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Duell [1971]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 22. Mai 2020
Genre: Thriller

Originaltitel: Duel
Laufzeit: 90 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1971
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Steven Spielberg
Musik: Billy Goldenberg
Besetzung: Dennis Weaver, Jacqueline Scott, Carey Loftin, Eddie Firestone, Lou Frizzell, Lucille Benson, Gene Dynarsk, Tim Herbert, Charles Seel, Shirley O’Hara, Alexander Lockwood, Amy Douglass, Dick Whittington, Dale Van Sickel


Kurzinhalt:

Für den Geschäftsmann David (Dennis Weaver) beginnt alles wie immer: Frühmorgens setzt er sich ins Auto, auf dem Weg zu einem wichtigen Termin. Bei einem Stopp an einer Tankstelle verspricht er seiner Frau (Jacqueline Scott) telefonisch noch, dass er rechtzeitig zurück sein werde. Dabei hatte David kurz zuvor einen verschmutzten Tanklaster überholt, dessen Fahrer dies offenbar nicht auf sich sitzen lassen will und David daraufhin erneut überholt. Der Trucker hat es offenbar auf ihn abgesehen und so beginnt ein erbittertes Duell auf der Straße, bei dem David seinem Gegner nicht nur auf Grund dessen Rücksichtslosigkeit unterlegen ist …


Kritik:
Auf den ersten Blick ist Duell ein minimalistischer Psychothriller und darüber hinaus der erste Spielfilm im engeren Sinne von Steven Spielberg. Ursprünglich nur 74 Minuten lang und direkt für das amerikanische Fernsehen produziert, ergänzte der damals erst 25jährige Regisseur seine Geschichte für eine europäische Kinoauswertung, so dass der Terror insgesamt 16 Minuten länger dauern sollte. Herausgekommen ist gewissermaßen ein Western auf der Straße. Die Umsetzung lässt nicht nur das Talent des Filmemachers erkennen, sondern sorgt heute noch für ein ungutes Gefühl.

Das vermutlich zum größten Teil auf Grund der einfachen Geschichte, mit der sich ein Großteil des Publikums identifizieren kann. Darin macht sich der Geschäftsmann David Mann frühmorgens auf, mit dem Auto zu einem Geschäftstermin zu fahren. Unterwegs überholt er dabei einen heruntergekommen wirkenden Tanklaster. Wenig später überholt dieser David und beginnt, den Geschäftsmann regelrecht zu drangsalieren. Dass der von sich aus eher defensiv veranlagt ist, scheint seinem namen- und gesichtslosen Widersacher nur in die Hände zu spielen. Denn: Während Darsteller Dennis Weaver als David Mann in beinahe jeder einzelnen Szene zu sehen ist, und auch der charakteristische Truck viel Raum einnimmt, ist dessen Fahrer nie richtig zu sehen. David, wie auch das Publikum, sieht seine Hand, die ihn vorbeiwinkt und dabei geradewegs in den Gegenverkehr steuert. An einer Raststätte sieht man seine Stiefel, wenn er um seinen Truck herumgeht, aber das Gesicht des Fahrers bleibt David wie dem Publikum verborgen. Der Terror, dem man kein Gesicht verleihen kann, ist dabei umso unheimlicher und ungreifbarer, als wenn man ihn genau sehen könnte.

So wird der Truck selbst mit seinen zahlreichen Plaketten der unterschiedlichen Bundesstaaten, so stark verschmutzt wie er ist und mit dem rußigen Auspuff, gewissermaßen zum Antagonisten, dem Gegner, dem sich David in Duell stellen muss. Doch was kann er in seinem Auto, für das er selbst beinahe zu groß scheint, wenn er darin sitzt, gegen einen tonnenschweren Tanklaster ausrichten? Die hinter dem einfachen Konzept liegenden Themen spiegeln sich insofern bereits im Namen des Protagonisten wider: Es ist ein Kampf „David gegen Goliath“. Gleichzeitig geht es aber auch darum, dass David seine grundlegende Vorsicht und Zurückhaltung überwindet. Ein Telefonat zu Beginn, zusammen mit einem anfangs im Hintergrund bei der Fahrt zu hörenden Radioprogramm, verdeutlichen, dass David in seinem Auftreten geradezu demütig ist. Er sieht sich zuhause bei seiner Frau und den Kindern nicht als der „Mann“ im Haushalt, so wenig, dass seine Frau ihm sogar mitteilt, wie enttäuscht sie ist, dass er bei einer unangemessenen Situation des Vorabends nicht reagiert hat, in der ihr wohl jemand zu nahe gekommen ist.

Eine solche Rolle zu spielen, scheint undankbar und tatsächlich ist David lange Zeit jemand, dem man zurufen möchte, er solle endlich agieren, anstatt sich von dem Lastwagenfahrer treiben zu lassen. Dennis Weaver verkörpert den Protagonisten insofern nicht als klassischen Helden, wie man sie sich in dieser Geschichte vorstellen würde. Steht er dem tonnenschweren Truck auf der Straße wie bei einem Duell im Western gegenüber, hat man nie das Gefühl, er wäre dem gewachsen. Ganz im Gegenteil. Entkommt er nach ihrer ersten Auseinandersetzung dem Fahrer nur knapp und wartet in einem Café, werden seine Selbstzweifel aus dem Off beschrieben. Insofern mag die Änderung seines Verhaltens im letzten Drittel ungewohnt für seine Figur erscheinen, sie ist aber insofern nur das Resultat dessen, wozu ihn die außergewöhnliche Situation zwingt.

Diesen untergeordneten Platz in der Geschichte weist Duell der Hauptfigur auch durch die Art der Inszenierung zu. Obwohl ihm gerade einmal ein Dutzend Drehtage zur Verfügung standen, versieht der junge Steven Spielberg seinen Film mit einer eindrucksvollen Optik. Fährt der Truck anfangs von hinten dicht an Davids Auto heran, sorgt der Blickwinkel, der David von unterhalb des Armaturenbretts zeigt, dafür, dass der Truck nicht nur riesig hinter ihm auftaucht, sondern als wäre er buchstäblich Zentimeter hinter dem Fahrer. Gleichzeitig vermittelt die Optik den Eindruck, als wären David und der Lastwagen in halsbrecherischem Tempo unterwegs und sieht man die durchgängige Einstellung, wenn David ins Café hineingeht, bis er feststellen muss, dass er seinen Gegner nicht abhängen konnte, dann muss man sich fragen, wie das mit der damaligen Ausrüstung so nahtlos umgesetzt wurde.

Auch beinahe ein halbes Jahrhundert nach seiner ursprünglichen Premiere hat Duell nichts von seiner Intensität verloren. Vielleicht auch gerade auf Grund der einfach strukturierten Geschichte, zu der ein Großteil des Publikums einen Bezug herstellen kann. Die Inszenierung ist der einer Fernsehproduktion deutlich überlegen und lässt in den Perspektiven das Talent des Mannes hinter der Kamera erkennen. Die zusätzlichen Szenen, die für die europäische Kinoauswertung gedreht wurden (darunter das Telefonat im Waschsalon zu Beginn, die Szene mit dem Schulbus oder auch, wenn der Truckfahrer versucht, David über gesperrte Gleise zu schieben), sind dabei streng genommen nicht notwendig, verleihen der persönlichen Entwicklung der Hauptfigur jedoch eine weitere Ebene. Umso mehr wird der Aspekt des Psychothrillers dieses ungleichen Duells damit hervorgehoben.


Fazit:
Nicht zu wissen, wer sich hinter der verdreckten Windschutzscheibe des Tanklasters verbirgt oder weshalb er es auf den Geschäftsmann David abgesehen hat, macht den Terror nur noch intensiver. Drehbuchautor Richard Matheson (Ich bin Legende [1954]), dessen Story auf einer eigenen Erfahrung basiert, isoliert seine Figur in der sandigen Weite entlang der verlassenen Straßen. Gleichzeitig zwingt er sie, sich dem Angreifer – und ebenso sich selbst – zu stellen. In der Rolle ist Dennis Weaver toll besetzt, obwohl die Figur des lange passiven und zurückhaltenden David undankbar erscheinen mag. Aber auf Grund der dichten Atmosphäre, des hohen Tempos und der greifbaren Bedrohung, ist Duell ein nach wie vor sehenswerter Thriller, der sein Publikum für das Geschehen im Straßenverkehr im gleichen Maße sensibilisiert, wie es Filmemacher Steven Spielberg wenig später mit Der weiße Hai [1975] für das Schwimmen im Meer gelang.
 


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