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Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück [2015]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. Oktober 2016
Genre: Drama

Originaltitel: Colonia
Laufzeit: 110 min.
Produktionsland: Deutschland / Luxemburg / Frankreich
Produktionsjahr: 2015
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Florian Gallenberger
Musik: André Dziezuk, Fernando Velázquez
Darsteller: Emma Watson, Daniel Brühl, Michael Nyqvist, Richenda Carey, Vicky Krieps, Jeanne Werner, Julian Ovenden, August Zirner, Martin Wuttke, Nicolás Barsoff, Steve Karier, Stefan Merki, Lucila Gandolfo


Kurzinhalt:

Chile im Jahr 1973. Mit einem Putsch übernimmt General Pinochet die Macht im Land. Wer den bisherigen, sozialistischen Präsidenten Allende unterstützte, gerät folglich ins Visier des Militärs. Dazu zählt auch Fotograf Daniel (Daniel Brühl), der als Teil einer studentischen Aktivistengruppe Plakate für Allende entworfen hat. Er und seine Freundin, die Flugbegleiterin Lena (Emma Watson), werden mit hunderten anderen im Stadion zusammengetrieben und aussortiert. Daniel wird verschleppt und gefoltert. Von der zersprengten Aktivistengruppe erfährt Lena, dass ihr Freund in die Colonia Dignidad gebracht wurde, wo Sektenführer Paul Schäfer (Michael Nyqvist) sich seine eigene Welt erschaffen hat. Auf der Suche nach Daniel fährt Lena dorthin und erfährt die sadistische Unterdrückung Schäfers schnell am eigenen Leib ...


Kritik:
Nichts verleiht einem soviel Macht über jemand anderen wie die Herabsetzung der Würde des Gegenüber. Jedes totalitäre Regime beruht hierauf und in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches wurde diese Perversion perfektioniert. So wundert es nicht, dass die Kolonie der Würde des deutschen Predigers Paul Schäfer in Chile einen ähnlichen Aufbau besaß, von der Umzäunung über die getrennten Schlafabteile bis hin zur Zwangsarbeit. Regisseur Florian Gallenberger versucht das Grauen dieses Camps in Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück einzufangen, was ihm jedoch nur teilweise gelingt. Der erschütternde Realismus tritt hier hinter eine Geschichte zurück, die von zwei international bekannten Stars getragen wird. Das macht die Thematik zugänglicher, lässt aber viele andere Aspekte zu kurz kommen.

Die fiktive Geschichte um Lena und Daniel, die im Jahr 1973 zwischen die Fronten des Militärputsches von General Pinochet geraten, führt Lena in die von Schäfer kontrollierte Colonia Dignidad. Dorthin war der festgenommene Fotograf Daniel, der Plakate für den sozialistischen Präsidenten Allende gefertigt hatte, gebracht worden. Daniel wird gefoltert und schwerst misshandelt, ehe er den Rest seines Lebens in der Kolonie fristen soll. Dorthin geht Lena, um Daniel zu suchen und zu befreien. Nur was genau ist die Kolonie der Würde? Und wer ist der Anführer Paul Schäfer?

Auf diese Fragen liefert Gallenberger in Colonia Dignidad nur rudimentäre Antworten, zum Beispiel, dass Schäfer ein Sektenführer ist, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland nach Chile kam und dort in einem abgegrenzten Areal sein eigenes Reich aufgebaut hat. Seit wann die Kolonie genau besteht (1961), wird ebenso unter den Tisch fallen gelassen wie die Größe des Areals, das mehrere Hundert Quadratkilometer umspannte. Oder die Tatsache, dass Schäfer floh, weil er wegen der Vergewaltigung von zwei Jungen angezeigt worden war – so zumindest die Auskunft bei Wikipedia.
Dafür stellt der Filmemacher die zwei Fassaden der Kolonie vor, die gleichermaßen als Folterzentrum des Diktaturregimes diente, dem Daniel zum Opfer fällt, aber auch als religiöse Sekte, in deren Rahmen Schäfer seine Fantasien ausleben kann. Sich selbst als Auserwählten inszenierend, ist er für die organisierte Gewalt gegen Frauen wie Männer verantwortlich. Wer versucht zu fliehen, stirbt entweder an den Sicherungsmaßnahmen, oder den Strafen, die darauf folgen.

Im Film verbringen Lena und Daniel mehr als vier Monate in der Kolonie, in denen es ihnen gelingt, sich dem System anzupassen, ohne der Gehirnwäsche zu erliegen, denen die Bewohner tagtäglich ausgesetzt sind. Colonia Dignidad zeigt einige der menschenverachtenden Vorgänge, die von denjenigen, die tatsächlich aus der Kolonie fliehen konnten, berichtet wurden und auch die engen Verbindungen zum Regime und dem Militär werden kurz skizziert. Doch auch hier ist es, als würde Gallenberger nur an der Oberfläche kratzen. Wieso werden die Verbindungen zu anderen Staatsregierungen oder selbst Volksparteien in Deutschland nicht erwähnt? Auch wenn man von einem Spielfilm fraglos nicht den Informationsgehalt einer Dokumentation erwarten kann, hätte ein größerer Detailreichtum hier verdeutlicht, wie einflussreich Schäfer und seine Kolonie tatsächlich gewesen sind und weshalb er abgeschieden vom Rest Chiles schalten und walten konnte, wie er wollte.

Angesichts der tollen Darstellerleistungen, insbesondere von Daniel Brühl und Emma Watson, würde man sich wünschen, dass der Filmemacher hier mehr Mut beweisen würde, selbst wenn es bedeutet, dass noch schlimmere Gräueltaten gezeigt würden, als ohnehin schon. So ist Colonia Dignidad ein packend gespieltes und erschreckendes Drama um ein Kapitel der Geschichte, an dessen Aufarbeitung nur wenige interessiert scheinen. Aber so tragisch es ist, die Darstellung ist nicht erschreckend genug.


Fazit:
Noch bevor Lena die Kolonie betritt, erzeugt Regisseur Florian Gallenberger eine beunruhigend bedrohliche Atmosphäre. Die berechnende Brutalität des Sektenführers bringt Michael Nyqvist furchteinflößend zur Geltung. Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück widmet sich einem schwierigen Thema und erzählt vor dem realen Hintergrund eine Geschichte, mit der sich ein breites Publikum identifizieren kann. Dadurch bleiben genauere Einblicke in die Kolonie und deren internationale Verstrickungen ebenso auf der Strecke wie ein Blick in die inneren Machenschaften. Aus der Sicht von Lena und Daniel erfährt man nur so viel, wie beide aus ihrer jeweiligen Position ersehen können. Das ist beängstigend und packend, auch wenn insbesondere das actionreiche Finale zu hektisch geschnitten ist, als würde das Erzähltempo durch schnelle Szenenwechsel gesteigert. Aber nicht nur wegen der tollen Darbietungen, sondern gerade auf Grund des Themas ist das für ein erwachsenes Publikum sehr sehenswert.    


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