skip to content

Nur ein kleiner Gefallen [2018]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. Juni 2019
Genre: Krimi / Komödie

Originaltitel: A Simple Favor
Laufzeit: 117 min.
Produktionsland: Kanada / USA
Produktionsjahr: 2018
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Paul Feig
Musik: Theodore Shapiro
Darsteller: Anna Kendrick, Blake Lively, Henry Golding, Linda Cardellini, Joshua Satine, Ian Ho, Andrew Rannells, Jean Smart, Rupert Friend, Eric Johnson, Dustin Milligan, Bashir Salahuddin


Kurzinhalt:

Nach außen hin führt Emily Nelson (Blake Lively) ein rundum perfektes Leben: Die bildschöne Frau leitet die PR-Abteilung eines erfolgreichen Modelabels, ist mit dem gefeierten Autor Sean (Henry Golding) verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Umso unverständlicher für ihre Freundin Stephanie (Anna Kendrick), weshalb Emily von einem Tag auf den anderen spurlos verschwindet. Nachdem sie nicht in der Lage ist, Emily zu erreichen und niemand sonderlich beunruhigt scheint, unternimmt Stephanie selbst Nachforschungen, was mit Emily geschehen sein könnte. Die alleinerziehende Übermutter, die selbst ein dunkles Geheimnis hat, stößt dabei auf Hinweise, die nahelegen, dass niemand Emily wirklich kannte. Statt Antworten, findet Stephanie nur mehr Fragen, die auf eine düstere Seite der Karrierefrau und Mutter hindeuten. Bis ein Fund der Polizei all ihre Erkenntnisse in ein neues Licht rückt …


Kritik:
Nur ein kleiner Gefallen ist eine schwarzhumorige, überraschend „verdorbene“ Krimikomödie von Regisseur Paul Feig, basierend auf dem gleichnamigen Debütroman von Darcey Bell aus dem Jahr 2017. Deshalb in Anführungszeichen „verdorben“, weil es eher die Charaktereigenschaften der Figuren beschreibt, die hier allesamt mehrere Keller mit mehreren sprichwörtlichen Leichen vorzuweisen haben. Dabei lädt der Filmemacher mit einer großteils unvorhersehbaren Geschichte auf so gelungene Weise ein, mitzurätseln, dass wenn er urplötzlich und zu früh eine Auflösung präsentiert, er das Publikum regelrecht vor den Kopf stößt. Wäre es nicht um die fabelhafte Besetzung, würde der Film daran zerbrechen.

Die Story wird erzählt aus Sicht der verwitweten, alleinerziehenden Mutter Stephanie, die von Anna Kendrick als beinahe übervorsichtige, alles kontrollierende und sich bei allem engagierende Vorstadt-Mama verkörpert wird, deren dunkle Geheimnisse erst mit der Zeit zum Vorschein kommen. Sie erzählt auf ihrem Vlog davon, dass ihre beste Freundin Emily seit fünf Tagen verschwunden ist. Anschließend wird beschrieben, was bis zu jenem Moment geschehen ist. Allerdings holt der Rückblick die aktuelle Zeit bereits noch vor der Hälfte des Films wieder ein mit einer Entdeckung, die viele Geschichten an sich beenden würde, hier aber nur Ausgangspunkt für die weitere Handlung darstellt.

Emily scheint für Stephanie (und das Publikum), als würde sie ein perfektes Leben leben. Sie ist Leiterin der PR-Abteilung eines erfolgreichen Modelabels, hat einen erfolgreichen Autor geheiratet, der inzwischen an der Universität unterrichtet, und lebt in einem unvorstellbar luxuriösen Haus. Wieso also sollte sie von einem Moment auf den anderen verschwinden? Dass hinter Emily mehr steckt, als die stets lächelnde, alles sarkastisch kommentierende Erfolgsfrau mit dem Aussehen eines Models, erkennt Stephanie schon daran, dass sie früh am Nachmittag das erste Glas Martini zu sich nimmt. Man darf Emily auch nicht fotografieren und in den Gesprächen mit Stephanie lässt sie erkennen, dass sie nicht nur angesichts finanzieller Schwierigkeiten dieses Leben gar nicht mehr haben möchte.
Nach Emilys Verschwinden ruft Stephanie in ihrem Vlog dazu auf, bei der Suche zu helfen und protokolliert täglich den Fortschritt. Tatsächlich stellt sie selbst Nachforschungen an und kommt langsam dahinter, dass Emily nicht die war, die sie vorgab zu sein.

Mehr sollte man zu Nur ein kleiner Gefallen nicht verraten, um die Überraschungen nicht zu verderben. Erfreulicherweise verrät auch die Vorschau nicht zu viel. Mit seinen hellen Farben, dem trockenen Humor und den geradezu unanständigen, anrüchigen Szenen verleiht Filmemacher Feig seinem Krimi ein unerwartetes Flair. Obwohl die Geheimnisse der Figuren immer düsterer werden, behält er die perfekt ausgestattete, freundlich eingerichtete Vorstadtwelt bei und schafft so einen tollen Kontrast, der durch die französischen Songs der 1960er Jahre im Hintergrund noch verstärkt wird. Die Figuren tun hier Dinge und sagen Sachen, die man angesichts ihrer gesellschaftlichen Stellung, ihres Lebenswegs und ihres Auftretens nicht erwarten würde. Dazu zählen auch die Befragungen des Polizisten Somerville, die so taktlos und mit Augenzwinkern vorgetragen werden, dass man im ersten Moment denkt, man hätte sich verhört. Diese Atmosphäre ist dem Krimi überraschend gut gelungen und macht ihn für ein Publikum, das diese Art Humor verträgt, überaus empfehlenswert.

Auch der Krimiaspekt selbst funktioniert und wird durch die immer neuen Erkenntnisse, die Stephanie über ihre „beste Freundin“ gewinnt, vorangebracht. Über allem steht die Frage, ob Emily noch lebt, oder nicht und wenn nicht, ob und von wem sie getötet wurde. Man würde vermuten, dass sich Nur ein kleiner Gefallen dieses Mysterium bis zum Schluss bewahrt, doch dem ist nicht so. Merklich zu früh wird hierzu eine Aussage getroffen, so dass weniger das ob, sondern vielmehr das warum und wie im Zentrum steht. Beim Finale werden diese Fragen dann zwar aufgelöst, aber es bleibt der Eindruck, dass manche Storyabzweigungen wie Stephanies Nachforschungen bei einer Künstlerin, die Emily vermeintlich kannte, nicht wirklich notwendig oder nicht in ausreichendem Maße ausgearbeitet sind. Ist darüber hinaus das ob geklärt, hat das Mystery-begeisterte Publikum das wie bis auf einige wenige Details auch bereits erraten. So lässt das letzte Drittel die großen Überraschungen leider vermissen, was den Krimi länger erscheinen lässt, als er sein müsste.


Fazit:
Was die Abgründigkeit und die Berechnung der Personen angeht, erinnert Nur ein kleiner Gefallen ein wenig an Wild Things [1998] und präsentiert sich als knisternder Noir-Krimi, der stückweise hinter die Fassaden der Figuren blickt. Die Besetzung ist fantastisch, wobei sowohl Blake Lively als auch Anna Kendrick sichtbar in ihren Rollen aufgehen. Zu sehen, wie beide Figuren ihre finstere Vergangenheit kaschieren und damit umgehen, besitzt durchaus seinen Reiz. Die erste Stunde des Krimis ist geprägt von der Frage, was ist mit Emily passiert. Das wirft das Publikum regelmäßig auf falsche Fährten und spielt gleichermaßen mit den Erwartungen wie mit den Vermutungen. Verlagert sich die Fragestellung dahingehend, weshalb geschah, was geschehen ist, nimmt es der Erzählung merklich den Wind aus den Segeln. Dank der Besetzung, die auch das Finale mit scharfkantigen Dialogen zum Besten gibt, ist das für ein Publikum, welches sich auf düsteren Humor einlässt und in diese abgründige Welt der Figuren eintauchen will, überaus sehenswert und durchweg amüsant. Aber es ist weder so undurchschaubar, noch so unerwartet schockierend was die Handlungen der Personen angeht, wie Gone Girl - Das perfekte Opfer [2014], woran sich Paul Feigs Krimi merklich orientiert.
Doch das bedeutet nicht, dass man sich hier nicht gelungen unterhalten lassen könnte. Im Gegenteil.
 


Treffpunkt: Kritik empfiehlt TEUFEL LAUTSPRECHER GmbH – für den perfekten Heimkino-Sound!
Ok. Treffpunkt: Kritik verwendet Cookies, um den Internetauftritt bestmöglich an die Besucher anpassen zu können.
Sofern Sie auf dieser Seite bleiben, stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen finden Sie in der Datenschutzerklärung.