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No Country for Old Men [2007]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 24. Mai 2009
Genre: Drama / Thriller

Originaltitel: No Country for Old Men
Laufzeit: 122 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2007
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Ethan & Joel Coen
Musik: Carter Burwell
Darsteller: Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly Macdonald, Garret Dillahunt, Tess Harper, Stephen Root, Rodger Boyce, Beth Grant, Kit Gwin


Kurzinhalt:
Als Llewelyn Moss (Josh Brolin) in der Nähe eines geplatzten Drogendeals in der Wüste in Texas einen Koffer voller Geld an sich nimmt und unbemerkt nach Hause zurückkehrt, hätte für ihn alles gut enden können. Doch er kehrt an den Tatort zurück und wird von den Gangstern überrascht. Von nun an befindet er sich auf der Flucht, während ihm die mexikanische Seite der Drogendealer an den Kragen will und die amerikanische hinter dem Geld her ist. Diese heuern den psychopathischen Auftragskiller Anton Chigurh (Javier Bardem) an, um das Geld aufzuspüren. Doch Chigurh macht keinen Unterschied zwischen Freund und Feind und ihm scheint das Töten wichtiger zu sein, als das Geld zu finden.
Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones), der die Puzzlestücke der verschiedenen Verbrechen zusammen gesetzt hat, sieht sich hingegen in dem unberechenbaren Chigurh mit jemandem konfrontiert, der seine Überzeugungen erschüttert. Dass er dem Killer nicht gewachsen ist, steht außer Frage. Soll er nun versuchen, ihn aufzuhalten und sein eigenes Leben aufs Spiel setzen, oder vor dem Bösen kapitulieren und sich in Sicherheit wähnen? Je näher alle Beteiligten der mexikanischen Grenze kommen, umso blutiger werden die Auseinandersetzungen ...


Kritik:
Sei es durch die Hitze oder durch andere Umstände, das Leben in Texas scheint 1980 in einer anderen Geschwindigkeit abzulaufen, wie man es sonst gewohnt ist. Der Pensionär Llewelyn Moss (eindringlich gespielt von Josh Brolin) findet in der Wüste nicht nur den Ort eines schief gelaufenen Drogendeals, sondern auch zwei Millionen Dollar. Dass er die Tasche mit dem Geld mitnimmt ist eine schlechte Entscheidung, die nicht nur weitere zur Folge hat, sondern auch Ereignisse lostritt, vor deren Auswirkung sich niemand in Sicherheit zu bringen vermag. Fortan ist er auf Flucht vor dem Auftragskiller, den die Amerikaner auf ihn ansetzen, die nun keine Drogen bekommen haben und auch ihr Geld los sind. Und auch die Mexikaner, die sich für das Blutbad bei dem Drogendeal rächen wollen, sind hinter ihm her. Der kurz vor dem Ruhestand befindliche Sheriff Ed Tom Bell versucht unterdessen diese Zusammenhänge zu entwirren und wird dabei mit eben jenem Killer konfrontiert, der ihn an den Rand dessen bringt, was er zu bewältigen in der Lage ist.
Aus all diesen Elementen hätte man mühelos einen packenden, spannenden Thriller gestalten können. Dass sich die Filmemacher Ethan und Joel Coen allerdings nicht mit dem zufrieden geben, was andere Filmemacher tun würden, bewiesen sie nicht erst mit ihrem oscargekrönten Fargo - Blutiger Schnee [1996]. Immerhin reicht ihre Karriere bis zum Beginn der 1980er Jahre zurück. Seither sind sie ihrer Linie treu geblieben und liefern anspruchsvolles, künstlerisches Kino, zu dessen Erzählweise man allerdings einen Zugang finden muss. Darum scheint es an sich falsch, No Country for Old Men wie vielerorts als Krimi oder Thriller zu bezeichnen. Dafür leiten die Regisseure ihren Film mit den betont langsamen Einstellungen und der Tatsache, dass viele Schlüsselelemente nicht direkt aus der Sicht der Betroffenen erzählt werden, in eine ganz andere Richtung. Vielmehr verbirgt sich hinter der abgründig erzählten Geschichte eine Reihe von Charakterstudien, bei denen einem als Zuschauer selbst die Deutungsmöglichkeiten überlassen werden. Der Schwerpunkt der Geschichte wandert dabei vom Erzähler der Ereignisse Sheriff Bell über Llewelyn, den seine Taten bis in die Nacht beschäftigen, bis hin zu dem unbegreiflichen Anton Chigurh. Inwiefern diese Charakterisierungen gut gelungen sind, muss jeder für sich entscheiden, denn auch wenn die Autoren und Regisseure sehr viele Details in ihre Figuren einfließen lassen, bleibt Vieles im Dunkeln.

Darunter auch die Aussage des Films, die man sich selbst zurecht legen soll. Sei es nun die Erkenntnis Llewelyns, dass man als normaler Mensch der kaltblütigen Professionalität aller Beteiligten einer solchen Drogenoperation nicht gewachsen ist. Oder die Entscheidung Ed Tom Bells, der sich einer berechnenden Bösartigkeit in Chigurh gegenüber sieht, der er entweder gegenüber treten kann in der Gefahr, dabei seinem Diensteid folgend sein Leben zu lassen, oder sich selbst rettend in die andere Richtung zu schauen und an den Folgen innerlich zu Grunde zu gehen.
Tommy Lee Jones gelingt es mit seinem unsicheren Blick in den letzten Momenten des Films, eben jene Selbstzweifel auf eine schmerzliche Art und Weise zum Ausdruck zu bringen. Angesichts der Darbietungen der übrigen Beteiligten befindet er sich dabei auch in guter Gesellschaft. Denn so kurz der Auftritt von Woody Harrelson auch sein mag, er ist in der letzten Szene ebenso brillant gespielt. Von der unnahbar befremdlichen und Furcht einflößenden Erscheinung Javier Bardems ganz zu schweigen, dem man im englischen Original außerdem ein Kompliment für seinen erstklassigen Dialekt aussprechen muss. Auch Kelly Macdonald, der als Carla Jean Moss eine der tragischsten Rollen zufällt, macht ihre Sache ausgesprochen gut.
Dass ihre Leistungen zur Geltung kommen verdanken sie nicht nur der Schauspielführung der Coen-Brüder, sondern auch deren Gespür für eine atmosphärisch dichte Optik, die den Zuschauer zu Beginn mit malerischen Bildern einer kargen Landschaft und deren scharfem Kontrast zu der durch Menschen verübten Brutalität hin und her reißt. Jede Einstellung erscheint wohl überlegt, selbst der Fluss der Dialoge wirkt wie komponiert und erfüllt einen Sinn und Zweck, selbst bei der Konfrontation Chigurhs mit dem Tankstellenbesitzer.

Wer sich auf diese Charakterisierungen einlässt, hinter dem betont langsam erzählten Film die künstlerischen Aspekte sieht und die deprimierenden Aussagen wirken lässt, der wird in No Country for Old Men genau jenes Meisterwerk sehen, das viele Kritiker und Zuschauer lobten, als der Film im Kino lief.
Doch dafür muss man mit Ethan und Joel Coen auf einer Wellenlänge liegen. Alle anderen werden diese Eigenschaften erkennen und sich wünschen, sie wären in einen spannenden Thriller integriert worden. Dies wollten die Regisseure nicht erzählen, und das sei ihnen gegönnt. Doch alle, die auch ein weniger kunstvolles Kino zu schätzen wissen, hätten es sich gewünscht.


Fazit:
Ganz egal, wie oft man versucht, sich auf ein Werk der Brüder Coen einzulassen, ihre Arbeiten spalten die Zuschauer immer in zwei Lager. Auch hier gibt es diejenigen, welche die dicht erzählte Atmosphäre, die beunruhigenden Einstellungen und die kantigen Charakterisierungen anerkennen und dabei die Erzählweise der Regisseure als Teil ihrer Aussage sehen. Und diejenigen, die sich daran stören, dass No Country for Old Men keinen Abschluss in irgendeiner Weise bietet und das Werk anmutet wie ein facettenreicher Genrethriller, der schlichtweg nur langsamer erzählt wird.
Beide Seiten haben Recht und beide Meinungen ihre Berechtigung. So sei an dieser Stelle nochmals festgehalten, wie hervorragend das Drama gespielt ist, wie eindrucksvoll die Optik und die Ausstattung und wie minutiös die Szenen geschnitten sind. Nur unterhaltsam oder über die gesamte Filmlänge packend ist es leider nie. Wer dem Stil von Ethan und Joel Coen aber gerade deshalb verfallen ist, der wird ihr preisgekröntes Werk auch als Meisterstück empfinden. Alle anderen eben nicht.


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