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Hüter der Erinnerung - The Giver [2014]

Wertung: 2.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 09. August 2015
Genre: Science Fiction / Thriller / Drama

Originaltitel: The Giver
Laufzeit: 97 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2014
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Phillip Noyce
Musik: Marco Beltrami
Darsteller: Brenton Thwaites, Jeff Bridges, Katie Holmes, Meryl Streep, Odeya Rush, Cameron Monaghan, Alexander Skarsgård, Emma Tremblay, Taylor Swift


Kurzinhalt:

In der Zukunft gibt es keine Kriege, keine Ungerechtigkeit oder Ungleichheit. Die menschliche Gesellschaft kann sich daran auch nicht erinnern. Wenn der Nachwuchs 16 Jahre alt wird, wird entschieden, für welche Einsatzbereiche sich die Heranwachsenden eignen. Jonas (Brenton Thwaites) wird von der Ältesten (Meryl Streep) dafür auserkoren, ein neuer Hüter der Erinnerung zu werden. Eingelernt wird er von dem alten Hüter (Jeff Bridges). Er gibt ihm Erinnerungen weiter, die seit Generationen überliefert werden. Erinnerungen an Emotionen, Liebe und was es bedeutet, jemanden zu verlieren. Je mehr Jonas erfährt, umso entschlossener wird er, die Gesellschaft wachzurütteln. Doch damit wird er auch zur Gefahr für die Ältesten ...


Kritik:
Vom ersten bis zum letzten Moment scheint Hüter der Erinnerung - The Giver darauf designt, auf der Welle erfolgreicher Jugendbuchverfilmungen der letzten Jahre mit zu schwimmen. Bereits die Story hört sich an, als wäre sie aus den beliebtesten Vertretern zusammengeklaut. Das ist umso tragischer, da Lois Lowrys Buchvorlage nicht nur Preise gewonnen hat, sondern Jahre vor allen anderen veröffentlicht wurde und der eigentliche Wegbereiter des Genres ist. Doch aus dem Potential vermag Regisseur Phillip Noyce nichts zu machen.

Erzählt aus dem Off von Hauptfigur Jonas, befinden wir uns einmal mehr in einer unbestimmten Zukunft, in der sich die Menschen beinahe ausgelöscht haben und beschlossen, eine neue Gesellschaftsform zu gründen. Auf einem scheinbaren Plateau existiert eine große Stadt, deren Umfang nicht näher beschrieben wird. Die darin lebenden Menschen sind alle gleich und werden bei einer Zeremonie am Ende ihrer Jugend für ihre zukünftige Tätigkeit bestimmt. Das klingt stark nach Die Bestimmung - Divergent [2014], nur ohne das Blutvergießen. Vielmehr werden die Heranwachsenden wie die gesamte Gesellschaft Tag und Nacht beobachtet. Emotionen werden nie vermittelt und sind darum unbekannt, Berührungen sind nur engsten Familienmitgliedern gestattet.

Wie genau sich die Menschen in dieser Gesellschaft fortpflanzen, wie überhaupt Familien gegründet werden, wird nur am Rande erklärt, woher die Früchte und das Essen kommen ganz verschwiegen. Die Kinder werden von Genetikern erschaffen und Familien zugeteilt – aber woher kommt das Ausgangsmaterial? Hüter der Erinnerung beschreibt eine dystopische Zukunft, die keinen rechten Sinn ergibt, auch wenn es dank der schwarzweißen Bilder zu Beginn zumindest für das junge Publikum interessant aussieht. Denn wenn alle gleich sind, gibt es auch in den Farben keine Unterschiede.

Jonas ist – wie sollte es sonst sein – anders. Nicht nur, dass er gelegentlich Farben sieht, er wird für eine ganz spezielle Tätigkeit ausgewählt: Er soll ein neuer "Hüter der Erinnerungen" werden und bei problematischen Fragen die Ältesten beraten können. Denn nicht nur, dass es eigentlich keinen Hunger, Krieg, Kämpfe oder Ungleichheiten in dieser Gesellschaft gibt, die Menschen haben keine Erinnerungen oder Aufzeichnungen über das, was vor der Gleichschaltung gewesen ist.
Je mehr Jonas über Emotionen erfährt, in den Erinnerungen des alten Hüters schwelgt (der jetzt zum "Geber" der Erinnerung für ihn wird), umso mehr Farben sieht er. Das erinnert von der Umsetzung her an den optisch herausragenden Pleasantville - Zu schön, um wahr zu sein [1998] mit dem Unterschied, dass es damals neu war und in Hüter der Erinnerung - The Giver nur kopiert wirkt.

Dass Brenton Thwaites in der Lage ist, eine schwierige Rolle zu meistern, hat er in The Signal [2014] eindrucksvoll bewiesen. Allerdings muss es die Vorlage auch erlauben. In The Giver bleibt Jonas von Anfang bis Schluss blass und macht er sich auf seine lange Reise zur Grenze der Erinnerung, nimmt man ihm diese Strapazen leider nicht ab.
Es ist offensichtlich, dass Filmemacher Noyce auf das schauspielerische Gewicht seiner beiden älteren Stars setzt: Meryl Streep in der Rolle der Ältestenvorsitzenden und Jeff Bridges als Jonas' Lehrer. Doch da man über den Aufbau der Gesellschaft zu wenig erfährt und Streep gemäß der Rolle zu wenig Emotion zeigt, gehen ihre Bemühungen ins Leere. Bridges hingegen scheint nicht sonderlich motiviert und ist selten im Dialog von der Nähe aus zu sehen.

Kamera und Schnitt machen gerade deshalb einen äußerst unausgegorenen Eindruck: Die einzigen Actionszenen des Films im letzten Drittel sind vollkommen verwackelt, die Spezialeffekte einzig in den Schwarzweiß-Szenen nicht völlig offensichtlich und die Dialoge meist mit Fokus auf den Zuhörenden geschnitten, anstatt auf den Sprechenden. Dadurch geht die eigentliche Dynamik des Gesprächs verloren. Die aus Dokumentationen und Bestandsaufnahmen zusammengezogenen Szenen der Erinnerungen passen zudem stilistisch überhaupt nicht zum Rest. Sieht man sich die handwerklichen Schwächen von Hüter der Erinnerung - The Giver an, kann man sich kaum vorstellen, dass Phillip Noyce einst Die Stunde der Patrioten [1992] und Das Kartell [1994] inszeniert haben soll.


Fazit:
Ohne inhaltlich etwas vorwegzunehmen: Wie soll ein elektromagnetischer Impuls die Wirkung eines Medikaments aufheben können? Und wie sollen sich Menschen an etwas erinnern können, das sie nie erlebt haben? Hüter der Erinnerung - The Giver verlässt sich trotz seiner kurzen Laufzeit auf Storyideen, ohne zu erklären, wie sie funktionieren sollen. Aber ohne Auflösung klingt all das einfach haarsträubend unlogisch. Hinzukommen so viele Unmöglichkeiten insbesondere im letzten Akt, dass man nur noch gelangweilt mit den Augen rollt.
Hauptdarsteller Brenton Thwaites hat außer den üblichen "auserwählter Teenie, der die Liebe entdeckt und sein eigenes Leben hinter das große Ganze stellt"-Klischee, das man in den letzten Jahren endlos in Kinofilmen plattgetreten hat, nichts zu tun. Katie Holmes verkommt in ihrer Leinwandrückkehr zur reinen Staffage und weder Meryl Streep, noch Jeff Bridges können die mäßige Umsetzung durch Regisseur Phillip Noyce aufwerten. Der kleidet seinen langatmigen Film in ein altbekanntes Gewand, durch das man vergisst, dass die Romanvorlage an sich vor allen anderen Jugendbuchverfilmungen da war.    


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