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Der fremde Sohn [2008]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 04. April 2011
Genre: Drama

Originaltitel: Changeling
Laufzeit: 141 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2008
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Clint Eastwood
Musik: Clint Eastwood
Darsteller: Angelina Jolie, Gattlin Griffith, John Malkovich, Eddie Alderson, Jason Butler Harner, Jeffrey Donovan, Michael Kelly, Colm Feore, Denis O'Hare, Peter Gerety, Michelle Gunn, Frank Wood, Devon Conti, John Harrington Bland, Pamela Dunlap, Amy Ryan


Kurzinhalt:
Am 10. März im Jahr 1928 verschwindet der neunjährige Sohn Walter (Gattlin Griffith) der allein erziehenden Telefonistin Christine Collins (Angelina Jolie). Eine großangelegte Suche bleibt erfolglos, obwohl sogar der auch im Radio aktive Priester Gustav Briegleb (John Malkovich) dazu aufruft, den Jungen zu finden. Er prangert außerdem die ohnehin in Verruf geratene Polizei von Los Angeles an. Fünf Monate später präsentiert Captain Jones (Jeffrey Donovan) vom LAPD Christine einen Jungen (Devon Conti), der in einem anderen Bundesstaat aufgegriffen wurde und behauptet, Walter zu sein. Christine erkennt den Jungen nicht, er sei nicht ihr Sohn. Doch Jones überzeugt sie, Walter habe sich verändert und sie solle ihn mit nach Hause nehmen.
Einzig Briegleb scheint ihr zu glauben. Mit seiner Hilfe tritt sie der Presse gegenüber und spricht davon, dass der Polizei ein Fehler unterlaufen sei. Daraufhin wird sie von Jones in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, wo sie Dr. Steele (Denis O'Hare) vor die Wahl stellt, entweder sie unterzeichnet, der Junge ist ihr Sohn, und sie habe das LAPD zu Unrecht beschuldigt, oder sie bleibt in Gewahrsam. Währenddessen entdeckt Detective Ybarra (Michael Kelly) bei Untersuchungen eine Spur ...


Kritik:
Clint Eastwood ist ein Filmemacher, der niemandem mehr etwas beweisen muss. Dies sieht man dem Drama Der fremde Sohn merklich an. Nicht nur, dass er die in den 1920er- und 30er-Jahren spielende Geschichte mit einer herausragenden, authentischen Ausstattung versieht, im Gegensatz zu anderen Regisseuren beachtet er sie beinahe gar nicht. Er schwelgt nicht in den klassischen Bildern, den rauchverhangenen Bars, den pompösen Kostümen oder der zeitgenössischen Musik. All jene Details, welche die Zeit ausgemacht haben, kommen bei ihm nur nebenbei zum Zug. Er erzählt Der fremde Sohn, weil ihn die Geschichte und die Figuren interessieren. Nicht, weil er auf der Jagd nach Preisen für das beste Design wäre. Auch an der Story selbst wird klar, dass Eastwood kein Regisseur wie jeder andere ist. In den knapp zweieinhalb Stunden wandelt er Changeling, so der Originaltitel, von einem Drama um das verschwundene Kind zu einem nicht weniger packenden Kampf gegen korrupte Polizeikräfte, bis hin zu einem beklemmenden Krimi und einem Gerichtsdrama. Diese unerwarteten Wendungen mögen manche Zuschauer so interpretieren, dass sich der Film in die Länge zieht. Tatsächlich jedoch geht es dem Filmemacher wie Autor J. Michael Straczynski hauptsächlich um die wahre Geschichte von Christine Collins. Und sie musste all jene Stationen durchleiden.

Die Belastung und mit Sicherheit auch in gewissem Maße soziale Ausgrenzung einer allein erziehenden Mutter im Jahr 1928 lässt sich kaum ermessen. Der fremde Sohn verwendet auch keine Zeit darauf, zeigt aber wohl, wie schwierig die Balance für Christine Collins ist, sich Zeit für ihren neun Jahre alten Sohn zu nehmen, und gleichzeitig in ihrem Beruf erfolgreich zu sein. So übernimmt sie notgedrungen eine Sonderschicht, obwohl sie Walter eigentlich versprochen hatte, mit ihm ins Kino zu gehen. Als sie am Abend nach Hause kommt, ist Walter verschwunden, die Polizei wiegelt sie ab, sie könne erst nach 24 Stunden eine Vermisstenanzeige aufnehmen. Auch die Suche nach ihm bleibt erfolglos. Der im Radio sehr erfolgreiche Pastor Gustav Briegleb greift den Fall auf, die Polizei von Los Angeles anzuprangern, die wegen Korruption und Machtmissbrauch ohnehin in Verruf geraten ist. Nach mehr als fünf Monaten heißt es, Walter sei gefunden worden und würde zu Christine zurück gebracht. Schon, als sie ihn am Zug abholen soll, erkennt Christine, dass der Junge nicht ihr Sohn ist. Der ermittelnde Polizist Jones redet auf sie ein, Walter habe sich verändert und sie solle den Jungen "versuchsweise" mit nach Hause nehmen. Schon damit das Polizeipräsidium in einem guten Licht dasteht.
Was in Christine in jenem Augenblick vorgehen muss, als sie den fremden Jungen am Bahnsteig stehen sieht, lässt sich kaum erahnen. Nach Monaten der Unsicherheit, des Bangens und der schlimmsten Befürchtungen, hatte sie sich auf jenen Moment vorbereitet, Walter endlich wieder in ihre Arme schließen zu können. Die Enttäuschung, die Wut angesichts der Verwechslung müssen überwältigend gewesen sein. Schlimmer noch, selbst als sie anhand ärztlicher Atteste und beeideter Aussagen von Lehrern beweisen kann, dass der Junge nicht ihr Walter ist, weigert sich das LAPD, nach ihrem Sohn zu suchen und stellt schlimmer noch, sie als Rabenmutter dar, die ihr eigenes Kind nicht wieder erkennen würde. Es geht sogar so weit, dass Christine in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wird.

Welche Entwicklungen die Geschichte noch nimmt, sei hier nicht erläutert. Der fremde Sohn überrascht damit, dass die Story nicht in eine Richtung verläuft, die man erwartet hätte, und auch nicht dann aufhört, wenn viele Filme bereits mit Texteinblendungen den Abspann vorbereiten. Dadurch jedoch entzieht sich Eastwoods Regie einer konventionellen Dramaturgie. Der Mittelteil mit einer grausamen Offenbarung ist bedrückend, was Christine in den Gerichtsverhandlungen widerfährt, wirft den Zuseher wie sie in ein Wechselbad der Gefühle.
Für ein erwachsenes Publikum wirft Changeling einen überzeugenden und vom Drehbuchautor über ein Jahr hinweg sorgfältig recherchierten Blick auf eine Zeit, die hier ohne Weichzeichnungen realistisch wiedergegeben wird. Dank Angelina Jolie, John Malkovich und Nebendarstellern wie Eddie Alderson, Jeffrey Donovan, Michael Kelly oder Denis O'Hare ist dies auf eine mitunter beängstigende Weise berührend. Insbesondere Hauptdarstellerin Jolie macht deutlich, wie zermürbend es sein muss, sein eigenes Kind zu verlieren. Und um wie viel verheerender, wenn einem die Polizei keinen Glauben schenken möchte, dass der zurückgebrachte Junge nicht der eigene Sohn ist.


Fazit:
Nicht wenige Filmemacher nutzen ein solches Epochen-Porträt, um sich beim Thema Ausstattung und Kostüme für die zahlreichen Preisverleihungen zu profilieren. Für Clint Eastwood scheint dies nur ein Rahmen, um die Figuren ins rechte Licht zu rücken. Der fremde Sohn ist hervorragend ausgestattet, ruhig und brillant gefilmt und ebenso packend gespielt. Das Drama erzählt die Geschichte von Christine Collins' Suche nach ihrem verschwundenen Sohn, die auch dann noch weiter geht, wenn ihr von der Polizei ein Junge vorgesetzt wird, den sie als ihren akzeptieren soll. Dafür schrecken die Verantwortlichen auch nicht davor zurück, sie einweisen zu lassen.
Dass sich die Geschichte in eine andere Richtung entwickelt, überrascht immer wieder, auch wenn dem Film ein Erzähltempo fehlt, das man bei der Inhaltsbeschreibung erwartet hätte. Dafür entblättert Eastwood viele Facetten der damaligen Zeit und beschreibt etwas Unaussprechliches, das hier taktvoll in Szene gesetzt ist. Für ein Publikum mit Anspruch ist dies äußerst sehenswert, wenn man weiß, worauf man sich einlässt.


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