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Eine dunkle Begierde [2011]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 18. Oktober 2011
Genre: Drama

Originaltitel: A Dangerous Method
Laufzeit: 99 min.
Produktionsland: Kanada / Deutschland / Großbritannien / Schweiz
Produktionsjahr: 2011
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: David Cronenberg
Musik: Howard Shore
Darsteller: Keira Knightley, Michael Fassbender, Viggo Mortensen, Vincent Cassel, Sarah Gadon, André Hennicke, Arndt Schwering-Sohnrey, Mignon Remé, Mareike Carrière, Franziska Arndt, Wladimir Matuchin, André Dietz


Kurzinhalt:
Als Patientin wird Sabina Spielrein (Keira Knightley) 1904 in eine Anstalt nahe Zürich eingeliefert. Die gebildete Russin spricht fließend Deutsch, leidet augenscheinlich jedoch an Hysterie. Ihr behandelnder Arzt ist Carl Gustav Jung (Michael Fassbender), der Sigmund Freuds (Viggo Mortensen) Methode der Psychoanalyse anwendet, um Zugang zu der jungen Frau zu finden. Dank ihrer Gespräche macht sie große Fortschritte und hegt selbst den Wunsch, zu studieren und anderen Menschen helfen zu können.
Aus der Beziehung zwischen Arzt und Patientin entwickelt sich mehr, als Jung eigentlich vertreten kann, doch ermuntert durch Otto Gross (Vincent Cassel) beginnt der mit Emma Jung (Sarah Gadon) verheiratete Arzt eine Beziehung mit Spielrein. Dadurch leidet nicht nur sein Privatleben, auch seine aufschlussreichen Unterhaltungen und Briefwechsel mit Sigmund Freud, in dem er sogar eine Vaterfigur sieht, werden in Mitleidenschaft gezogen. Doch irgendwann muss sich Jung entscheiden – ob er Freuds Beharren auf die klinische Psychoanalyse folgt, oder sich mehr dem Mystizismus zuwendet, und ob er sich seiner Frau und seinen Kindern verschreibt, oder Sabina ...


Kritik:
Zu ihrer Rolle in Eine dunkle Begierde meinte Hauptdarstellerin Keira Knightley, dass sie um ein Haar nicht bei der Produktion mitgewirkt hätte, auf Grund zweier Szenen, die auf sehr grafische Weise die Ursache ihres psychischen Konflikts behandeln. Man darf dankbar sein, dass sie ihre Bedenken überwand, denn wenn wir Knightley in jenen Momenten auf der Leinwand sehen, erkennen wir darin nur Sabina Spielrein, ihre Figur. Bereits mit ihrem ersten Auftritt hat diese nichts mit der Darstellerin zu tun, wie man sie aus zahlreichen bekannten Produktionen kennt. Sie trägt die fordernde und schwierige Rolle mit einer Souveränität, dass man meinen könnte, sie habe jahrelang darauf gewartet. Unter dem unkonventionellen Regisseur David Cronenberg porträtiert sie eine hochintelligente Frau, die später zu einer der ersten Psychoanalytikerinnen wurde, und deren schmerzvollste Erkenntnis sie in dem Satz zusammenfasst, sie wäre abscheulich und krank – obgleich sie von ihrer Kindheit geprägt ein Bedürfnis hatte, das zu ihrer Zeit gesellschaftlich als verwerflich angesehen wurde (und auch 100 Jahre später immer noch abschätzig beäugt wird).

Wir begegnen Spielrein zuerst im Jahr 1904, als sie wegen Hysterie in die Heilanstalt Burghölzli Nähe Zürich gebracht wird. Der damalige Oberarzt Carl Gustav Jung (ebenso erstklassig: Michael Fassbender) übernimmt ihren Fall und wendet dabei die Vorgehensweise des weltbekannten Tiefenpsychologen Sigmund Freud an, die Psychoanalyse. Die Fortschritte, die er durch die Gespräche über ihre Vergangenheit, ihre Sexualität und ihre Wünsche bei Spielrein erreicht, sind bahnbrechend. Ein paar Jahre später trifft Jung zum ersten Mal auf Freud, der in dem jungen Arzt zuerst jemanden sieht, der die Fackel der Wissenschaft weitertragen könnte, ehe er davon erfährt, dass Jung mit Spielrein eine Affäre begonnen hat.
Der Titel Eine dunkle Begierde lässt sich dabei auf alle Figuren übertragen, am offensichtlichsten jedoch auf Sabina Spielrein. Was das Publikum in den 100 ruhigen, aber nicht weniger intensiven Minuten erwartet, ist eine Charakterisierung vieler Personen, angefangen bei der jungen Frau, deren Entwicklung bemerkenswert ist und von Keira Knightley durch ihre Mimik und Gestik so subtil voran gebracht wird. Ihre leichten Rückschläge lässt sie so dezent und gleichzeitig unumstößlich spürbar werden, dass es fesselt. Überrascht beobachten wir, wie Jung, von dem Dilemma, das er sich selbst geschaffen hat, gefangen zwischen seiner wohlhabenden Frau Emma, welche ihre Ehe nicht aufgeben würde (und sich zumindest zu Beginn bei enthüllenden Fragen sogar schuldig an der Situation fühlt) und seiner moralisch indiskutablen Beziehung zu seiner Patientin Spielrein, immer depressiver wird. Wie er sich von seinem Leitbild Freud enttäuscht, unfähig, sich zwischen seinen Verpflichtungen gegenüber seiner Familie und seinen Wünschen bezüglich Sabina zu entscheiden, immer mehr zurückzieht, ehe ihn ein Nervenzusammenbruch nach den Geschehnissen des Films noch weiter prägte. Jungs wachsendes Interesse an Mystik entfremdet ihn noch weiter von Freud, der beharrlich in seiner Psychoanalyse die meisten Themen auf die Sexualität zurückführt.

Während Jung Freuds Anmaßung und Arroganz entlarvt, ihn bezichtigt, seine Freunde zu analysieren und als Patienten zu sehen, statt als Gleichgestellte, sieht Sigmund Freud in seinem Kollegen jemanden, der das Potential dieser Wissenschaft verschwendet. Gleichzeitig wird er durch Jungs Reichtum immer wieder auf die hinteren Ränge der Gesellschaft verwiesen. Nicht nur in den vorgelesenen Briefwechseln, oder den langen Gesprächen bringt Viggo Mortensen hier Freuds Enttäuschung und Demütigung zum Vorschein, gerade in seinen kleinen Bewegungen wird deutlich, was in ihm vorgeht.
Eine dunkle Begierde bezieht hierzu letztlich keine Stellung, weder wird Freud für sein Verhalten kritisiert –wenn ihm Jung vorwirft, er würde den Patienten nur die Tür zeigen und sie dann sich selbst überlassen, kontert Freud, dass es ihm nicht gegeben ist, Gott zu spielen und über das Schicksal der Menschen zu entscheiden – noch Jung als uneinsichtig dargestellt. Auch wenn Sabina Spielrein Auslöserin für den Bruch zwischen den beiden Psychoanalytikern gewesen sein mag, sie hat lediglich etwas beschleunigt, was durch die Dogmen der beiden Gelehrten ohnehin unausweichlich war.

Regisseur David Cronenberg wollte keine klassische Adaption des zugrunde liegenden Theaterstücks, doch kann das Drama seine Wurzeln nicht ganz verleugnen. Kammerspielartig gefilmt und mit authentischen Landschaftsaufnahmen versehen werden hier Persönlichkeiten entblößt, dass es uns mitunter unangenehm ist, in einem Raum mit ihnen zu sein. Wenn dann bei einer Liebesszene die innere Zerrissenheit in den Augen einer Figur zu lesen ist, erkennt man nicht nur die befreiende Wirkung der Sexualität für die zweite Person, sondern auch, welche Bürde der Sexualtrieb für die erste bedeutet.


Fazit:
Es klingt abgedroschen wenn man sagt, dass ein jeder Psychiater mindestens zwei eigene Psychologen hat. Doch warum sollten sie weniger Hilfe benötigen, mit ihren innersten Bedürfnissen umzugehen, als alle anderen Menschen? David Cronenbergs beklemmend und intensiv verkörpertes Drama richtet sich an ein ruhiges, erwachsenes Publikum. Statt einfache Antworten präsentiert Eine dunkle Begierde die Komplexität und Verworrenheit der menschlichen Psyche. Das ist anspruchsvoll, aber gleichzeitig packend.
Außerdem durchweg herausragend gespielt, allen voran von Keira Knightley, gefolgt von einem nicht weniger gespaltenen Michael Fassbender und Viggo Mortensen, der Freud um ein Gefühl von Bedauern erweitert, das man mit der Persönlichkeit in den wenigsten Fällen verbindet. Wer sich darauf einlässt, sollte an den Charakteren, nicht den Darstellern interessiert sein. Und dass wir uns für sie interessieren, auch wenn was sie erlebt haben schon so lange zurückliegt, ist ein Verdienst von allen Beteiligten. Das tut es nicht zuletzt, weil ihre Erkenntnisse heute ebenso Bestand haben.


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