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J. Edgar [2011]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 16. Juni 2012
Genre: Biografie / Drama

Originaltitel: J. Edgar
Laufzeit: 137 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2011
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Clint Eastwood
Musik: Clint Eastwood
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Naomi Watts, Armie Hammer, Judi Dench, Josh Lucas, Dermot Mulroney, Geoff Pierson, Josh Hamilton, Jessica Hecht, Jeffrey Donovan, Damon Herriman, David A. Cooper, Ken Howard


Kurzinhalt:
Der in die Jahre gekommene Direktor des FBI, J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio), diktiert einem jungen Agenten seine Memoiren und erinnert sich dabei sowohl an seine Jugend, wie er 1919 nach dem Anschlag auf Generalstaatsanwalt Palmer (Geoff Pierson) die Untersuchung des Tatorts durch die Polizei als stümperhaft wahrnahm, und wie er die folgenden Jahre darum kämpfte, dem neu gegründeten Bureau of Investigation die Mittel zu beschaffen, sich mit wissenschaftlichen Methoden der Aufklärung von Verbrechen zu widmen. Nach der Entführung des Babys von Fliegerlegende Lindbergh (Josh Lucas) sieht Hoover die Möglichkeit, die Zuständigkeiten seiner Behörde auszudehnen und neue Befugnisse zu erwirken.
Doch während das Federal Bureau of Investigation an Ansehen gewinnt, gerät Hoover selbst in die Kritik. Seit Jahren sammelt er Material über viele Persönlichkeiten, durch welches diese erpresst werden könnten. Auch seine Freundschaft zu seinem Stellvertreter Clyde Tolson (Armie Hammer) macht ihn angreifbar. Seine einzig wahre Vertraute ist seine Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts). Die wechselnden Feindbilder vor und nach dem Zweiten Weltkrieg bedeuten für das FBI und Hoover gleichermaßen neue Herausforderungen. Dabei wird er seinen eigenen Idealen, die ihm zum Teil von Kindheit an auferlegt sind, kaum gerecht ...


Kritik:
Man hat das Gefühl, als hätte es Clint Eastwood nicht mehr nötig, seine Filme schnell zu erzählen. Mit 81 Jahren widmet er sich der Lebensgeschichte von John Edgar Hoover, dem Mann, der wie kaum ein anderer die Verbrechensbekämpfung revolutionierte. Mit unbändiger Neugier nähert sich Eastwood jener Figur, die vielen ein Einbegriff ist, über die man aber nie viel erfahren hat, und kommt zu dem Schluss, dass Hoover ein zutiefst unglücklicher und unsicherer Mensch gewesen ist. Das war es, was ihn antrieb und gleichzeitig davon abhielt, über sich hinauszuwachsen. Mit einer Leichtigkeit jongliert J. Edgar dabei zwischen zwei Zeitebenen und erzählt seine eigentliche Geschichte, als würde Hoover seine Memoiren diktieren. Diese umspannen beinahe 50 Jahre, in denen Hoover vielen Persönlichkeiten begegnet und acht Präsidentschaften überlebt. Von 1919 bis 1972 sehen wir durch seine Augen, wie sich die Feindbilder verschieben, der Kommunismus als gefährliche Ideologie innerhalb der USA abgelöst wird durch die Gangster, die der Depression entsprungen sind, ehe nach dem Zweiten Weltkrieg erneut der Kommunismus in den Mittelpunkt rückt – nun jedoch als Bedrohung aus dem Ausland.

Dass Hoover die Sicherheit des Landes, dem er dient, am Herzen liegt, sei unbestritten. Regisseur Eastwood lässt daran auch keinen Zweifel aufkommen. Doch die Mittel, die er einsetzt, dies zu erreichen, lassen uns zweifeln, ob sein Weg der richtige ist. Wenn er eigenmächtig eine groß angelegte Razzia organisiert, um die Hintermänner einer Anschlagsreihe ausfindig zu machen, mag man dies noch als mutig erachten. Wenn er jedoch kompromittierendes Material über bekannte Persönlichkeiten oder sogar Präsidenten oder ihre Ehegattinnen sammelt, um sie dann dazu zu bewegen, seine Anfragen zu bewilligen, ist es zwar kühn, aber auch noch richtig? Seine Dialoge insbesondere mit Robert Kennedy sind dabei pointiert, seine Art, sich vor dem US Kongress auszudrücken, um Mittel für seine Behörde zu organisieren mobilisiert die Menschen – aber daran scheint J. Edgar nicht ausschließlich interessiert. Stattdessen wirft die Biografie auch einen Blick auf den privaten Menschen Hoover, dessen Mutter Annie (Judi Dench) ihm nicht nur als moralische Institution dient, sondern die trotz all dessen, was er erreicht hat, nie mit ihm zufrieden scheint.

Sie scheint auch ausschlaggebend für seinen inneren Kampf mit seiner Sexualität. Während J. Edgar immer wieder seine Freundschaft zu Clyde Tolson, später Hoovers Stellvertreter beim FBI, porträtiert, und sogar eine Beziehung zwischen beiden angedeutet wird, trifft Clint Eastwood keine definitive Aussage über ein Zusammenleben der beiden. Stattdessen sehen wir an der Entwicklung des Falles um das entführte Lindbergh-Baby, wie Hoovers Forderungen nach einer wissenschaftlichen Abteilung die Kriminologie beweisbar und fortschrittlich gemacht haben. Als aus dem Bureau of Investigation 1935 das bundesstaatenübergreifende FBI wurde und Hoover seine Zentralkartei mit Fingerabdrücken bekam, war dies eine Entwicklung, von der die Verbrechensaufklärung bis heute profitiert. Aber gleichzeitig scheint es, als habe sich Hoover in Phantasien verloren, die ihn als Helden darstellten. Beinahe, als würde sein Bestreben, den Ansprüchen seiner Mutter zu genügen, sich bis in sein hohes Alter fortsetzen und sein Handeln bestimmen.

Die Unbefangenheit, mit der sich Eastwood dieser Person nähert, steckt uns insofern an, als dass wir ihn für sein tyrannisches Verhalten, seine Lauschangriffe, durch die er Beweismaterial über viele Personen gesammelt hat, nicht verurteilen. Ihn zu bemitleiden wäre sicherlich übertrieben, aber J. Edgar Hoover wird als Person charakterisiert, die von ihren Überzeugungen so angetrieben wurde, dass er sich selbst nicht gerecht wurde. Und der trotz aller guten Absichten durch seine Mittel auf den falschen Weg gekommen war. Durch dezente Farbnuancen wechselt Eastwood in J. Edgar zwischen den Zeitebenen, präsentiert Hoover, Tolson oder Hoovers Vertraute, seine Assistentin Helen Gandy, sowohl im Erwachsenenalter, wie auch als stark gealterte Personen, die jedoch von denselben Darstellern verkörpert werden. Bei Leonardo DiCaprio, der eindrucksvoll zwischen Hoovers bestimmtem und seinem unsicheren Auftreten variiert, ist das Porträt des gealterten J. Edgar Hoover außerordentlich gut gelungen. Ebenso bei Naomi Watts. Einzig bei Armie Hammer, der als Clyde Tolson ebenso brilliert, scheint die Maske kaum etwas mit dem Darsteller gemein zu haben.


Fazit:
Es ist eine interessante, verschlossene Persönlichkeit, der sich Clint Eastwood in J. Edgar widmet. Er tut dies, ohne Hoover für seine Taten zu verurteilen, oder ihn zu verklären und die negativen Seiten zu verschweigen. Vielmehr zeigt er ihn als ein Produkt dessen, was ihn antreibt. Sein Streben nach Anerkennung paart sich mit einer Kontrollwut durch seine Unsicherheit, die er nie ablegen konnte. Dabei hat er geholfen, das FBI zu jener anerkannten Behörde zu machen, die sie schließlich geworden ist. Doch der Preis dafür war hoch.
Dank der erstklassigen Darbietungen von Leonardo DiCaprio, Naomi Watts und Armie Hammer ist dies für ein interessiertes Publikum fesselnd, auch wenn die Biografie sehr ruhig erzählt wird. Durch die verschiedenen Zeitebenen, den fließenden Wechsel dazwischen und die Vielzahl an Figuren, Namen und Zusammenhängen, ist das überaus anspruchsvoll, aber gerade darum meisterhaft und stilsicher inszeniert.


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