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Rufmord – Jenseits der Moral [2000]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 01. Juli 2002
Genre: Drama / Thriller

Originaltitel: The Contender
Laufzeit: 121 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2000
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren


Regie: Rod Lurie
Musik: Larry Groupé
Darsteller: Joan Allen, Gary Oldman, Jeff Bridges, William L. Petersen


Kurzinhalt:
U.S.-Präsident Jackson Evans (Jeff Bridges) muss nach dem Tod seines Vize-Präsidenten diesen Posten neu besetzen. Doch anstatt Gouverneur Hathaway (William L. Petersen) zu nominieren, schlägt er die Senatorin Laine Hanson (Joan Allen) vor, die von den Republikanern zu den Demokraten übergelaufen ist und zudem erst noch von einem Gremium, geleitet von dem Republikaner Sheldon Runyon (Gary Oldman), "genehmigt" werden muss.
Der Widerstand gegen die eher unbekannte Senatorin ist groß. Da tauchen urplötzlich Fotos von einer sexuellen Eskapade auf, bei der sie während ihrer College-Zeit teilgenommen haben soll. Sowohl in den Medien, als auch in der Politik beginnt eine Schlammschlacht, bei der mit allen Mitteln versucht wird, die Senatorin zu diskreditieren – nur sie beharrt weiterhin auf ihrem Recht, keine Angaben zu den Beschuldigungen zu machen. Und der Präsident gerät immer mehr unter Druck.


Kritik:
Im Oktober 2000 kam dieser Film in die amerikanischen Kinos, im März 2001 wurden die beiden Hauptdarsteller Joan Allen und Jeff Bridges jeweils für den Oscar nominiert – und doch vergingen beinahe zwei Jahre, bis dieser Film in unseren Kinos lief! Aller möglicher Mist, sei es einheimischer oder importierter, wird in Windeseile synchronisiert und veröffentlicht, wirkliche Perlen im Kino sucht man vergebens, oder aber sie kommen mit solchen Verspätungen, dass das Thema fast schon nicht mehr aktuell ist.

Nun, das Grundthema bei The Contender, so der weniger reißerische Originaltitel ist so aktuell wie eh und je: Schmutzkampagnen, um die gegnerischen Politiker in den Dreck zu ziehen, sind nicht nur in den USA an der Tagesordnung, obgleich sie gerade dort gern verschwiegen werden.
Wahrscheinlich hat deshalb die 9 Millionen Dollar-Produktion gerade einmal 18 Millionen in Amerika eingespielt: entweder konnten die Zuschauer dort die bissig-ironischen Dialoge nicht verstehen, oder sie wollten nicht.
Wenn man von Rufmord eine Liste der gelungensten Zitate machen wollte, könnte man ebenso fast das komplette Drehbuch abschreiben.

Der Film ist hervorragend gespielt, gerade von Joan Allen und ihrem "Widersacher" Gary Oldman, der nicht nur kaum zu erkennen ist, sondern eine wirklich fantastische Darstellung liefert. Gleichzeitig verleiht der fast schon dokumentarische Inszenierungsstil dem Film die nötige Glaubwürdigkeit, um nicht als Phantasiewerk abgetan zu werden.
Die Charaktere sind beispielhaft herausgearbeitet und jeder Figur wurde eine besondere Note und Tiefe verliehen, auch der Präsident wird nicht heroisch kämpfend dargestellt, sondern ganz normal menschlich. Auch er benutzt Intrigen und politische Fallen, um zu erreichen, was er erreichen möchte. Er schreckt auch nicht davor zurück, Gegnern dezent einen politischen Genickbruch anzudrohen.

Und doch ist er kein schlechter Mensch, im Gegenteil; das Spiel wurde von einer Reihe Leuten begonnen, denen klar war, dass sie dabei ein Menschenleben zerstören würden, sicherlich aber den Ruf und das Ansehen der Senatorin. Manche dieser "Spielmacher" gehen dabei buchstäblich über Leichen, um ihre Ziele zu erreichen – Evans spielt nach denselben Regeln, ebenfalls darum bemüht, seine Ziele zu erreichen. Allerdings lockt er seine Widersacher geschickt in die Falle, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen.

Dem gegenüber steht Senatorin Hanson, die ihre Prinzipien aufrecht erhält und der Meinung ist, dass sie auf eine Diskussion ihr Privatleben betreffend, nicht zu antworten braucht, da die Frage die Öffentlichkeit nicht das Geringste angehe.

Rufmord jongliert mit dem politischen Alltag in Amerika, der ebenso wie in vielen anderen Ländern von Korruption, Machtbesessenheit und Intrigen dominiert wird. Mit der Ausnahme, dass man hier einen Blick hinter diesen politischen Vorhang werfen kann, einen Blick, der vermutlich gar nicht so fern ab der Realität ist.


Fazit:
Seine Spannung zieht der Film aus den Dialogen und den dadurch erzeugten Situationen (es scheint im Vergleich zu vielen großen Hollywood-Produktionen schon vor Drehbeginn ein sehr gutes Drehbuch gegeben zu haben). Der Film verzichtet großteils auf Actionsequenzen, und die wenigen, die es gibt, wurden nicht als solche inszeniert. Kamera und Schnitt lassen den Zuschauer an den Dialogen teilhaben, als würde man direkt daneben stehen.
Manchen Zuschauern ist das zu "langweilig", wer sich jedoch konzentriert auf den Film einlässt, wird nicht nur viele makabere-ironische Szenen erleben, bei denen die aufmerksamen Zuschauer lachen und die anderen nur verdutzt dreinsehen, man wird auch sehr viel Redestoff geliefert bekommen.
Sei es darüber, ob eine Frau mit politischem Rang mehr oder weniger Verantwortung gegenüber ihrer Vergangenheit zeigen muss, oder ob es sich lohnt, auch gegenüber den moralisch verwerflichsten Anschuldigungen mit Prinzipien zu trotzen.
Je nachdem, der Film ist ein eindeutiger Beweis dafür, dass anspruchsvolles und hervorragend gespieltes Kino heute nicht ausgestorben ist – es ist nur leider seltener geworden.


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