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Marcella: Staffel 1 [2016]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Lars Adrian  |   Hinzugefügt am 6. Juli 2016
Genre: Thriller / Drama

Originaltitel: Marcella
Laufzeit: ca. 363 Min.
Produktionsland: UK
Produktionsjahr: 2016
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Charles Martin (3 Episoden) / Jonathan Teplitzky (3 Episoden) / Henrik Georgsson (2 Episoden)
Musik: Lorne Balfe
Darsteller: Anna Friel, Nicholas Pinnock, Ray Panthaki, Nina Sosanya, Jack Doolan, Jamie Bamber, Ian Puleston-Davies, Sinéad Cusack, Harry Lloyd, Ben Cura, Tobias Santelmann, Patrick Baladi, Maeve Dermody, Imogen Faires, Asher Flowers, Laura Carmichael


Kurzinhalt:
Nachdem Marcella Backland (Anna Friel) vor über zehn Jahren ihre Karriere bei der Londoner Polizei zu Gunsten der Familie unterbrochen hatte, steht sie nun vor dem Scherbenhaufen einer gescheiterten Ehe. Ihr Mann Jason (Nicholas Pinnock) verlässt sie und die beiden gemeinsamen Kinder Emma (Imogen Faires) und Edward (Asher Flowers) ohne eine konkrete Begründung. Wie Marcella später erfahren wird, hat Jason bereits seit mehreren Jahren eine Affäre mit Grace Gibson (Maeve Dermody), der Tochter seiner Arbeitgeberin Sylvie Gibson (Sinéad Cusack), die das Unternehmen mit harter Hand führt und von der Beziehung nichts weiß.
Aufgrund dieser Ereignisse befindet sich Marcella in einem psychisch labilen Zustand, der noch verstärkt wird, als Detective Inspector Rav Sangha (Ray Panthaki) sie um Unterstützung bei der Aufklärung eines Mehrfachmordes bittet, der Parallelen zu einem ungeklärten Fall aufweist, mit dem Marcella vor elf Jahren betraut war. Marcella hatte damals Peter Cullen (Ian Puleston-Davies) als Täter verdächtigt, konnte aber keine hinreichenden Beweise gegen ihn finden. Die Leiterin des Morddezernats Laura Porter (Nina Sosanya) stellt Marcella zur Unterstützung von Ravs Team als Detective Sergeant wieder ein.
Dennoch können die Ermittler weitere Opfer nicht verhindern. Mit dem Tod von Grace Gibson kann sich Marcella plötzlich selbst nicht mehr trauen, zumal sie nach bestimmten Stressmomenten immer wieder Erinnerungslücken hat – ein Umstand, den sie mit allen Mitteln vor ihren Kollegen zu verbergen versucht.
Unterdessen wird der Kreis der Verdächtigen immer größer und er weitet sich auch auf Grace' Halbbruder Henry (Harry Lloyd) und dessen Freunde Matthew (Ben Cura) und Yann (Tobias Santelmann) aus.


Kritik:
Kaum ein Bereich der Unterhaltungsmedien hat sich in den letzten Jahren so sehr verändert wie der Konsum von Film und TV. Insbesondere beim jüngeren Publikum hat das traditionelle Fernsehen, bei dem man zu einem festgelegten, unbeeinflussbaren Zeitpunkt vor dem Bildschirm sitzen muss, einen immer schwerer werdenden Stand gegenüber dem vielfältigen Angebot im Internet, das jederzeit und – dank mittlerweile durchaus akzeptabel-schneller und erschwinglicher mobiler Datenverbindungen – überall auf Knopfdruck verfügbar ist.
Natürlich hat die Industrie die Zeichen der Zeit erkannt. Setzte man noch vor wenigen Jahren bei der Vermarktung von Filmen und Fernsehserien mit hohem Werbeaufwand auf entsprechende DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen, gerät nunmehr das Streamen der entsprechenden Inhalte über Internet zunehmend in den Fokus. Die Vorteile (und Nachteile) sowohl für die Anbieter, als auch für die Konsumenten liegen auf der Hand: Für die Verleihfirmen und Studios entfallen kostspielige Vertriebswege; die Rechte an Filmen und Serien verbleiben bei ihnen, und da sie lediglich Nutzungslizenzen vergeben, behalten sie dauerhaft die Kontrolle darüber. Als Kunde schätzt man die unkomplizierte Auswahl dessen, was einen interessiert, und kann, eine schnelle und stabile Internet-Anbindung vorausgesetzt, idealerweise mit dem Anschauen binnen weniger Sekunden beginnen.
Gerade in Bezug auf Serien gewöhnt man sich rasch daran, auf das straffe Ausstrahlungskorsett eines klassischen TV-Senders verzichten zu können, und stattdessen Folge um Folge zu genießen, ohne dass man von ständigen Werbeunterbrechungen belästigt oder auf die nächste Woche vertröstet wird. Nutzer des führenden Streaming-Anbieters Netflix sind berüchtigt für das sogenannte "Binge Watching" oder auf Deutsch "Komaglotzen", bei dem ganze Serienstaffeln in kürzester Zeit angeschaut werden. Ein solcher Serienmarathon macht dann am meisten Sinn, wenn die betreffende Serie eine fortlaufende Geschichte erzählt und nicht in jeder Episode eine Story gleich zum Abschluss bringt.

Marcella entstand als Kooperation des britischen TV-Senders ITV mit Netflix, weshalb es nicht verwundert, dass alle acht Folgen der Staffel zusammenhängen und das Geschehen nur dann verständlich ist, wenn man ihm von Anfang bis Schluss folgt.
Das Konzept für die Serie und die meisten Drehbücher der Staffel stammen aus der Feder des Schweden Hans Rosenfeldt, der Krimifreunden kein Unbekannter ist. Unter anderem ist er auch der Kopf hinter Sebastian Bergmann – Spuren des Todes [seit 2010] und Die Brücke – Transit in den Tod [seit 2011]. Ob Für alle Fälle Fitz [1993-2006] oder Hautnah – Die Methode Hill [2002-2008], britische Autoren haben einen Hang zu düsteren Thrillern. Trotzdem lässt sich nicht erst seit Henning Mankells Geschichten um Kurt Wallander leugnen, dass die Abgründe in Skandinavien noch viel tiefer hinabzureichen scheinen.
Mit dem Kniff, dass die titelgebende Hauptfigur selbst als Täterin in Frage kommt und weder sie, noch der Zuschauer sich über manche ihrer Handlungen bewusst ist, verleiht Rosenfeldt der Serie eine interessante Ebene, die den Zuschauer selbst dann bei der Stange hält, wenn im Laufe der insgesamt rund sechs Stunden immer neue Verdächtige und nicht immer logische Wendungen aus dem Hut gezaubert werden, oder das eine oder andere Klischee im Hinblick auf Figuren oder Story-Entwicklung zu Tage tritt. Darüber hinaus bilden die Beziehungen der verschiedenen Charaktere zueinander und die daraus resultierenden Verwicklungen einen weiteren Reiz in Marcella.
Aufgrund der Tatsache, dass Netflix die Rechte am internationalen Streaming erworben hatte, wurde die Serie in 4K-Auflösung mit einer hochwertigen Digitalkamera produziert. Dies hat gestochen scharfe, makellose Bilder zur Folge, die in den zahlreichen Nachtaufnahmen viele Details erkennen lassen, ohne künstlich zu wirken. Zusammen mit dem kinoreifen Schnitt und Lorne Balfes beunruhigender Musik, tragen sie zu einer tollen Atmosphäre bei.

Da die Protagonistin sehr ambivalent ist und es dem Zuschauer nicht immer leicht macht, ihr Verhalten zu verstehen oder zu billigen, war eine geeignete Besetzung der Rolle äußerst wichtig. Die hierzulande eher weniger bekannte und bislang meist in Fernsehfilmen und Serien in Erscheinung getretene Anna Friel (Báthory – Die Blutgräfin [2008]) ist für mich die Entdeckung in Marcella schlechthin. Als zutiefst verletzte Frau Ende 30, die mit dem Versagen in Privatleben und Beruf konfrontiert wird, und gleichzeitig verzweifelt das Rätsel ihrer eigenen Persönlichkeit aufklären will, ist sie einfach großartig und setzt die Messlatte für die anderen Darsteller hoch an.
Glücklicherweise kann auch die restliche Besetzung in jeglicher Hinsicht überzeugen, wobei besonders Nicholas Pinnock als Marcellas untreuer Ehemann und bedingungsloser Karrierist, Ian Puleston-Davies als offenkundiger Soziopath und Harry Lloyd als ungeliebter Sohn der Gibson-Dynastie eigene Akzente setzen.

Mit Marcella wagt sich Netflix an das beliebte Genre des Brit-Thrillers, dem Autor Rosenfeldt eine Prise skandinavische Düsternis und Sozialkrimi verpasst. Er verzichtet erfreulicherweise auf unnötige Gewaltmomente und belässt es oft bei bloßen Andeutungen. Das Ergebnis läuft nicht in allen Belangen völlig rund, bleibt aber über die gesamte Laufzeit stets unterhaltsam und bietet einen schillernden Hauptcharakter, der von Anna Friel klasse verkörpert ist. Ich jedenfalls habe die acht Episoden zwar nicht am Stück, aber immerhin in nur drei Tagen durchgeschaut.
Das Ende der Staffel öffnet die Tür für eine mögliche Fortsetzung, obgleich der Fall nun geklärt ist. Sollten die Autoren eine gelungene Story finden, steht dem nichts entgegen, Marcella weiter auf ihrem steinigen Weg zu folgen.


Fazit:
Marcella
erfindet das Thriller-Genre nicht neu, muss dies aber auch nicht. Die Geschichte ist durchgängig spannend und dank der vielschichtigen Figurenkonstellationen kommt nie Langeweile auf. Die Darsteller, allen voran Anna Friel, sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben, und die stimmungsvolle Inszenierung trägt ihr Übriges dazu bei, dass man die erste Staffel ohne zu zögern anspruchsvollen Krimi-Fans empfehlen kann.    


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