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Das Kartell [1994]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 8. März 2020
Genre: Thriller

Originaltitel: Clear and Present Danger
Laufzeit: 141 min.
Produktionsland: USA / Mexiko
Produktionsjahr: 1994
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Phillip Noyce
Musik: James Horner
Besetzung: Harrison Ford, Willem Dafoe, Anne Archer, Joaquim de Almeida, Henry Czerny, Harris Yulin, Donald Moffat, Miguel Sandoval, James Earl Jones, Benjamin Bratt, Raymond Cruz, Thora Birch, Ann Magnuson


Kurzinhalt:

Als die Küstenwache den Mord an einer Familie entdeckt, die dem amerikanischen Präsidenten (Donald Moffat) nahesteht, recherchiert CIA-Analyst Jack Ryan (Harrison Ford) mögliche Verbindungen der Opfer zum kolumbianischen Drogenbaron Ernesto Escobedo (Miguel Sandoval). Nachdem der Präsident seinen nationalen Sicherheitsberater Cutter (Harris Yulin) anweist, welche Maßnahmen auch immer gegen Escobedo erforderlich sind, zu ergreifen, installiert der CIA Deputy Director of Operations Ritter (Henry Czerny) eine verdeckte Operation unter der Leitung von John Clark (Willem Dafoe). Die nimmt alsbald ihre Arbeit auf und versetzt dem Drogenboss empfindliche Schläge. Allerdings wird Ryan, der Admiral Greer (James Earl Jones) in seiner Abwesenheit als CIA Deputy Director of Intelligence vertritt, über diese Operation nicht informiert und hält somit politisch seinen Kopf für etwas hin, wovon er keine Kenntnis hat. Dabei kommt Ryan mit seinen Ermittlungen Escobedos Sicherheitsberater Felix Cortez (Joaquim de Almeida) immer näher, der eigene Ziele verfolgt, von denen weder der Drogenbaron, noch die CIA ahnen …


Kritik:
In seinem zweiten – und bedauerlicherweise letzten – Auftritt als CIA-Agent Jack Ryan sieht sich Harrison Ford sowohl den brutalen Machenschaften eines Drogenkartells als auch Feinden in den eigenen Reihen gegenüber. Mehr noch als bei Die Stunde der Patrioten [1992] missfiel Romanautor Tom Clancy die Adaption seiner Buchvorlage in Das Kartell, so dass es lange dauern sollte, ehe ein weiteres Abenteuer des Analysten auf die Leinwand kam. Dabei beweist Regisseur Phillip Noyce einmal mehr, dass er es versteht, politisch verstrickte Thriller glaubhaft und packend zugleich zu erzählen.

Dass Jack Ryan selbst hier phasenweise eine geringere Rolle spielt, sich die Erzählung stattdessen auf zahlreiche Figuren verteilt, ist kein Kritikpunkt, sondern vielmehr das Ergebnis der komplexen Story. Die beginnt mit der Entdeckung eines brutalen Verbrechens, dem eine befreundete Familie des amerikanischen Präsidenten zum Opfer gefallen ist. Nach Ryans Recherchen hatten die Opfer geschäftliche Beziehungen mit dem Drogenbaron Ernesto Escobedo (angelehnt an Pablo Escobar). Es geht um hunderte Millionen Dollar gewaschenes Drogengeld und eine Anweisung des Präsidenten, die Verantwortlichen zur Strecke zu bringen. Wird dies von Teilen der Administration als Sprungbrett für die eigene Karriere gesehen, braucht es einen Sündenbock, der den Einsatz amerikanischer Spezialeinheiten vor dem US-Kongress legitimiert und die Schuld abbekommt, wenn das Unterfangen schiefgehen sollte. Dies soll niemand anderes als der neue CIA Deputy Director Ryan sein.

Es erscheint insofern durchaus mutig, nicht nur Verräter in den eigenen Reihen darzustellen, sondern selbst den Vertreter des höchsten Amts der Vereinigten Staaten als jemanden zu porträtieren, für den Ehre und Integrität nicht mehr als hohle Phrasen sind. Tatsächlich ist es aber gerade die Darstellung der Politik in diesem Bereich als ein schmutziges Geschäft, bei dem Überzeugungen und Werte nur so lange aufrechterhalten werden, wie sie dem eigenen Vorteil dienen, die Das Kartell mehr als 25 Jahre nach seiner Veröffentlichung überraschend ehrlich und weitsichtig erscheinen lässt. Dass Jack Ryan weniger ein übermenschlicher Superheld ist, als jemand, der sich durch seine Verkörperung jener Integrität von den übrigen Mitspielern auf der politischen Bühne abhebt, mag für das Publikum damals enttäuschend gewesen sein, hatte man doch mehr Action als Thriller erwartet. Doch trägt dieser Ansatz nicht nur dem Alter des Hauptdarstellers, der damals bereits 52 Jahre alt war, Rechnung, sondern lässt den eigentlichen Helden der Geschichte umso greifbarer erscheinen.

Bis es soweit ist, spinnt Regisseur Phillip Noyce ein Netz aus unerwarteten Abhängigkeiten und Intrigen sowohl im Umfeld des US-Präsidenten als auch bei Drogenbaron Escobedo, dessen Berater Felix Cortez hinter seinem Rücken eigene Interessen verfolgt. Trotz der Laufzeit von deutlich über zwei Stunden ist daher keine Szene zu viel enthalten und ein aufmerksames Publikum, das sich auf einen Polit-Thriller eingestellt hat, wird durchweg gefordert werden. Darüber hinaus ist Das Kartell mit mehreren Momenten gespickt, die in Erinnerung bleiben. Von einem Bombenangriff auf eine Residenz des Drogenbosses, bei der sich auch Frauen und Kinder aufhalten, abgesehen, ist der Anschlag auf eine Fahrzeugkolonne in Kolumbien die mitreißendste und beängstigendste Sequenz der gesamten Filmreihe um den CIA-Agenten. Findet sich Ryan unvermittelt im Kugelhagel wieder, könnte das greifbarer kaum sein. Dass demgegenüber das Finale spürbar schwächer ausfällt, ist zwar nachvollziehbar, am Ende aber trotzdem bedauerlich. Ebenso wie die Tatsache, dass dies der letzte Jack Ryan-Film ist, in dem James Earl Jones in die Rolle des vertrauenswürdigen Admiral Greer schlüpft.

Drehte Jagd auf Roter Oktober [1990] das typische Feindbild des Kalten Krieges auf den Kopf, lenkte Die Stunde der Patrioten den Blick auf einen in Europa nur allzu präsenten Konflikt. Das Kartell mag dagegen erneut ein Thema aufgreifen, das mehr in den Vereinigten Staaten sichtbar ist, doch überrascht gerade aus heutiger Sicht die Darstellung des Krieges gegen die Drogen, bei dem sich in mehr als zwei Jahrzehnten merklich wenig geändert hat. Die Floskeln sind dieselben geblieben und erinnert man sich wenige Monate zurück, als die US-Administration noch verkündete, mexikanische Drogenkartelle als terroristische Organisationen einstufen zu wollen, dann sieht man hier, welche Operationen dies nach sich ziehen würde. Dass Phillip Noyce gleichzeitig Parallelen zur Amtszeit des ehemaligen US-Präsidenten Richard Nixon und auch der Beteiligung der CIA beim Kokain-Schmuggel der 1980er-Jahre zieht, macht seinen Thriller nur noch glaubhafter. Auch wenn dieser Blick auf den Politdschungel für gewöhnlich kein großes Publikum findet.


Fazit:
Nicht nur, dass Harrison Ford der Figur Jack Ryan eine Verletzlichkeit verleiht, die nie Zweifel daran aufkommen lässt, dass er in einem Konflikt ebenso gut der Unterlegene sein könnte, er sticht mit seiner moralischen Integrität aus dem politischen Sumpf umso mehr hervor. Um diesen entsprechend auszuleuchten, muss Regisseur Phillip Noyce das Netz aus Intrigen und dem gefährlichen Komplott, in dem sich der Thriller bewegt, entsprechend ausbauen. Ein aufmerksames Publikum kann hier viele Parallelen zur damaligen und heutigen Zeit finden, so dass Das Kartell trotz der dargestellten Technik, die spürbar ihrer Zeit entstammt, erstaunlich aktuell erscheint. Tadellos gespielt und mit einigen bemerkenswerten und packenden Szenen versehen, ist dies ein sehenswerter und gelungener Thriller, der weniger Action bietet, als die Filmvorschau vermuten lässt. Aber das ist kein Kritikpunkt.
 


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