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Lost: Staffel 4 [2008]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 21. Juni 2020
Genre: Drama / Thriller

Originaltitel: Lost: Season 4
Laufzeit: 598 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2008
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Jack Bender, Stephen Williams, Eric Laneuville, Stephen Semel, Paul Edwards
Musik: Michael Giacchino
Besetzung: Matthew Fox, Evangeline Lilly, Terry O’Quinn, Josh Holloway, Naveen Andrews, Jorge Garcia, Daniel Dae Kim, Yunjin Kim, Henry Ian Cusick, Elizabeth Mitchell, Michael Emerson, Jeremy Davies, Rebecca Mader, Emilie de Ravin, Ken Leung, Harold Perrineau, Jeff Fahey, Kevin Durand, L. Scott Caldwell, Sam Anderson, John Terry, Marsha Thomason


Kurzinhalt:

Endlich scheint die Rettung nah für die Überlebenden des Oceanic-Fluges 815, die auf einer scheinbar verlassenen Insel abgestürzt sind. Ihr Anführer Jack (Matthew Fox) hat sich gegen Locke (Terry O’Quinn) durchgesetzt, der auf der Insel bleiben will, und so wurde Jacks Notruf von einem Frachter aufgefangen. Doch als die ersten vermeintlichen Rettungstrupps eintreffen, müssen Jack, Kate (Evangeline Lilly), Sawyer (Josh Holloway) und Hurley (Jorge Garcia) erkennen, dass diese eigene Pläne verfolgen. Tatsächlich teilt ihnen der Wissenschaftler Daniel (Jeremy Davies) sogar mit, dass sie zu retten nicht ihre Aufgabe ist. Als Desmond (Henry Ian Cusick) und Sayid (Naveen Andrews) auf dem Frachtschiff ankommen, finden sie dort eine bis an die Zähne bewaffnete Söldnertruppe um den skrupellosen Martin Keamy (Kevin Durand) vor. Unterdessen wendet sich Locke an Benjamin Linus (Michael Emerson), der die Insel ebenfalls um jeden Preis beschützen will. Aber das wird ihnen allen große Opfer abverlangen – insbesondere Sun (Yunjin Kim) und Jin (Daniel Dae Kim) …


Kritik:
Mit gerade einmal 14 Episoden gerät die vierte Staffel der Mystery-Serie Lost überraschend kurz. Dies ist teilweise dem Umstand geschuldet, dass ein brancheninterner Autorenstreik sämtliche Produktionen verzögerte. Tatsächlich sollte Staffel 4 kaum länger sein und auch gaben die Macher offenbar bereits das Ende der Serie nach zwei weiteren Seasons bekannt. Mit einer veränderten Erzählweise gelingt es der Serie, das Flair des Unbekannten zu bewahren und dennoch Antworten zu liefern. Die scheinen letztendlich zwar immer noch keinen wirklichen Sinn zu ergeben, aber sie lassen zumindest erahnen, dass die kreativen Köpfe hinter Serie ein Ziel haben, auf das sie zusteuern.

So bleibt Staffel 4 dem mit dem Finale der vergangenen Season eingeführten, veränderten Konzept treu und wer die letzte Folge noch nicht gesehen hat, sollte sich auf milde Spoiler einstellen: Anstatt in Rückblicken zu erzählen, wie die Figuren allesamt auf jenem schicksalshaften Flug Oceanic 815 zusammengekommen sind, erzählen die einzelnen Episoden parallel zu den Geschehnissen auf jener Insel, auf der sich die Überlebenden eines Flugzeugabsturzes allerlei seltsamen Dingen gegenübersehen, teilweise Vorausblicke, laut denen offenbar sechs Überlebende des Oceanic-Flugs gerettet wurden und sich Monate bzw. Jahre danach mit ihrem neuen Leben arrangieren müssen. Wer diese sechs letztlich sind, sei an dieser Stelle nicht verraten.
Die Frage, die man sich zu Beginn der Staffel dabei noch stellt ist, wie diese Personen überhaupt von der Insel heruntergekommen sind. Diese Überlegung verliert sich in der rasanten Erzählung der schnell vergehenden Season ein wenig, aber sie wird am Ende tatsächlich beantwortet.

Bis es soweit ist, müssen die Überlebenden auf der Insel mit den Folgen der letzten Geschehnisse umgehen, die eine zentrale Figur das Leben gekostet haben. Während manche, wie John Locke, spüren, dass die Insel ein besonderer Ort ist und sie ihn nicht verlassen dürfen, wollen andere wie Jack um jeden Preis gehen. Als Fremde mit einem Helikopter auf der Insel landen, scheint die Zeit der Überlebenden dort endlich zu Ende zu gehen. Doch die Fremden, unter der Führung des Söldners Keamy, haben insgeheim ein anderes Ziel. Als die Spannungen innerhalb der Gruppe immer größer werden, teilen sie sich schließlich auf. Locke zieht sich mit dem gefangen genommenen Benjamin Linus und einigen anderen zurück, darauf aus, hier zu bleiben. Jack hingegen ist bestrebt, sein Versprechen einzulösen und alle von der Insel herunter zu bringen. Dabei wartet auch Staffel 4 mit neuen Geheimnissen um diesen Ort auf, die gleichermaßen in neuen Einrichtungen des Dharma-Projekts entdeckt werden, oder sich auf Grund der scheinbaren Rettungsmission ergeben. So kommt es schließlich, dass Desmond und Sayid auf dem Frachtschiff, von dem aus die Fremden gestartet sind, jemanden wiedersehen, von dem sie glaubten, dass er längst verschollen sei.

Wie viel von alledem von der ersten Minute der Serie an geplant gewesen ist und wie viel die Autorinnen und Autoren hier improvisieren, sei dahingestellt. Nicht zuletzt dank der Ausblicke in die Geschehnisse, die die Oceanic-Überlebenden in der Zukunft zeigen, und in denen zahlreiche Figuren der vorangegangenen Staffeln erneut eine Rolle spielen, erweckt Lost einen derart in sich verwobenen Eindruck, dass es immer wieder aufs Neue überrascht. Die Figuren werden auf eine so eindringliche Weise nahbar, dass ihr Schicksal selbst dann berührt, wenn es wie im Falle von Desmonds Episode „Die Konstante“ inhaltlich mehr als hanebüchen erscheint. Ein weiterer Grund hierfür ist, dass die Macher nicht davor zurückschrecken, etablierte Figuren (dauerhaft) aus der Serie herauszuschreiben. Wie viele Nebencharaktere das in dieser Staffel betrifft, ist tatsächlich erstaunlich – und auch erschreckend. Gleichzeitig verlagert die inhaltliche Entwicklung das Verständnis des Publikums für bestimmte Figuren, wie den Anführer der „Anderen“, Benjamin Linus, der ein derart zentraler Bestandteil der Geschichte geworden ist, dass man sich kaum vorstellen kann, wie Lost die ersten Jahre ohne ihn auskam.

Sieht man Figuren in Vorausblicken inmitten einer Wüstenlandschaft stehen, oder zeichnet sich ab, was es mit der Insel unter anderem auf sich hat, behält sich die Serie eine Aura des Unvorhersehbaren, die mitunter zwar darunter leiden mag, dass die inhaltlichen Entwicklungen absurd erscheinen, aber dank der Figuren und ihrer Besetzung ist das trotzdem packend. Dabei gibt Staffel 4 dem Publikum kaum Gelegenheit, durchzuatmen. Nicht nur, dass durch die Aufteilung der Überlebenden in zwei Lager und dem Eintreffen der Fremden die Geschichte stets voranprescht, die Ausblicke in die Zeit nach den Geschehnissen auf der Insel stellen unterschwellig derart viele Fragen, dass man gar nicht anders kann, als mitgerissen zu werden. War Lost bisher bereits immer schon eine Dramaserie gewesen, gaben manche Figuren oder gerade die Hurley-zentrischen Episoden Anlass, sich leichtfüßig unterhalten zu lassen. Diese Leichtfüßigkeit hält die aktuelle Staffel nicht mehr bereit. Zu viel steht auf dem Spiel, oder ist bereits verloren, und umso ernster ist die Geschichte.
Die endet in einem Dreiteiler, der explosiver kaum sein könnte und gleichzeitig eine Frage beantwortet, die das Publikum seit dem Finale der vorangehenden Staffel beschäftigte. Wie gut die Geschichte inhaltlich zusammenpasst, ist verblüffend und macht den Reiz der Serie nach wie vor aus. Wohin sich diese von dem Moment an entwickeln wird, lässt sich kaum mutmaßen.

Die handwerkliche Umsetzung ist wie gewohnt hervorragend, wenngleich die Trickeffekte beim Finale der Season gerade aus heutiger Sicht allzu offensichtlich sind. Die vielen Abschnitte, die in Voraus- oder Rückblicken erzählt werden und damit nicht auf der Insel spielen, trüben ein wenig das Abenteuerflair der exotischen Umgebung und bis auf zwei weitere Stationen des Dharma-Projekts erfährt man kaum etwas Neues über das damalige Experiment. Sieht man die 14 Episoden insgesamt, überzeugt Lost: Staffel 4 wie gehabt durch einen Produktionsstandard, der nach wie vor verblüfft, und eine Besetzung, die besser kaum zusammengestellt sein könnte. Das trifft auch auf die Nebencharaktere zu, bei denen in dieser Staffel Jeff Fahey und Kevin Durand merklich hervorstehen. Sie runden eine Fernsehserie ab, die spürbar über dem Niveau anderer Oberklasse-TV-Produktionen liegt, dass man sich kaum vorstellen mag, was sich die Macher für das nächste Kapitel offenhalten.


Fazit:
Wenn sich Locke und Ben beim Finale der Staffel aufmachen, die Insel an sich zu verändern, oder Desmonds Fähigkeit erklärt wird, Dinge vorhersehen zu können, bevor sie geschehen, verlagern die Macher den Inhalt nicht nur im Vergleich zum Rest der Serie. Sie wagen sich dann in Gefilde, die nicht einmal mehr als Science Fiction bezeichnet werden können, sondern schlichtweg dem Fantasy-Genre zuzuordnen sind. Das ist kein Kritikpunkt an sich, selbst wenn einige Entwicklungen absurd klingen. Aber es ist eine tonale Veränderung, zumindest zu den Anfängen der Serie. Diese deutlichere Ausrichtung wird dem Publikum hier in einem Erzähltempo vermittelt, dass keine Zeit bleibt, manche Dinge mehrmals zu erklären. Vielleicht auch, weil die Macher hoffen, dass die Ungereimtheiten so leichter übersehen werden. Dass man diese akzeptiert, liegt nach wie vor auch daran, dass die Figuren schlicht wundervoll und facettenreich geschrieben sind. Selbst diejenigen, die auf Grund ihres Verhaltens den Zorn des Publikums auf sich gezogen haben, erhalten hier eine Aufmerksamkeit, dass man beinahe meinen könnte, sie hätten für ihre Taten gebüßt. Die namhafte Besetzung dankt dies durchweg mit einem beeindruckenden und preiswürdigen Engagement. Lost: Staffel 4 bewegt sich handwerklich auf demselben Niveau der letzten Jahre, gibt allen Figuren etwas zu tun und verbindet das Geschehen inhaltlich so nahtlos mit dem, was zuvor gewesen ist, dass allenfalls die ausbleibenden Antworten skeptisch stimmen können. Ob diese Skepsis berechtigt ist, wird sich erst nach dem Ende der Serie beurteilen lassen. Für sich genommen ist die vierte Season ein stimmig und rasant erzähltes Kapitel, das inhaltlich neue Wege geht – und dies mit einer zielgerichteten Überzeugung, dass keine Zweifel aufkommen, die Macher wüssten, worauf sie zusteuern.
 


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