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Léon: Der Profi (Director’s Cut) [1994]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. August 2019
Genre: Drama / Thriller

Originaltitel: Léon
Laufzeit: 136 min.
Produktionsland: Frankreich
Produktionsjahr: 1994
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Luc Besson
Musik: Éric Serra
Besetzung: Jean Reno, Gary Oldman, Natalie Portman, Danny Aiello, Peter Appel, Michael Badalucco, Ellen Greene, Elizabeth Regen, Carl J. Matusovich, Frank Senger, Lucius Wyatt Cherokee


Kurzinhalt:

Der in sich gekehrte Léon (Jean Reno) ist ein „Cleaner“, ein Auftragskiller der italienischen Mafia in New York. Tony (Danny Aiello) versorgt ihn regelmäßig mit neuen Aufträgen. Auf derselben Etage, auf der sich seine spartanisch eingerichtete Wohnung befindet, wohnt die 12jährige Mathilda (Natalie Portman) mit ihrer Familie. Ihr Vater (Michael Badalucco) ist in Drogengeschäfte verwickelt und wird von Norman Stansfield (Gary Oldman) ermordet. Auch ihr vierjähriger Bruder stirbt in dem Kugelhagel. Mathilda selbst kann sich bei Léon verstecken. Als sie erfährt, womit er sein Geld verdient, bittet sie ihn, ihr dabei zu helfen, Rache zu nehmen. Auch wenn er dies ablehnt, willigt er schließlich ein, sie auszubilden. Zusehends verliebt sich Mathilda in die neue Bezugsperson in ihrem Leben, während Léon durch sie lernt, dass das Leben, das er für sich selbst gewählt hat, nicht dasjenige sein muss, das er führt. Doch Mathilda kann den Mord an ihrer Familie nicht überwinden und macht sich auf die Suche nach Stansfield. Dass der ein Ermittler der Drogenbehörde ist, macht ihren Kampf nur noch aussichtsloser …


Kritik:
25 Jahre ist es her, dass sich die damals 12jährige Natalie Portman in das Herz des von Jean Reno so unbeschreiblich gespielten Auftragskillers Léon und gleichzeitig in die des Publikums spielte. Luc Bessons Léon: Der Profi war seinerzeit für keinen der großen Hollywood-Preise auch nur nominiert. Dabei ist er doch einer der besten Filme seiner Art und auch heute noch ein regelrechtes Erlebnis. Umso mehr lohnt es sich, das Thriller-Drama nach all dieser Zeit (neu) zu entdecken.

Die Geschichte ist angesiedelt in New York, wo Léon als „Cleaner“ für die italienische Mafia arbeitet. In einer packenden Eröffnungssequenz wird der unauffällige und schweigsame Léon als ebenso effizienter wie skrupelloser Auftragskiller vorgestellt. Es ist ein Abschnitt, der Léon ebenso wie seinen Titel gebenden Protagonisten definiert und aussagekräftiger nicht sein kann. Nach ihm als Täter lernt das Publikum das Opfer der Geschichte kennen, das einen Beschützerinstinkt weckt, dem man sich nicht entziehen kann: Mathilda. Die Zwölfjährige wohnt mit ihrer Schwester, dem vierjährigen Bruder und den Eltern nur ein paar Apartments weiter vorn auf derselben Etage wie Léon. Dass sie kein einfaches Leben hat, bezeugen nicht nur die blauen Flecke im Gesicht. Weil ihr Vater einen Teil der Drogen, die er verwahren sollte, gestohlen haben soll, wird die ganze Familie ermordet. Mathilda bleibt verschont, da sie nicht zuhause war. Sie kommt bei Léon unter und bittet ihn, sie auszubilden, so dass sie Rache nehmen kann.

Um jemanden wie Léon, der trotz seiner Prinzipien („keine Frauen, keine Kinder“) dennoch Menschen tötet, als Ritter in schimmernder Rüstung für Mathilda präsentieren zu können, braucht es einen Bösewicht, der ihn an Grausamkeit und Brutalität noch übertrifft. Filmemacher Besson, der auch die Vorlage schrieb, findet ihn in dem von Gary Oldman unvergleichlich gespielten Norman „Stan“ Stansfield. Er ist ein Schurke, wie man ihn seit Langem nicht in Filmen gesehen hat. Oldman bringt in seiner vollkommen entfesselten Darbietung die Charakteristika eines gewissenlosen Wahnsinnigen so greifbar auf den Punkt, dass es geradezu beängstigend ist. Gleichzeitig sorgt er aber auch für die amüsantesten Momente. Für seine ernste Geschichte ist Léon: Der Profi mit erstaunlich viel schwarzem Humor erzählt, wozu auch die Musik von Éric Serra beiträgt. Es ist eine Art Humor, mit der sicher kein breites Publikum etwas anzufangen weiß, beispielsweise wenn Léon Mathilda zu Ausbildungszwecken bei einem Auftrag „üben“ lässt, wie ein Raubtier, das sein Junges an die Jagd heranführt.

Wie die bei den Dreharbeiten erst 12jährige Natalie Portman zwischen einer viel zu reif und abgeklärt auftretenden Mathilda und einem verletzlichen Kind wechselt, ist kaum zu beschreiben. Ihr Spiel trifft in dem von Jean Reno fantastisch, ruhig und vielleicht sogar etwas langsam gespielten Léon auf einen Spiegel, der ihre Impulsivität nur unterstreicht. Die kurze Szene, in der Mathilda vor Léons Tür steht und ihn anfleht, sie herein zu lassen, damit die Männer, die ihre Familie getötet haben, sie nicht auch umbringen, ist pures Kino-Gold und eine der besten Darbietung einer so jungen Darstellerin überhaupt. Auch wenn man vermuten würde, dass Mathilda etwas von Léon lernt, ist es am Ende eine ungewöhnliche Beziehung, aus der er vermutlich mehr gewinnt, als sie. Mathilda hält sich an Léon, der durch sein beherrschtes Auftreten ein Vertrauen und eine Stärke ausstrahlt, als könne er sie beschützen. Aber auch wenn sie viel von seinem Verhalten annimmt, ändert er sich ebenso in kleinen Stücken – ihretwegen.

Anlässlich des Jubiläums sieht der Film nach der Restaurierung besser aus, als viele aktuelle Kinoproduktionen. Das liegt nicht nur daran, dass er besser und mit mehr Bedacht gefilmt ist, als es manch heutige Werke sind. Auch die Bilder an sich besitzen einen Detailgrad, ein plastisches Aussehen, das nicht in Farbfiltern ertränkt oder künstlich stilisiert wird. Léon: Der Profi sieht so aus, wie ein Sommer in New York vermutlich auch heute aussehen könnte. Ebenso schmutzig, ebenso heiß – und bleihaltig.
In der Mitte mag sich Regisseur Luc Besson ein wenig zu viel Zeit lassen, wenn sich Einstellungen wiederholen und Mathildas Rachepläne beinahe vergessen werden. Hier hätte es sich angeboten, den umwerfend spielenden Gary Oldman in den Fokus zu rücken, und seine Figur näher zu beleuchten. Doch das ändert nichts daran, dass dies ein erstklassiges Thriller-Drama ist. Ein Film, der auch in einem Vierteljahrhundert noch als einer der hervorragenden seines Genres angesehen werden wird.


Fazit:
Dank der außergewöhnlichen Darbietungen sowohl des schweigsamen Killers als auch des schützenswerten Mädchens, ebenso jedoch eines Bösewichts, der die Balance zwischen Brutalität und blankem Wahnsinn so gekonnt geht, gelingt Filmemacher Besson eine Killerballade mit bemerkenswert viel Textur und Schattierungen. Hervorragend gefilmt, mit einer erstklassigen Bildersprache, ist Léon: Der Profi mehr als ein einfaches Thriller-Drama um einen einzelgängerischen Attentäter mit einem Hauch von Lolita [1955] – auch wenn die Beziehung zwischen Léon und Mathilda zumindest von ihrer Seite aus mitunter ein wenig in einen Bereich abgleitet, bei dem einem unwohl werden mag. Es ist Film um zwei ähnlich verletzte Figuren, eine am Ende der Entwicklung, die diese Verletzungen hervorgerufen haben, eine am Anfang. Ein außergewöhnlicher Film. Immer noch.
 


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