skip to content

Das geheime Fenster [2004]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 03. Mai 2004
Genre: Horror / Thriller

Originaltitel: Secret Window
Laufzeit: 96 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2004
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: David Koepp
Musik: Philip Glass
Darsteller: Johnny Depp, John Turturro, Maria Bello, Timothy Hutton, Charles S. Dutton, Len Cariou


Kurzinhalt:
Mort Rainey (Johnny Depp) ist ansich ein recht erfolgreicher Autor, der schon einige Bücher veröffentlicht hat. Doch auch sechs Monate, nachdem er seine Frau Amy (Maria Bello) mit ihrem Liebhaber Ted (Timothy Hutton) überrascht hat und die Scheidung in die Wege geleitet wurde, leidet er in dem kleinen Haus am See, in dem er seine Bücher zu schreiben pflegt, immer noch an einer Schreibblockade. Tagsüber schläft er die meiste Zeit und kann keine sinnvollen Gedanken zu Papier bringen.
Da klopft eines Tages ein großgewachsener Mann, der sich John Shooter (John Turturro) nennt, an seine Tür und wirft ihm vor, er habe eine von Shooter selbst verfasste Geschichte gestohlen und unter eigenem Namen veröffentlicht. Rainey, der sich sicher ist, dass er die Story zwei Jahre, bevor Shooter sie schrieb, bereits veröffentlicht hatte, bleiben drei Tage um den Plagiatsvorwurf zu widerlegen.
Aber Shooter belässt es nicht bei der Androhung von Gewalt, sondern ist weitaus gefährlicher, als Rainey es zunächst ahnt, und bald geraten die Dinge für alle Beteiligten außer Kontrolle.


Kritik:
Mit 24 Jahren schrieb Regisseur David Koepp zum ersten Mal an einem Drehbuch für einen Kinofilm, Apartment Zero [1988], mit. Sein großer Durchbruch kam allerdings erst drei Jahre später, als er mit Der Tod steht ihr gut die Vorlage für eine der schwärzesten und bissigsten Komödien des Jahres 1992 lieferte. 1993 folgten Jurassic Park und Carlito's Way.
Jedoch wollte sich Koepp ganz offensichtlich nicht nur auf das Autorengebiet beschränken: mit Der Große Stromausfall - Eine Stadt im Ausnahmezustand [1996] nahm er zum ersten Mal für einen Film auf dem Regiestuhl Platz und überzeugte mit astreinem Handwerk, an dem sich viele Regisseure ein Vorbild nehmen könnten.
Das größte Problem seiner dritten Regiearbeit Echoes - Stimmen aus der Zwischenwelt [1999] – die Verfilmung eines Romans von Richard Matheson – war der ungünstige Starttermin im selben Jahr wie The Sixth Sense [1999], denn auch wenn die Geschichten sich auf den ersten Blick ähneln, richtet sich Echoes mit seiner Thriller-betonten Story eindeutig an ein erwachseneres Publikum, steht M. Night Shyamalans Film aber weder in Atmosphäre, noch Spannung nach. Hier wurde außerdem zum ersten Mal deutlich, dass Koepp mit einem ungeheuren Gespür für Bildkompositionen aufwarten kann, lange Kamerafahrten, verdrehte Perspektiven und frische Ideen gehören quasi zu seinem Standard-Repertoire.

Mit Das geheime Fenster wählte der Autor und Regisseur eine Vorlage von Horror-Autor Stephen King aus, die es mit einem großen Anteil an Spannung umzusetzen galt. Um Kenner der King-Novelle "Das geheime Fenster, der geheime Garten" zu überraschen, ließ David Koepp es sich auch nicht nehmen, einige Änderungen gegenüber der Vorlage vorzunehmen.
Die Wahl des Hauptdarstellers, Johnny Depp, war dabei höchstens für den mit Fluch der Karibik [2003] wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückten Darsteller riskant; Depp ist es letztendlich, der Das geheime Fenster trägt.

Der größte Schwachpunkt, wenn man das überhaupt so nennen kann, ist dabei ansich der Originaltext von Stephen King. "Das geheime Fenster, der geheime Garten" ist zweifelsohne eine stimmungsvolle und lesenswerte Erzählung; Fakt ist jedoch, dass Kenner von Stephen King sowohl im Buch, als auch im Film recht schnell merken, wie der Hase läuft und worauf die Geschichte letztendlich abzielt. Bedenkt man aber, dass die Novelle zum ersten Mal vor immerhin 14 Jahren veröffentlicht wurde, sollte man sich nicht daran stören, dass ähnlich gelagerte Filme seit einigen Jahren in gewohnter Regelmäßigkeit über die Leinwand flimmern. Als direkte Verfilmung der Erzählung ist Koepp dank einem einfallsreichen Drehbuch jedenfalls all das gelungen, was man sich als Leser nur erhoffen kann.
Manche Dialoge und Szenen wurden sogar fast wörtlich übernommen, die Handlung orientiert sich streng an der Vorlage und dennoch fand der Autor genügend Zeit, eigene Ideen einzubringen, um die Geschichte passend auszuschmücken. Dank der guten Charakterisierung der einzelnen Personen und dem schillernden Mort Rainey können die zahlreichen Dialoge und Monologe vollends überzeugen. Dabei wirken die Gespräche stets natürlich und niemals aufgesetzt.
Makellos präsentiert sich das Skript ohne Schnitzer und mit einigen hervorragenden Einfällen (besonders beim Finale), die jeden King-Fan ohne Weiteres zufrieden stellen sollten.

Trotzdem lebt der Film vor allem von zwei großen Pluspunkten:
Mit seiner leicht schusseligen Natürlichkeit gewinnt Johnny Depp schon nach wenigen Augenblicken die Sympathien der Zuschauer und fügt sich in die Opferrolle zu Beginn wirklich hervorragend ein. Dass es ihm dennoch gelingt, Raineys komplexen Charakter auch in den ernsten Momenten glaubhaft zu verkörpern, ist ein besonderes Verdienst dieses talentierten Schauspielers. Alle Eigenheiten und Stimmungsschwankungen werden von Depp so gekonnt vorgetragen, dass man nie das Gefühl hat, es wäre nur eine weitere "Rolle", die er ausfüllt. Gestik und Mimik tragen ihren Teil dazu bei, dass den meisten Kinbesuchern im Saal in manchen Szenen das Lachen buchstäblich im Halse stecken blieb.
Was man im Deutschen leider nur erahnen kann, im Englischen hingegen sehr gut zur Geltung kommt, ist der Mississippi-Akzent, mit dem Rainey im Finale des Films spricht – Johnny Depp hat hier ganze Arbeit geleistet und sollte für seine intensive Darstellung belohnt werden. Als Zuschauer kann man ihm für sein Engagement nur dankbar sein.
Dass neben ihm die anderen Darsteller zweifelsohne den Kürzeren ziehen, versteht sich fast von selbst, allerdings gibt sich John Turturro als Shooter sichtlich Mühe. Seine ruhige Art und seine betont langsame Sprechweise machen einen sehr bedrohlichen Eindruck, leider bekommt er aber nicht so viel Spielraum, dass man in ihm einen richtigen Gegner sehen könnte. Turturro nahm die Rolle im Übrigen nur an, weil ihn sein Sohn – ein bekennender King-Fan – dazu überredete.
Maria Bello, die vor allem durch Payback – Zahltag [1999] von sich reden machte, spielt einmal mehr sehr überzeugend und passt gerade durch ihre leicht unterkühlte Ausstrahlung sehr gut in die Rolle, wurde jedoch eher zur Nebendarstellerin reduziert.
An ihrer Seite ist Timothy Hutton (unter anderem Hauptdarsteller in Stephen Kings Stark [1993]) zu sehen, der zwar mit Charisma punkten kann, dennoch (wie schon in der Novelle) ebenfalls sehr wenig zu tun hat.
Selbiges gilt für Charles S. Dutton, der dank seiner natürlichen Ausstrahlung in der kleinen Rolle des Privatdetektivs Ken Karsch vollends aufgeht.
Die gesamte Besetzung wurde mit Bedacht gewählt und passt hervorragend in die vorgesehenen Rollen, trotzdem bleibt Das geheime Fenster eine One-Man-Show, die voll und ganz auf Johnny Depp zugeschnitten ist. Die anderen Beteiligten stört das offenbar nicht, denn sie geben dem Schauspieler all die Unterstützung, die er für seine wirklich fordernde Rolle benötigt.

Der zweite Pluspunkt ist die herausragende Inszenierung, die Koepp – wie von ihm gewohnt – mit vielen Details am Rande, ausgefeilter Bildkomposition und wirklich verblüffenden Kamerafahrten versehen hat. Schon zu Beginn ist es eine Freude, wenn die Kamera scheinbar ohne Schnitt vom See ins Haus hinein und durch einen Spiegel auf den Hauptcharakter zufährt. Solche originellen Fahrten finden sich immer wieder im Film. Dazu gesellen sich ausgeklügelte Kameraeinstellungen und exzellente Ideen bei der Umsetzung des Finales, in dem Depp-Fans buchstäblich doppelt auf ihre Kosten kommen. All das hebt die handwerkliche Umsetzung weit über den Durchschnitt hinaus. Wie diese Gimmicks zustande kamen, interessiert dabei nicht so sehr, es genügt vielmehr, dass Das geheime Fenster in Bezug auf die Optik verblüfft und das Herz eines jeden interessierten Zuschauers höher schlagen lässt.
Handwerklich gibt es jedenfalls nichts auszusetzen, und die Kameraarbeit allein sollte eine Oscarnominierung wert sein.

Ebenfalls sehr gut – wenn auch nicht auf demselben hohen Niveau – ist die Musik von Philip Glass (bislang bekannt durch Candymans Fluch [1992] und Die Truman Show [1998]), der hier eher als zweite Wahl nachgeschoben wurde. Ursprünglich waren James Newton Howard und Hans Zimmer für die Musik vorgesehen, mussten aber beide absagen. Ob ihnen eine bessere Untermalung gelungen wäre, sei dahingestellt, Glass hält sich in manchen Szenen aber vielleicht schon zu sehr im Hintergrund. Sein Thema ist zwar eingängig und gelungen eingebaut, die restliche Musik glänzt jedoch zu oft durch Abwesenheit, auch wenn sich manche Szenen und Erkenntnisse im Film buchstäblich für eine Musikuntermalung angeboten hätten. Hier wurde atmosphärisches Potential leider nicht völlig genutzt, zum Film passt der verwendere Score jedoch tadellos.

Dass Das geheime Fenster auch auf Deutsch ein Genuss ist, dafür sorgt der Synchronsprecher von Johnny Depp, David Nathan, der den bei Fluch der Karibik sehr unglücklich besetzten Markus Off lobenswerterweise wieder ablöst. Nathan sprach bereits in vielen früheren Filmen des Darstellers und passt eben durch seine Natürlichkeit hervorragend. Er bemüht sich auch in den letzten Szenen, den Mississippi-Akzent im Deutschen zu interpretieren, was ihm sogar recht gut gelingt.
Die Synchronisation zählt zweifelsohne zu den besten, gleichwohl gerade das Finale im Original ein Genuss für die Ohren ist. Gegen einen Kinobesuch gibt es aber nichts einzuwenden – bis vielleicht auf die Frage, ob die deutsche Kinofassung gekürzt ist, oder nicht.
Gerade in den letzten paar Minuten gibt es ein paar Schnittfolgen, die besonders im Hinblick auf die Musik arg abrupt erscheinen. Ob der Film trotz der Freigabe ab 16 Jahren entschärft ist, darüber wird unter Fans noch gestritten. Klarheit bringt wohl erst die DVD-Veröffentlichung, bislang sind es lediglich Vermutungen.

Was nach knapp 100 Minuten und einem extrem kurzen Abspann bleibt, ist ein wirklich sehr gut gespielter, herausragend inszenierter und doch inhaltlich recht konventioneller Psychothriller, der seine Stärken in erster Linie aus Johnny Depp zieht. Die Story ist zugegebenermaßen nicht neu, als Romanverfilmung aber gelungen umgesetzt und um Eigenständigkeit bemüht. Allzuviel darf man sicher nicht verraten, da sonst die Spannung auf der Strecke bleibt.
Wer Stephen King kennt, wird ohnehin kein Problem damit haben, den groben Handlungsverlauf vorhersagen zu können. Fans sollten sich den Film dennoch nicht entgehen lassen, und sei es nur, um die anderen Zuschauer von Zeit zu Zeit zu beobachten, wie sie mit der steigenden Spannung umgehen.
Mache rascheln lieber laut mit dem Popcorn, andere zerdrücken beinahe ihre Colabecher – und wieder andere sehen sich bei Szenen zu hysterischem Lachen genötigt, die ansich nicht lustig sind.
Wenn sich allerdings die Auflösung offenbart, sind so gut wie alle still geworden. Und als Filmfan kann man dann wenigstens das Ende richtig genießen.


Fazit:
An The Green Mile [1999] oder Die Verurteilten [1994] kommt Das geheime Fenster zwar nicht heran, dies liegt aber zum großen Teil an der Tatsache, dass diese oder ähnliche Stories in Kings Werken immer wieder auftauchen und nicht viel Raum für Neuerungen lassen.
Sehenswert ist David Koepps Regie-Arbeit dennoch, schon aufgrund des ausgezeichneten Johnny Depp, der mit seiner vielschichtigen Verkörperung von Mort Rainey den gesamten Film trägt.
Dank eines einfallsreichen und intelligenten Drehbuchs, sowie der wirklich innovativen Inszenierung ist der Thriller auch für Kenner der Vorlage ein Genuss – wenngleich der gesamte Film selbst recht überraschungsarm geraten ist, trifft der Schluss hingegen die meisten Zuschauer wohl unvorbereitet. Und das sollte für einen gelungenen Kinobesuch eigentlich ausreichen!


Treffpunkt: Kritik empfiehlt TEUFEL LAUTSPRECHER GmbH – für den perfekten Heimkino-Sound!
Ok. Treffpunkt: Kritik verwendet Cookies, um den Internetauftritt bestmöglich an die Besucher anpassen zu können.
Sofern Sie auf dieser Seite bleiben, stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen finden Sie in der Datenschutzerklärung.