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Once Upon a Time in Hollywood [2019]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 27. Juli 2019
Genre: Komödie / Drama

Originaltitel: Once Upon a Time … in Hollywood
Laufzeit: 161 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA / China
Produktionsjahr: 2019
FSK-Freigabe: noch nicht bekannt

Regie: Quentin Tarantino
Musik: Mary Ramos (Music Supervisor)
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Emile Hirsch, Margaret Qualley, Timothy Olyphant, Austin Butler, Dakota Fanning, Bruce Dern, Al Pacino, Kurt Russell, Zoë Bell, Michael Madsen, Clifton Collins Jr., Scoot McNairy, Lorenza Izzo, Rebecca Gayheart


Kurzinhalt:

Es ist das Jahr 1969. Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) war Hauptdarsteller einer erfolgreichen Western-Serie – doch das ist mehr als fünf Jahre her. Nachdem sein Sprung auf die große Leinwand nur mäßig erfolgreich verlaufen ist, verdient er seinen Lebensunterhalt mit kleinen Rollen in Fernsehserien. Immer dabei ist sein Stunt-Double Cliff Booth (Brad Pitt). Nachdem ihm Hollywood-Produzent Marvin Schwarzs (Al Pacino) unverblümt die Augen geöffnet hat, wie es um seine Karriere bestellt ist, steht Rick an einem Scheideweg. Er könnte in Europa Filme drehen, oder darauf hoffen, in der Traumfabrik einen neuen Hit zu landen. Dass dies möglich ist, sieht er an seinem Nachbarn Roman Polanski (Rafal Zawierucha), der mit seiner Frau Sharon Tate (Margot Robbie) seit kurzem hier wohnt. Dabei befindet sich nicht nur Hollywood im Umbruch, so dass Rick und Cliff die Unterhaltungsindustrie kaum wiedererkennen …


Kritik:
Um einen Film von Quentin Tarantino bewerten zu können, empfiehlt es sich, vorher überhaupt zu entscheiden, was für ein Film es denn sein soll. Das ist vermutlich bei keinem anderen so wahr wie bei Once Upon a Time in Hollywood, in dessen Titel sich bereits verbirgt, was der Filmemacher wohl damit erzählen wollte. Als „Liebesbrief“ an Los Angeles, die Traumfabrik Hollywood im Allgemeinen und ihr Goldenes Zeitalter in den 1950er- und 60er-Jahren im Speziellen, ist Tarantinos neunter Film zweifellos gelungen. Doch verwebt er darin eine tatsächliche Tragödie, einen brutalen Mord an fünf Personen zu jener Zeit. Man muss sich hier zwei Fragen stellen: Zum einen, ob die Vermischung von Fiktion und Realität einem von beiden einen neuen Aspekt abgewinnt und zweitens, ob die Umsetzung innerhalb der Geschichte den Ereignissen angemessen ist. So erstaunlich es ist, das erste zu bejahen, so schwierig ist die Antwort auf die zweite Frage.

Im Zentrum der Geschichte steht der Schauspieler Rick Dalton, der Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre die Hauptrolle in einer erfolgreichen TV-Serie spielte. Sein geplanter Sprung auf die große Leinwand war zwar im Western-Genre mäßig erfolgreich, insgesamt glückte er ihm jedoch nicht, so dass er inzwischen in vielen Pilotfilmen der bekannten Sender mitspielt – stets als Bösewicht. Als ihm der Produzent Schwarzs eine Karriere in Spaghetti-Western in Europa anbietet, zögert Rick, denn bis dieser ihm die Augen geöffnet hat, hat er seine Karriere nicht auf dem absteigenden Ast gesehen. Doch das Business ändert sich rasant, während er auf der Stelle tritt.
Stets an Ricks Seite findet sich Stuntman Cliff Booth, der ihn seit beinahe einem Jahrzehnt begleitet. Inzwischen ist er zwar mehr „Mädchen für alles“ für den Schauspieler, doch das schmälert nicht, wie sehr Rick auf ihn angewiesen ist.

Wer sich nun fragt, worin hier die eigentliche Geschichte von Once Upon a Time in Hollywood liegt, trifft den Nagel auf den Kopf. Bis sich so etwas wie ein roter Faden erkennen lässt, dauert es recht lange. Wie beim Filmemacher üblich, beobachtet man viele Personen, die zusammensitzen und miteinander reden, meist lange Monologe. Parallel zur Story um Rick und Cliff, bei der sich eigentlich nicht viel tut und die mehr Zeit in Rückblenden verbringt, springt Tarantino regelmäßig zu einem Nachbarpärchen, das neben Rick eingezogen ist: Filmemacher Roman Polanski und Schauspielerin Sharon Tate. Gleichzeitig begegnet Cliff immer wieder dem jungen Hippie-Mädchen Pussycat, die Teil einer Kommune um niemand anderen als Charles Manson ist. Wohin das führt, wird diejenigen, die mit der Materie vertraut sind, kaum überraschen … und gleichzeitig doch.

Once Upon a Time in Hollywood beginnt im Februar 1969 und stellt in Rick Dalton einen verunsicherten, stotternden Protagonisten vor, der den amerikanischen Traum so lange lebte, dass er gar nicht bemerkte, dass er auch irgendwann aufwachen sollte. In der Rolle ist Leonardo DiCaprio schlicht fantastisch besetzt und zeigt eine Bandbreite an Emotionen, die seinen Status als einer der Darsteller seiner Generation nur unterstreicht. Daltons Zusammenbruch im Wohnwagen des Schauspielers ist eines der Highlights des Films, ebenso die Szene, in der er als Bösewicht in einer Serie vor der Kamera steht.
Eine richtige Dramaturgie entwickelt sich auf Grund dessen, was geschieht jedoch nicht, so dass auch der Sprung in den August ’69 recht überraschend kommt. Ab diesem Moment wird der Film häufiger durch einen Erzähler aus dem Off begleitet, der die inhaltlichen Lücken schließen soll, sich dann jedoch schnell wieder verliert. Es ist ein Stilmittel, das hier nach keinem erkennbaren Schema eingesetzt wird und entsprechend uneinheitlich wirkt.

Dass beim Finale die Gewalt in für den Filmemacher typisch grafischer Manier explodiert, überrascht nicht. Wohl aber, dass Tarantino wie gehabt versucht, die Gewalt „unterhaltsam“, beinahe „witzig“ zu gestalten. Dabei sollte sie, gegen wen auch immer sie sich richtet, abschrecken. Umso mehr angesichts des wahren Hintergrunds der Geschichte um Sharon Tate. Mehr sei über die Entwicklung der Geschichte nicht verraten. Es soll genügen zu sagen, dass diejenigen, die zumindest grob mit den Ereignissen jenes 9. August 1969 im Cielo Drive vertraut sind, überrascht sein werden, während diejenigen, die es nicht sind, im Nachgang hierzu recherchieren sollten, um zu verstehen, was der Filmemacher mit seinem Film überhaupt aussagen will. Das zusammen zu fassen ist schwer, ohne wichtige Storypunkte vorwegzunehmen.

Die Ausstattung von Once Upon a Time in Hollywood ist grandios, das Zeitkolorit fantastisch eingefangen. Filmemacher Quentin Tarantino zeigt eindrucksvoll, dass er nicht nur das Leben im Hollywood jener Zeit einzufangen vermag, auch die fiktiven Welten von Ricks Serien sind förmlich greifbar zum Leben erweckt. Doch schon nach den ersten 15 Minuten stellt sich das Gefühl ein, als würden die Szenen länger dauern, als es notwendig wäre. Wird mit unzähligen Einstellungen gezeigt, dass Cliff zu einem Autokino fährt, wo auch sein Wohnwagen steht, oder was Produzent Schwarzs Rick erläutert stets mit ewig sich dahinziehenden Rückblenden in Film- und TV-Ausschnitte untermalt, dann ist es vielmehr, als würde der Regisseur das nur zeigen, weil er es kann. In jedem anderen Film wäre dies eine Erwähnung, eine Dialogzeile wert, keinesfalls jedoch den Aufwand, all dies auf die Leinwand zu bringen. Dass Quentin Tarantino überdies auch Rückblicke in die Rückblenden einbaut, unterstreicht zwar sein Faible für eine opereske Erzählung, gleichzeitig aber auch sein Unvermögen, diese zu fokussieren. Einschübe von mehr als fünf Minuten, die nur dazu dienen, eine Information über die Figur zu vermitteln, diese später jedoch keine Rolle mehr spielt, sind schlichtweg unnötig und ziehen den Film unnötig in die Länge. Ebenso die vielen Szenen, die nur Personen während der Autofahrten zeigen; gefühlt besteht ein Viertel des Films aus diesen Einstellungen.

All das sorgt dafür, dass sich diejenigen, die mit dem Stil des Filmemachers vorliebnehmen, hier bestens aufgehoben sind, während diejenigen, die eine erkennbare Geschichte erwarten, enttäuscht werden. Man könnte es auch anders sagen: Irgendwo in den spürbaren zweidreiviertel Stunden liegt ein Film, der dieselbe Aussage treffen könnte, die der Filmemacher treffen wollte, aber merklich zugänglicher wäre. Die Ode an Hollywoods goldene Ära hätte man ohne weiteres darin verpacken können. Daran ist der Regisseur offensichtlich nicht interessiert.


Fazit:
Handwerklich ist der Filmemacher ein Meister seines Fachs. Sein Aufbau ist tadellos, die Perspektiven schlicht grandios. Was es bräuchte, ist eine letzte Kontrollinstanz, um seinen Hang zur ausufernden, pseudo-bedeutungsschwanger mäandrierenden Erzählung einzudämmen. Dass es die nicht gibt, hat er sich vertraglich zusichern lassen, so dass er die Entscheidung über den finalen Schnitt behält. Das merkt man. Ungeachtet der tollen Darbietungen, von denen vor allem Leonardo DiCaprio und Brad Pitt eine fantastische Chemie entwickeln, braucht es sehr lange, ehe sich herauskristallisiert, wohin sich die Story entwickeln will. Das macht Once Upon a Time in Hollywood nur mäßig bis gar nicht spannend. Es scheint paradox, eine tatsächlich geschehene Gewalttat mit einer Liebeserklärung an Los Angeles zu verbinden, in deren Zentrum eine fiktive Hollywood-Figur steht. Vielleicht erschafft Hollywood aber mehr als nur Träume auf der Leinwand. Womöglich erschafft es auch seine eigene Wirklichkeit, in der es am Ende heißt „und sie lebten glücklich“, so wie der Filmtitel das bekannte Märchen-Zitat einleitet. Dass Quentin Tarantino dies Los Angeles zutrauen würde, lässt erkennen, was ihm diese Stadt bedeutet und nimmt ihr ein wenig die Melancholie. Ob er das Publikum damit überzeugen kann und ob die inhaltlichen Entscheidungen, die er im letzten Drittel dazu trifft, den Geschehnissen angemessen sind, muss jeder selbst entscheiden. Es wäre zumindest eine schöne Vorstellung.
 


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