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Der Nussknacker und die vier Reiche [2018]

Wertung: 3.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. Oktober 2018
Genre: Fantasy / Unterhaltung

Originaltitel: The Nutcracker and the Four Realms
Laufzeit: 99 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2018
FSK-Freigabe: ohne Altersbeschränkung

Regie: Lasse Hallström, Joe Johnston
Musik: James Newton Howard
Darsteller: Mackenzie Foy, Keira Knightley, Helen Mirren, Jayden Fowora-Knight, Morgan Freeman, Matthew Macfadyen, Jack Whitehall, Ellie Bamber, Richard E. Grant, Miranda Hart


Kurzinhalt:

Es ist das erste Weihnachten, das Clara (Mackenzie Foy), ihre Geschwister und ihr Vater (Matthew Macfadyen) ohne ihre Mutter (Anna Madeley) verbringen müssen. Allerdings hat die verstorbene Mrs. Stahlbaum ihren Kindern jeweils ein Geschenk hinterlassen. Clara erhält ein verschlossenes, metallisches Ei, ein Rätsel. Bei der Weihnachtsfeier ihres Erfinder-Patenonkels Droßelmeier (Morgan Freeman) betritt sie eine fremde, verzauberte Welt, wo sie den Schlüssel zu dem Ei entdeckt. Doch wird dieser von einer Maus gestohlen. Als Clara der Maus nachgeht, begegnet sie dem Nussknacker Phillip (Jayden Fowora-Knight), der sie zum Palast bringt. Dort erfährt sie von der Zuckerfee (Keira Knightley), dass die Maus in das vierte Reich gegangen ist, wo Mutter Ingwer (Helen Mirren) herrscht und das im Krieg mit den anderen drei Reichen liegt. Dabei könnte Clara selbst der Schlüssel sein, den Krieg zu beenden, damit in den vier Reichen wieder Frieden einkehrt …


Kritik:
Mit Der Nussknacker und die vier Reiche adaptiert Regisseur Lasse Halmström (Gottes Werk & Teufels Beitrag [1999]) das Märchen Nussknacker und Mausekönig [1816] von E. T. A. Hoffmann für ein Publikum, wie es sich das Disney-Studio wünscht. Ob die Mischung aus einer im Grunde ernsten Rahmengeschichte und einer überzogen bunten Fantasy-Mär im Mittelteil viele Kinder ansprechen wird? In jedem Fall funktionieren die Abschnitte in der wirklichen Welt bedeutend besser als diejenigen in der fantastischen. Das klingt bereits leider nicht sehr vielversprechend.

Die Geschichte selbst orientiert sich dabei grob an der Vorlage und versetzt das Geschehen nach London ins 19. Jahrhundert. Hier wohnt die wohlhabende Familie Stahlbaum, die unter einem schmerzlichen Verlust leidet. Es ist das erste Weihnachtsfest, das Clara und ihre zwei Geschwister ohne ihre verstorbene Mutter verbringen müssen. Ihr Vater – selbst in Trauer versunken – ist jedoch darum bemüht, den Schein in der gehobenen Gesellschaft zu wahren. Bei der Weihnachtsfeier ihres Patenonkels Droßelmeier beginnt für Clara ein Abenteuer, das sie in eine verzauberte Welt führt, wo sie unter anderem dem Nussknacker und dem Mäusekönig begegnet.
So großartig der Look und die Ausstattung in den Szenen der wirklichen Welt dabei sind, so künstlich und unwirklich erscheint die Umgebung in den vier Reichen, die Clara bereist. Lässt die Musik aus Pjotr Tschaikowskis berühmtem Ballett Der Nussknacker [1892] viele Momente der Rahmenhandlung umso zeitloser erscheinen, vergrößert sie den Kontrast in der Märchenwelt nur noch. Dort betritt Clara eingangs den Weihnachtsbaumwald, wo sie auf den Nussknacker trifft. Der bringt sie ins Schloss, in dem Clara erfährt, dass es insgesamt vier Reiche gibt, von denen drei harmonisch zusammenleben (das Blumenland, das Schneeflockenland und das Naschwerkland), während das vierte Reich mit den anderen im Krieg liegt.

Man mag darüber diskutieren, inwieweit eine Geschichte weihnachtlich und gleichermaßen kindgerecht sein kann, wenn über Schlachten, Krieg und Vernichtung gesprochen wird, doch es ist die Balance, die Der Nussknacker und die vier Reiche nicht gelingt. Einerseits sind die Momente zu Beginn sowie am Ende zwischen Clara und ihrem Vater durchaus berührend und insbesondere dank der tollen Darbietungen überraschend ernst. Andererseits überfrachten die Filmemacher den Fantasy-Aspekt mit bunten Bildern und einem Humor, der nie zündet und an schwache Momente der Fluch der Karibik-Reihe erinnert. Man denke an die zwei furchtsamen Soldaten hier, die außer ihrer drei erzwungen witzigen Auftritte rein gar nichts zum eigentlichen Storyablauf beitragen.
Entsprechend gibt es viel, was innerhalb der Story gar nicht aufgeklärt wird. Beispielsweise, wie dieser Krieg überhaupt begonnen oder was es mit den vier Reichen tatsächlich auf sich hat. Nie kommt das Gefühl auf, als wäre diese verzauberte Umgebung tatsächlich lebendig oder mehr als die wenigen Sets, die man zu sehen bekommt. Als finstere Mutter Ingwer ist Helen Mirren ebenso unterfordert wie im Grunde Keira Knightley als Zuckerfee, die zwar bewusst mit einer fiepsigen Stimme spricht und ein paar nette Momente besitzt, aber deren Figur am Ende keine Tiefe erhält. Ebenso Morgan Freeman als Patenonkel, der wie Claras Mutter ein Erfinder ist. Überall hier deuten sich interessantere Geschichten an als die, die der Film sich entscheidet zu erzählen.

Es mag den Anschein haben, als würde Der Nussknacker und die vier Reiche hinsichtlich der Stimmung in eine ähnliche Richtung wie Maleficent - Die dunkle Fee [2014] tendieren, doch dem ist nicht so. Auch mit Tim Burtons Alice im Wunderland [2010] hat er, abgesehen von manchen Designentscheidungen, nichts gemein. Stattdessen versuchen sich die Macher an einem Märchen, das in einem eigenen Universum spielt, welches aber gar nicht richtig vorgestellt, geschweige denn näher beleuchtet wird. Inwieweit dies damit zusammenhängt, dass aufwändige Nachdrehs nicht von Regisseur Lasse Hallström, sondern von Joe Johnston durchgeführt wurden, darüber lässt sich nur spekulieren. Dass irgendwo dort drin ein besserer Film schlummert, als die Story zulässt, ist unbestritten. Doch das macht ihn am Ende leider nicht besser.


Fazit:
So interessant und fantasievoll vielversprechend sich die Geschichte anhört, die Mischung der ernsten Rahmenstory und des Fantasy-Aspekts entwickelt nie Spannung und ist stellenweise arg überzuckert. Dabei hat es durchaus seinen Grund – und Sinn –, weshalb das Design in den vier Reichen unwirklich und künstlich erscheint, beinahe als hätte sich Clara in eine Spielzeuglandschaft verirrt. Doch zusammen mit den vielen Klischees und den hauchdünn skizzierten Figuren macht es das nicht einfacher, sich in der fremden Welt zu verlieren. Hier hilft der aufgesetzte Humor auch nicht, die einerseits weihnachtlich anmutende Geschichte mit drohendem Krieg und Schlachten auf einen Nenner zu bringen. Mackenzie Foy gelingt eine tolle Darbietung. Insbesondere ihr wird Der Nussknacker und die vier Reiche nicht gerecht. Gute und durchaus berührende Momente gibt es zwar, nur sind diese selten und liegen weit auseinander. Ob das Zielpublikum, das merklich jünger als 12 Jahre sein sollte, sich daran nicht stören, sondern von den bunten Bildern mitreißen lassen wird, ist die entscheidende Frage. Man kann sie auch so beantworten: Kinder lieben Weihnachten nicht, weil es eine besinnliche Zeit ist, sondern weil es Geschenke und Süßigkeiten gibt. Dabei machen letztere allein am Ende auch nicht satt und ob die Geschichte von Clara und dem Nussknacker ihnen in Erinnerung bleiben wird, darf man gleichermaßen bezweifeln.
 


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