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Doctor Sleeps Erwachen [2019]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 20. November 2019
Genre: Drama / Fantasy / Horror

Originaltitel: Doctor Sleep
Laufzeit: 151 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2019
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Mike Flanagan
Musik: The Newton Brothers
Besetzung: Ewan McGregor, Rebecca Ferguson, Kyliegh Curran, Cliff Curtis, Zahn McClarnon, Carl Lumbly, Emily Alyn Lind, Bruce Greenwood, Jocelin Donahue, Alex Essoe, Zackary Momoh, Jacob Tremblay


Kurzinhalt:

Nach den Ereignissen im Overlook-Hotel versuchen Wendy Torrance (Alex Essoe) und ihr Sohn Danny (Roger Dale Floyd), ein normales Leben zu führen. Doch Danny wird immer noch von den Geistern des Hotels heimgesucht. Jahrzehnte später führt er, inzwischen nur noch Dan (Ewan McGregor) genannt, mit Hilfe von Billy Freeman (Cliff Curtis) ein geregeltes Leben und arbeitet in einem Hospiz, wo er seine übernatürliche Begabung, das Shining, einsetzt, um den Sterbenden zu helfen. Seit einigen Jahren hat er eine geistige Verbindung mit dem begabten Mädchen Abra (Kyliegh Curran), die langsam ihre Kräfte entdeckt. Sie wird auf die Gruppe um Rose The Hat (Rebecca Ferguson) aufmerksam. Die Mitglieder der „Wahre Knoten“-Gruppe nutzen die Kraft der übernatürlich begabten Menschen, um ihr Leben zu verlängern und die eigenen Fähigkeiten zu verstärken. Als Abra so Zeugin eines grausamen Verbrechens wird, bittet sie Dan um Hilfe. Aber nicht nur, dass Rose und ihr Gefolge ihnen kräftemäßig überlegen sind, würde Dan ihr helfen wollen, müsste er sich seinen eigenen Dämonen stellen, die er seit Jahrzehnten weggesperrt hat …


Kritik:
Obwohl Doctor Sleeps Erwachen eine direkte, teils sogar unmittelbare Fortsetzung zu Stanley Kubricks Verfilmung von Stephen Kings Shining [1980] ist, ist es ein gänzlich anderer Film. Sowohl als der Vorgänger als auch, als man erwarten würde. Handelte Kubricks Adaption vom Abstieg eines Mannes in den zerstörerischen Wahnsinn, ist dies ein waschechter Horror-Film mit Fantasy-Elementen. Was klingt wie ein Stilbruch, greift tatsächlich mehr Aspekte der Romanvorlage auf und sollte sich deshalb eher an dasselbe Publikum richten. Vor allem ist es einer der besten Genrefilme des Jahres.

Dabei gelingt es Filmemacher Mike Flanagan konstant, sein Publikum zu überraschen. Dies bereits mit dem Anfang, der an die Ereignisse in Shining anschließt. Nach einem kurzen Prolog in Florida 1980, in dem ein kleines Mädchen auf der Suche nach Blumen an einem See von der mysteriösen Rose und der sie umgebenden Gruppe angesprochen wird, stellt Doctor Sleeps Erwachen Dan Torrance vor, der nach den traumatischen Ereignissen im Overlook-Hotel immer noch von den Geistern jenes Ortes heimgesucht wird. Der Filmemacher widmet erstaunlich viel Zeit diesem Jungen, der mit Hilfe eines weisen Rats Wege findet, das Böse, das sich an ihn klammert, zu beherrschen. Selbst wenn sich im Lauf der Erzählung der Fokus der Geschichte auf eine andere Person verschiebt, dies ist Dans Geschichte und seine Einleitung nach den Geschehnissen in Shining könnte gelungener nicht sein.

Nach einem inhaltlichen Sprung ins Jahr 2011 wird Dan als nach wie vor traumatisierte Person gezeigt, die – ähnlich wie sein Vater vor ihm – dem Alkohol verfallen ist und nicht weiß, wo oder neben wem er aufwacht. Während er erwachsen geworden ist, haben sich Rose und ihre Mitstreiter nicht verändert. Ohne sein Publikum mit der Nase darauf zu stoßen, eröffnet Regisseur Flanagan hier eine Welt, in der noch weitere Menschen das Shining, eine übersinnliche Begabung, haben. Hat Dan gelernt, sie zu kontrollieren und im Geist wegzusperren, nehmen andere sie an. Rose und ihre Gefolgsleute zehren von der Kraft dieser begabten Menschen, die sie als „Steam“ verlässt, um jung zu bleiben und lange zu leben. Während sie eine Teenagerin anwerben, sich ihnen anzuschließen, werden Rose und Dan, deren Weg sich bislang nicht kreuzte, auf eine weitere Begabte aufmerksam: Abra.

Der erneute Zeitsprung um acht Jahre nach vorn unterstreicht den Eindruck, dass Doctor Sleeps Erwachen wie ein Roman strukturiert ist, der eine große Zeitspanne abdeckt. Dan ist mit Hilfe in einem geregelten Leben angekommen und begleitet in einem Hospiz Menschen auf ihren letzten Schritten. Er hat eine geistige Verbindung mit Abra hergestellt, die in Gefahr gerät, als Rose auf ihre Fähigkeiten aufmerksam wird. Mehr sei über den Inhalt nicht verraten. Wer befürchtet, dass hier bereits zu viel preisgegeben wird, dem sei versichert, dass Regisseur Mike Flanagan mehr zu entdecken vorstellt, als sich hier beschreiben ließe.
Das bezieht sich sowohl auf den Inhalt als auch auf die Präsentation selbst. Seine Verbindung zu Kubricks Shining geht weit über das aus jener Zeit stammende Studio-Logo hinaus. Dass der Weg früher oder später zum Overlook-Hotel führt, ist keine Überraschung und wird auch durch die ikonische Musik entsprechend begleitet. Doch stellt das zugegebenermaßen den Filmemacher vor ein Dilemma: Während Kubrick seinerzeit das Hotel selbst verschonte, überlebte es die Romanvorlage nicht. Mike Flanagan muss insofern der schwierige Spagat gelingen, beide Bücher sowie den Vorgängerfilm unter einen Hut zu bringen.

Es gelingt ihm auch dank einer hervorragend agierenden Besetzung: Ewan McGregor entwickelt sehenswert seine von realen und übernatürlichen Dämonen heimgesuchte Figur, die auch wenn sie auf dem richtigen Pfad angekommen, immer noch nicht dort ist, wo sie sein sollte. Er ist der Ankerpunkt der Geschichte und seine Reise durch Höhen und Tiefen schlicht packend. Als Widersacherin entwickelt Rebecca Ferguson ein ungeahntes und ebenso unberechenbares Feuer, dass ihre Darbietung geradezu fesselt. Dem gegenüber entpuppt sich Kyliegh Curran als wahre Entdeckung und verleiht Abra Stone eine tiefsitzende Kraft und Stärke, die Großes erahnen lässt. Sie finden sich in einer Inszenierung wieder, die nicht nur was Farben, Szenenaufbau oder Stimmung anbelangt, perfekt aufeinander abgestimmt ist. Es ist, als wäre Doctor Sleeps Erwachen ein weiteres Kapitel einer zugänglicheren Version von Kubricks Horror-Klassiker. Dass der Fantasy-Aspekt einen größeren Stellenwert einnimmt, ist kein Kritikpunkt, dürfte manche im Publikum jedoch überraschen. Eine solche Geschichte zu erzählen, einen solchen Film zu machen, erfordert auch von Seiten des Studios Mut. Das beeindruckende Ergebnis verdient Anerkennung. Selbst wenn nicht alle Figuren gleichermaßen glänzen dürfen und der Film an manchen Stellen etwas hätte gestrafft werden können.


Fazit:
Nicht nur das aus Shining bekannte, ikonische Gebäude wird hier wieder zum Leben erweckt. Manche Momente des Klassikers werden passend und in keinster Weise aufgesetzt ins Gegenteil verkehrt. Filmemacher Mike Flanangan schmückt seinen düsteren Fantasy-Horror mit vielen Szenen und Einstellungen, die geradezu verschwenderisch wirken, aber allesamt dazu beitragen, dass man die atmosphärisch dichte Stimmung hier mit einem Messer teilen könnte. Die gezeigte Grausamkeit, vor allem bei einem rituellen Mord durch Rose und ihr Gefolge, ist nichts für Zartbesaitete. Insbesondere in Anbetracht des Opfers. Deshalb und weil die Fortsetzung die körperlichen wie seelischen Auswirkungen von Dans Trauma ebenso greifbar macht, wie die allgegenwärtige Bedrohung, eignet sich der Film nur für ein erwachsenes Publikum. Zu sagen, Doctor Sleeps Erwachen ist ein geradezu altmodischer Horror-Film, ist kein Kritikpunkt, im Gegenteil. Dies ist der beste auf einem Roman von Stephen King basierende Film dieses Jahres. Hervorragend gemacht, mit Gänsehautmusik unterlegt und fantastisch gefilmt, dürfte das Ende auch Kenner der Romanvorlage überraschen. Für ein Publikum, das bereit ist, sich auf einen stimmungsvollen, ruhig erzählten und überlegt aufgebauten Horror-Film einzulassen, ist das mehr als nur sehenswert und empfehlenswert. Klasse!
 


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