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Detroit [2017]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 28. September 2017
Genre: Drama / Thriller

Originaltitel: Detroit
Laufzeit: 143 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2017
FSK-Freigabe: noch nicht bekannt

Regie: Kathryn Bigelow
Musik: James Newton Howard
Darsteller: John Boyega, Will Poulter, Algee Smith, Jacob Latimore, Jason Mitchell, Hannah Murray, Jack Reynor, Kaitlyn Dever, Ben O'Toole, John Krasinski, Anthony Mackie, Nathan Davis Jr., Peyton 'Alex' Smith


Kurzinhalt:

Am 23. Juli 1967 entlädt sich die angestaute Aggression der auf viel zu engem Raum lebenden, verarmten farbigen Bevölkerung in Detroit gegen die überwiegend weißen Polizisten in Gewalt. In den folgenden Tagen entsendet der Gouverneur sowohl die Nationalgarde als auch die Armee zur Unterstützung der Ordnungshüter, was die Situation nur noch explosiver gestaltet. Wenige Tage später glauben die Einsatzkräfte, während der nächtlichen Ausgangssperre von einem Heckenschützen aus dem Algiers Motel unter Beschuss genommen worden zu sein. Unter der Leitung des skrupellosen jungen Polizisten Krauss (Will Poulter) stürmt ein Trupp das Motel, eine Person wird erschossen. Da weder eine Waffe, noch ein Heckenschütze auszumachen sind, setzt Krauss zusammen mit seinem Kollegen Flynn (Ben O'Toole) und weiteren Ordnungskräften die in dem Gebäudeteil wohnenden farbigen Personen, darunter den Sänger der Band The Dramatics, Larry (Algee Smith), und die beiden weißen jungen Frauen Karen (Kaitlyn Dever) und Julie (Hannah Murray) fest. Während Krauss einen nach dem anderen misshandelt und einschüchtert, um ein Geständnis zu erpressen, versucht der Wachmann Dismukes (John Boyega), die Situation soweit zu entschärfen, dass niemand weiteres ums Leben kommt. Doch die Lage ist längst außer Kontrolle und ab einem gewissen Punkt gibt es kein Zurück …


Kritik:
Dass es Filmemacherin Kathryn Bigelow meisterhaft versteht, ihr Publikum mitten in das Geschehen zu versetzen, hat sie nicht erst mit ihren Oscar-nominierten bzw. sogar mit dem renommierten Preis ausgezeichneten Regiearbeiten Zero Dark Thirty [2012] und Tödliches Kommando - The Hurt Locker [2008] unter Beweis gestellt. Im Thriller-Drama Detroit porträtiert sie einen Moment der wohl beinahe in Vergessenheit geratenen, jüngeren amerikanischen Geschichte, als sich Rassenunruhen in der Titel gebenden Stadt im Juli 1967 in einem unvorstellbaren Alptraum zugespitzt haben. Dem beizuwohnen ist auf eine tragische Art aktuell, aber gleichzeitig beunruhigend und erschütternd.

Um die wahren Geschehnisse, die inzwischen ein halbes Jahrhundert zurückliegen, in den richtigen Kontext zu rücken, stellen die Filmemacher einen animierten Prolog voran, dessen Aussehen im ersten Moment gewöhnungsbedürftig erscheint. Sobald Bigelow ihr Publikum mitten in die erste Nacht der verheerenden Unruhen wirft, wird das Markenzeichen der Filmemacherin erkennbar: Ihr dokumentarisch anmutender Cinéma vérité-Ansatz zeichnet sich wie gehabt durch eine ständige wackelnde und bewegte Kamera aus. Wer hier nicht seetauglich ist, wird es schwer haben, das Gezeigte auf der großen Leinwand beinahe zweieinhalb Stunden zu ertragen. Dass Detroit damit ein verblüffender Realismus gelingt, ist unbestritten, nur wäre ein stabilerer Blickwinkel, insbesondere, wenn die Kamera den Figuren über Treppen folgt, bedeutend angenehmer.

Es ist ein Stil, mit dem man sich als Zuseher schlichtweg abfinden muss. Dafür rekonstruiert Detroit auf eine erschreckende Art und Weise, wie schnell Situationen von Unruhen mit aufgebrachten Menschen in Gewalt umschlagen können. Der Auftakt ist hierfür ein treffendes Beispiel und dennoch nur ein Vorgeschmack auf das, was später folgt. Mit Archivaufnahmen, die stilistisch nahtlos zum Aussehen des Films passen, unterstreicht Kathryn Bigelow eine Authentizität, die sprachlos macht. Dabei lässt sie dem Drama viel Zeit, die Figuren vorzustellen, angefangen vom farbigen Wachmann Dismukes, dem ebenfalls afroamerikanischen Sänger Larry der Band The Dramatics, bis hin zum weißen Polizisten Krauss, für dessen Darbietung Will Poulter zumindest eine Oscar-Nominierung verdient hätte. So tadellos diese Momente zu Beginn gespielt sind, sie machen den Anfang länger als er sein müsste.

Die Bilder dieser im Chaos versinkenden Stadt mit Plünderern, Brandstiftern und offenen Attacken gegen Hilfskräfte sind beängstigend. Detroit gleicht hier einem Bürgerkriegsgebiet, obwohl die Nationalgarde bereits zur Unterstützung gerufen und eine Ausgangssperre verhängt wurde. Kommen die verschiedenen Figuren im Algiers Motel zusammen, beginnt der Thriller-Teil des Films, den Bigelow auf eine unnachahmliche Weise inszeniert. Auf der Suche nach einem Heckenschützen stürmen Polizei und Nationalgarde das Motel. Unter der Leitung des Polizisten Krauss werden die Hotelgäste aufgereiht und misshandelt, um den vermeintlichen Schützen und die Tatwaffe ausfindig zu machen. Mit anzusehen, was sich in diesem Hotel abspielt, die schonungslose und offene Darstellung von Polizeigewalt und -willkür macht einen fassungslos.

Ist die Geschichte von Sänger Larry grundsätzlich das Grundgerüst, an dem sich Detroit orientiert, versetzt die Regisseurin ihr Publikum während der Ereignisse im Hotel an die Seite des von John Boyega großartig gespielten Wachmannes Dismukes, der hilflos zusehen muss, was den Opfern angetan wird. Auch wenn er versucht, manche Momente zu entschärfen, würde er einschreiten, stünde er ebenso wie die übrigen Motelgäste mit dem Gesicht zur Wand. Die Zerrissenheit ist ihm ebenso anzusehen wie die Machtlosigkeit, die ihn erdrückt. Dass die Figur gerade im letzten Drittel beiseite geschoben wird und kaum beleuchtet wird, ist bedauerlich.
Nach den aufwühlenden Ereignissen im Motel versucht der Film in einem langen Epilog aufzuzeigen, was danach geschehen ist. Aber auch wenn an der Figur von Larry deutlich wird, was die Erlebnisse selbst mit den Überlebenden angerichtet haben, er lässt insbesondere beim dargestellten Prozess an Tiefe vermissen. Mit Hilfe von Texttafeln soll diese dem Publikum vermittelt werden. Passender wäre es gewesen, die Gewichtung zwischen erstem und letztem Drittel umzudrehen.


Fazit:
So passend und makellos die Atmosphäre dieser zerrissenen Stadt im Sommer 1967 von Filmemacherin Kathryn Bigelow eingefangen wird, es hat den Anschein, als liege ihr der Thriller-Aspekt besser, als das Drama, das ihn einrahmt. Nicht, dass die Geschehnisse im Motel, die hier gezeigt werden, nicht dramatisch inszeniert wären, ganz im Gegenteil. Die Ereignisse im Algiers Motel sind nicht nur packend umgesetzt, sondern gehen einem auf eine persönliche Art nahe. Das liegt auch daran, dass das Publikum denselben Raum wie die Figuren einnimmt und so unmittelbar an der Seite der Opfer ist. Die Bedrohung ist greif- und spürbar. Unter der durchweg fantastischen Besetzung ist Algee Smith als Sänger Larry eine wahre Entdeckung. Will Poulters Porträt ist preiswürdig und sieht man im leichten Zittern seiner Hände die Unsicherheit, die durch die Fassade bricht, ist das schlicht beeindruckend. Die Gewichtung der Erzählung lässt sich zu Beginn mehr Zeit, während das Ende zu kurz kommt. Doch das ändert nichts daran, dass Detroit ein ergreifendes Thriller-Drama ist, ein schockierendes Mahnmal, authentisch umgesetzt und hervorragend gespielt. Es ist ein Film, der einen länger nicht loslässt, als einem vermutlich recht ist und er könnte mit Geschehnissen von vor 50 Jahren traurigerweise aktueller kaum sein.
 


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