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Lohn der Angst [1953]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 28. März 2012
Genre: Thriller / Drama

Originaltitel: Le salaire de la peur
Laufzeit: 141 min.
Produktionsland: Frankreich / Italien
Produktionsjahr: 1951 / 1952
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Henri-Georges Clouzot
Musik: Georges Auric
Darsteller: Yves Montand, Charles Vanel, Folco Lulli, Peter van Eyck, Véra Clouzot, William Tubbs, Darío Moreno, Jo Dest, Antonio Centa, Luis De Lima


Kurzinhalt:
Als der vornehm gekleidete Jo (Charles Vanel) in dem Dorf auftaucht, wittert Mario (Yves Montand) die Möglichkeit, mit seiner Hilfe irgendwie von dort weg zu kommen. Doch Jo hat genauso wenig, wie Mario selbst. Er sitzt dort fest und ohne Geld kommt er nicht wieder nach Frankreich zurück. Es geht ihm, wie vielen Ausländern dort, darunter auch Luigi (Folco Lulli), Bimba (Peter van Eyck) und Smerloff (Jo Dest). Sie alle leben von der Hand in den Mund, verbringen ihre Zeit meist in der Taverne von Hernandez (Darío Moreno), deren Bedienung Linda (Véra Clouzot) Mario ins Herz geschlossen hat – wie viele andere Männer auch.
Für die Einheimischen ist eine amerikanische Ölfirma größter Arbeitgeber, die vor Ort von Bill O'Brien (William Tubbs) geleitet wird. Als er von einem brennenden Ölfeld 500 Kilometer entfernt erfährt, ersinnt er einen Plan. Mittels platzierter Sprengladungen soll der Brand gelöscht werden. Doch das dafür nötige Nitroglyzerin ist nicht am Ölfeld, sondern hier im Dorf. Als er nach Freiwilligen suchen lässt, ist die Liste lang, immerhin bietet er jedem Fahrer, der seine Ladung erfolgreich ans Ölfeld bringt, 2.000 Dollar. Genug, um aus dem Dorf zu verschwinden.
Es werden Jo und Mario für einen Lastwagen ausgewählt, Luigi und Bimba für den zweiten. Sie starten mitten in der Nacht und müssen die Strecke über kaum gebaute Straßen zurücklegen. Über hügelige Felder und durch enge Schluchten. Dabei kann jede Erschütterung das Nitroglyzerin zur Explosion bringen ...


Kritik:
Es ist ein trostloser und vor allem aussichtsloser Alltag, den die Menschen in dem Dorf in Südamerika bestreiten. Regisseur Henri-Georges Clouzot stellt seine Figuren in einem beinahe eine Stunde dauernden Exposé vor, in welchem wir zwar bei niemandem erfahren, wie sie dorthin gekommen sind, dafür allerdings, dass alle von dort weg wollen. Einer der wenigen Arbeitgeber ist eine amerikanische Ölgesellschaft, die jedoch an die zahlreichen Ausländer in dem Dorf keine Arbeit vergibt – an die Einheimischen, und auch das meist mit schlimmen Folgen für die Betroffenen. Wir treffen Luigi, einen italienischen Bauarbeiter, der gesagt bekommt, dass er nicht mehr lange zu leben hat, weil sich der Zementstaub in seinen Lungen abgesetzt hat. Bimba, über den wir kaum etwas erfahren, und auch was die Franzosen Jo und Mario hierher verschlagen hat, bleibt im Dunkeln. Sie alle sind keine Helden. Als Teil des französischen Film noir erzählt Lohn der Angst nicht von einem Erfolg und stellt den überall angepriesenen amerikanischen Traum vom schnellen Geld als Seifenblase dar, die letztlich nur ein Ende kennt. Auf Grund der mitunter unvorteilhaften Darstellung der US-Ölgesellschaft, wurde der Film seinerzeit außer in Frankreich in einer um 17 Minuten gekürzten Fassung veröffentlicht. Erst im Jahr 2003 erschien eine vollständige Version, die fraglos einige rassistische Anleihen besitzt. Statt sie zu verurteilen sollte man sie als Teil jener Zeit sehen, für den man sich zwar schämen, den man allerdings nicht verschweigen sollte und so tun, als habe er nie existiert.

Der zwar wohlgekleidete, aber ebenso mittellose Jo kommt in das Dorf und findet zu dem dort lebenden Mario Zugang. Mit seiner beredten Art gelingt es ihm, den jüngeren Mann um den Finger zu wickeln und ihn von seinem langjährigen Freund Luigi zu entfremden. Doch während die Spannungen insbesondere unter den ausländischen Bewohnern des Dorfes durch Jo größer werden, bleibt die Zukunft für alle Beteiligten gleich hoffnungslos. Da erfahren sie von einem schrecklichen Unfall, der sich auf einem der Ölfelder 500 Kilometer vom Dorf entfernt zugetragen hat. Der ansässige Leiter der Gesellschaft, O'Brien, ein Bekannter Jos, fasst den Plan, das brennende Bohrloch mit einer gezielten Sprengung zu schließen. Doch hierfür müssen zwei Lastwagenladungen voll Nitroglyzerin quer durch das Land geschafft werden. Nicht nur mit den damaligen Fahrzeugen ein Himmelfahrtskommando.
Sie lassen im Dorf nach Freiwilligen ausrufen – bevorzugt werden Ausländer, denn die haben hier keine Familie, die einen finanziellen Ausgleich im Falle eines Unfalls fordern würde. So landen die vier unterschiedlichen Männer Jo, Mario, Bimba und Luigi in den LKWs und beginnen nach 55 Minuten erst ihre 500 Kilometer lange Reise.

Vermutlich nicht nur aus heutiger Sicht lässt sich darüber streiten, ob der lange Vorlauf notwendig ist, doch entschied sich Clouzot wohl hierfür, um herauszustellen, was jemanden dazu bewegen muss, sich freiwillig auf eine tickende Bombe zu setzen. Die Bezahlung würde mit 2.000 Dollar pro Fahrer jedem die Möglichkeit bieten, aus dem Dorf zu verschwinden. Doch ist das genug angesichts der Bedrohung, der man sich über so lange Zeit hin ausgesetzt sieht? Jedes Ruckeln, jede Bodenwelle könnte das Ende bedeuten. Abgesehen davon können sie nicht zu langsam fahren oder gar stehen bleiben, weil sich das Nitroglyzerin in der Hitze entzünden könnte. Lohn der Angst entwickelt von dem Moment an, da die Männer in die Fahrzeuge steigen, eine Anspannung, die sich auf das Publikum überträgt. Von halbwegs fahrbaren Straßen über hügelige Pässe führt der Weg, bei dem hinter jeder Kurve der Tod lauern kann.
Das Highlight ist eine Sequenz mit einer Holzrampe, bei deren Ausführung allein einem der Atem stockt. Mit Blick auf die Figuren zeigt der Film, wie die Angst aus gestandenen Männern nur Schatten ihrer selbst macht, während sich andere an dem Adrenalin berauschen. Es ist eine Charakterisierung, die fesselt und in ihrer Aussage ebenso hoffnungslos ist, wie in ihrer Ausgangslage.

So grandios Lohn der Angst umgesetzt ist, so anstrengend müssen die Dreharbeiten gewesen sein. Begonnen Ende August 1951 sollten sie nur etwas mehr als zwei Monate dauern. Doch starke Regenfälle, tödliche Unfälle und viele Verzögerungen ließen nicht nur das Budget in die Höhe schnellen. Während der Wintermonate wurde der Dreh unterbrochen und 1952 fortgesetzt. Lohn der Mühe ist ein Thriller, der auch nach 60 Jahren noch unter die Haut geht. Man muss gewillt sein, sich auf das Erzähltempo jener Zeit einzulassen. Doch dann wird man mit einer perfekt abgestimmten Balance zwischen Kamera und Schnitt belohnt, sowie einer spannenden Umsetzung, die sich vor heutigen Thrillern nicht zu verstecken braucht.
Der Film markiert das Leinwanddebut von Henri-Georges Clouzots Ehefrau Véra Clouzot, der sie lediglich in zwei weiteren Produktionen vorstellen konnte, ehe sie im Alter von nur 46 Jahren an einem Herzinfarkt verstarb.


Fazit:
Die Verfilmung von Georges Arnauds Roman nimmt sich viel Zeit, ihre Figuren vorzustellen. Doch nur so kann man verstehen, weswegen sie sich freiwillig in einen Lastwagen beladen mit Nitroglyzerin setzen würden. Der Ausblick auf eine bessere Zukunft bringt die unterschiedlichen Charaktere zusammen und jeweils andere Eigenschaften in ihnen hervor, als man eingangs vermuten würde. Doch in Lohn der Angst geht es nicht darum, den amerikanischen Traum erfüllt zu sehen, sondern ihn als absurd bloßzustellen.
Packend gespielt und herausragend gefilmt, erzeugt Regisseur Henri-Georges Clouzot eine Spannung, die sich nach Abfahrt der beladenen Wagen auf das Publikum überträgt. Der Ausgang der Geschichte unterstreicht, was man eingangs bereits vermutet hat, dass der schnelle Reichtum auf dem Rücken anderer errungen wird – und ebenso schnell vorüber sein kann.
All das macht Lohn der Angst zu einem sehenswerten Klassiker, der auch nach so vielen Jahren von seiner schweißtreibenden Atmosphäre nichts verloren hat und durch seine Bilder beeindruckt.


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