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Mud - Kein Ausweg [2012]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 18. Mai 2014
Genre: Drama / Thriller

Originaltitel: Mud
Laufzeit: 130 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2012
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Jeff Nichols
Musik: David Wingo
Darsteller: Matthew McConaughey, Reese Witherspoon, Tye Sheridan, Jacob Lofland, Sam Shepard, Ray McKinnon, Sarah Paulson, Michael Shannon, Joe Don Baker, Paul Sparks, Bonnie Sturdivant, Stuart Greer


Kurzinhalt:
Es scheint im ersten Moment wie ein Abenteuer, als die beiden Freunde Ellis (Tye Sheridan) und Neckbone (Jacob Lofland) auf einer Insel im Arkansas River ein Boot entdecken, das bei der letzten Überschwemmung in die Baumwipfel gespült wurde. Es könnte ihres sein, ihr Versteck, ihr Geheimnis. Doch wie sie feststellen müssen, sind sie dort nicht allein. Sie begegnen dem Außenseiter Mud (Matthew McConaughey), dessen viele Tattoos schon davon erzählen, dass er einiges erlebt hat. Er überredet die Jungs, ihm etwas zu essen zu bringen, da er die Insel nicht verlassen kann. Er wartet auf seine Freundin Juniper (Reese Witherspoon), mit der er verabredet sei.
Ellis lässt sich darauf ein, verheißt Mud doch so Vieles, was er in seiner Familie nicht mehr vorfindet. Wie er und Neckbone erfahren, wird Mud wegen Mordes gesucht, zum einen von der Polizei, zum anderen von einem Texaner, der nur King (Joe Don Baker) genannt wird. Er hat eine ganze Horde Kopfgeldjäger auf Mud angesetzt. Dass nicht alles so ist, wie es scheint, behauptet auch Ellis' Nachbar, der alte Tom (Sam Shepard). Nur je mehr sich Ellis von Mud verspricht, umso größer wird seine Enttäuschung sein ...


Kritik:
Je mehr der 14jährige Ellis von der Welt, in der er aufwächst, versteht, umso mehr enttäuscht sie ihn. In dem Außenseiter Mud findet er eine Identifikationsfigur und es verwundert nicht, dass je mehr er sich auf den flüchtigen Sträfling einlässt, seine Enttäuschung am Ende umso größer sein wird. Autor und Regisseur Jeff Nichols erzählt in Mud - Kein Ausweg vom letzten Sommer, den Ellis an dem Ort verbringen darf, an dem er aufgewachsen ist. Der vielschichtige, ruhige Film lässt sich auf seine Figuren ein – und bietet ungeahnte Einblicke.

Dass die Geschichte heute spielt, sieht man nur an den Autos, die im Hintergrund zu sehen sind. Sie könnte ebenso gut vor 20 oder 40 Jahren spielen, so zeitlos ist sie eingefangen. Sie beginnt damit, wie die Freunde Ellis und Neckbone auf einer Insel im Arkansas River ein Boot finden, das bei der letzten Überschwemmung in die Baumwipfel getragen wurde und seitdem dort feststeckt. Da sie es gefunden haben, glauben sie, gehört es ihnen. Doch jemand war schon dort oder vielmehr lebt dort. Als sie auf dem Rückweg sind, begegnet ihnen Mud, der sich auf dieser verlassenen kleinen Insel versteckt. Schon da muss ihnen klar sein, dass er gesucht wird, denn wer sonst würde freiwillig im Freien übernachten, noch dazu bei einem Boot, das nicht mehr fahrtauglich ist. Wenig später sieht Ellis Straßensperren auf dem Weg in die Stadt, es wird nach einem Mann gesucht. Doch Ellis lügt und behauptet, Mud nie gesehen zu haben.

Es gibt Filme, die einem jede Reaktion der Figuren erklären, jede Entscheidung mündlich begründen, anstatt die Figuren durch ihre Gestik und Mimik handeln zu lassen. Sehen wir Ellis und Neckbone, die beide in De Witt, Arkansas aufwachsen, sehen wir zwei Teenager, die von ihrer Einstellung her unterschiedlicher kaum sein könnten. Neckbone wächst bei seinem Onkel Galen auf, für ihn das einzige Idol, das er hat. Seine Tipps was Frauen angeht sind schon deshalb unbezahlbar, weil er immer wieder Frauen bei sich hat. Und auch wenn es nur wenig Arbeit gibt, Galen scheint alles zu haben, was er braucht.
So abgeklärt Neckbone in dieser Hinsicht ist, so voller Hoffnung ist Ellis, der bei seinen Eltern auf dem Hausboot lebt. Er unterstützt seinen Vater, der mit dem Fischen Geld verdient, auch wenn es nicht viel ist. Selbst wenn Ellis spürt, dass sich die Dinge ändern, er will es nicht wahrhaben. Seine Mutter will in die Stadt ziehen, sie erwartet mehr vom Leben, als ihr Mann und der Fluss ihr geben können. Es beraubt den Vierzehnjährigen allen Rückhalts, den er hat.

Umso erstrebenswerter scheint, was Mud tut, der für seine Freundin Juniper einen Mann getötet hat, der sie schlecht behandelte. Jetzt ist er auf der Flucht, wartet auf sie, während der Vater des Getöteten ein Kopfgeld auf Mud ausgesetzt hat. Dass Juniper wie ein Engel aussieht, wie die Unschuld in einer Gegend, in der immer weniger Menschen leben wollen, macht sie für Ellis nur noch unantastbarer.
Hört man Mud von ihr erzählen und sieht, wie sie sich gibt, passen beide Bilder nicht zusammen. Auch Mud, der seine Geschichten blumig ausschmückt, scheint nicht echt. Doch wie sollte ein Teenager das erkennen können?

Mud zeichnet ein hoffnungsloses Bild jener Gegend, in der Ellis der einzige ist, der sich seine Träume bislang erhalten konnte. Filmemacher Jeff Nichols behandelt seine jungen Figuren mit ebenso viel Feingefühl und Bedacht, wie die erwachsenen Charaktere. Die Welt, die Ellis erlebt, scheint im ersten Moment unendlich trostlos, insbesondere wenn man sich ansieht, was sein Vater zu ihm sagt. Dabei ist es ein Teil des Erwachsenwerdens, die Sichtweisen seiner Eltern zu verstehen, wenn auch nicht zu übernehmen. Sieht man Ellis in der letzten Einstellung, weckt das die Hoffnung, dass er lernen kann, mit der neuen Situation umzugehen. Es wäre ihm zu wünschen. Sein Weg dorthin war steinig genug.


Fazit:
Auch wenn Matthew McConaughey so gut spielt, wie schon lange nicht mehr, der eigentliche Star ist Tye Sheridan, dem eine so natürliche Darbietung gelingt, dass es einem nahe geht, wenn Ellis' Welt für ihn Stück für Stück zusammenbricht. Auch von den übrigen Darstellern, darunter eine undurchsichtige Reese Witherspoon und ein charismatisch verschlossener Sam Shepard, toll gespielt, zählt Mud zu den stärksten Filmen jenes Genres, zu dem man auch Klassiker wie Stand by Me - Das Geheimnis eines Sommers [1986] gehören.
Eingefangen in erdigen Tönen und fotografiert in malerischen Bildern, richtet sich der Film an ein reifes Publikum, das mehr auf Stimmung, denn auf Geschwindigkeit Wert legt. Das heißt nicht, dass Jeff Nichols zu behäbig erzählen würde. Dadurch, dass man nie weiß, in welche Richtung er seine Story entwickeln wird, bleibt sie packend, selbst wenn sie sich auf die Figuren konzentriert. Das ist im heutigen amerikanischen Kino beinahe eine Rarität. Umso erfreulicher, wie gut es ihm gelingt.


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