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Limbo [2019]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 9. Februar 2020
Genre: Thriller / Drama

Originaltitel: Limbo
Laufzeit: 89 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2019
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Tim Dünschede
Musik: David Reichelt
Besetzung: Elisa Schlott, Tilman Strauss, Martin Semmelrogge, Mathias Herrmann, Christian Strasser, Steffen Wink, Andreas Borcherding, Victor Asamoah, Matthias Schullan, Theresa Weihmayr


Kurzinhalt:

Es ist bereits spät am Freitagabend, als die junge Compliance Managerin Ana Bergmann (Elisa Schlott) bei einem Konto, das bislang von ihrem Kollegen bearbeitet wurde, auf Unstimmigkeiten stößt. Sie kann CEO Frank Mailing (Mathias Herrmann) abpassen, als dieser gerade die Firma verlässt, doch es dauert, ehe der richtige Moment gekommen ist, ihn mit ihrer Vermutung zu konfrontieren. Unterdessen bereitet sich der verdeckte Ermittler Carsten (Tilman Strauss) auf den wichtigsten Abend seines laufenden Einsatzes vor. Zusammen mit dem Ganoven Ozzy (Martin Semmelrogge), der Carsten in seine Familie aufgenommen hat, soll er endlich Zugang zum Geldwäsche-Netzwerk des nur „Wiener“ (Christian Strasser) genannten Gangsters erhalten. Während es Carsten immer schwerer fällt, zwischen seiner Dienstpflicht und seiner Verbundenheit Ozzy gegenüber zu trennen, kreuzen sich seine Wege mit denen von Ana und Mailing in Wieners Einrichtung. Es ist ein Abend, an dem sich nicht nur ein Schicksal entscheiden wird …


Kritik:
Das Thriller-Drama Limbo ist die Abschlussarbeit von Regisseur Tim Dünschede und Kameramann Holger Jungnickel ihres Studiums an der Hochschule für Fernsehen und Film. Sieht man, was die Beteiligten aus der Ausgangslage zu gestalten vermögen, darf man gespannt sein, welche Projekte sie sich künftig aussuchen. Dies ist einer der handwerklich eindrucksvollsten deutschen Filme der vergangenen Jahre, dessen wenige Schwachpunkte gewissermaßen aus seiner faszinierenden Grundidee erwachsen.

Erzählt ist Limbo nicht nur in einer langen Einstellung, dieser Art gibt es einige Filme, zuletzt den preisgekrönten Anti-Kriegsfilm 1917 [2019], sondern in einem „Take“. Viele der Filme ohne erkennbaren Schnitt setzen sich tatsächlich aus unauffällig zusammengefügten Einzelaufnahmen zusammen. Limbo wurde tatsächlich in einer einzigen Einstellung gedreht – mit mehreren Autofahrten, Szenenwechseln und so weiter. Der logistische Aufwand dahinter ist enorm und bedarf einer immens peniblen Planung sowohl was den Aufbau der jeweiligen Szenen, der mehr als Hundert Komparsen und Statisten, aber auch der Darstellerinnen und Darsteller anbelangt, die sich hier buchstäblich die Klinke in die Hand geben müssen.

Die Geschichte beginnt aus Sicht der jungen Compliance Managerin Ana Bergmann, die bei der Sichtung von Firmenunterlagen hohe Beraterkosten entdeckt, die weit über dem üblichen Niveau liegen. Es ist Freitagabend und sie erwischt den CEO Frank Mailing gerade, als dieser die Firma auf dem Weg zu einem Termin verlässt. Parallel erzählt Limbo die Geschichte des verdeckten Ermittlers Carsten, der zusammen mit dem alternden Kleinganoven Ozzy auf dem Weg zu einem privaten Etablissement des Geldwäsche-Gangsters ist, der nur „der Wiener“ genannt wird. Dass dieser Storystrang mit dem anderen zusammenhängt, überrascht nicht, die ein oder andere Wendung hingegen schon.
In Echtzeit erzählt, gibt es hier neben einem vom Wiener organisierten Faustkampf, während dem sich das künftige Schicksal Ozzys entscheiden wird, auch eine weitere, kurze Schlägerei zu sehen, aber auch einen Einblick in ein verbrecherisches Netzwerk, für dessen Beteiligte jeweils viel auf dem Spiel steht.

Tatsächlich ist die von Elisa Schlott gespielte Ana nicht spürbar die Hauptfigur der Geschichte. Zwar überschneidet sich ihr Schicksal hier mit dem von Carsten und Ozzy, den beiden Männern wird zumindest gefühlt jedoch mehr Zeit eingeräumt. Auch steht für ihre Figuren jeweils mehr auf dem Spiel. Für Ozzy ohnehin, der nach einem Leben der Schufterei bei illegalen Wetten nun endlich mit den „big playern“ am Tisch sitzen will. Für Carsten ebenso, über den man bei einem kurzen Briefing mit seinem Kollegen bei seinem ersten Auftritt erfährt, dass es ihm wohl zunehmend schwerer fällt, eine Distanz zwischen seiner Polizeiarbeit undercover und Ozzy zu wahren. Kurzum, er will aussteigen und wenn es ihm gelingt, Beweise gegen den Wiener zu sichern, dessen Geldwäsche inzwischen großteils digital abläuft, dann könnte dies sein letzter Abend im Einsatz sein.

Zu sehen, wie scheinbar mühelos Regisseur Tim Dünschede seinen Figuren durch die Räumlichkeiten von Wieners Etablissement folgt, wie er gekonnt eine sehr eng begrenzte Tiefenschärfe nutzt, um seine Figuren vor belebtem Hintergrund zu isolieren (ob den Hintergrund auszublenden gegebenenfalls nur ein Nebeneffekt dessen ist, dass dies aus anderen Gründen erforderlich war, sei dahingestellt), und wie sich die Szenerie verändert, wenn die Figuren nur wenige Minuten aus dem Raum gegangen sind, ist geradezu packend. Limbo entwickelt bereits ab den ersten Minuten ein spürbares Tempo, das in den letzten 30 Minuten merklich anzieht, wenn für Carsten und Ana mehr als nur Zahlen auf dem Spiel stehen.

Aber so sehr die Macher diese Ausgangslage oftmals als Stärke nutzen, sie offenbart Schwächen, die man mit weniger Momentum womöglich hätte umgehen können. Wie oft die Kamera ab der Hälfte des Films den Figuren durch die ewig gleichen Gängen folgt, wenn sich die Erzählung von einer Figur zur nächsten verlagert, hört man irgendwann auf, zu zählen. Und gerade Ana wird zu wenig vorgestellt oder entwickelt, um ihren Idealismus im späteren Verlauf des Films verstehen zu können. Werden manche Charaktereigenschaften wie Ozzys Unterzucker zuvor mit einem Nebensatz erklärt, fehlt bei Ana trotz der ersten Autofahrt, bei der sie ihre Ziele vorträgt, ein ihre Figur definierender Moment. Doch das sind Kleinigkeiten in Anbetracht dessen, was den Machern hier ansonsten gelungen ist. Dies ist ein ebenso sehenswerter wie für die Karrieren der Beteiligten viel versprechender Thriller, der sich hinter merklich kostspieligeren Produktionen keineswegs zu verstecken braucht.


Fazit:
Zu Beginn erklären die Filmemacher die Bedeutung des Filmtitels mit den Begriffsdefinitionen „Ein Zustand der Unsicherheit“ und „Vorhölle, äußerster Kreis der Hölle“. Beides klingt im Nachhinein bedeutsamer, als es im Film tatsächlich ist. So verhält es sich auch mit dem Geldwäsche-Netzwerk insgesamt, dessen Verstrickungen nie wirklich erläutert werden und das eher als Aufhänger für die handwerkliche eindrucksvolle Umsetzung dient. Dabei hätte man der Story mit ein paar Charaktermomenten für Ana und einer greifbareren Erläuterung des verbrecherischen Systems im Hintergrund mühelos eine ebenso spannende und glaubwürdige Aktualität verleihen können. Doch dieser Aspekt nimmt bei Limbo weniger Raum ein, als die temporeiche und buchstäblich nahtlose Erzählung. Regisseur Tim Dünschede gelingt in einem Take ein sehenswertes und trotz inhaltlicher Schwächen beeindruckendes Thriller-Drama. Das ist von einer ebenso starken wie geforderten Besetzung um Elisa Schlott, Tilman Strauss, Mathias Herrmann, Christian Strasser und nicht zuletzt Martin Semmelrogge sehenswert zum Leben erweckt und dabei bemerkenswert wie preiswürdig inszeniert. Klasse!
 


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