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Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft [2017]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 25. Juli 2017
Genre: Dokumentation

Originaltitel: An Inconvenient Sequel: Truth to Power
Laufzeit: 100 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2017
FSK-Freigabe: noch nicht bekannt

Regie: Bonni Cohen, Jon Shenk
Musik: Jeff Beal
Personen: Al Gore


Hintergrund:

Friedensnobelpreisträger Al Gore, der nicht nur US-Vizepräsident gewesen war, sondern beinahe Präsident der USA geworden wäre, präsentiert ein Jahrzehnt nach Eine unbequeme Wahrheit den aktuellen Stand im Kampf gegen die globale Klimaerwärmung. Dafür sucht er rund um den Globus Menschen auf, die sich ebenso für einen Wandel der weltweiten Klimapolitik einsetzen, aber auch diejenigen, welche die Klimapolitik dem anzustrebenden Wohlstand der eigenen Bevölkerung unterordnen. Er trifft Opfer von Naturkatastrophen und trägt aktuelle Entwicklungen zusammen, die überall auf dem Planeten zu spüren sind und die die Zukunft eines und einer jeden einzelnen beeinflussen oder noch beeinflussen werden …


Kritik:
Elf Jahre nach der Oscar-gekrönten Dokumentation Eine unbequeme Wahrheit [2006] lädt der ehemalige Vizepräsident der USA, Al Gore, zu einem aktuellen Stand der Klimakrise bzw. der Bemühungen der Weltgemeinschaft, diese zu bewältigen, ein. Die Dokumentation konzentriert sich dabei weniger auf die Ursachen der Klimaerwärmung, als auf die Auswirkungen und den geopolitischen Machtkampf, sich dieser Herausforderung zu stellen. Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft ist dabei nicht der angenehmste, vermutlich aber der wichtigste Film des Jahres.

Die Stimmung der Dokumentation zu Beginn erscheint angesichts der neuen Zahlen, die Al Gore bei seinen Auftritten vorstellt und die von einem Fortschreiten des Klimawandels zeugen, beinahe hoffnungslos. Er untermauert dies mit Bildern von dahinschmelzenden Gletschern und gigantischen Flüssen aus Schmelzwasser im arktischen Eis, die dafür sorgen, dass immer größere Teile unterhöhlt werden. Es sind Eindrücke, die einem Angst machen auch angesichts der Naturgewalten, denen sich die Opfer ohnmächtig gegenübersehen. Sei es, wenn ihre Häuser von tosenden Wassermassen mitgerissen werden, oder Feuer, Jahrhundertstürme oder Dürren ihre Existenzen bedrohen.

Dass er gleich zu Beginn die größten Vorwürfe, die gegen Eine unbequeme Wahrheit damals erhoben wurden, aufgreift und die aktuellen Entwicklungen daran bemisst, verleiht Al Gores Aussagen umso mehr Gewicht. Anstatt, wie viele andere Befürworter einer zukunftsorientierten und verantwortungsvollen Klimapolitik, sein Publikum mit Zahlen zu überschütten, verdeutlicht Gore an leicht verständlichen Grafiken, wie sich das Klima in den letzten Jahrzehnten – und den letzten zehn Jahren umso mehr – verändert hat. Diese allein sind bereits deutlich leichter zu erfassen, werden jedoch von den zahlreichen Berichten ganz normaler Menschen in den Schatten gestellt, die ihre Erfahrungen aus außergewöhnlichen und inzwischen alltäglichen Katastrophen schildern. Hört man Betroffene von Überflutungen in Miami, Florida berichten, die heute keine Seltenheit sind, vor wenigen Jahrzehnten jedoch undenkbar waren, dann bereitet dies ein mulmiges Gefühl.

Gleichzeitig nimmt sich Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft mehr Zeit als die vorangehende Dokumentation, um über die Politik im Hintergrund zu erzählen. Das erste Drittel dreht sich eher um die Person Al Gore und seinen politischen Werdegang, der ihn von der Türschwelle des Oval Office bis zu seinem Kampf für ein Bewusstsein um die Existenz des Klimawandels geführt hat, als um den Klimawandel an sich. Es erweckt bisweilen den Eindruck, als würde Gore die Dokumentation als Lobby-Plattform nutzen, um die Menschen für seine Überzeugungen zu gewinnen. Angesichts der Tatsache, dass er den finanziellen Mitteln der Leugner der Klimakatastrophe nichts entgegenzusetzen hat, ist es gewissermaßen seine einzige Waffe und es verdeutlicht, dass der politische Weg der einzige sein wird, auf dem sich diese Krise bewältigen lässt.

Dass Al Gore im Zentrum der Bewegung steht, die er so prominent vertritt, sei ihm unbenommen. Zeigt er auf, wie Großkonzerne erneuerbare Energien regelrecht sabotieren und diskreditieren, entwickelt Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft Aspekte eines Thrillers, dessen Rhythmus auch durch die gelungene Musik von Jeff Beal vorgegeben wird. Erzählt er in einem anderen Moment von einem eingestellten Satelliten-Programm, das er bereits während seiner politischen Karriere befürwortete, klingt er überaus melancholisch, aber nicht hoffnungslos. Seine Auftritte sind nicht nur emotional, sondern statt mit einem berechnenden Temperament zu agieren, erscheint er authentisch.

Damit einhergehend erzeugen die Filmemacher Bonni Cohen und Jon Shenk am Ende eine ungewollte Befürchtung: Sieht man sich an, mit welcher Leidenschaft, welcher Ausdauer und welcher Zuversicht Al Gore trotz aller Widerstände für seine Überzeugungen kämpft – und was er im Hintergrund des Pariser Klimaübereinkommens erreicht hat – dann macht es einem in gewissem Sinne Angst, was eines Tages wird, wenn dieser bekannte Fürsprecher und Lobbyist nicht mehr da sein wird. Es wird ein Vakuum entstehen, das zu füllen eine ebenso große Mammutaufgabe darstellen wird, wie der Klimawandel selbst. Dafür transportiert Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft seine ansteckende Energie. Und seine Hoffnung.


Fazit:
Auch wenn die Dokumentation am Ende zu den ersten Momenten zurückkehrt, der politische Exkurs dazwischen erscheint im ersten Moment trocken, nimmt jedoch Züge eines Wirtschaftskrimis an. Inhaltlich bringt Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft nicht viel Neues zum Stand oder den Ursachen des Klimawandels vor, gewährt dafür allerdings Einblicke, was derzeit hinter den Kulissen der Politik geschieht. Zwischen den Clips der Katastrophen, die sich über Monate verteilt in den Nachrichten wiederfinden, stellt Al Gore eine Verbindung her und zeigt Zusammenhänge auf, die man auf Grund der verstrichenen Zeit leicht übersieht. Die Bilder, in denen Menschen buchstäblich um ihr Leben kämpfen, sollten auch diejenigen aufwecken, die bis heute von Wetterphänomenen sprechen, wenn es sich um nicht zu leugnende, globale, klimatische Veränderungen handelt. Den Opfern dieser beinahe täglichen Katastrophen verleiht die Dokumentation ein Gesicht – und eine Stimme. Zusammen mit seinem schlussendlichen Aufruf ist Al Gores Immer noch eine unbequeme Wahrheit: Unsere Zeit läuft ein wichtiger und aufrüttelnder Appell, der nicht ungehört bleiben darf. So unangenehm die Dokumentation auf Grund der Thematik auch ist, sie macht trotz aller Rückschläge durchaus Hoffnung. Vielleicht kommt sie nicht zu spät.
 


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