenfeld leistet bei der Elmore Leonard-Verfilmung gute Arbeit, verzichtet zu Gunsten einer routinierten Inszenierung allerdings auf jegliche Besonderheiten, die den Film über seinen Stand hinausheben würden.
So bleibt Schnappt Shorty zwar ein wirklich guter und auch witziger Film, der aber zum großen Teil von den Darstellern und den natürlich dargebrachten Dialogen lebt. Die verschiedenen Handlungsstränge finden am Ende durchaus geschickt zusammen, wirkliche Spannung kommt dabei jedoch schon deshalb nicht auf, weil die sympathischen Figuren (die trotz allem ja Gangster sind) nicht richtig in Gefahr schweben.
Für Fans des intelligenten Unterhaltungskinos ist das interessant und sehenswert, andere werden sich hingegen am getragenen Erzähl-Tempo stören.


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