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Ein einfacher Plan [1998]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 2. Februar 2020
Genre: Krimi / Drama / Thriller

Originaltitel: A Simple Plan
Laufzeit: 121 min.
Produktionsland: Großbritannien / Deutschland / Frankreich / USA / Japan
Produktionsjahr: 1998
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Sam Raimi
Musik: Danny Elfman
Besetzung: Bill Paxton, Bridget Fonda, Billy Bob Thornton, Brent Briscoe, Gary Cole, Chelcie Ross, Jack Walsh, Becky Ann Baker, Tom Carey, Bob Davis, Peter Syvertsen, John Paxton


Kurzinhalt:

Der letzte Tag des Jahres beginnt für Buchhalter Hank (Bill Paxton) wie jeder andere auch. Wie die vergangenen Jahre, besucht er mit seinem Bruder Jacob (Billy Bob Thornton) das Grab ihrer Eltern. Auf dem Weg zurück entdecken sie mit Jacobs Freund Lou (Brent Briscoe) in einem etwas abgelegenen, verschneiten Waldstück ein abgestürztes Kleinflugzeug. An Bord findet Hank eine Tasche mit mehr als vier Millionen Dollar. Sein erster Impuls ist es, Sheriff Carl (Chelcie Ross) Bescheid zu geben, doch Jacob und Lou überzeugen ihn, dass sie das Geld vielleicht auch behalten könnten. So beschließen sie, es zu verstecken und bis zum Frühjahr zu warten, ob jemand danach sucht. Während Hanks hochschwangere Frau Sarah (Bridget Fonda) in dem Geld die Möglichkeit auf ein besseres Leben sieht, will Lou damit seine Schulden begleichen. So steigen die Spannungen zwischen ihnen und als Jacob eine folgenschwere Entscheidung fällt, gibt es für Hank kein Zurück mehr …


Kritik:
Das ruhig erzählte Crime-Thriller-Drama Ein einfacher Plan ist vermutlich nicht nur die beste Regiearbeit des oftmals im Horror-Genre aktiven Sam Raimi, es ist schlicht ein erstklassiger Film. In einem Mikrokosmos zerlegt er dabei gleichermaßen den amerikanischen Traum und den Traum, bei der Erfüllung des ersten eine Abkürzung nehmen zu können. Zurecht für zwei Oscars nominiert, ist diese Perle der späten 1990er-Jahre mit viel Fingerspitzengefühl inszeniert und fabelhaft gespielt.

Basierend auf seinem eigenen Roman, Ein ganz einfacher Plan [1993], lässt der dafür Oscar-nominierte Drehbuchautor Scott B. Smith Hauptfigur Hank den Film aus dem Off einrahmen. Er erzählt zu Beginn, wie lange er gebraucht hat, um zu verstehen, dass er an sich ein glücklicher Mann ist. Er ist glücklich mit seiner Frau verheiratet, die in Kürze ein Kind von ihm erwartet. Beide haben sichere Jobs, mit denen sie in dem beschaulichen Ort über die Runden kommen können. Hank selbst ist Buchhalter, sein älterer Bruder Jacob derzeit arbeitslos. Ob Jacob generell etwas einfacher ist, oder nur so erscheint, weil er meist betrunken ist, wird nie ganz klar. Jacob verbringt viel Zeit mit dem ebenfalls arbeitslosen Lou. Als die drei an Silvester gemeinsam zum Grab von Hanks und Jacobs Eltern unterwegs sind, entdecken sie im zugeschneiten Naturschutzgebiet ein abgestürztes, kleines Flugzeug. Der darin befindliche Pilot scheint schon länger tot zu sein – doch in der Kabine entdeckt Hank eine Tasche mit über vier Millionen Dollar.

Hanks erster Impuls ist es, wie wohl bei den meisten Menschen im Publikum, den Fund zu melden. Alles andere wäre Diebstahl, wäre strafbar und schlichtweg falsch. Es sind die vernünftigen Argumente, die auch Hanks Frau Sarah vorbringt, bis Hank die Tasche auf dem Küchentisch ausleert und sie die Bündel an Geld und die Möglichkeiten, die es mit sich bringen würde, zum Greifen vor sich sieht. Also stimmt sie Hanks einfachem Plan zu, das Geld bis zum Frühjahr zu verstecken. Wenn das Flugzeug gefunden und das fehlende Geld in den Nachrichten nicht erwähnt wird, könnten sie es behalten. Es klingt alles so einfach – bis Jacob im Affekt eine fatale Entscheidung trifft und wenig später Lou vor Hanks Haustür steht. Er will seinen Anteil, weil er zwielichtigen Leuten Geld schuldet. Jedes Mal versucht Hank, anstatt das Richtige zu tun, alles zu unternehmen, um den ursprünglichen Plan beibehalten zu können. Und jedes Mal stürzt er sich und andere dabei nur mehr ins Unglück.
Obwohl Billy Bob Thornton für seine Darbietung als Jacob für den begehrten Oscar nominiert wurde, spielt Bill Paxton in der Hauptrolle nicht weniger gelungen. Seine zunehmend größer werdende Verzweiflung zu sehen, die ihm am Ende nicht nur das größte Opfer abverlangt, sondern die letztliche Resignation in seinen Augen, ist schlicht beeindruckend. Aber auch die Nebenrollen sind in Ein einfacher Plan toll besetzt. Sei es Brent Briscoe, der Lous Schläue geschickt verbirgt, oder auch Gary Cole mit seinem späten Auftritt, sind erstklassig getroffen. Bridget Fonda bleibt mit ihrer Figur, die sich als treibende Kraft hinter Hanks Handeln entpuppt, dank eines hervorragenden Monologs in Erinnerung.

Zu beobachten, wie das Leben dieser Menschen, die aus einfachen Verhältnissen kommen, aber zumindest in Bezug auf Hank und Sarah ihren Lebensunterhalt bestreiten können, durch eine folgenschwere Entscheidung nach der anderen aus den Fugen gerät, ist ebenso erschreckend wie faszinierend. Ein einfacher Plan erzählt von der Weiterentwicklung des amerikanischen Traums: Nicht durch die eigene Arbeit reich zu werden, sondern durch einen Zufallsfund, bei dessen Diebstahl vermeintlich niemand zu Schaden kommt. Angesiedelt in einer verschneiten Umgebung, die die Spuren des eigenen Handelns nur umso sichtbarer macht, unterstreicht Sam Raimi nicht nur ein herausragendes Gespür für Atmosphäre, er entwickelt bei der Erzählung der Geschichte eine Sogwirkung aus den Entscheidungen der Figuren heraus und den Reaktionen, die sie hervorrufen. Dies reicht aus, damit der Film trotz seiner Laufzeit und der wenigen Figuren für ein aufmerksames Publikum keine Minute zu lang ist.


Fazit:
Sieht man die Traurigkeit in seinen Augen, wenn Jacob inmitten des Films feststellt, er glaube, er sei böse, dann trifft dies auch seinen Bruder unvermittelt. An sich sind sie beide gute Menschen. Oder besser, sie waren es. Welche Abkürzungen darf man auf dem Weg zum eigenen Glück nehmen? Und braucht es zum Glücklichsein eine Tasche voller Geld? Ein einfacher Plan erzählt mit wenigen, aber dafür facettenreich strukturierten Figuren eine Story, die das Schlimmste in den Menschen hervorbringt. Filmemacher Sam Raimi demontiert gekonnt die moralischen Grundfesten, die das Publikum in einer solchen Situation genauso mitbringen würde, und stellt die Frage, ob man an ihnen wirklich festhalten könnte, wäre man an Stelle von Jacob oder Hank. Hervorragend gespielt und bemerkenswert entblätternd mit Blick auf die Charaktere gefilmt, sieht man hier die Hoffnungen und Wünsche ganz normaler Menschen – und wohin es führt, sie über die eigene moralische Integrität zu stellen. Mit bedeutend weniger Preisen versehen, als es die Beteiligten verdient gehabt hätten, ist das ein hervorragendes und sehenswertes Drama mit einem Crime-Thriller-Kern, das von seiner Aussagekraft in über 20 Jahren nichts verloren hat.
 


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