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Into the Wild [2007]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 13. Dezember 2010
Genre: Drama

Originaltitel: Into the Wild
Laufzeit: 148 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2007
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Sean Penn
Musik: Michael Brook, Kaki King, Eddie Vedder
Darsteller: Emile Hirsch, Marcia Gay Harden, William Hurt, Jena Malone, Brian H. Dierker, Catherine Keener, Vince Vaughn, Kristen Stewart, Hal Holbrook, Jim Gallien, Zach Galifianakis


Kurzinhalt:
Ohne seinen Eltern Billie (Marcia Gay Harden) oder Walt McCandless (William Hurt) etwas von seinen Plänen zu erzählen, packt der Studienabsolvent Chris (Emile Hirsch) nach dem Abschluss seine Sachen, zerschneidet seine Kreditkarten und Ausweise, spendet sein ganzes Geld und setzt sich ins Auto. Nicht einmal seine Schwester Carine (Jena Malone) ist eingeweiht, obwohl sie am ehesten versteht, weswegen er insbesondere dem zerrütteten und scheinheiligen Elternhaus den Rücken kehrt.
Chris endgültiges Ziel liegt abseits aller Menschen in Alaska, wo er im Einklang mit der Natur nur von dem leben möchte, was ihm die Wildnis zur Verfügung stellt. Bis dahin gilt es jedoch noch viel zu lernen und sein Weg führt ihn über die Tramps Jan (Catherine Keener) und Rainey (Brian H. Dierker), den Farmer Wayne (Vince Vaughn) und eine Aussteiger-Siedlung, in der er auf Tracy (Kristen Stewart) trifft, bis hin zu dem allein lebenden Ron (Hal Holbrook). Sein ehrgeiziges Ziel führt ihn zu einer Erkenntnis, auf die er nicht vorbereitet ist ...


Kritik:
Als die 16jährige Tracy auf den sechs Jahre älteren Aussteiger Chris trifft, ist sie fasziniert von ihm. Man sieht es in ihr brodeln wie ein Topf voll köchelndem Wasser, der kurz davor ist, zu explodieren. Dass dies allein an ihrer aufkeimenden Sexualität liegt, ist eher unwahrscheinlich. Vielmehr liegt es daran, dass Chris genau weiß, wohin er möchte. Er hat ein Ziel, etwas, das vielen in der frei lebenden Gemeinschaft, in der Tracy aufgewachsen ist, fremd sein dürfte. Auf dem Weg zu seinem großen Alaska-Abenteuer glaubt Chris durch die Abgeschiedenheit eine Weisheit zu erlangen, die es ihm bestätigt, dass er zum Glücklichsein nur die Natur benötigt und keine Menschen. Dass ihre fadenscheinige Unehrlichkeit die Ursache des Problems und nicht nur ein Symptom ist. Am Ende seiner in malerischen Bildern eingefangenen Selbstfindung steht eine Erkenntnis, die ihn überraschen wird und auch wenn sie für den Zuschauer nicht überraschend kommt, berührt sie dennoch.
Nach seinem Studienabschluss im Jahr 1990 spendet Chris McCandless die 24.000 Dollar seines Sparbuchs wohltätigen Zwecken und macht sich mit ein paar Hundert Dollar und einem Rucksack auf, die Welt auf sich allein gestellt zu erkunden. Angewidert von der oberflächlichen Verlogenheit seines Elternhauses, welches er stellvertretend für die ganze Welt sieht, fasst sich Chris ein ehrgeiziges Ziel: er möchte der Zivilisation den Rücken kehren und zur Natur zurück finden. In Alaska, weit weg von irgendjemandem, möchte er zu der Person finden, die er glaubt zu sein, oder werden zu können. Der auf Tatsachen basierende Film Into the Wild beschreibt die Reise eines jungen Mannes, der trotz seiner idealistischen Ziele bei weitem nicht weltfremd ist. Hoch intelligent verschlingt er Bücher, die sich mit dem Leben in der Wildnis beschäftigen. Welche Maßnahmen man ergreifen sollte, welche Pflanzen und Tiere essbar sind und wie man sie überhaupt zubereitet oder findet. Auch umgibt er sich mit Menschen, die ihm diesbezüglich weiterhelfen oder ihn etwas lehren können. Seine verschiedenen Stationen auf einer riesigen Farm mit Wayne, mit den im positiven Sinne des Wortes Hippies Jan und Rainey, oder aber seine Zeit mit dem allein lebenden Militärveteran Ron Franz, sind alle eine Vorbereitung auf sein geplantes Abenteuer. Ebenso seine Raftingtour durch die USA bis nach Mexiko. Chris kann überraschend gut selbst einschätzen, wie weit seine Fertigkeiten und Kenntnisse ausgeprägt sind, wann der Moment gekommen ist, an dem er reif genug für seinen endgültigen Ausstieg aus der Gesellschaft ist.

Im Einklang mit der Natur zu leben und nur von dem, was die Wildnis ihm überlässt, scheint ein waghalsiges Unterfangen. Eines, dessen Tragweite Chris wohl auch irgendwann bewusst wird. Man hat beinahe das Gefühl, als wäre sein Abstecher nach Los Angeles so etwas wie ein letzter Versuch, sich doch in die Welt der Menschen zu integrieren. Doch es gelingt ihm nicht. Die Abgeschiedenheit in Alaska erfüllt ihn mit einer ansteckenden Faszination und Demut, die sich auch auf den Zuschauer überträgt. Regisseur Sean Penn lässt das Publikum verstehen, was ihn an der Vorstellung seines Ausstiegs so reizt, aber auch, wie egoistisch dieser gegenüber denjenigen Menschen ist, die er zurücklässt. Seinen Eltern beispielsweise, denen er ebenso wenig von seinen Plänen berichtete, wie seiner Schwester, der Person, zu der er am meisten Vertrauen hatte. Sein Eintritt in Alaska wirkt wie die Erfüllung eines Traumes, schon weil die unberührte Landschaft und die vor dem Menschen furchtlos scheinende Tierwelt ebenso einer Traumwelt entsprungen scheinen. Hier findet er, was er für sein persönliches Glück hält und wäre es nicht um den "Magischen Bus", in dem er sein Quartier aufgeschlagen hat, dann könnte er ebenso gut auf einem anderen Planeten sein. Seine Begeisterung kippt, als er feststellt, dass er ein Tier getötet hat, das nicht hätte sterben müssen. Es ist beinahe, als würde er erkennen, dass er der Aufgabe, die er sich selbst auferlegt hat, nicht würdig ist. Schnell und doch subtil wandelt sich Chris Situation. Die aufblühende Natur entwickelt eine Bedrohlichkeit, die seine Isolation unterstreicht. Aus dem einzigen "Fremdkörper" in der malerischen Kulisse wird seine einzige Zuflucht.

Into the Wild lebt von den vor Ort aufgezeichneten, betörend schönen Landschaftsaufnahmen ebenso wie von den überragenden Darstellern, bei denen Emile Hirsch mit seiner packenden Tour de Force ebenso heraussticht wie Kristen Stewart, William Hurt, Marcia Gay Harden, Catherine Keener, Brian H. Dierker und Hal Holbrook. Auch Vince Vaughn zur Abwechslung in einer ernsthaften Rolle zu sehen ist eine angenehme Überraschung.
Regisseur Sean Penn gelingt neben einer ausgezeichneten Schauspielführung und einer beinahe schon meditativen Bilderauswahl eine Reihe von lebensnahen Charakterisierungen. Das ist anspruchsvoll, aber nie lang oder langsam erzählt, sondern fasziniert durch die Entscheidungen der Figuren, von denen Chris Zielstrebigkeit auch den Zuschauer am meisten fasziniert. Vielleicht weil es etwas ist, was man in so jungen Menschen so selten sieht – oder aber, weil wir in unserer Gesellschaft unsere Ziele meist selbst gar nicht richtig aussuchen können.


Fazit:
Es ist ein Unterschied, ob man von der Natur fasziniert ist, oder in ihr gefangen. Der Übergang vollzieht sich für Chris fließend. Ohne zuvor etwas über den wahren Chris McCandless gelesen zu haben, ist von Beginn an absehbar, wo seine Reise enden wird. Dass ihm seine Erkenntnis nicht vorenthalten wird, auch wenn er sie für sich zu spät erlangt, ist ein Trost. Das starke Charakterporträt gelangt überraschenderweise zu einer lebensbejahenden Aussage, ohne Chris Motivation oder aber die Auswirkungen seines Handelns auf seine Mitmenschen herunterzuspielen.
Hervorragend gespielt und in faszinierend malerische Bilder gekleidet, ist Into the Wild ruhig, aber nicht langsam erzähltes und anspruchsvolles Kino, das der Thematik und vielleicht sogar der Person gerecht wird. Es stellt die Figuren, ihre Reise und ihre Wünsche in den Mittelpunkt und lässt den Zuschauer auf bewegende, aber nicht rührselige Weise in vielen Charakteren einen Teil von sich selbst erkennen.


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