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Harry Potter und der Stein der Weisen [2001]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 09. Juni 2002
Genre: Fantasy

Originaltitel: Harry Potter and the Philosopher's Stone
Laufzeit: 152 min.
Produktionsland: USA / GB
Produktionsjahr: 2001
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Chris Columbus
Musik: John Williams
Darsteller: Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson, Robbie Coltrane


Kurzinhalt:
Harry (Daniel Radcliffe) war schon immer ein sonderbarer Junge, er wuchs bei der Schwester seiner Mutter auf, nachdem seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Die Dursleys haben ihn nicht sonderlich gut behandelt und sein Cousin, Dudley Dursley ist verwöhntes Ekel.
Doch das ist nicht das Sonderbare an diesem Jungen mit der blitzförmigen Narbe auf der Stirn. Vielmehr, was um ihn herum hin und wieder geschieht, ist völlig unnormal. Bei einem Zoobesuch kann er sich mit einer Schlange unterhalten und eine Glasscheibe verschwindet von einem Moment auf den anderen – nur, damit sie im nächsten wieder da ist.
Harry hielt das immer für Zufall, bis eines Tages ein Brief von Hogwarts, der berühmtesten Zaubererschule, an ihn adressiert im Haus eintrifft. Der Autor des Briefes wusste sogar, dass die Dursley Harry in einem Schrank unter der Treppe einquartiert haben. Wenig später erfährt Harry, dass er das Kind von einem Zauberer und einer Hexe ist, die von einem finsteren Magier ermordet wurden. Harry selbst soll nun ebenfalls nach Hogwarts – und zusammen mit Hermine (Emma Watson) und Ron (Rupert Grint) erlebt er dort das erste seiner vielen Abenteuer.


Kritik:
Eine Romanverfilmung zu beurteilen, ist immer schwierig. Einerseits muss eine Buchadaption als solche überzeugen, andererseits muss der Film allein ebenfalls funktionieren und für Zuschauer, die das Buch nicht kennen, in sich geschlossen wirken.

Da ich alle bisher veröffentlichten Harry-Potter-Bücher (von J.K. Rowling, nicht die Merchandising-Artikel) gelesen habe, kann ich zusätzlich den Vergleich zwischen Buch und Film anstellen. Überdies war es das zweite Mal, dass ich mir Harry Potter und der Stein der Weisen angesehen habe, zuerst im Kino im November letzten Jahres und nun auf DVD in der englischen Originalfassung.

Verständlicherweise orientiert sich der Inhalt des Films streng an der Romanvorlage, zumal Mrs. Rowling persönlich das Drehbuch absegnete, bevor es in Produktion ging. Darum finden sich die wichtigsten und besten Einfälle ebenso im Film wieder, wie viele Schwächen des Buches.
Ich persönlich habe nie verstanden, wieso jeder Roman ein ganzes Jahr in der Lebensgeschichte des jungen Magiers abdecken muss, da dadurch viele Sprünge in der Handlung und auch in der Entwicklung der Charaktere stattfinden – wobei eben diese Entwicklung in den ersten vier Romanen sowieso stagniert.
Viele Ideen hat sich die Autorin bei anderen (erfolgreichen) Fantasybüchern oder -filmen entliehen, bevorzugt natürlich bei dem Fantasywerk schlechthin: "Der Herr der Ringe", das – wie der Zufall es wollte – auch Ende 2001 mit dem ersten Teil den Weg auf die Kinoleinwand fand.

Harry Potter und der Stein der Weisen lässt sich mit der Einführung von Harry und seinen Freunden, ebenso wie bei der von Hogwarts sehr viel Zeit, und zeigt beinahe die vollständige Episode Harrys bei den Dursleys auf. Hier wird noch deutlicher als im Buch, dass die comichafte und überzeichnete Muggelfamilie überhaupt nicht zum Rest der Geschichte passt. Übertriebene Gesten und Dialoge, nicht zuletzt aber der völlig unverständliche Entschluss Vernon Dursleys, den Quälgeist Harry gar nicht gehen lassen zu wollen, machen die Mängel in dieser Phase deutlich. Noch viel unverständlicher ist allerdings (ebenso wie in den Romanen), dass Harry über die Sommerferien jedes Mal zu den Dursleys zurückfahren muss, obwohl er das gar nicht möchte?!

Hogwarts selbst ist mit viel Liebe zum Detail umgesetzt worden, gleichwohl die Geister des Hauses ebenso überflüssig sind, wie bereits in der Vorlage. Als sich die Bootkarawane dem Schloß nähert, sieht man ein weiteres Detail sehr deutlich: die Spezialeffekte sehen zwar über weiter Strecken des Filmes wirklich gut aus, sind als solche aber immer zu erkennen.

Hervorragend in technischer Hinsicht sind unter anderem der Schokofrosch, die sich bewegenden Bilder, der Tarnumhang und auch das schreiende Buch. Völlig misslungen hingegen erscheinen für mich sämtliche Flugszenen, wozu auch das Quidditch-Spiel gehört.
Nicht nur, dass sich die Personen auf den Besen abgehackt oder aber viel zu flüssig bewegen, vielmehr stimmt weder die Beleuchtung, noch die windzerzauste Frisur in irgendeiner Szene. Da das Quidditch-Match den Höhepunkt des Filmes darstellen soll, ist das umso ärgerlicher.
Bereits im Buch habe ich den Zweck der Sportart nicht verstanden, die so unglaubwürdig ist, dass selbst der beste Zauberer der Welt sie nicht beherrschen könnte. Das Ganze aber Jungendlichen zu spielen zu geben, ist ebenso wie viele andere Entscheidungen in den folgenden Romanen geradezu lachhaft.
Zerstört wird das zusätzlich durch die schlechten Spezialeffekte, denen man den Ursprung als Bits und Bytes in jeder einzelnen Szene ansieht.

Im Vergleich zu der Troll-Szene in Der Herr der Ringe – Die Gefährten [2001], wirkt der Bergtroll in Harry Potter geradezu peinlich. Nicht nur, dass die Animationen schlecht sind, auch die Interaktion der echten Schauspieler mit dem Computerwesen (beziehungsweise später dem komplett computeranimierten Harry beim Kampf mit dem Troll) ist nur unterdurchschnittlich gelungen.

Ebenso verhält es sich mit der atmosphärisch dichten Szene im Wald, als Harry von dem Zentaur (Mischwesen mit menschlichem Oberkörper und dem Leib und Beinen eines Pferdes) gerettet wird. Die Gestalt Voldemorts, die sich auf Harry zubewegt, ist wirklich gut inszeniert, doch der Zentaur selbst sieht derart computergeneriert aus, dass es die bedrückende Atmosphäre der Szene beinahe zerstört.

Was hier auch deutlich wird, und sich im Finale mit dem Erzbösewicht erneut zeigt, ist, dass der Film unter keinen Umständen ab 6 Jahren hätte freigegeben werden dürfen. Zum einen ist kein Sechs- oder Achtjähriger in der Lage, einer Geschichte zu folgen, die 150 Minuten lang erzählt wird, zum anderen waren die Szenen nicht weniger schlimm als das Finale in Indiana Jones und der letzte Kreuzzug [1989], und als dieser Film von der FSK ab 12 (statt 16) Jahren freigegeben wurde, schüttelten die Kinobesucher bereits damals angesichts dieser Entscheidung kollektiv den Kopf.

Dem Film selbst tut diese "Brutalität" keinen Abbruch, zumal die folgenden Romane viel schlimmeres bieten, für Kinder unter 10 Jahren ist Film dennoch definitiv nicht geeignet.

Mit Spannung erwartet wurde die von Altmeister John Williams komponierte Musik, der mit diesem Werk jedoch eine einzige Enttäuschung abliefert. Hedwigs Thema ist zwar harmonisch und wohlklingend, erinnert jedoch frappierend an Jurassic Park [1993] oder Kevin allein zu Haus [1990]. Bei den actionreichen Sequenzen hört man viel zu deutlich Vergessene Welt - Jurassic Park [1997] heraus und ansonsten gibt es nicht viel Musik, da sich Hedwigs Thema schier endlos wiederholt.
Die vom Aufbau, und auch der Spannung im Film, beste Szene, das Schachspiel während des Finales, ist viel zu kurz geraten.
Zwar klaut Williams nicht von anderen, sondern nur von sich selbst, bei einem so sehnlichst erwarteten Film (dem die Blockbustergarantie bereits in der Wiege lag) hätte man mehr erwarten dürfen und müssen.

Die Besetzung des Filmes glänzt mit bekannten und unbekannten Namen. Die höchsten Erwartungen hatte sicher der junge Daniel Radcliffe als Harry Potter zu erfüllen. Er macht seine Sache, ebenso wie Emma Watson in der Rolle der Hermine Granger und Rupert Grint als Ron Weasley wirklich gut. Die drei scheinen auch richtig zu harmonieren und wirken vor der Kamera erfrischend natürlich.
Eine Idealbesetzung ist den Produzenten mit Robbie Coltrane (Für alle Fälle Fitz [1993-1996], Goldeneye [1995]) als Hagrid gelungen. Der etwas trampelig und unbeholfen wirkende Hühne wird von dem englischen Charakterdarsteller ausnahmslos hervorragend verkörpert.
Auch Alan Rickman (Stirb langsam [1988]) darf in der unterforderten Rolle des Severus Snape glänzen. Schade finde ich nur, dass seine undurchssichtige Rolle in den kommenden Romanen (und damit auch Filmen) immer weniger zum Zuge kommt, bis er später seinen Verstand zu verlieren droht.

Überhaupt nicht anfreunden konnte ich mich dagegen mit Albus Dumbledore, den Richard Harris verkörperte. Mit dem charmanten und charismatischen Magier aus den Büchern hat er meiner Meinung nach nicht viel gemeinsam, vor allem, da er schwächer und älter wirkt, als in den Romanen beschrieben. Erst in den letzten Minuten des Filmes sah ich zum ersten Mal das von Mrs. Rowling beschriebene Glänzen in seinen Augen.
Das führt mich zu etwas anderem: obwohl der Film nicht in chronologischer Reihenfolge gedreht wurde, scheinen die Darsteller untereinander am Ende des Filmes besser zu harmonieren (und die Jungdarsteller auch zu spielen), als zu Beginn. Ich hatte das Gefühl, als hätten sie die Beteiligten erst "warmspielen" müssen. Auch die witzigen Kommentare und Sprüche häufen sich gegen Ende und werden von den Figuren viel natürlicher vorgetragen. Hoffentlich können sie das im nächsten Teil erhalten.

Da ich inzwischen in den Genuss der englischsprachigen Fassung kam, möchte ich noch ein Wort zur deutschen Synchronisation sagen.
Mir persönlich ist es unverständlich, wieso kleine Indepenentfilme heutzutage sauberer und besser übersetzt sind, als groß angekündigte Blockbuster. Nicht nur, dass die Sprecher allesamt lustlos wirken, und übertrieben moderene Ausdrücke wie "krass" überhaupt nichts in diesem Film zu suchen haben, so ziemlich alle bekannten Darsteller hatten nicht ihre gewohnten Synchronstimmen. Robbie Coltrane oder Alan Rickman gingen in der deutschen Sprachfassung völlig unter. Im Original macht es wirklich Spaß, ihnen zu zuhören, wozu sicherlich auch der starke englische Akzent beiträgt, der mitunter nicht leicht zu verstehen ist.
Die deutsche Sprachfassung ist wirklich nur denen zu empfehlen, die über keine guten Englischkenntnisse verfügen, wer die Möglichkeit hat, sollte sich Harry Potter und der Stein der Weisen unbedingt im Originalton ansehen; es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Ebenfalls auf der DVD enthalten sind sieben Szenen, die nicht den Weg in die Kinofassung fanden. Insgesamt acht Minuten dauern die Deleted Scenes, die für die DVD eigens synchronisiert und bei denen Bild und Ton ordentlich aufbereitet wurden.
Auch hier verstehe ich nicht, wieso diese Szenen nicht im Film enthalten sind; sie sind für das Verständnis der Handlung durchaus wichtig. So wird deutlich, woher Neville Longbottm wusste, das Harry, Ron und Hermine am Abend Fluffy einen erneuten Besuch abstatten wollten. Auch, dass Hagrid eine Vorliebe für Drachen hat, wird erwähnt. Und nicht zuletzt erfährt man in einer Szene endlich, dass Harrys Schneeeule einen Namen hat: Hedwig. In der Kinofassung selbst wird das nämlich nicht weiter erwähnt.
Diese acht Minuten hätten sicher niemanden überfordert und sie sind allesamt für das Verständnis wichtig. Leser des Buches können sich den Rest erschließen, doch wer nur den Film als solchen sieht ohne die Vorlage zu kennen, wird sich an manchen Stellen wundern, obgleich dies durch Einfügen der zusätzlichen Szenen gar nicht nötig wäre.
Sehenswert ist Harry Potter durchaus, auch wenn es angesichts der uninspirierten Musik und den teils guten, teils misslungenen Spezialeffekten so aussieht, als wäre der Film unter Zeitdruck veröffentlicht worden.

Da mir jedoch (wie vielen Lesern auch) das erste Buch am besten von den bisherigen Vieren gefällt, weiß ich nicht so recht, ob ich mich auf die kommenden Filme freuen soll. Es wird auf jeden Fall interessant sein, zu sehen, wie die Produzenten das Zeitproblem in den Griff bekommen: aus einem 360 Seiten starken Roman haben sie einen 150 Minuten langen Film gemacht. Was ist jedoch spätestens beim vierten Film, dessen Romanvorlage immerhin 700 Seiten beträgt?


Fazit:
Was bei Harry Potter und der Stein der Weisen übrig bleibt, ist ein wirklich guter Film, der weder einen Meilenstein darstellt, noch den Zuschauer von den Sitzen reißt.
Kenner der Bücher werden sich an vielen kleinen Details erfreuen können, wie beispielsweise den sich bewegenden Bildern.
Wer die Bücher nicht kennt, wird von den charmanten Figuren eingenommen werden und ein unterhaltsames Abenteuer erleben können, dem es dennoch irgendwie an Zugkraft fehlt.
Sollte jemand die Rowling-Bücher nicht kennen, aber sonst im Fantasygenre bewandert sein, wird der- oder diejenige ebenfalls einen unterhaltsamen Abend verbringen können, doch wie schon bei den Büchern sind auch hier viele Ideen aus anderen Fantasywerken bekannt und wer sich dahingehend auskennt, wird aus dem Déjà Vu gar nicht mehr herauskommen.


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